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Pride and Prejudice

by Jane Austen · in German

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STOLZ und VORURTHEIL

von Jane Austen,

mit einer Vorrede von George Saintsbury und Abbildungen von Hugh Thomson

Ruskin 156. Charing House. Cross Road.

London George Allen.

CHISWICK PRESS:--CHARLES WHITTINGHAM AND CO. TOOKS COURT, CHANCERY LANE, LONDON.

VORREDE.

_Walt Whitman hat irgendwo eine feine und treffende Unterscheidung zwischen „Lieben mit Erlaubniß" und „Lieben mit persönlicher Liebe." Dieser Unterschied läßt sich auf Bücher ebenso anwenden wie auf Männer und Frauen; und bei den nicht gerade zahlreichen Autoren, welche Gegenstand solch persönlicher Zuneigung sind, bringt er eine merkwürdige Folgeerscheinung mit sich. Man ist sich über ihr bestes Werk bei weitem nicht so einig wie bei jenen Anderen, die „mit Erlaubniß" geliebt werden, kraft der Sitte und weil man es für schicklich und richtig hält, sie zu lieben. Und in der Secte—ziemlich groß und doch ungewöhnlich auserlesen—der Austenianer oder Janiten würde man wahrscheinlich für fast jeden ihrer Romane Parteigänger finden, die ihm den ersten Rang zuerkennen möchten. Für die Einen verdunkeln die entzückende Frische und der Humor von_ Northanger Abbey, _seine Vollständigkeit, Vollendung und Lebhaftigkeit die unzweifelhafte kritische Thatsache, daß sein Maßstab klein und sein Plan im Grunde derjenige der Burleske oder Parodie ist, einer Gattung, in welcher der erste Rang nur schwer erreicht wird. Persuasion, verhältnißmäßig zart im Ton und nicht fesselnd in der Theilnahme, hat Verehrer, die es über alle anderen wegen seiner erlesenen Feinheit und Haltung erheben. Die Katastrophe von Mansfield Park ist ausgesprochenermaßen theatralisch, der Held und die Heldin sind fade, und die Verfasserin hat beinahe boshaft alles romantische Interesse zerstört, indem sie ausdrücklich eingesteht, daß Edmund Fanny nur nahm, weil Mary ihn abstieß, und daß Fanny wahrscheinlich Crawford genommen hätte, wenn er nur ein wenig beharrlicher gewesen wäre; und doch haben die unvergleichlichen Probescenen und die Gestalten der Mrs. Norris und anderer ihm, wie ich glaube, eine ansehnliche Partei gesichert._ Sense and Sensibility _hat vielleicht die wenigsten bedingungslosen Bewunderer; aber es fehlt ihm nicht an ihnen._

_Ich vermuthete indeß, daß die Mehrheit wenigstens der sachverständigen Stimmen, alles erwogen, sich zwischen Emma und dem vorliegenden Buche theilen würde; und vielleicht würde das gemeine Urtheil (wenn nämlich die Vorliebe für Miß Austen nicht schon an sich ein Freibrief gegen jede mögliche Anklage der Gemeinheit wäre) für Emma ausfallen. Es ist das größere, das mannigfaltigere, das volksthümlichere; die Verfasserin hatte bis zu seiner Abfassung etwas mehr von der Welt gesehen und ihre allgemeine, wenn auch nicht ihre eigenartigste und charakteristischste Unterhaltung verbessert; Gestalten wie Miß Bates, wie die Eltons müssen nothwendig die Stimmen aller vereinigen. Andererseits erkläre ich meinerseits unbedingt für Pride and Prejudice. Es erscheint mir als das vollendetste, das charakteristischste, das im eminentesten Sinne quintessentielle Werk seiner Verfasserin; und um diese Behauptung in dem engen Raume, der mir hier vergönnt ist, zu erweisen, gedenke ich hier meine Gründe vorzubringen._

_Zunächst sei (kaum nöthig, den Leser daran zu erinnern) bemerkt, daß das Buch in seiner ersten Gestalt sehr früh, ungefähr um 1796, geschrieben wurde, als Miß Austen kaum einundzwanzig Jahre zählte; obwohl es in Chawton etwa fünfzehn Jahre später umgearbeitet und vollendet wurde und erst 1813 erschien, nur vier Jahre vor ihrem Tode. Ich weiß nicht, ob sich in dieser Vereinigung von frischer und kräftiger Jugendanlage und kritischer Ueberarbeitung im mittleren Lebensalter die deutliche Ueberlegenheit hinsichtlich der Anlage nachweisen läßt, die es, wie mir scheint, vor allen anderen besitzt. Die Handlung, wenn auch nicht verwickelt, ist beinahe regelmäßig genug für Fielding; kaum eine Figur, kaum ein Vorfall könnte weggenommen werden, ohne der Erzählung Eintrag zu thun. Die Entführung Lydiens und Wickhams ist nicht, wie die Crawfords und der Mrs. Rushworth, ein_ coup de théâtre; _sie knüpft sich auf das Genaueste an den Gang der früheren Geschichte an und führt die Lösung mit vollkommener Sachgemäßheit herbei. Alle untergeordneten Episoden—die Liebschaften Janes und Bingleys, das Auftreten des Mr. Collins, der Besuch in Hunsford, die Derbyshirefahrt—fügen sich in derselben unauffälligen und meisterhaften Weise ein. Es fehlt jeder Versuch zu dem Versteck- und Suchspiel, dem Hin und Her, das in den Verhandlungen zwischen Frank Churchill und Jane Fairfax ohne Zweifel viel zu der Verwickelung in Emma beiträgt, aber in einer Art, die mir nicht das beste Vorzeichen dieses im Uebrigen bewundernswerthen Buches dünkt. Obwohl Miß Austen immer etwas von dem Mißverständnisse liebte, welches ihr Gelegenheit gab, das eigenthümliche und unvergleichliche Talent zu entfalten, das bald zu erwähnen sein wird, so hat sie sich hier doch mit den völlig natürlichen Anlässen begnügt, die sich aus Wickleams falschem Berichte über Darcys Betragen und aus der Verlegenheit (ebenfalls natürlich) ergaben, die aus der allmählichen Umwandlung von Elisabeths eigenen Gefühlen von entschiedener Abneigung zu wirklicher Liebe entstand. Ich weiß nicht, ob jemals die allumfassende Hand des Schauspielers sich an Pride and Prejudice gelegt hat; und ich wage zu behaupten, daß, wenn es geschähe, die Situationen sich als nicht auffallend oder grell genug für die Rampenlichter erweisen würden, der Charakterplan zu fein und zart für Parterre und Galerie. Aber wenn der Versuch gemacht würde, so würde er gewiß nicht behindert werden durch jene Lockerheiten der Anlage, welche, manchmal verhüllt durch die Bequemlichkeiten, deren sich der Romancier bedienen kann, sogleich auf der Bühne offenbar werden._

_Ich glaube jedoch, obwohl der Gedanke ohne Zweifel mehr als einer Schule von Kritikern ketzerisch dünken wird, daß die Anlage nicht das höchste Verdienst, die köstlichste Gabe des Romanciers ist. Sie hebt seine übrigen Gaben und Anmuthen am vortheilhaftesten vor das kritische Auge; und ihr Mangel wird bisweilen jene Anmuthen—merklich, wenn auch nicht ganz bewußt—vor Augen trüben, die keineswegs überstreng sind. Aber ein sehr schlecht gebauter Roman, der sich durch rührende oder humoristische Charakterzeichnung auszeichnete oder vollendete Beherrschung des Dialogs—vielleicht die seltenste aller Fähigkeiten—zeigte, wäre eine unendlich bessere Sache als eine tadellose Handlung, die von Marionetten mit Kieselsteinen im Munde gespielt und erzählt würde. Und trotz der Geschicklichkeit, die Miß Austen in der Durchführung der Geschichte bewiesen hat, würde ich meinerseits Pride and Prejudice weit niedriger stellen, enthielte es nicht was mir als die unbestrittenen Meisterstücke von Miß Austens Humor und von ihrer Gabe der Charaktererschaffung erscheinen— Meisterstücke, zu denen allerdings John Thorpe, die Eltons, Mrs. Norris und einige Andere Zutritt erhalten mögen, die aber in einem Falle gewiß und vielleicht in anderen noch über ihnen stehen._

_Die Eigenschaften von Miß Austens Humor sind so fein und zart, daß sie vielleicht jederzeit leichter zu erfassen als auszudrücken sind und zu jeder beliebigen Zeit von verschiedenen Personen wahrscheinlich verschieden aufgefaßt werden. Mir scheint dieser Humor im Großen und Ganzen eine größere Verwandtschaft mit dem Addisons zu besitzen als mit irgend einem anderen der zahlreichen Arten dieser großen britischen Gattung. Die Verschiedenheiten des Planes, der Zeit, des Gegenstandes, der literarischen Ueberlieferung sind natürlich offenbar genug; der Geschlechtsunterschied fällt vielleicht nicht sehr ins Gewicht, denn es lag ein deutlich weibliches Element im „Mr. Spectator", und in Jane Austens Genie lag, obwohl nichts männisches, vieles was männlich war. Aber die Aehnlichkeit der Qualität besteht in einer großen Anzahl gemeinsamer Unterabtheilungen der Qualität—Zurückhaltung, äußerste Feinheit des Striches, Vermeidung lauter Töne und greller Wirkungen. Auch findet sich bei Beiden eine gewisse nicht unmenschliche oder unliebenswürdige Grausamkeit. Es ist Sitte bei Denen, welche grob urtheilen, die Gutmüthigkeit Addisons der Wildheit Swifts, die Milde Miß Austens der Ausgelassenheit Fieldings und Smolletts, selbst den grimmigen Praxisscherzen gegenüberzustellen, die ihre unmittelbare Vorgängerin, Miß Burney, ohne großen Einspruch gestattete. Und doch liegt sowohl bei Mr. Addison als bei Miß Austen, wenn auch in gezügelter und wohlerzogener Weise, eine unersättliche und rücksichtslose Lust, einen Narren zu rösten und zu zerlegen. Ein Mann im frühen achtzehnten Jahrhundert konnte natürlich diesen Geschmack weiter treiben als eine Dame im frühen neunzehnten; und ohne Zweifel würden Miß Austens Grundsätze wie ihr Herz vor solchen Dingen zurückgeschaudert sein wie vor dem Briefe des unglücklichen Ehemannes im Spectator, der mit aller Lust und aller Unschuld der Welt beschreibt, wie seine Frau und sein Freund ihn veranlassen, Blindekuh zu spielen. Aber ein anderer Spectatorbrief—der des Mädchens von vierzehn Jahren, das Mr. Shapely heirathen möchte und seinem auserwählten Mentor versichert, „er bewundert Ihre Spectators gewaltig"—hätte von einer etwas gesitteteren und verständigeren Lydia Bennet in den Tagen von Lydiens Urgroßmutter geschrieben sein können; während andererseits Einige (wie ich meine, mit Unrecht) „Cynismus" in Zügen Miß Austens selbst gefunden haben, wie in ihrer Satire auf Mrs. Musgroves sich selbst betrügende Klagen um ihren Sohn. Aber dieses Wort „cynisch" ist eines der mißbrauchtesten in der englischen Sprache, zumal wenn, durch eine schreiende und grundlose Verfälschung seines ursprünglichen Sinnes, es nicht auf rauhe und murrende Schmähung, sondern auf sanfte und schräge Satire angewendet wird. Wenn Cynismus die Wahrnehmung „der andern Seite", den Sinn für „die angenommenen Höllen unter uns", das Bewußtsein bedeutet, daß die Beweggründe fast immer gemischt sind, und daß Scheinen und Sein keineswegs dasselbe ist—wenn dies Cynismus ist, dann ist jeder Mann und jede Frau, die nicht ein Thor ist, die nicht in eines Thoren Paradiese leben mag, die Kenntniß der Natur und der Welt und des Lebens besitzt, ein Cyniker. Und in diesem Sinne war Miß Austen gewiß eine. Sie mag es sogar in dem weiteren Sinne gewesen sein, daß sie, wie ihr eigener Mr. Bennet, ein epikureisches Wohlgefallen daran fand, ihre Thoren und gemeinen Seelen zu zergliedern, zu entfalten, in Bewegung zu setzen. Ich glaube, sie hatte diese Lust, und ich halte um so weniger von ihr als Frau, während sie als Künstlerin unendlich dadurch gewann._

_In Bezug auf ihre Kunst im Allgemeinen hat Mr. Goldwin Smith wahrhaftig bemerkt, daß „die Metapher erschöpft ist, um die Vollendung derselben in Verbindung mit der Enge ihres Feldes zu schildern"; und er hat mit Recht hinzugefügt, daß wir nicht über ihren eigenen Vergleich mit der Kunst eines Miniaturmalers hinauszugehen brauchen. Um diese letztere Bemerkung ganz genau zu machen, dürfen wir den Ausdruck Miniatur nicht in seinem beschränkten Sinne gebrauchen und müssen eher an Memling an dem einen und Meissonier an dem andern Ende der Geschichte der Malerei denken als an Cosway oder einen der Seinesgleichen. Und ich bin keineswegs so gewiß, daß ich selbst das Wort „eng" in Verbindung mit ihr gebrauchen würde. Wenn ihre Welt ein Mikrokosmus ist, so ist die kosmische Eigenschaft desselben mindestens ebenso hervorragend wie die Kleinheit. Sie greift nichts an, wozu sie sich nicht selbst berufen fühlte, es zu malen; ich bin nicht so sicher, daß sie nicht hätte malen können, wozu sie sich nicht berufen fühlte, es anzufassen. Es ist immerhin bemerkenswerth, daß sie in zwei sehr kurzen Schaffensperioden—eine von etwa drei Jahren und eine von nicht viel mehr als fünf—sechs vortreffliche Werke ausführte und keinen einzigen Mißgriff hinterließ. Es ist möglich, daß die romantische Masse in ihrer Zusammensetzung mangelhaft war: wir müssen uns stets erinnern, daß kaum Jemand, der in ihrem Jahrzehnt—dem der siebziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts—geboren war, unabhängig die volle romantische Eigenschaft an den Tag legte. Selbst Scott bedurfte des Hügels und des Berges und der Ballade, selbst Coleridge der Metaphysik und des Deutschen, um die klassische Schale abzustreifen. Miß Austen war ein englisches Mädchen, erzogen in ländlicher Zurückgezogenheit, zu einer Zeit, in welcher die Damen ins Haus zurückgingen, wenn ein weißer Frost ihre kidledernen Schuhe stechen könnte, wenn eine plötzliche Erkältung der Gegenstand der ernstesten Befürchtungen war, wenn ihre Studien, ihre Wege, ihr Betragen allen jene phantastischen Schranken und Beschränkungen unterworfen waren, gegen die Mary Wollstonecraft mit besserem allgemeinen Verstande als besonderem Geschmack oder Urtheil protestirte. Miß Austen zog sich gleichfalls zurück, wenn der weiße Frost ihre Schuhe berührte; aber ich glaube, sie hätte auch in einem schwarzen eine ziemlich gute Reise gemacht._

_Denn wenn auch ihr Wissen nicht sehr ausgedehnt war, so kannte sie doch zwei Dinge, die nur das Genie kennt. Das eine war die Menschheit und das andere die Kunst. In Bezug auf das Erste konnte sie sich nicht irren; ihre Männer, wenn auch beschränkt, sind wahr, und ihre Frauen sind in dem alten Sinne „absolut." Was die Kunst betrifft, so hat sie, wenn sie auch nie den Idealismus versucht hat, einen Realismus, der in einem Grade wirklich ist, daß der falsche Realismus unserer eigenen Tage nur todt und halb erscheint. Man nehme fast irgend einen Franzosen, mit Ausnahme des verstorbenen M. de Maupassant, und sehe ihm zu, wie er mühselig Strich auf Strich häuft in der Hoffnung, einen vollständigen Eindruck hervorzurufen. Man erhält keinen; man hat Glück, wenn man, zwei Drittel des Gegebenen beiseite werfend, aus dem Reste einen wirklichen Eindruck zu formen vermag. Bei Miß Austen aber baut sich das Bild wie durch Zauber aus tausend kleinlichen, ungezwungenen Strichen auf. Nichts ist falsch; nichts ist überflüssig. Wenn (um nur das vorliegende Buch zu nehmen) Mr. Collins „während Mrs. Bennet das Feuer schürte" seinen Entschluß änderte (und wir wissen, wie Mrs. Bennet das Feuer geschürt hätte), wenn Mr. Darcy „seine Tasse Kaffee selbst zurückbrachte," so ist der Strich in jedem Falle wie derjenige Swifts—„um die Breite meines Nagels größer"—welcher den halb widerwilligen Thackeray mit gerechter und offener Bewunderung erfüllte. In der That, so phantastisch es klingen mag, möchte ich Miß Austen in mancher Beziehung ebenso nahe an Swift stellen, wie ich sie in anderer an Addison gestellt habe._

_Diese swiftsche Eigenschaft erscheint in dem vorliegenden Romane, wie sie in keinem andern in dem Charakter des unsterblichen, des unaussprechlichen Mr. Collins erscheint. Mr. Collins ist wirklich groß; weit größer als Alles, was Addison je geschaffen hat, beinahe groß genug für Fielding oder für Swift selbst. Man hat gesagt, daß Niemand ihm je geglichen habe. Aber erstens_ war _er ihm ähnlich; er ist da—lebendig, unvergänglich, wirklicher als Hunderte von Ministerpräsidenten und Erzbischöfen, von „Metallen, Halbmetallen und berühmten Philosophen." Zweitens ist es voreilig, wie ich meine, zu schließen, daß ein wirklicher Mr. Collins am Ende des achtzehnten Jahrhunderts unmöglich oder nicht vorhanden gewesen sei. Es ist sehr interessant, daß wir in derselben Galerie gleichsam einen verdorbenen ersten Entwurf oder eine mißlungene Studie von ihm besitzen, in John Dashwood. Die Förmlichkeit, die mangelhafte Erziehung, die Niedrigkeit sind da; aber das Bild ist nur halb lebendig und wird selbst als ein klein wenig unnatürlich empfunden. Mr. Collins ist vollkommen natürlich und vollkommen lebendig. In der That liegt, allen „Miniaturen" zum Trotz, etwas Riesiges in der Weise, wie gewisse Seiten, und mehr als eine, der Menschheit, und besonders der Menschheit des achtzehnten Jahrhunderts, ihr Philisterthum, ihre wohlgemeinte aber bornirte Moral, ihre förmliche Kleinlichkeit, ihre kriechende Ehrfurcht vor dem Range, ihr Materialismus, ihre Selbstsucht, hier zur Schau gestellt werden. Ich will nicht zugeben, daß eine einzige Rede oder Handlung dieses unschätzbaren Menschen unfähig ist, mit der Wirklichkeit in Einklang gebracht zu werden, und es sollte mich nicht wundern, wenn viele dieser Worte und Handlungen geschichtlich wahr wären._

_Aber die Größe Mr. Collins' hätte nicht so befriedigend dargestellt werden können, wenn seine Schöpferin nicht die Gestalten des Mr. Bennet und der Lady Catherine de Bourgh so kunstvoll auf ihn abgestimmt hätte. Letztere ist, gleich Mr. Collins selbst, der Uebertreibung beschuldigt worden. Es liegt vielleicht ein sehr schwacher Schein von Grund für die Anklage vor; aber er kommt mir sehr schwach vor. Selbst heutzutage glaube ich nicht, daß es unmöglich sein würde, Personen, besonders weibliche, nicht nothwendig adeliger Geburt, zu finden, die ebenso anmaßend, ebenso selbstisch, ebenso wenig auf gute Sitten bedacht wären wie Lady Catherine. Vor hundert Jahren hatte eine Tochter eines Earls, die Lady Powerful (wenn auch nicht gerade Bountiful) eines abgelegenen Landpfarrens, reich, längst außer ehemännlicher Autorität, und so weiter, Gelegenheiten zur Entwickelung dieser angenehmen Eigenschaften, die sich jetzt selten darbieten. Was Mr. Bennet betrifft, so waren, so bin ich geneigt zu glauben, Miß Austen, und Mr. Darcy, und selbst Miß Elisabeth, etwas hart gegen ihn wegen der „Unschicklichkeit" seines Betragens. Seine Frau war offenbar und mußte immer ein ganz unverbesserlicher Tropf gewesen sein; und wenn er sie nicht oder sich selbst erschießen wollte, gab es für einen Mann von Verstand und Geist keinen andern Ausweg als den ironischen. Von keinem andern Gesichtspunkte aus ist er irgend einem Vorwurfe ausgesetzt, außer einer entschuldbaren und nicht unnatürlichen Rathlosigkeit in der Krise der Entführung, und seine Aeußerungen sind die amüsantesten in der bewußt humoristischen Gattung—in der Gattung, bei der man mitlacht, nicht über die—die Miß Austen irgend einer ihrer Gestalten in den Mund gelegt hat. Es ist schwer zu sagen, ob er am angenehmsten ist, wenn er mit seiner Frau spricht, oder wenn er Mr. Collins auf die Probe stellt; aber das allgemeine Urtheil der Welt hat wahrscheinlich recht, wenn es seinem Troste für jene, als sie über die Beschränkung des Erbes jammert, den ersten Rang zuerkennt: „Meine Liebe, gieb dich nicht solchen trüben Gedanken hin. Laß uns Besseres hoffen. Laß uns uns schmeicheln, daß ich der Ueberlebende sein mag;" und seiner Frage an die riesige Cousine über die Schmeicheleien, die Mr. Collins soeben als von sich selbst an Lady Catherine gerichtet erzählt hat: „Darf ich fragen, ob diese angenehmen Aufmerksamkeiten dem Augenblickseinfalle entspringen oder das Ergebnis vorhergehenden Studiums sind?" Dies sind die Dinge, welche den Lesern Miß Austens jene angenehmen Schläge, jene entzückenden Schauer verursachen, welche die Leser Swifts, Fieldings und, wie wir hier hinzufügen können, Thackerays empfinden, wie sie von den Lesern keines andern englischen Romanschriftstellers außer diesen Vieren empfunden werden._

Die Vorzüglichkeit der Nebenfiguren in Pride and Prejudice _ist schon berührt worden, und sie macht ein ausführliches Verweilen bei ihren Schönheiten in jedem Raume schwierig und in diesem unmöglich. Mrs. Bennet haben wir gestreift, und es ist nicht leicht zu sagen, ob sie erlesener amüsant oder schrecklicher wahr ist. Beinahe dasselbe läßt sich von Kitty und Lydia sagen; aber nicht jeder Schriftsteller, selbst von Genie, hätte mit solch unfehlbarer Kunst die Wirkungen der Thorheit und Gemeinheit des Verstandes und der Gesinnung auf die gemeinsamen Schwächen des Weibes in so verschiedenen Altern unterschieden. An Mary hat Miß Austen sich weniger gemacht, obwohl sie noch unbarmherziger mit ihr verfahren ist; nicht nur im Texte, sondern, wie wir aus jenen interessanten überlieferten Anhängen erfahren, die uns Mr. Austen Leigh hinterlassen hat, indem sie sie heimlich dazu verurteilte, „einen der Schreiber des Mr. Philips" zu heirathen. Die Gewohnheit, moralische Sentimentalitäten zuerst abzuschreiben und dann wieder zu Markte zu tragen, vor der Oeffentlichkeit zu lange zu spielen und zu singen, sind ohne Zweifel schwer und verbrecherisch; aber vielleicht war die arme Mary mehr der Sündenbocks für die Sünden der Blaustrümpfe in jener von Fordyce belecturirten Generation. Jedenfalls ist es schwierig, ihr nicht einen Theil der Achtung und Zuneigung (Zuneigung und Achtung eigentümlicher Art, ohne Zweifel) zu widmen, mit denen man Mr. Collins betrachtet, wenn sie die Moral von Lydiens Falle zieht. Ich wünschte bisweilen, die Nothwendigkeiten der Geschichte hätten es Miß Austen gestattet, diese Personen zu vereinigen und so zugleich eine bemerkenswerthe Verbindung zu erzielen und die arme Mrs. Bennet über den Verlust des Erbes zu trösten._

_Die Bingleys und die Gardiners und die Lucases, Miß Darcy und Miß de Bourgh, Jane, Wickham und die Uebrigen müssen ohne besondern Kommentar vorübergehen, abgesehen von der Bemerkung, daß Charlotte Lucas (ihr ungeheuerlicher Papa, obwohl entzückend, sich ein klein wenig auf der jenseitigen Seite der Linie zwischen Komödie und Posse befindet) eine wunderbar kluge Studie in Trübgrau der einen Art ist, und daß Wickham (obwohl sich etwas von Miß Austens Zögern im Striche bei Behandlung junger Männer zeigt) eine nicht weniger bemerkenswerthe Skizze in Trübgrau einer andern Art ist. Nur das Genie konnte die Charlotte zu dem gemacht haben, was sie ist, und doch nicht unangenehm; den Wickham, was er ist, ohne ihn weder mit einer wohlfeilen Don Juanischen Anziehungskraft oder mit einer widerlichen Schurkerei auszustatten. Aber der Held und die Heldin sind keine Farbentöne, die man mit Stillschweigen übergehen dürfte._

Darcy ist mir immer als bei weitem der Beste und Anziehendste unter Miß Austens Helden erschienen; der einzige mögliche Nebenbuhler wäre Henry Tilney, dessen Rolle jedoch so klein und schlicht ist, daß sie kaum in Vergleich treten kann. Es ist, wie ich glaube, manchmal eingewendet worden, sein Stolz sei anfangs in seinem Ausdruck und später in seinem Nachgeben unnatürlich, und sein Verlieben überhaupt sei nicht eben wahrscheinlich. Auch hierin kann ich den Gegnern nicht beistimmen. Darcys eigene Darstellung der Art, wie sein Stolz verzogen worden ist, ist vollkommen vernünftig und ausreichend; und nichts könnte, psychologisch gesprochen, eine _causa verior_ für seine plötzliche Genesung zu gesunden Zuständen sein als der Schock von Elizabeths verächtlicher Zurückweisung, der auf eine _ex hypothesi_ großmütige Natur wirkt. Nichts in unserer Verfasserin, nicht einmal sie selbst, ist feiner und zarter berührt als der Wandel seines Betragens bei dem plötzlichen Zusammentreffen in den Anlagen von Pemberley. Wäre er ein schlechter Pedant oder ein schlechter Geck gewesen, er hätte noch unter seiner Abweisung leiden oder argwöhnen können, das Mädchen sei auf Männerfang ausgezogen. Daß er keines von beiden ist, stimmt genau mit den wahrscheinlichen Empfindungen eines im gemeinen Sinne verzogenen, aber im Grunde nicht verdorbenen und durch und durch verliebten Mannes überein. Was sein Verliebtsein angeht, so hat Elizabeth eine ebenso gerechte Darlegung der Ursachen dieser Erscheinung gegeben wie Darcy der Bedingungen seines unerlösten Zustandes, nur hat sie natürlich nicht eingerechnet, was ihrer eigenen persönlichen Anmut zuzuschreiben ist.

Das Geheimnis dieser Anmut haben viele Männer und nicht wenige Frauen, von Miß Austen selbst abwärts, empfunden, und gleich den meisten Anmuten ist es eher zu fühlen als zu erklären. Elizabeth gehört natürlich zur _allegro_ oder _allegra_ Abteilung vom Heere der Venus. Miß Austen war hinsichtlich der Schönheiten ihrer Heldinnen stets auf ärgerliche Weise karg mit Schilderungen; und außer den schönen Augen und einem oder zwei Winken, daß sie wenigstens zuweilen einen frischen Teint hatte und nicht sehr groß war, hören wir nichts über ihr Aussehen. Doch ihr hauptsächlichster Unterschied von anderen Heldinnen des lebhaften Schlages scheint erstens darin zu liegen, daß sie entschieden klug ist – beinahe _strong-minded_, im besseren Sinne dieses anstößigen Wortes –, und zweitens darin, daß sie bei aller Neigung zum Necken und aller Schärfe ihrer Zunge durchaus ohne Bosheit ist. Elizabeth kann, wenn sie angegriffen wird, mindestens mit gleicher Münze zurückzahlen; aber sie „kratzt” nie und greift nie zuerst an. Einige bloße Veraltetheiten in Ausdruck und Manieren verleihen einer oder zwei ihrer früheren Reden eine leichte Keckheit, aber das bedeutet wenig, und wenn sie an Ernstes kommt, wie in der großen Antragsszene mit Darcy (die, wie sich gebührt, der Höhepunkt der Spannung des Buches ist) und in der endlichen Damenschlacht mit Lady Catherine, ist sie untadelig. Dazu ist sie ein vollkommen natürliches Mädchen. Sie verhehlt weder vor sich selbst noch vor anderen, daß sie Darcys erste unhöfliche Äußerung über ihre Person mit ebenso persönlicher Empfindung aufnimmt. (Übrigens ist der Vorwurf, die Unhöflichkeit dieser Rede sei übertrieben, sicher ungerecht; denn Äußerungen derselben Art, zweifellos weniger geziert, aber gröber ausgedrückt, hätte man in mehr als einem Ballsaal eben dieses Jahres von Leuten hören können, die nicht schlechter erzogen sein sollten als Darcy.) Und sie läßt das Jane zugefügte Unrecht und die gegen den übrigen Teil ihrer Familie gezeigte Verachtung diese Verstimmung auf die gesündeste Weise der Welt verschärfen.

Dennoch erklärt dies alles ihre Anmut nicht, die, nimmt man Schönheit als gemeinsame Form aller Heldinnen, vielleicht in der Hinzufügung zu ihrer Spiellaune, ihrem Witze, ihrem herzlichen und natürlichen Wesen einer gewissen Furchtlosigkeit bestehen mag, die bei Heldinnen ihres Schlages und Alters sehr ungewöhnlich ist. Beinahe alle wären in sprachloser Scheu vor dem prächtigen Darcy gewesen; beinahe alle hätten bei dem Gedanken an Anträge, auch unpassende, von dem bezaubernden Wickham gezittert und geflattert. Elizabeth, ohne alles Anstößige, ohne alles Mannweibliche, ohne alles von der „Neuen Frau” an sich, hat von Natur, was die besten modernen (nicht „neuen”) Frauen durch Erziehung und Erfahrung haben: eine vollkommene Freiheit von dem Gedanken, daß alle Männer sie ungestraft schikanieren dürften, wenn es ihnen beliebt, und daß die meisten sie auf ihre Seite bringen werden, wenn sie können. Obwohl sie keineswegs „vorlaut und mannhaft emporgewachsen” ist, hat sie keine bloße Empfindelei, keine garstige Zimperlichkeit an sich. Die Leidenschaftsform, die in Miß Austens Tagen gewöhnlich und wahrscheinlich natürlich erschien, war so unverbrüchlich mit dem Hervorkehren der einen oder der anderen oder beider dieser Eigenschaften verknüpft, daß sie Elizabeth äußerlich nicht leidenschaftlich dargestellt hat. Ich aber wenigstens hege nicht den geringsten Zweifel, daß sie Darcy ebenso bereitwillig ohne Pemberley geheiratet hätte wie mit ihm, und wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird die Gespräche der Liebenden in den letzten Kapiteln nicht so frostig finden, wie sie den Della-Cruscanern ihres eigenen Tages erschienen sein mögen und vielleicht den Della-Cruscanern dieses Tages erscheinen.

Und was hilft es am Ende, der Anmut auf den Grund kommen zu wollen? – sie ist da. Mehr Verstand steckte in der traurigen mechanischen Übung, den Grund ihres Fehlens dort zu bestimmen, wo sie nicht vorhanden ist. In den Romanen der letzten hundert Jahre gibt es eine gewaltige Zahl junger Damen, in die zu verlieben eine Lust wäre; es gibt mindestens fünf, in die, wie mir scheint, kein Mann von Geschmack und Geist sich nicht verlieben kann. Ihre Namen sind, in zeitlicher Ordnung, Elizabeth Bennet, Diana Vernon, Argemone Lavington, Beatrix Esmond und Barbara Grant. Am meisten verliebt hätte ich mich wohl in Beatrix und Argemone; ich hätte, denke ich, für bloße gelegentliche Gesellschaft Diana und Barbara vorgezogen. Aber zum Zusammenleben und zum Heiraten weiß ich nicht, ob eine der vier mit Elizabeth in Wettbewerb treten kann.

GEORGE SAINTSBURY.

SEITE

Frontispiz iv

Titelblatt v

Widmung vii

Überschrift zur Vorrede ix

Überschrift zum Verzeichnis der Bilder xxv

Überschrift zum ersten Kapitel 1

„Er kam herunter, um das Haus zu besehen” 2

Herr und Frau Bennet 5

„Ich hoffe, Mr. Bingley wird es gefallen” 6

„Ich bin die Größte” 9

„Er ritt einen schwarzen Gaul” 10

„Als die Gesellschaft eintrat” 12

„Sie ist leidlich” 15

Überschrift zum vierten Kapitel 18

Überschrift zum fünften Kapitel 22

„Ohne ein einziges Mal den Mund aufzutun” 24

Schlußstück zum fünften Kapitel 26

Überschrift zum sechsten Kapitel 27

„Die Bitten mehrerer” 31

„Ein Billet für Miß Bennet” 36

„Fröhliche Vorzeichen” 40

„Der Apotheker kam” 43

„Einen Schirm verdeckend” 45

„Frau Bennet und ihre beiden jüngsten Töchter” 53

Überschrift zum zehnten Kapitel 60

„Nein, nein; bleib, wo du bist” 67

„Das Feuer aufschichtend” 69

Überschrift zum zwölften Kapitel 75

Überschrift zum dreizehnten Kapitel 78

Überschrift zum vierzehnten Kapitel 84

„Betuerte, daß er nie Romane lese” 87

Überschrift zum fünfzehnten Kapitel 89

Überschrift zum sechzehnten Kapitel 95

„Die Offiziere der ----shire” 97

„Entzückt, ihre liebe Freundin wiederzusehen” 108

Überschrift zum achtzehnten Kapitel 113

„So vortreffliches Tanzen sieht man nicht oft” 118

„In der lebhaftesten Sprache Ihnen zu versichern” 132

Überschrift zum zwanzigsten Kapitel 139

„Sie traten ins Frühstückszimmer” 143

Überschrift zum einundzwanzigsten Kapitel 146

„Ging mit ihnen zurück” 148

Überschrift zum zweiundzwanzigsten Kapitel 154

„So viel Liebe und Beredsamkeit” 156

„Betuerte, er müsse sich durchaus irren” 161

„Sooft sie mit leiser Stimme sprach” 166

Überschrift zum vierundzwanzigsten Kapitel 168

Überschrift zum fünfundzwanzigsten Kapitel 175

„Zwei oder drei junge Damen beleidigt” 177

„Wollen Sie mich besuchen kommen?” 181

„Auf der Treppe” 189

„An der Tür” 194

„Im Gespräch mit den Damen” 198

„‚Lady Catherine,’ sagte sie, ‚Sie haben mir einen Schatz geschenkt’” 200

Überschrift zum dreißigsten Kapitel 209

„Er versäumte nie, ihnen mitzuteilen” 211

„Die Herren begleiteten ihn” 213

Überschrift zum einunddreißigsten Kapitel 215

Überschrift zum zweiunddreißigsten Kapitel 221

„In Begleitung ihrer Tante” 225

„Als sie aufblickte” 228

Überschrift zum vierunddreißigsten Kapitel 235

„Sich beim Namen rufen hörend” 243

Überschrift zum sechsunddreißigsten Kapitel 253

„Zufällig in der Stadt zusammentreffend” 256

„Seine Abschiedsverbeugung” 261

„Dawson” 263

„Die Erhebung seiner Gefühle” 267

„Sie hatten vergessen, eine Nachricht zu hinterlassen” 270

„Wie hübsch wir eingepfercht sind!” 272

Überschrift zum vierzigsten Kapitel 278

„Ich bin entschlossen, nie wieder davon zu sprechen” 283

„Als Colonel Millers Regiment abrückte” 285

„Zärtlich kokettierend” 290

Die Ankunft der Gardiners 294

„Über die Zeit mutmaßend” 301

Überschrift zum vierundvierzigsten Kapitel 318

„Sich allen angenehm zu machen” 321

„Am Flusse engagiert” 327

Überschrift zum sechsundvierzigsten Kapitel 334

„Ich habe keinen Augenblick zu verlieren” 339

„Die ersten freundlichen Vorzeichen ihrer Begrüßung” 345

Die Post 359

„Dem ich die Sache erzählt habe” 363

Überschrift zum neunundvierzigsten Kapitel 368

„Aber vielleicht möchten Sie es lesen” 370

„Die boshaften alten Damen” 377

„Mit einem liebevollen Lächeln” 385

„Ich bin sicher, sie hat nicht gehorcht” 393

„Mr. Darcy mit ihm” 404

„Jane blickte zufällig umher” 415

„Frau Long und ihre Nichten” 420

„Lizzy, mein Herz, ich möchte mit dir sprechen” 422

Überschrift zum sechsundfünfzigsten Kapitel 431

„Nach kurzem Umschauen” 434

„Aber jetzt kommt es heraus” 442

„Die Bemühungen seiner Tante” 448

„Außerstande, ein Wort hervorzubringen” 457

„Die kriecherische Höflichkeit” 466

Überschrift zum einundsechzigsten Kapitel 472

Ende 476

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß ein alleinstehender Mann, der ein ansehnliches Vermögen besitzt, einer Frau bedürfen muß.

So wenig bekannt auch die Empfindungen oder Absichten eines solchen Mannes bei seinem ersten Erscheinen in einer Gegend sein mögen, so tief ist doch diese Wahrheit in den Köpfen der umwohnenden Familien eingewurzelt, daß er als das rechtmäßige Eigentum der einen oder der anderen ihrer Töchter angesehen wird.

„Mein lieber Mr. Bennet,” wandte sich seine Frau eines Tages an ihn, „hast du gehört, daß Netherfield Park endlich vermietet ist?”

Mr. Bennet erwiderte, er habe nichts davon vernommen.

„Aber es ist so,” versetzte sie; „denn Frau Long ist eben hier gewesen und hat mir die ganze Geschichte erzählt.”

Mr. Bennet gab keine Antwort.

„Willst du denn gar nicht wissen, wer es genommen hat?” rief seine Frau ungeduldig.

„Du willst es mir ja erzählen, und ich habe nichts dagegen, es zu hören.”

Dies war Aufforderung genug.

„Nun, mein Bester, du mußt wissen, Frau Long sagt, Netherfield sei von einem jungen Manne von großem Vermögen aus dem Norden Englands genommen worden; er sei am Montag mit einer Kutsche und vier Pferden heruntergekommen, um das Haus zu besehen, und sei so entzückt davon gewesen, daß er sogleich mit Mr. Morris einig geworden sei; vor Michaelis solle er es beziehen, und ein Teil seiner Dienerschaft solle schon Ende nächster Woche im Hause sein.”

„Wie heißt er?”

„Bingley.”

„Ist er verheiratet oder ledig?”

„Ei, ledig, mein Bester, natürlich! Ein alleinstehender Mann mit großem Vermögen; viertausend bis fünftausend Pfund im Jahr. Welch ein Glück für unsere Mädchen!”

„Wieso? was kann es ihnen nützen?”

„Mein lieber Mr. Bennet,” versetzte seine Frau, „wie kannst du nur so entsetzlich langweilig sein! Du mußt doch wissen, daß ich daran denke, daß er eine von ihnen heiratet.”

„Ist das sein Vorsatz, wenn er sich hier niederläßt?”

„Vorsatz? Unsinn, wie kannst du so reden! Aber es ist sehr wohl möglich, daß er sich in eine von ihnen verliebt, und deshalb mußt du ihm einen Besuch machen, sobald er kommt.”

„Ich sehe keine Veranlassung dazu. Du und die Mädchen könnt gehen – oder ihr könnt sie allein schicken, was vielleicht noch besser wäre; denn da du so hübsch bist wie irgendeine von ihnen, könnte Mr. Bingley dir am besten von der Gesellschaft gefallen.”

„Mein Bester, du schmeichelst mir. Ich habe freilich meine Schönheitszeit gehabt, aber ich bilde mir nicht ein, jetzt noch etwas Außerordentliches zu sein. Wenn eine Frau fünf erwachsene Töchter hat, sollte sie aufhören, an ihre eigene Schönheit zu denken.”

„In solchen Fällen hat eine Frau freilich oft nicht viel Schönheit, an die sie denken könnte.”

„Aber, mein Bester, du mußt durchaus hingehen und Mr. Bingley besuchen, wenn er in die Nachbarschaft kommt.”

„Das verspreche ich nicht, das versichere ich dir.”

„Aber bedenke doch deine Töchter. Denke dir nur, was das für eine Versorgung wäre! Sir William und Lady Lucas sind entschlossen zu gehen, einzig und allein deshalb; denn sonst pflegen sie, wie du weißt, keine neuen Ankömmlinge zu besuchen. Du mußt durchaus gehen, denn es ist uns unmöglich, ihn zu besuchen, wenn du nicht gehst.”

„Du bist übertrieben gewissenhaft, wahrhaftig. Ich wette, Mr. Bingley wird sich sehr freuen, euch zu sehen; und ich werde dir ein paar Zeilen mitgeben, die ihm meine herzliche Einwilligung versichern, daß er heiraten möge, welche er von den Mädchen wolle – obwohl ich für meine kleine Lizzy ein gutes Wort einlegen muß.”

„Ich wünsche durchaus nicht, daß du so etwas tust. Lizzy ist nicht einen Deut besser als die andern; und ich bin sicher, sie ist bei weitem nicht so hübsch wie Jane und nicht halb so gut gelaunt wie Lydia. Aber du gibst ihr immer den Vorzug.”

„Keine von ihnen hat sonderlich viel, was sie empfehlen könnte,” erwiderte er; „sie sind alle töricht und unwissend wie andere Mädchen; aber Lizzy hat mehr von einem schnellen Kopfe als ihre Schwestern.”

„Mr. Bennet, wie kannst du deine eigenen Kinder so herabsetzen? Du ergötzest dich daran, mich zu quälen. Du hast kein Erbarmen mit meinen armen Nerven.”

„Du mißverstehst mich, meine Liebe. Ich habe große Achtung vor deinen Nerven. Sie sind meine alten Freunde. Ich habe sie nun seit mindestens zwanzig Jahren mit Auszeichnung erwähnen hören.”

„Ach, du weißt nicht, was ich leide.”

„Aber ich hoffe, du wirst dich darein finden und noch viele junge Männer mit viertausend Pfund jährlich in die Nachbarschaft kommen und es erleben siehst.”

„Es nützt uns nichts, wenn auch zwanzig solcher kommen, da du sie doch nicht besuchen willst.”

„Verlaß dich darauf, meine Liebe, wenn es zwanzig sind, werde ich sie alle besuchen.”

Mr. Bennet war eine so seltsame Mischung von raschem Verstande, sarkastischem Humor, Zurückhaltung und Launenhaftigkeit, daß dreiundzwanzigjährige Erfahrung nicht hingereicht hatten, seiner Frau seinen Charakter verständlich zu machen. Ihr Wesen war leichter zu durchschauen. Sie war eine Frau von beschränktem Verstande, geringer Bildung und unzuverlässigem Temperamente. Wenn sie mißvergnügt war, bildete sie sich ein, nervös zu sein. Ihr Lebensgeschäft war, ihre Töchter an den Mann zu bringen; ihr Trost war Besuche machen und Neuigkeiten.

ZWEITES KAPITEL.

Mr. Bennet gehörte zu den Ersten, die Mr. Bingley aufsuchten. Er hatte es stets vorgehabt, ihn zu besuchen, obwohl er gegen seine Frau bis zuletzt stets versicherte, er werde nicht gehen; und bis zum Abend nach dem Besuche erfuhr sie nichts davon. Es wurde dann auf folgende Weise enthüllt. Während er seine zweitälteste Tochter mit dem Aufputzen eines Hutes beschäftigt sah, wandte er sich plötzlich an sie:

„Ich hoffe, Mr. Bingley wird es gefallen, Lizzy.”

„Wir sind gar nicht in der Lage, zu wissen, was Mr. Bingley gefällt,” versetzte ihre Mutter ärgerlich, „da wir ja keinen Besuch machen dürfen.”

„Aber du vergißt, Mama,” sagte Elizabeth, „daß wir ihm auf dem Ball begegnen werden, und daß Frau Long versprochen hat, ihn vorzustellen.”

„Ich glaube nicht, daß Frau Long so etwas tun wird. Sie hat zwei eigene Nichten. Sie ist eine selbstsüchtige, heuchlerische Frau, und ich halte nichts von ihr.”

„Ebensowenig wie ich,” sagte Mr. Bennet; „und ich bin froh zu sehen, daß du dich nicht auf ihre Dienste verläßt.”

Frau Bennet geruhte nicht zu antworten; aber, unfähig, an sich zu halten, fing sie an, eine ihrer Töchter auszuschelten.

„Huste doch nicht so, Kitty, um Himmels willen! Habe doch ein wenig Erbarmen mit meinen Nerven. Du zerreißt sie mir.”

„Kitty hat keine Einsicht im Husten,” sagte ihr Vater; „sie setzt ihn zur unrechten Zeit an.”

„Ich huste nicht zu meinem Vergnügen,” versetzte Kitty verdrießlich. „Wann ist der nächste Ball, Lizzy?”

„Übermorgen in vierzehn Tagen.”

„Ei, so ist es,” rief ihre Mutter, „und Frau Long kommt erst am Tage vorher zurück; es wird also unmöglich sein, daß sie ihn vorstellt, denn sie wird ihn ja selbst nicht kennen.”

„Dann kannst du, meine Liebe, deiner Freundin zuvorkommen und Mr. Bingley ihr vorstellen.”

„Unmöglich, Mr. Bennet, unmöglich, da ich ihn ja selbst nicht kenne; wie kannst du nur so quälen?”

„Ich verehre deine Behutsamkeit. Eine vierzehntägige Bekanntschaft ist freilich sehr wenig. Man kann einen Menschen nach vierzehn Tagen noch nicht kennen. Aber wenn wir uns nicht vorwagen, wird es ein anderer tun; und am Ende müssen Frau Long und ihre Nichten ihr Glück versuchen; und da sie es für eine Gefälligkeit ansehen wird, wenn du ablehnst, will ich es selbst übernehmen.”

Die Mädchen starrten ihren Vater an. Frau Bennet sagte nur: „Unsinn, Unsinn!”

„Was soll dies nachdrückliche ‚Unsinn’ bedeuten?” rief er. „Hältst du die Formen der Vorstellung und das Gewicht, das man darauf legt, für Unsinn? Da kann ich dir nicht ganz recht geben. Was sagst du, Mary? Denn du bist, wie ich weiß, eine junge Dame von tiefer Nachdenklichkeit, die große Bücher liest und Auszüge macht.”

Mary wünschte etwas recht Gescheites zu sagen, wußte aber nicht wie.

„Während Mary ihre Gedanken ordnet,” fuhr er fort, „kehren wir zu Mr. Bingley zurück.”

„Mr. Bingley ist mir verhaßt,” rief seine Frau.

„Das höre ich ungern; aber warum hast du mir das nicht früher gesagt? Hätte ich das heute morgen gewußt, so wäre ich gewiß nicht bei ihm gewesen. Es ist sehr unglücklich; aber da ich den Besuch nun einmal gemacht habe, können wir der Bekanntschaft nicht mehr entrinnen.”

Das Erstaunen der Damen war gerade das, was er wünschte – das von Frau Bennet übertraf vielleicht alle; obwohl sie, als der erste Freudentaumel vorüber war, zu erklären begann, sie habe es die ganze Zeit erwartet.

„Wie gut das von dir war, mein lieber Mr. Bennet! Aber ich wußte, daß ich dich zuletzt doch bereden würde. Ich war sicher, daß du deine Mädchen zu lieb hattest, als daß du eine solche Bekanntschaft versäumtest. Nun, wie freue ich mich! Und es ist obendrein ein so guter Spaß, daß du heute morgen hingegangen bist und kein Wort davon erwähnt hast bis jetzt.”

„Nun, Kitty, kannst du husten, soviel du willst,” sagte Mr. Bennet; und mit diesen Worten verließ er das Zimmer, von den Entzückungen seiner Frau ermüdet.

„Was für ein vortrefflicher Vater, den ihr habt, Mädchen,” sagte sie, als die Tür geschlossen war. „Ich weiß nicht, wie ihr ihm das je vergelten wollt; oder mir auch, was das betrifft. In unserem Alter, das kann ich euch sagen, ist es kein Vergnügen, jeden Tag neue Bekanntschaften zu machen; aber euretwegen tun wir alles. Lydia, mein Kind, obwohl du die Jüngste bist, bin ich überzeugt, Mr. Bingley wird beim nächsten Ball mit dir tanzen.”

„O,” sagte Lydia keck, „ich fürchte mich nicht; denn wenn ich auch die Jüngste bin, so bin ich doch die Größte.”

Den Rest des Abends brachte man mit Vermutungen zu, wie bald er Mr. Bennets Besuch erwidern werde, und mit Plänen, wann man ihn zum Essen einzuladen habe.

DRITTES KAPITEL.

Nicht alles, was Frau Bennet jedoch mit Beihilfe ihrer fünf Töchter in dieser Sache zu erforschen vermochte, genügte, ihrem Manne eine befriedigende Schilderung von Mr. Bingley zu entlocken. Sie bestürmten ihn auf alle mögliche Weise: mit unverhüllten Fragen, klugen Vermutungen, fernliegenden Mutmaßungen; aber er wich der Geschicklichkeit aller aus; und sie waren zuletzt genötigt, sich mit der aus zweiter Hand stammenden Kunde ihrer Nachbarin, Lady Lucas, zufriedenzugeben. Deren Bericht lautete sehr günstig. Sir William war entzückt von ihm. Er sei ziemlich jung, wunderhübsch, äußerst angenehm, und, um das Maß vollzumachen, gedächte er beim nächsten Ball mit einer großen Gesellschaft zu erscheinen. Nichts konnte entzückender sein! Tanzliebhaberei war ein sicheres Vorzeichen von Verliebtheit; und man hegte sehr lebhafte Hoffnungen auf Mr. Bingleys Herz.

„Wenn ich nur eine meiner Töchter glücklich in Netherfield versorgt sehe,” sagte Frau Bennet zu ihrem Manne, „und die andern alle ebenso gut verheiratet, so habe ich nichts mehr zu wünschen.”

In wenigen Tagen erwiderte Mr. Bingley Mr. Bennets Besuch und saß etwa zehn Minuten bei ihm in der Bibliothek. Er hatte gehofft, die jungen Damen zu Gesicht zu bekommen, von deren Schönheit er viel gehört hatte; aber er sah nur den Vater. Die Damen waren etwas glücklicher, denn sie hatten den Vorteil, von einem oberen Fenster aus feststellen zu können, daß er einen blauen Rock trug und einen schwarzen Gaul ritt.

Bald darauf ward eine Einladung zum Mittagessen abgesandt; und schon hatte Mrs. Bennet den Speisezettel entworfen, der ihrer Wirtschaft zur Ehre gereichen sollte, als eine Antwort eintraf, die alles hinausschob. Mr. Bingley müsse am folgenden Tag in die Stadt, und könne daher die Ehre ihrer Einladung nicht annehmen, und so weiter. Mrs. Bennet war ganz bestürzt. Sie konnte sich nicht denken, was für Geschäfte ihn so bald nach seiner Ankunft in Hertfordshire in die Stadt führten; und sie begann zu fürchten, daß er beständig von einem Ort zum andern fliegen und sich nie in Netherfield festsetzen werde, wie es sich gehöre. Lady Lucas beruhigte sie ein wenig mit dem Gedanken, er sei

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nur nach London gereist, um eine große Gesellschaft für den Ball zusammenzubringen; und bald folgte die Nachricht, Mr. Bingley werde zwölf Damen und sieben Herren mit sich zur Assemblee bringen. Die Mädchen beklagten eine solche Anzahl von Damen; doch wurden sie am Tag vor dem Ball dadurch getröstet, daß er statt der zwölf nur sechs aus London mitgebracht hatte, seine fünf Schwestern und eine Cousine. Und als die Gesellschaft den Ballsaal betrat, bestand sie im ganzen nur aus fünf: Mr. Bingley, seine beiden Schwestern, der Gemahl der ältesten und ein anderer junger Mann.

Mr. Bingley war gut aussehend und von feinen Manieren: er hatte ein angenehmes Gesicht und ein ungezwungenes, natürliches Wesen. Seine Schwestern waren schöne Frauen mit einer entschieden vornehmen Art. Sein Schwager, Mr. Hurst, sah lediglich wie ein Gentleman aus; aber sein Freund Mr. Darcy erregte bald die Aufmerksamkeit des Saales durch seine schöne, hohe Gestalt, seine hübschen Züge, seine edle Haltung und das Gerücht, das fünf Minuten nach seinem Eintritt allgemein im Umlauf war, er habe zehntausend Pfund im Jahr. Die Herren erklärten ihn für eine prächtige Erscheinung, die Damen versicherten, er sei bei weitem schöner als Mr. Bingley, und er ward etwa eine halbe Stunde lang mit großer Bewunderung betrachtet, bis seine Manieren einen Widerwillen erweckten, der den Strom seiner Beliebtheit wandte; denn man entdeckte, daß er stolz sei, sich über seine Umgebung erhaben dünke und über jede Möglichkeit, sich zu freuen; und sein ganzer großer Besitz in Derbyshire konnte ihn nicht davor bewahren, daß man in ihm eine äußerst abstoßende, widerwärtige Miene sah und ihn für unvergleichlich mit seinem Freunde hielt.

Mr. Bingley hatte sich bald mit allen angesehenen Personen des Saales bekannt gemacht: er war lebhaft und offen, tanzte jeden Tanz, ärgerte sich, daß der Ball so früh endete, und sprach davon, selbst einen auf Netherfield zu geben. Solche liebenswürdigen Eigenschaften sprechen für sich selbst. Welch ein Gegensatz zwischen ihm und seinem Freunde! Mr. Darcy tanzte nur einmal mit Mrs. Hurst und einmal mit Miss Bingley, lehnte es ab, irgendeiner anderen Dame vorgestellt zu werden, und verbrachte den Rest des Abends damit, im Saal umherzuwandeln und hin und wieder mit einem aus seiner eigenen Gesellschaft zu sprechen. Sein Charakter war entschieden. Er war der stolzeste, widerwärtigste Mensch auf der Welt, und jedermann hoffte, er werde nie wiederkommen. Zu den heftigsten gegen ihn gehörte Mrs. Bennet, deren Abneigung gegen sein allgemeines Betragen durch die Tatsache, daß er eine ihrer Töchter mißachtet hatte, zu besonderem Groll geschärft ward.

Elizabeth Bennet hatte sich, da es an Herren mangelte, für zwei Tänze niedersetzen müssen; und während eines Teils dieser Zeit hatte Mr. Darcy nahe genug gestanden, daß sie ein Gespräch zwischen ihm und Mr. Bingley überhören konnte, der für einige Minuten vom Tanz kam, um seinen Freund zum Mitmachen zu drängen.

„Komm, Darcy,“ sagte er, „ich muß dich zum Tanzen bringen. Ich hasse es, dich so allein herumstehen zu sehen in dieser albernen Weise. Du tanzest weit besser, als du hier stehst.”

„Gewiß nicht. Du weißt, wie ich es verabscheue, wenn ich nicht besonders mit meiner Tänzerin vertraut bin. Bei einer solchen Versammlung wie dieser wäre es unerträglich. Deine Schwestern sind engagiert, und es ist keine andere Frau im Saal, mit der aufzutanzen nicht eine Strafe für mich wäre.”

„Ich wäre nicht so wählerisch wie du,“ rief Bingley, „nicht um ein Königreich! Auf meine Ehre, ich bin in meinem ganzen Leben keiner solchen Menge angenehmer Mädchen begegnet wie heute abend; und es sind mehrere darunter, siehst du, ungewöhnlich hübsch.”

„Du tanzt mit dem einzigen hübschen Mädchen im Saal,“ sagte Mr. Darcy und blickte auf die älteste Miss Bennet.

„Oh, sie ist das wundervollste Geschöpf, das ich je gesehen habe! Aber da sitzt eine ihrer Schwestern gleich hinter dir, die recht hübsch ist, und ich wette, sehr angenehm. Erlaub mir, daß ich meine Tänzerin bitte, dich vorzustellen.”

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„Welche meinst du?“ und indem er sich umwandte, blickte er einen Augenblick auf Elizabeth, bis er ihrem Auge begegnete, wandte sein eigenes ab und sagte kalt: „Sie ist leidlich; aber nicht hübsch genug, mich zu reizen; und ich bin jetzt nicht in der Stimmung, jungen Damen, die von anderen Männern verschmäht werden, Bedeutung zu verleihen. Kehre du lieber zu deiner Tänzerin zurück und erfreue dich ihres Lächelns, denn du vergeudest deine Zeit mit mir.”

Mr. Bingley folgte seinem Rat. Mr. Darcy ging weg; und Elizabeth blieb mit keineswegs herzlichen Gefühlen gegen ihn zurück. Die Geschichte erzählte sie jedoch mit großem Humor unter ihren Freundinnen; denn sie hatte eine lebhafte, scherzhafte Gemütsart, die sich an allem Lächerlichen erfreute.

Der Abend verlief im ganzen für die ganze Familie angenehm. Mrs. Bennet hatte ihre älteste Tochter von der Gesellschaft aus Netherfield sehr bewundert gesehen. Mr. Bingley hatte zweimal mit ihr getanzt, und sie war von seinen Schwestern ausgezeichnet worden. Jane war darüber ebenso beglückt wie ihre Mutter, nur auf stillere Weise. Elizabeth fühlte Janes Freude. Mary hatte von Miss Bingley gehört, sie sei das vollkommenste Mädchen in der Nachbarschaft; und Catherine und Lydia hatten das Glück gehabt, nie ohne Tänzer zu sein, was alles war, was sie bis jetzt bei einem Ball zu schätzen gelernt hatten. Sie kehrten also in guter Stimmung nach Longbourn zurück, dem Dorfe, in dem sie wohnten und dessen vornehmste Bewohner sie waren. Sie fanden Mr. Bennet noch auf. Bei einem Buche pflegte er nicht auf die Zeit zu achten; und diesmal war er sehr neugierig auf den Ausgang eines Abends, der so glänzende Erwartungen erregt hatte. Er hatte eher gehofft, daß alle Vorstellungen seiner Frau von dem Fremdling sich zerschlagen würden; doch fand er bald, daß er eine ganz andere Geschichte zu hören bekam.

„Oh, mein lieber Mr. Bennet,“ rief sie, als sie ins Zimmer trat, „wir haben einen entzückenden Abend gehabt, einen vortrefflichen Ball. Ich wollte, du wärst dagewesen. Jane ist so bewundert worden, es war nicht zu beschreiben. Jedermann sagte, wie gut sie aussah; und Mr. Bingley fand sie ganz bezaubernd und tanzte zweimal mit ihr. Denke dir nur, mein Lieber: er tanzte wirklich zweimal mit ihr; und sie war das einzige Geschöpf im Saal, das er zum zweiten Male aufforderte. Zuerst fragte er Miss Lucas. Es ärgerte mich, ihn mit ihr tanzen zu sehen; aber, beiläufig, er bewunderte sie durchaus nicht; ja, niemand kann das, weißt du; und er schien ganz von Jane bezaubert, als sie die Tanzfigur hinabging. Da erkundigte er sich, wer sie sei, ließ sich vorstellen und bat sie um die beiden nächsten. Dann tanzte er den dritten mit Miss King und den vierten mit Maria Lucas und den fünften wieder mit Jane und den sechsten mit Lizzy, und den Boulanger—-“

„Wenn er auch nur ein wenig Mitleid mit mir gehabt hätte,“ rief ihr Mann ungeduldig, „würde er nicht halb so viel getanzt haben! Um Gottes willen, sage mir nichts mehr von seinen Tänzerinnen. O daß er sich beim ersten Tanze den Fuß verrenkt hätte!”

„Ach, mein Lieber,“ fuhr Mrs. Bennet fort, „ich bin ganz entzückt von ihm. Er ist so überaus stattlich! Und seine Schwestern sind reizende Frauen. Nie in meinem Leben sah ich etwas Eleganteres als ihre Kleider. Ich wette, die Spitzen an Mrs. Hursts Kleid—-“

Hier ward sie wieder unterbrochen. Mr. Bennet protestierte gegen jede Beschreibung von Putz. Sie mußte daher einen anderen Gesprächsstoff suchen und berichtete mit viel Bitterkeit und einiger Übertreibung von der schrecklichen Unhöflichkeit Mr. Darcys.

„Aber ich kann dir versichern,“ fügte sie hinzu, „daß Lizzy nicht viel verliert, wenn sie ihm nicht gefällt; denn er ist ein höchst widerwärtiger, abscheulicher Mensch, der die Mühe, ihm zu gefallen, gar nicht lohnt. So hochmütig und so eingebildet, daß man ihn nicht ertragen konnte! Er ging hierhin und er ging dorthin, bildete sich ein, so überaus groß zu sein! Nicht hübsch genug, um mit ihm zu tanzen! Ich wünschte, du wärst dagewesen, mein Lieber, um ihm eine deiner Abfertigungen zu geben. Ich verabscheue den Mann ganz und gar.”

VIERTES KAPITEL.

Als Jane und Elizabeth allein waren, äußerte die erstere, die vorher in ihrem Lobe Mr. Bingleys zurückhaltend gewesen war, gegen ihre Schwester, wie sehr sie ihn bewundere.

„Er ist ganz, wie ein junger Mann sein soll,“ sagte sie, „verständig, gutgelaunt, lebhaft; und nie sah ich solche gewinnenden Manieren! so viel Ungezwungenheit bei vollendeter feiner Erziehung!”

„Er ist auch stattlich,“ erwiderte Elizabeth, „was ein junger Mann gleichfalls sein sollte, wenn er irgend kann. Sein Bild ist damit vollständig.”

„Es schmeichelte mir sehr, daß er mich zum zweiten Male zum Tanzen aufforderte. Ich hatte ein solches Kompliment nicht erwartet.”

„Nicht? Ich für dich. Aber das ist einer unserer großen Unterschiede. Komplimente überraschen dich immer, mich niemals. Was konnte natürlicher sein, als daß er dich nochmals aufforderte? Er mußte doch sehen, daß du etwa fünfmal so hübsch warst wie jede andere Frau im Saal. Es war kein Verdienst seiner Galanterie. Nun, er ist gewiß sehr angenehm, und ich erlaube dir, ihn gern zu haben. Du hast schon manchen dümmeren Menschen gern gehabt.”

„Liebe Lizzy!”

„Oh, du bist viel zu geneigt, weißt du, die Leute im allgemeinen gern zu haben. Du siehst nie einen Fehler an irgend jemand. Die ganze Welt ist gut und angenehm in deinen Augen. Nie habe ich in meinem Leben ein schlechtes Wort von dir über einen Menschen gehört.”

„Ich möchte nicht vorschnell jemand tadeln; aber ich sage immer, was ich denke.”

„Ich weiß, daß du es tust: und gerade das macht das Wunderbare aus. Bei deinem gesunden Verstande so ehrlich blind zu sein für die Torheiten und den Unsinn anderer! Affectation von Aufrichtigkeit ist gemein genug; man begegnet ihr überall. Aber aufrichtig sein ohne Ostentation oder Absicht, bei jedermann das Gute im Charakter auffassen und es noch besser machen und nichts vom Schlechten sagen — das ist dein Eigentum allein. Und so, du magst auch die Schwestern dieses Mannes leiden, nicht wahr? Ihre Manieren sind den seinen nicht gleich.”

„Freilich nicht, anfangs; aber es sind sehr gefällige Frauen, wenn man mit ihnen spricht. Miss Bingley wird bei ihrem Bruder wohnen und seinen Haushalt führen; und ich irre sehr, wenn wir nicht eine sehr reizende Nachbarin an ihr finden werden.”

Elizabeth hörte schweigend zu, war aber nicht überzeugt: ihr Betragen auf der Assemblee war nicht dazu angetan gewesen, im allgemeinen zu gefallen; und bei schnellerer Beobachtung und weniger nachgiebigem Temperamente als ihre Schwester, sowie einem Urteile, das nicht durch irgendwelche Aufmerksamkeit auf sie selbst beirrt ward, war sie sehr wenig geneigt, sie zu billigen. Sie waren in der Tat sehr vornehme Damen; es fehlte ihnen nicht an guter Laune, wenn sie vergnügt waren, noch an der Fähigkeit, gefällig zu sein, wo sie es wollten; aber sie waren stolz und eingebildet. Sie waren ziemlich hübsch; in einem der ersten Pensionate der Stadt erzogen; sie besaßen ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund; sie waren gewohnt, mehr auszugeben, als sie sollten, und mit Leuten von Rang zu verkehren; und hatten daher in jeder Hinsicht Ursache, gut von sich und gering von anderen zu denken. Sie stammten aus einer angesehenen Familie im nördlichen England, ein Umstand, der ihrem Gedächtnisse tiefer eingeprägt war als die Tatsache, daß das Vermögen ihres Bruders und ihr eigenes durch Handel erworben waren.

Mr. Bingley hatte ein Vermögen von fast hunderttausend Pfund von seinem Vater geerbt, der ein Landgut zu kaufen beabsichtigt hatte, aber nicht dazu kam, es zu tun. Mr. Bingley hatte ebenfalls die Absicht, und manchmal wählte er seine Grafschaft; doch da er jetzt ein gutes Haus und die Freiheit eines eigenen Gutes besaß, bezweifelten viele, die seinen leichten Sinn am besten kannten, ob er nicht den Rest seiner Tage in Netherfield zubringen und der nächsten Generation das Kaufen überlassen werde.

Seine Schwestern wünschten sehr, daß er ein eigenes Gut besäße; aber obgleich er vorläufig nur als Mieter dort wohnte, war Miss Bingley keineswegs unwillig, an seiner Tafel den Vorsitz zu führen; und Mrs. Hurst, die einen Mann von mehr vornehmer Herkunft als Vermögen geheiratet hatte, war nicht weniger geneigt, sein Haus als das ihre zu betrachten, wenn es ihr paßte. Mr. Bingley war noch nicht zwei Jahre volljährig gewesen, als er durch eine zufällige Empfehlung veranlaßt ward, sich Netherfield House anzusehen. Er sah es sich an, und in ihm, eine halbe Stunde lang; die Lage und die Haupträume gefielen ihm, er war zufrieden mit dem Lobe, das der Eigentümer ihm spendete, und nahm es sogleich.

Zwischen ihm und Darcy bestand eine sehr beständige Freundschaft trotz des großen Gegensatzes ihrer Charaktere. Bingley war Darcy teuer durch seine Leichtigkeit, Offenheit und Nachgiebigkeit, obwohl kein Wesen einen größeren Gegensatz zu dem seinigen darbieten konnte und obwohl er mit dem seinigen nie unzufrieden schien. Auf Darcys Wohlwollen baute Bingley mit dem festesten Vertrauen, und von seinem Urteile hatte er die höchste Meinung. An Verstand war Darcy überlegen. Bingley war keineswegs beschränkt; aber Darcy war klug. Er war dabei hochmütig, verschlossen und wählerisch; und seine Manieren, obwohl von guter Erziehung, waren nicht einladend. In dieser Hinsicht hatte sein Freund einen großen Vorzug. Bingley durfte sicher sein, überall, wo er erschien, gemocht zu werden; Darcy gab fortwährend Anstoß.

Die Art, wie sie über die Meryton-Assemblee sprachen, war hinreichend bezeichnend. Bingley war in seinem Leben nie angenehmeren Leuten oder hübscheren Mädchen begegnet; jedermann war überaus freundlich und aufmerksam gegen ihn gewesen; es hatte keine Förmlichkeit, keine Steifheit gegeben; er hatte sich bald mit allen im Saale bekannt gefühlt; und was Miss Bennet betraf, so konnte er sich keinen schöneren Engel denken. Darcy hingegen hatte eine Gesellschaft gesehen, in der es wenig Schönheit und keine vornehme Art gab, für die er nicht das mindeste Interesse empfunden und von der er weder Aufmerksamkeit noch Vergnügen empfangen hatte. Miss Bennet erkannte er als hübsch an; aber sie lächle zu viel.

Mrs. Hurst und ihre Schwester gaben das zu; aber sie bewunderten sie doch und hatten sie gern und erklärten sie für ein reizendes Mädchen und eine, gegen deren nähere Bekanntschaft sie nichts einzuwenden hätten. Miss Bennet galt also als ein reizendes Mädchen; und ihr Bruder fühlte sich durch solches Lob berechtigt, an sie zu denken, wie es ihm beliebte.

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FÜNFTES KAPITEL.

In kurzem Abstande von Longbourn wohnte eine Familie, mit der die Bennets besonders vertraut waren. Sir William Lucas hatte früher in Meryton Handel getrieben, dort ein leidliches Vermögen erworben und war durch eine Anrede an den König während seiner Amtszeit als Mayor zur Würde eines Ritters gelangt. Der Unterschied war vielleicht zu tief empfunden worden. Er hatte ihm einen Ekel vor seinem Geschäfte und seinem Aufenthalte in einem kleinen Marktflecken eingeflößt; und indem er beides aufgab, war er mit seiner Familie in ein etwa eine Meile von Meryton entferntes Haus gezogen, das von da an Lucas Lodge hieß; wo er mit Vergnügen an seine eigene Wichtigkeit denken und, durch Geschäfte ungebunden, sich ausschließlich damit beschäftigen konnte, gegen jedermann höflich zu sein. Denn obwohl er durch seinen Rang aufgeblasen war, machte ihn das nicht überheblich; im Gegenteil, er war jedermann aufmerksam zugewandt. Von Natur gutmütig, freundlich und gefällig, hatte seine Vorstellung bei Hofe ihn höflich gemacht.

Lady Lucas war eine sehr gute, freundliche Frau, nicht zu klug, um Mrs. Bennet eine wertvolle Nachbarin zu sein. Sie hatten mehrere Kinder. Das älteste von ihnen, eine verständige, gescheite junge Frau von etwa siebenundzwanzig Jahren, war Elisabeths vertraute Freundin.

Daß die Miss Lucases und die Miss Bennets sich trafen, um über einen Ball zu sprechen, war durchaus nötig; und der Morgen nach der Assemblee führte die ersteren nach Longbourn, um zu hören und mitzuteilen.

„Sie haben den Abend gut angefangen, Charlotte,“ sagte Mrs. Bennet mit höflicher Selbstbeherrschung zu Miss Lucas. „Sie waren Mr. Bingleys erste Wahl.”

„Ja; aber seine zweite schien ihm besser zu gefallen.”

„Oh, Sie meinen Jane, denke ich, weil er zweimal mit ihr tanzte. Freilich schien es, als ob er sie bewundere — ja, ich glaube fast, er tat es — ich hörte etwas davon — aber ich weiß kaum was — etwas von Mr. Robinson.”

„Vielleicht meinen Sie, was ich zwischen ihm und Mr. Robinson belauschte: habe ich Ihnen nicht davon erzählt? Mr. Robinson fragte ihn, wie ihm unsere Meryton-Assembleen gefielen, und ob er nicht meine, daß eine große Menge hübscher Frauen im Saale sei, und welche er für die hübscheste halte? und er antwortete sogleich auf die letzte Frage: ‚Oh, die älteste Miss Bennet, ohne Zweifel: darüber kann es nicht zwei Meinungen geben.’”

„Wahrhaftig! Nun, das war sehr entschieden, in der Tat — das sieht freilich so aus, als ob — aber, beiläufig, es kann alles zu nichts werden, wissen Sie.”

„Mein Belauschen war zweckdienlicher als das deine, Eliza,“ sagte Charlotte. „Mr. Darcy ist nicht so wert, angehört zu werden, wie sein Freund, nicht wahr? Arme Eliza! nur leidlich zu sein.”

„Ich bitte Euch, es Lizzy nicht in den Kopf setzen, sich über seine schlechte Behandlung zu ärgern, denn er ist ein so widerwärtiger Mensch, daß es ein wahres Unglück wäre, von ihm beachtet zu werden. Mrs. Long sagte mir gestern abend, er habe eine halbe Stunde neben ihr gesessen, ohne auch nur ein einziges Mal den Mund aufzutun.”

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„Sind Sie ganz sicher, Ma’am? Ist da nicht ein kleiner Irrtum?“ sagte Jane. „Ich sah gewiß Mr. Darcy mit ihr sprechen.”

„Ja, weil sie ihn zuletzt fragte, wie ihm Netherfield gefalle, und er nicht umhin konnte, ihr zu antworten; aber sie sagte, er schien sehr aufgebracht darüber, daß man ihn anredete.”

„Miss Bingley hat mir gesagt,“ sprach Jane, „daß er nie viel spricht, außer mit seinen vertrauten Bekannten. Mit denen ist er merkwürdig angenehm.”

„Ich glaube kein Wort davon, meine Liebe. Wenn er wirklich so angenehm wäre, hätte er mit Mrs. Long gesprochen. Aber ich kann mir denken, wie es zugegangen ist; jedermann sagt, er sei vor Hochmut ganz krank, und ich wette, er hat auf irgendeine Weise gehört, daß Mrs. Long keinen Wagen hält und in einer Mietkutsche zum Ball kommen mußte.”

„Es kümmert mich nicht, daß er nicht mit Mrs. Long sprach,“ sagte Miss Lucas, „aber ich wünschte, er hätte mit Eliza getanzt.”

„Ein andermal, Lizzy,“ sagte ihre Mutter, „würde ich an deiner Stelle nicht mit ihm tanzen.”

„Ich glaube, Ma’am, ich kann Ihnen getrost versprechen, nie mit ihm zu tanzen.”

„Sein Hochmut,“ sagte Miss Lucas, „beleidigt mich nicht so sehr, wie Hochmut es oft tut, weil er eine Entschuldigung hat. Man kann sich nicht wundern, daß ein so überaus schöner junger Mann, mit Familie, Vermögen, mit allem, was für ihn spricht, viel von sich hält. Wenn ich es so ausdrücken darf, er hat ein Recht, stolz zu sein.”

„Das ist sehr wahr,“ erwiderte Elizabeth, „und ich könnte seinen Hochmut leicht verzeihen, wenn er nicht den meinen gekränkt hätte.”

„Hochmut,“ bemerkte Mary, die sich auf die Gründlichkeit ihrer Betrachtungen etwas zugute tat, „ist ein sehr häufiger Fehler, wie ich glaube. Nach allem, was ich je gelesen habe, bin ich überzeugt, daß er wirklich sehr häufig ist; daß die menschliche Natur besonders dazu neigt, und daß es wenige unter uns gibt, die nicht ein gewisses Gefühl der Selbstzufriedenheit hegen wegen irgendeiner Eigenschaft, wirklicher oder eingebildeter. Eitelkeit und Hochmut sind verschiedene Dinge, obwohl die Worte oft gleichbedeutend gebraucht werden. Man kann stolz sein, ohne eitel zu sein. Hochmut bezieht sich mehr auf unsere Meinung von uns selbst; Eitelkeit auf das, was wir von anderen über uns gedacht haben möchten.”

„Wenn ich so reich wäre wie Mr. Darcy,“ rief ein junger Lucas, der mit seinen Schwestern gekommen war, „würde ich mir nichts daraus machen, wie stolz ich wäre. Ich wollte mir eine Meute Füchse halten und täglich eine Flasche Wein trinken.”

„Dann würdest du viel mehr trinken, als du solltest,“ sagte Mrs. Bennet; „und wenn ich dich dabei ertappte, wollte ich dir sogleich die Flasche wegnehmen.”

Der Knabe beteuerte, sie solle nicht; sie fuhr fort zu erklären, sie wolle es; und der Streit endete erst mit dem Besuche.

SECHSTES KAPITEL.

Die Damen von Longbourn statteten bald denen von Netherfield ihren Besuch ab. Der Besuch wurde in gehöriger Form erwidert. Miss Bennets gefälliges Wesen gewann Mrs. Hurst und Miss Bingley immer mehr zugethan; und obgleich man die Mutter unleidlich und die jüngeren Schwestern nicht der Rede werth fand, so wurde doch gegen die beiden ältesten der Wunsch ausgesprochen, sich näher mit ihnen zu bekanntschaften. Von Jane wurde diese Aufmerksamkeit mit dem größten Vergnügen aufgenommen; Elizabeth aber bemerkte noch immer eine Geringschätzigkeit in ihrem Betragen gegen jedermann, beinahe sogar ihre Schwester nicht ausgenommen, und konnte sie nicht leiden; obgleich ihre Güte gegen Jane, so wie sie war, einigen Werth hatte, da sie wahrscheinlich aus dem Einflusse der Bewunderung ihres Bruders entsprang. So oft sie sich begegneten, war es im Allgemeinen sichtbar, daß er sie bewunderte; und für sie war es eben so augenfällig, daß Jane der Zuneigung nachgab, die sie von Anfang an für ihn gefaßt hatte, und auf dem Wege war, sich sehr zu verlieben; aber sie erwog mit Vergnügen, daß dieses von der Welt im Allgemeinen schwerlich bemerkt werden würde, da Jane bei großer Stärke des Gefühls eine Gemüthsfassung und eine gleichförmige Heiterkeit der Laune vereinigte, welche sie vor den Vermuthungen der Zudringlichen schützen würden. Sie erwähnte dieses gegen ihre Freundin, Miss Lucas.

„Es mag vielleicht angenehm sein,“ erwiderte Charlotte, „die Welt in einem solchen Falle täuschen zu können; aber es ist bisweilen ein Nachtheil, so übermäßig auf seiner Hut zu sein. Wenn eine Frau ihre Zuneigung mit gleicher Geschicklichkeit vor dem Gegenstande derselben verbirgt, so kann sie die Gelegenheit, ihn zu fesseln, verlieren; und es wird dann ein schlechter Trost seyn, zu glauben, daß die Welt gleichmäßig im Dunkeln ist. Es liegt so viel Dankbarkeit oder Eitelkeit in fast jeder Neigung, daß man keine sich selbst überlassen darf. Wir können alle frei beginnen – eine geringe Vorliebe ist natürlich genug; aber es gibt nur sehr wenige unter uns, die Herz genug haben, ohne Aufmunterung wirklich zu verliebt zu werden. In neun Fällen von zehn thut eine Frau wohl daran, mehr Zuneigung zu zeigen, als sie empfindet. Bingley hat deine Schwester ohne Zweifel lieb; aber er wird vielleicht nie weiter gehen, als sie zu lieben, wenn sie ihm nicht forthilft“

„Aber sie hilft ihm ja fort, so viel ihre Natur es verstattet. Wenn ich ihre Vorliebe für ihn bemerken kann, so muß er ein Einfaltspinsel seyn, wenn er sie nicht auch entdeckte“

„Bedenke, Eliza, daß er Janes Gemüth nicht so kennt, wie du es kennst“

„Wenn aber ein Frauenzimmer für einen Mann eingenommen ist und sich nicht Mühe gibt, es zu verbergen, so muß er es herausfinden“

„Vielleicht muß er es, wenn er sie nur genug sieht. Obgleich aber Bingley und Jane ziemlich oft zusammenkommen, so geschieht es doch nie auf viele Stunden nach einander; und da sie sich immer in großen gemischten Gesellschaften sehen, so ist es unmöglich, daß jeder Augenblick im Gespräch mit einander zugebracht würde. Jane muß daher aus jeder halben Stunde, in welcher sie seine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen kann, den möglichsten Vortheil ziehen. Wenn sie seiner einmal sicher ist, dann wird es Muße geben, sich so sehr zu verlieben als sie will“

„Dein Plan ist ein guter,“ erwiderte Elizabeth, „wo nichts in Frage steht, als der Wunsch, gut verheirathet zu werden; und wenn ich entschlossen wäre, einen reichen Mann, oder irgend einen Mann zu bekommen, ich getraue mir, ich würde ihn annehmen. Aber das sind nicht Janes Gefühle; sie handelt nicht nach einem Plane. Bis jetzt kann sie selbst über den Grad ihrer eigenen Zuneigung, und über deren Vernünftigkeit nicht einmal gewiß seyn. Sie kennt ihn erst vierzehn Tage. Sie hat vier Tänze mit ihm zu Meryton getanzt; sie hat ihn eines Morgens in seinem eigenen Hause gesehen und ist seitdem vier Mal in Gesellschaft mit ihm zu Mittag gespeist. Das ist noch nicht ganz hinreichend, sie seinen Charakter verstehen zu lassen“

„So wie du es darstellst, nicht. Hätte sie bloß mit ihm gespeist, so hätte sie vielleicht nur entdecken können, ob er einen guten Appetit hat; du mußt aber bedenken, daß sie auch vier Abende zusammen zugebracht haben – und vier Abende können viel thun“

„Ja: diese vier Abende haben sie in Stand gesetzt, zu erforschen, daß sie beide Vingt-un besser lieben als Commerce; aber in Betreff irgend eines anderen leitenden Charakterzuges denke ich nicht, daß viel enthüllt worden ist“

„Nun,“ sagte Charlotte, „ich wünsche Jane von Herzen Glück; und wenn sie morgen mit ihm verheirathet würde, so sollte ich denken, sie habe eine eben so gute Aussicht auf Glück, als wenn sie ein ganzes Jahr seinen Charakter studirte. Das Glück in der Ehe ist ganz und gar Sache des Zufalls. Wenn die Gemüthsarten der Personen noch so wohl gegen einander bekannt, oder noch so ähnlich vorher sind, so fördert es ihr Glück nicht im Geringsten. Sie werden immer hinreichend unähnlich nachher, um ihren gehörigen Antheil an Verdruß zu haben; und es ist besser, von den Fehlern der Person, mit der man sein Leben zubringen soll, so wenig als möglich zu kennen“

„Du machst mich lachen, Charlotte; aber es ist nicht richtig. Du weißt, es ist nicht richtig, und daß du selbst nie auf diese Weise handeln würdest“

Mit der Beobachtung von Mr. Bingleys Aufmerksamkeit auf ihre Schwester beschäftigt, hatte Elizabeth keine Ahnung, daß sie selbst in den Augen seines Freundes der Gegenstand einiger Aufmerksamkeit zu werden anfieng. Mr. Darcy hatte sie anfangs kaum hübsch finden wollen: er hatte sie auf dem Balle ohne Bewunderung angesehen; und als sie das nächstemal zusammentrafen, betrachtete er sie nur, um zu tadeln. Kaum hatte er es aber vor sich und seinen Freunden klar gemacht, daß sie kaum ein gutes Züge in ihrem Gesichte habe, so fieng er an zu finden, daß es durch den schönen Ausdruck ihrer dunklen Augen ungewöhnlich geistreich gemacht wurde. Auf diese Entdeckung folgten noch mehrere andere gleich demüthigende. Obgleich er mit kritischem Auge mehr als Einen Mangel an vollkommner Symmetrie in ihrer Gestalt entdeckt hatte, so mußte er doch eingestehen, daß ihre Figur leicht und gefällig sey; und ungeachtet er behauptete, daß ihre Manieren nicht die der feinen Welt wären, wurde er doch von ihrer ungezwungenen Munterkeit gefesselt. Hiervon hatte sie keine Ahnung: für sie war er nur der Mann, der nirgends gefällig zu seyn sich die Mühe gab, und der sie nicht hübsch genug gehalten hatte, um mit ihr zu tanzen.

Er fieng an, sie näher kennen zu lernen zu wünschen; und als einen Schritt zur Unterhaltung mit ihr selbst, achtete er auf ihre Gespräche mit Andern. Sein Betragen erregte ihre Aufmerksamkeit. Es war bei Sir William Lucas, wo eine große Gesellschaft versammelt war.

„Was meint Mr. Darcy,“ sagte sie zu Charlotte, „dadurch, daß er auf mein Gespräch mit Oberst Forster hört?“

„Das ist eine Frage, die nur Mr. Darcy beantworten kann“

„Wenn er es aber noch einmal thut, will ich ihm gewiß zu verstehen geben, daß ich sehe, was er vorhat. Er hat ein sehr satyrisches Auge, und wenn ich nicht den Anfang mache, selbst unverschämt zu seyn, werde ich bald Furcht vor ihm bekommen“

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Als er sich bald nachher ihnen näherte, obgleich ohne ein Merkmal, daß er zu sprechen Willens sey, forderte Miss Lucas ihre Freundin auf, einen solchen Gegenstand bei ihm zur Sprache zu bringen, und da dies Elizabeth sogleich reizte es zu thun, wandte sie sich zu ihm und sagte:

„Fanden Sie nicht, Mr. Darcy, daß ich mich vorhin ungewöhnlich gut ausdrückte, als ich Oberst Forster neckte, uns einen Ball in Meryton zu geben?“

„Mit großer Energie; aber es ist ein Gegenstand, der ein Frauenzimmer immer energisch macht“

„Sie sind strenge über uns“

„Jetzt wird bald die Reihe an ihr sein, geneckt zu werden,“ sagte Miss Lucas. „Ich will das Instrument aufmachen, Eliza, und du weißt was folgt“

„Du bist ein sehr sonderbares Geschöpf, einer Freundin wegen! – immer willst du, daß ich vor Jedermann spielen und singen soll! Wenn meine Eitelkeit sich aufs Musikalische gelegt hätte, würdest du mir unschätzbar gewesen sein; so aber möchte ich wirklich mich lieber nicht vor Denen hinsetzen, die gewohnt sind, die Allerbesten zu hören.“ Da indessen Miss Lucas in ihren Bitten fortfuhr, setzte sie hinzu: „Nun wohl; wenn es seyn muß, so muß es seyn.“ Und mit ernstem Blick auf Mr. Darcy: „Es gibt ein sehr schönes altes Sprichwort, das hier natürlich Jedermann kennt – ‚Behalt deinen Athem, um deinen Brei abzukühlen‘ – und ich will den meinigen dazu behalten, um mein Lied anzuschwellen“

Ihr Vortrag war gefällig, obgleich keinesweges vorzüglich. Nach einem oder zwei Liedern, und ehe sie den Bitten mehrerer, noch einmal zu singen, nachgeben konnte, wurde sie von ihrer Schwester Mary eifrig am Instrumente abgelöst, die in Folge davon, daß sie die einzige unschöne in der Familie war, eifrig auf Kenntnisse und Fertigkeiten hingearbeitet hatte und immer ungeduldig war, sich hören zu lassen.

Mary hatte weder Genie noch Geschmack; und obgleich die Eitelkeit ihr Fleiß eingeflößt hatte, so hatte sie ihr doch auch eine pedantische Miene und ein geziertes Benehmen gegeben, die einen höheren Grad von Vollkommenheit, als den sie erreicht hatte, verdorben haben würden. Elizabeth, leicht und ungezwungen, war mit viel mehr Vergnügen zugehört worden, obgleich sie nicht halb so gut spielte; und Mary war nach dem Ende eines langen Concerts froh, Lob und Dankbarkeit durch schottische und irische Lieder zu erkaufen, auf das Verlangen ihrer jüngeren Schwestern, welche mit einigen Lucases und zwei oder drei Offizieren sich eifrig in das Tanzen am einen Ende des Zimmers stürzten.

Mr. Darcy stand in der Nähe, in stillem Unwillen über eine solche Art, den Abend zuzubringen mit Ausschließung alles Gespräches, und war zu sehr in seine eigenen Gedanken vertieft, um zu bemerken, daß Sir William Lucas sein Nachbar war, bis Sir William also anfieng:

„Welch eine reizende Unterhaltung für junge Leute ist dieses, Mr. Darcy! Es gibt doch nichts dem Tanzen gleich. Ich betrachte es als eine der ersten Verfeinerungen der gebildeten Gesellschaften“

„Gewiß, Sir; und es hat auch das voraus, unter den weniger gebildeten Gesellschaften der Welt in der Mode zu seyn: jeder Wilde kann tanzen“

Sir William lächelte nur. „Ihr Freund spielt vortrefflich,“ fuhr er nach einer Pause fort, als er Bingley zu der Gesellschaft treten sah, „und ich zweifle nicht, daß Sie gleichfalls in der Wissenschaft bewandert sind, Mr. Darcy“

„Sie sahen mich in Meryton tanzen, ich glaube, Sir“

„Ja, und hatten nicht geringes Vergnügen bei dem Anblick. Tanzen Sie oft in St. James?“

„Niemals, Sir“

„Halten Sie es nicht für eine schuldige Rücksicht gegen den Ort?“

„Es ist eine Rücksicht, die ich keinem Orte je erweise, wenn ich es vermeiden kann“

„Sie haben ein Haus in der Stadt, vermuthe ich“

Mr. Darcy verbeugte sich.

„Ich hatte auch einmal Gedanken, mich in der Stadt niederzulassen, denn ich bin für feinere Gesellschaft eingenommen; aber ich fühlte mich nicht ganz sicher, ob die Luft von London Lady Lucas zusagen würde“

Er wartete auf eine Antwort; aber sein Gefährte war nicht geneigt, eine zu geben; und da Elizabeth in dem Augenblicke sich gegen sie bewegte, kam ihm plötzlich der Gedanke, eine sehr galante That zu thun, und rief ihr zu:

„Meine liebe Miss Eliza, warum tanzen Sie nicht? Mr. Darcy, Sie müssen mir erlauben, Ihnen diese junge Dame als eine sehr wünschenswerthe Tanzerin vorzustellen. Sie können doch nicht die Einladung ausschlagen, dessen bin ich sicher, wo solche Schönheit Ihnen gegenüber steht.“ Und ihre Hand ergreifend, wollte er sie Mr. Darcy übergeben, der, obgleich sehr überrascht, nicht ungeneigt war, sie anzunehmen, als sie sogleich die Hand zurückzog und mit einiger Verlegenheit zu Sir William sagte:

„In der That, Sir, ich habe nicht die geringste Lust zu tanzen. Ich bitte Sie, nicht zu glauben, ich hätte mich auf diesen Weg begeben, um einen Tanzpartner zu erbitten“

Mr. Darcy forderte mit ernster Förmlichkeit die Ehre ihrer Hand, aber vergeblich. Elizabeth war entschlossen; auch machte Sir Williams Versuch, sie zu überreden, gar keinen Eindruck auf ihren Entschluß.

„Sie zeichnen sich im Tanze so sehr aus, Miss Eliza, daß es grausam sein würde, mir das Glück, Sie tanzen zu sehen, zu versagen; und obgleich dieser Herr das Vergnügen im Allgemeinen nicht liebt, so kann er doch, dessen bin ich sicher, keinen Anstand nehmen, uns für eine halbe Stunde zu Gefallen zu seyn“

„Mr. Darcy ist ganz Höflichkeit,“ sagte Elizabeth lächelnd.

„Er ist es allerdings; aber bei einer solchen Aufmunterung, meine liebe Miss Eliza, können wir uns über sein Entgegenkommen nicht wundern; denn wer könnte sich einer solchen Tanzerin entgegenstellen?“

Elizabeth sah schalkhaft aus und wandte sich ab. Ihr Widerstand hatte sie nicht bei dem Herrn in Ungunst gesetzt, und er dachte mit einigem Wohlgefallen an sie, als er also von Miss Bingley angeredet wurde:

„Ich kann mir den Gegenstand Ihrer Träumerei denken“

„Ich denke kaum“

„Sie erwägen, wie unerträglich es sein würde, viele Abende so zuzubringen – in solcher Gesellschaft; und ich bin in der That ganz Ihrer Meinung. Ich war nie mehr gelangweilt! Die Fadheit, und doch das Geräusch – die Nichtigkeit, und doch die Wichtigkeit von allen diesen Leuten! Was gäbe ich darum, Ihre strengen Bemerkungen über sie zu hören“

„Ihre Vermuthung ist ganz und gar falsch, das versichere ich Sie. Mein Geist war angenehmer beschäftigt. Ich habe über das sehr große Vergnügen nachgedacht, welches ein Paar schöner Augen im Gesichte einer hübschen Frau gewähren können“

Miss Bingley heftete sogleich ihre Augen auf sein Gesicht, und bat ihn, ihr zu sagen, welche Dame das Glück habe, solche Gedanken einzuflößen. Mr. Darcy erwiderte mit großer Unerschrockenheit:

„Miss Elizabeth Bennet“

„Miss Elizabeth Bennet,“ wiederholte Miss Bingley. „Ich bin ganz außer mir. Wie lange ist sie schon eine solche Favoritin? und wann darf ich Ihnen Glück wünschen?“

„Das ist gerade die Frage, die ich von Ihnen erwartete. Die Phantasie einer Dame ist sehr schnell; sie springt von der Bewunderung zur Liebe, von der Liebe zur Heirath in einem Augenblick. Ich wußte, Sie würden mir Glück wünschen“

„Nun, wenn Sie es so ernstlich meinen, so werde ich die Sache als völlig abgemacht betrachten. Sie werden eine vortreffliche Schwiegermutter bekommen, und natürlich wird sie immer in Pemberley bei Ihnen seyn“

Er hörte ihr mit vollkommener Gleichgültigkeit zu, während sie sich auf diese Weise zu unterhalten beliebte; und da seine Fassung sie überzeugte, daß Alles sicher war, floß ihr Witz weiter.

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SIEBENTES KAPITEL.

Mr. Bennets Vermögen bestand fast ganz in einem Gute von zweitausend Pfund jährlicher Einkünfte, welches leider zu Gunsten eines entfernten Verwandten auf seine Töchter nicht vererbt werden konnte, in Ermanglung männlicher Erben; und das Vermögen ihrer Mutter, obgleich für ihre Lebensverhältnisse hinreichend, konnte den Mangel nur schlecht ersetzen. Ihr Vater war ein Rechtsanwalt in Meryton gewesen und hatte ihr viertausend Pfund hinterlassen.

Sie hatte eine Schwester, an einen Mr. Philips verheirathet, der ihrem Vater als Schreiber gedient und ihn im Geschäfte nachgefolgt war, und einen Bruder, der sich in London in einer achtbaren Handelsbranche niedergelassen hatte.

Das Dorf Longbourn lag nur eine Meile von Meryton; eine überaus bequeme Entfernung für die jungen Damen, die gewöhnlich drei- oder viermal in der Woche dahin gelockt wurden, um ihrer Tante ihre Aufwartung zu machen und einen Modewaarenladen gerade gegenüber zu besuchen. Die beiden jüngsten der Familie, Catherine und Lydia, waren besonders häufig in diesen Aufmerksamkeiten: ihre Köpfe waren noch leerer als die ihrer Schwestern, und wenn sich nichts Besseres darbot, war ein Spaziergang nach Meryton nothwendig, um ihre Morgenstunden zu unterhalten und für den Abend Gesprächsstoff zu liefern; und mochte auch das Land überhaupt noch so arm an Neuigkeiten sein, so wußten sie doch immer welche von ihrer Tante zu erfahren. Gegenwärtig freilich wurden sie reichlich sowohl mit Neuigkeiten als mit Vergnügen versehen durch die unlängst erfolgte Ankunft eines Milizregiments in der Nachbarschaft; es blieb den ganzen Winter über, und Meryton war das Hauptquartier.

Ihre Besuche bei Mrs. Philips brachten jetzt die interessantesten Nachrichten ein. Jeder Tag vermehrte ihre Kenntniß von den Namen und Verbindungen der Offiziere. Ihre Wohnungen blieben nicht lange ein Geheimniß, und endlich fiengen sie an, die Offiziere selbst kennen zu lernen. Mr. Philips besuchte sie alle, und dies eröffnete seinen Nichten eine Quelle des Glückes, die sie vorher nicht gekannt hatten. Sie konnten von nichts Anderem als von Offizieren sprechen; und Mr. Bingleys großes Vermögen, dessen Erwähnung ihrer Mutter Leben gab, war in ihren Augen werthlos, wenn es gegen die Uniform eines Fähnrichs aufgewogen werden sollte.

Nachdem er eines Morgens ihren Ergüssen über diesen Gegenstand zugehört hatte, bemerkte Mr. Bennet kalt:

„Nach Allem, was ich aus eurer Art zu reden abnehmen kann, müßt ihr zwei der albernsten Mädchen im Lande sein. Ich habe es schon eine Zeitlang vermuthet, jetzt aber bin ich überzeugt“

Catherine war betroffen und gab keine Antwort; Lydia aber fuhr mit vollkommener Gleichgültigkeit fort, ihre Bewunderung über Hauptmann Carter auszudrücken und ihre Hoffnung, ihn im Laufe des Tages zu sehen, da er den folgenden Morgen nach London gehe.

„Es setzt mich in Erstaunen, mein Lieber,“ sagte Mrs. Bennet, „daß du so bereit sein solltest, deine eigenen Kinder für albern zu halten. Wenn ich von irgend Jemandes Kindern gering denken wollte, so sollte es nicht von den meinigen seyn, gleichviel“

„Wenn meine Kinder albern sind, so muß ich hoffen, mir dessen immer bewußt zu bleiben“

„Ja; aber wie sich der Fall trifft, sind sie alle sehr klug“

„Das ist der einzige Punkt, worin wir, ich schmeichle mir, nicht einerlei Meinung sind. Ich hatte gehofft, unsere Gesinnungen stimmten in jedem Stücke überein, aber ich muß, was die beiden jüngsten Töchter betrifft, so weit von dir abweichen, daß ich sie ungewöhnlich thöricht finde“

„Mein lieber Mr. Bennet, du darfst nicht erwarten, daß solche Mädchen den Verstand ihres Vaters und ihrer Mutter haben. Wenn sie unser Alter erreichen, werden sie, ich getraue mir zu sagen, eben so wenig mehr an die Offiziere denken, als wir. Ich erinnere mich der Zeit, wo ich selbst einen rothen Rock recht gern mochte – und in der That, ich thue es noch jetzt im Herzen; und wenn ein hübscher junger Oberst mit fünf- bis sechstausend Pfund jährlich, eine von meinen Mädchen wollte, ich würde ihm nicht absagen; und ich dachte, Oberst Forster sah neulich Abends bei Sir William sehr gut aus in seiner Uniform“

„Mama,“ rief Lydia, „meine Tante sagt, daß Oberst Forster und Hauptmann Carter nicht mehr so oft zu Miß Watson gehen, als sie es im Anfange thaten; sie sieht sie jetzt sehr oft in Clarkes Bibliothek stehen“

Mrs. Bennet wurde an der Antwort durch die Ankunft des Bedienten mit einem Billet für Miß Bennet verhindert; es kam von Netherfield, und der Diener wartete auf eine Antwort. Mrs. Bennets Augen funkelten vor Vergnügen, und sie rief eifrig, während ihre Tochter las:

„Nun, Jane, von wem ist es? Was giebt es? Was sagt er? Nun, Jane, mache geschwind und sage uns; mache geschwind, meine Liebe“

„Es ist von Miß Bingley,“ sagte Jane und las es laut:

„Meine liebste Freundin,

Wenn du nicht so mitleidig bist, heute mit Louisa und mir zu speisen, so laufen wir Gefahr, uns für den Rest unseres Lebens zu hassen; denn ein ganzes tête-à-tête zwischen zwei Frauen kann nie ohne einen Zank endigen. Komm so bald du kannst nach Empfang dieses. Mein Bruder und die Herren speisen bei den Offizieren. Stets die Deinige,

Caroline Bingley“

„Bei den Offizieren,“ rief Lydia: „es wundert mich, daß meine Tante uns nichts davon sagte“

„Auswärts speisen,“ sagte Mrs. Bennet; „das ist sehr unglücklich“

„Kann ich den Wagen haben,“ sagte Jane.

„Nein, meine Liebe, du thust besser zu reiten, weil es wahrscheinlich Regen giebt; und dann mußt du die Nacht über bleiben“

„Das wäre ein guter Anschlag,“ sagte Elizabeth, „wenn du sicher wärest, daß sie nicht anbieten würden, sie nach Hause zu schicken“

„O, aber die Herren werden Mr. Bingleys Chaise haben, um nach Meryton zu fahren; und die Hurst haben keine Pferde zu der Ihrigen“

„Ich möchte viel lieber in der Kutsche fahren“

„Aber, meine Liebe, dein Vater kann die Pferde unmöglich entbehren, dessen bin ich sicher. Sie werden auf dem Gute gebraucht, Mr. Bennet, nicht wahr?“

„Sie werden viel öfter auf dem Gute gebraucht, als ich sie bekommen kann“

„Wenn du sie aber heute hast,“ sagte Elizabeth, „so wird der Zweck meiner Mutter erreicht seyn“

Sie ertrotzte endlich von ihrem Vater ein Geständniß, daß die Pferde wirklich gebraucht würden; Jane war daher genöthigt, zu Pferde zu gehen, und ihre Mutter begleitete sie mit vielen heitern Vorbedeutungen eines schlimmen Tages bis an die Thüre. Ihre Hoffnungen erfüllten sich; Jane war nicht lange fort, so fieng es heftig zu regnen an. Ihre Schwestern waren um sie besorgt, aber ihre Mutter war entzückt. Der Regen dauerte den ganzen Abend ohne Unterbrechung; Jane konnte gewiß nicht zurückkommen.

„Das war ein glücklicher Einfall von mir, in der That,“ sagte Mrs. Bennet mehr als einmal, als ob das Verdienst, Regen zu machen, ganz das ihrige wäre. Bis zum folgenden Morgen indessen war sie nicht aller Glückseligkeit ihrer Erfindung sich bewußt. Das Frühstück war kaum vorüber, als ein Diener von Netherfield folgendes Billet an Elizabeth brachte:

„Meine theuerste Lizzie,

„Meine theuerste Lizzie,

„Ich befinde mich heute Morgen sehr unwohl, was, wie ich vermuthe, dem Umstande zuzuschreiben ist, daß ich gestern durchnäßt worden bin. Meine gütigen Freunde wollen durchaus nicht hören, daß ich zurückkehre, bis ich besser bin. Sie bestehen auch darauf, daß ich Mr. Jones sehe — daher erschrick nicht, wenn Du hören solltest, daß er bei mir gewesen ist — und, einen rauhen Hals und Kopfweh ausgenommen, fehlt mir nicht viel.

„Deine u. s. w."

„Nun, meine Liebe," sagte Mr. Bennet, als Elizabeth den Brief vorgelesen hatte, „wenn Deine Tochter einen gefährlichen Krankheitsanfall bekommen sollte — wenn sie sterben sollte, so wäre es ein Trost zu wissen, daß es Alles in Verfolgung des Mr. Bingley und auf Deinen Befehl geschähe."

„Oh, ich fürchte durchaus nicht, daß sie stirbt. An kleinen unbedeutenden Erkältungen stirbt man nicht. Man wird sie gut pflegen. So lange sie dort bleibt, ist es Alles sehr gut. Ich würde gehen und sie besuchen, wenn ich die Kutsche haben könnte."

Elizabeth, wirklich in Sorge, beschloß zu ihr zu gehen, obgleich die Kutsche nicht zu haben war: und da sie keine gute Reiterin war, so blieb ihr nur das Gehen übrig. Sie erklärte ihren Entschluß.

„Wie kannst Du so thöricht sein," rief ihre Mutter, „so etwas in allem diesem Schmutze zu denken! Du wirst nicht präsentabel sein, wenn Du dort ankommst."

„Ich werde vollkommen präsentabel sein, Jane zu sehen — das ist Alles, was ich verlange."

„Ist das ein Wink an mich, Lizzy," sagte ihr Vater, „nach den Pferden zu schicken?"

„Nein, wahrhaftig nicht. Ich wünsche nicht, den Gang zu vermeiden. Die Entfernung ist nichts, wenn man einen Beweggrund hat; nur drei Meilen. Ich werde vor dem Mittagessen wieder zurück sein."

„Ich bewundere die Thätigkeit Deiner Mildthätigkeit," bemerkte Mary; „aber jeder Gefühlsantrieb sollte durch Vernunft geleitet werden, und, meiner Meinung nach, sollte die Anstrengung immer im Verhältniß zu dem stehen, was erfordert wird."

„Wir wollen Dich bis Meryton begleiten," sagten Catherine und Lydia. Elizabeth nahm ihre Gesellschaft an, und die drei jungen Damen gingen zusammen fort.

„Wenn wir uns beeilen," sagte Lydia, indem sie fortgingen, „so können wir vielleicht noch etwas von Capitain Carter sehen, ehe er fortgeht."

In Meryton trennten sie sich: die beiden jüngsten begaben sich nach der Wohnung einer der Offiziersfrauen, und Elizabeth setzte ihren Weg allein fort, sprang mit schnellen Schritten über Feld auf Feld, setzte über Planken und sprang über Pfützen, mit ungeduldiger Eile, und sah sich endlich mit müden Knöcheln, schmutzigen Strümpfen und einem von der Wärme der Bewegung glühenden Gesichte, in Sicht des Hauses.

Man führte sie in das Frühstückszimmer, wo alle bis auf Jane versammelt waren, und wo ihr Erscheinen großes Erstaunen erregte. Daß sie drei Meilen in so früher Tagesstunde bei solchem schmutzigen Wetter und allein gegangen sein sollte, war Mrs. Hurst und Miß Bingley fast unglaublich, und Elizabeth überzeugte sich, daß sie sie deshalb verachteten. Man empfing sie indessen sehr höflich; und in der Manier ihres Bruders lag etwas Besseres als bloße Höflichkeit — es lag gute Laune und Güte darin. Mr. Darcy sagte sehr wenig, Mr. Hurst gar nichts. Der Erstere theilte sich zwischen Bewunderung der Lebhaftigkeit, welche die Bewegung ihrer Gesichtsfarbe mitgetheilt hatte, und der Frage, ob der Anlaß wirklich rechtfertigte, daß sie so weit allein gekommen wäre. Der Letztere dachte nur an sein Frühstück.

Ihre Erkundigungen nach ihrer Schwester wurden nicht sehr günstig beantwortet. Miß Bennet hatte schlecht geschlafen und obgleich auf, war sehr fieberisch und nicht wohl genug, ihr Zimmer zu verlassen. Elizabeth war froh, sogleich zu ihr geführt zu werden; und Jane, die nur durch die Furcht, Schrecken oder Unbequemlichkeit zu verursachen, in ihrem Briefe zurückgehalten worden war, auszudrücken, wie sehr sie nach einem solchen Besuche verlangte, war entzückt über ihre Ankunft. Sie war indessen zu keiner langen Unterhaltung aufgelegt; und als Miß Bingley sie allein ließ, konnte sie sich nur in Ausdrücken des Dankes für die außerordentliche Güte versuchen, mit der man sie behandelte. Elizabeth wartete ihr schweigend auf.

Als das Frühstück vorüber war, gesellten sich die Schwestern zu ihnen; und Elizabeth fing an, sie selbst lieb zu gewinnen, als sie sah, wie viel Zuneigung und Sorgfalt sie für Jane zeigten. Der Apotheker kam; und nachdem er seine Kranke untersucht hatte, sagte er, wie vorauszusetzen war, daß sie sich eine heftige Erkältung zugezogen habe und daß sie suchen müßten, sie los zu werden; er rieth ihr, sich wieder zu Bette zu legen und versprach ihr einige Arzeneien. Man befolgte den Rath sogleich, denn die Fiebersymptome nahmen zu, und ihr Kopf schmerzte heftig. Elizabeth verließ ihr Zimmer keinen Augenblick, und auch die anderen Damen waren selten abwesend; da die Herren aus waren, hatten sie in der That nichts anderes zu thun.

Als die Uhr drei schlug, fühlte Elizabeth, daß sie gehen müsse, und sagte es sehr ungern. Miß Bingley bot ihr die Kutsche an, und sie bedurfte nur eines kleinen Drängens, sie anzunehmen, als Jane ein solches Bedauern beim Abschiede von ihr äußerte, daß Miß Bingley sich genöthigt sah, ihr Anerbieten der Chaise in eine Einladung zu verwandeln, für jetzt in Netherfield zu bleiben. Elizabeth nahm mit dem größten Danke an, und ein Bedienter wurde nach Longbourn geschickt, um die Familie von ihrem Bleiben zu unterrichten und einen Vorrath von Kleidern zurückzubringen.

Achtes Capitel.

Um fünf Uhr zogen sich die beiden Damen zur Toilette zurück, und um halb sechs wurde Elizabeth zum Mittagessen gerufen. Auf die höflichen Erkundigungen, die dann auf sie einströmten, und worunter sie das Vergnügen hatte, die weit überlegene Sorgfalt Mr. Bingleys zu unterscheiden, konnte sie keine sehr günstige Antwort geben. Jane war keinesweges besser. Die Schwestern wiederholten bei dieser Nachricht drei- oder viermal, wie sehr sie beträbt seien, wie schrecklich es sei, eine schlimme Erkältung zu haben, und wie unausstehlich sie selbst es fänden, krank zu sein; und dachten dann nicht weiter daran: und ihre Gleichgültigkeit gegen Jane, wenn sie nicht gerade vor ihnen war, brachte Elizabeth wieder in den vollen Genuß ihrer ursprünglichen Abneigung zurück.

Ihr Bruder war in der That der Einzige in der Gesellschaft, den sie mit einigem Wohlgefallen betrachten konnte. Seine Angst für Jane war augenscheinlich und seine Aufmerksamkeiten für sie selbst waren äußerst angenehm; und diese verhinderten sie, sich so für eine Eindringlinge zu halten, als sie es in den Augen der Uebrigen zu sein glaubte. Sie wurde von keinem weiter, als von ihm, beachtet. Miß Bingley war von Mr. Darcy vollständig in Anspruch genommen, ihre Schwester kaum weniger; und was Mr. Hurst betraf, neben dem Elizabeth saß, so war er ein träger Mann, der nur lebte, um zu essen, zu trinken und Karten zu spielen; und da er fand, daß sie ein einfaches Gericht einem Ragout vorzog, so hatte er ihr weiter nichts zu sagen.

Als das Mittagessen vorüber war, ging sie sogleich wieder zu Jane, und Miß Bingley fing an, sobald sie das Zimmer verlassen hatte, über sie zu schmähen. Ihre Manieren wurden für wirklich sehr schlecht erklärt — eine Mischung von Stolz und Unverschämtheit; sie habe keine Unterhaltung, keinen Styl, keinen Geschmack, keine Schönheit. Mrs. Hurst war derselben Meinung und fügte hinzu: —

„Sie hat mit Einem Worte nichts, was sie empfehlen könnte, als daß sie eine vortreffliche Fußgängerin ist. Ich werde nie ihr Aussehen heute Morgen vergessen. Sie sah wirklich fast wild aus."

„Wirklich, Louisa. Ich konnte mich kaum des Lachens enthalten. Sehr unvernünftig, daß sie überhaupt kam! Warum mußte sie in der ganzen Gegend herumlaufen, weil ihre Schwester eine Erkältung hatte? Ihr Haar so ungeordnet, so aufgedunsen!"

„Ja, und ihr Unterrock; ich hoffe, Du hast ihren Unterrock gesehen, sechs Zoll tief in Koth, ich bin dessen vollständig gewiß, und das Kleid, das man hatte herunterlassen müssen, um es zu verbergen, that seinen Dienst nicht."

„Dein Gemälde mag sehr treu sein, Louisa," sagte Bingley; „aber dies Alles ist an mir verloren. Ich fand, daß Miß Elizabeth Bennet sehr gut aussah, als sie heute Morgen ins Zimmer trat. Ihr schmutziger Unterrock entging meiner Beobachtung gänzlich."

„Sie haben es bemerkt, Mr. Darcy, dessen bin ich gewiß," sagte Miß Bingley; „und ich bin geneigt zu glauben, daß Sie es nicht gerne sehen würden, wenn Ihre Schwester sich so zur Schau stellte."

„Gewiß nicht."

„Drei Meilen, oder vier Meilen, oder fünf Meilen zu laufen, oder was es auch immer ist, bis über die Knöchel im Koth, und allein, ganz allein! was konnte sie damit meinen? Es scheint mir eine abscheuliche Art von eingebildeter Unabhängigkeit zu zeigen, eine fürchterliche Gleichgültigkeit gegen alles Schickliche, wie sie nur in einer Landstadt vorkommen kann."

„Es zeigt eine Zuneigung für ihre Schwester, die sehr angenehm ist," sagte Bingley.

„Ich fürchte, Mr. Darcy," bemerkte Miß Bingley mit halber Stimme, „daß dieses Abenteuer Ihre Bewunderung für ihre schönen Augen eher vermindert hat."

„Keinesweges," erwiederte er; „sie wurden durch die Bewegung leuchtender." Eine kurze Pause folgte auf diese Worte, und Mrs. Hurst begann wieder: —

„Ich hege eine außerordentliche Hochachtung für Jane Bennet — sie ist wirklich ein sehr liebenswürdiges Mädchen — und ich wünschte von ganzem Herzen, daß sie wohl versorgt wäre. Aber bei einem solchen Vater und einer solchen Mutter, und so niedrigen Verbindungen, fürchte ich, ist keine Aussicht darauf."

„Ich glaube, ich habe sagen hören, daß ihr Oheim ein Advocat in Meryton ist?"

„Ja; und sie haben noch einen andern, der irgendwo in der Nähe von Cheapside wohnt."

„Das ist vortrefflich," fügte ihre Schwester hinzu; und Beide lachten herzlich.

„Hätten sie auch so viel Oheime, daß sie ganz Cheapside anfüllten," rief Bingley, „so würden sie darum nicht um einen Haarstrich weniger liebenswürdig sein."

„Aber es muß doch ihre Aussicht, Männer von einiger Bedeutung in der Welt zu heirathen, sehr vermindern," erwiederte Darcy.

Hierauf gab Bingley keine Antwort; aber seine Schwestern ertheilten ihm ihren herzlichen Beifall und ergötzten sich noch einige Zeit auf Kosten ihrer lieben Freundin an deren gemeinen Verwandten.

Mit erneuerter Zärtlichkeit begaben sie sich jedoch, als sie das Speisezimmer verließen, in ihr Zimmer und blieben bei ihr, bis sie zum Kaffee gerufen wurden. Sie war noch immer sehr unwohl, und Elizabeth wollte sie durchaus nicht verlassen, bis spät am Abend, als sie das Vergnügen hatte, sie einschlafen zu sehen, und als es ihr eher recht als angenehm erschien, daß sie selbst hinunter gehen sollte. Als sie das Gesellschaftszimmer betrat, fand sie die ganze Gesellschaft beim Loo und wurde sogleich eingeladen, Theil daran zu nehmen; aber da sie vermuthete, daß sie hoch spielten, lehnte sie es ab und nahm ihre Schwester zum Vorwande, indem sie sagte, sie wolle sich, für die kurze Zeit, die sie unten bleiben könne, mit einem Buche unterhalten. Mr. Hurst sah sie mit Erstaunen an.

„Ziehen Sie das Lesen den Karten vor?" sagte er; „das ist einigermaßen seltsam."

„Miß Eliza Bennet," sagte Miß Bingley, „verachtet die Karten. Sie ist eine große Leserin und findet in nichts Anderem Vergnügen."

„Ich verdiene weder solchen Lob noch solchen Tadel," rief Elizabeth; „ich bin keine große Leserin, und ich finde in Manchem Vergnügen."

„Im Pflegen Ihrer Schwester, dessen bin ich gewiß, finden Sie Vergnügen," sagte Bingley; „und ich hoffe, es wird bald vermehrt werden, wenn Sie sie ganz wohl sehen."

Elizabeth dankte ihm von Herzen und wandte sich dann nach einem Tische, auf dem einige Bücher lagen. Er bot sogleich an, ihr noch andere zu holen, Alles, was seine Bibliothek darbot.

„Und ich wünschte, meine Sammlung wäre zu Ihrem Nutzen und meiner eigenen Ehre größer; aber ich bin ein träger Mensch, und obgleich ich nicht viele habe, so habe ich doch mehr, als ich jemals durchgesehen habe."

Elizabeth versicherte ihm, daß sie sich mit denen im Zimmer vollkommen behelfen könne.

„Es setzt mich in Erstaunen," sagte Miß Bingley, „daß mein Vater eine so kleine Sammlung von Büchern sollte hinterlassen haben. Welch' eine entzückende Bibliothek Sie in Pemberley haben, Mr. Darcy!"

„Sie sollte auch gut sein," erwiederte er; „sie ist das Werk vieler Geschlechter."

„Und dann haben Sie selbst so viel zu derselben hinzugefügt — Sie kaufen ja immer Bücher."

„Ich kann die Vernachlässigung einer Familien-Bibliothek in unseren Tagen nicht begreifen."

„Vernachlässigung! Ich bin gewiß, Sie vernachlässigen nichts, was zu den Schönheiten jenes edlen Ortes beitragen könnte. Charles, wenn Du Dein Haus baust, so wünsche ich, es möge halb so entzückend sein wie Pemberley."

„Das wünsche ich auch."

„Aber ich wollte Dir wirklich rathen, Deinen Ankauf in jener Gegend zu machen und Pemberley gleichsam als Muster zu nehmen. Es gibt keine schönere Grafschaft in England als Derbyshire."

„Von Herzen gern: ich will Pemberley selbst kaufen, wenn Darcy es verkaufen will."

„Ich spreche von Möglichkeiten, Charles."

„Auf mein Wort, Caroline, ich sollte es eher für möglich halten, Pemberley durch Kauf zu erhalten, als durch Nachahmung."

Elizabeth wurde durch das Gehörte so sehr gefesselt, daß sie ihrem Buche nur sehr wenig Aufmerksamkeit schenkte; und bald legte sie es ganz bei Seite, trat näher an den Spieltisch und stellte sich zwischen Mr. Bingley und seine älteste Schwester, um das Spiel zu beobachten.

„Ist Miß Darcy seit dem Frühlinge viel gewachsen?" sagte Miß Bingley: „wird sie so groß werden wie ich?"

„Ich glaube wohl. Sie ist jetzt ungefähr von Miß Elizabeth Bennet's Größe oder eher noch etwas größer."

„Wie sehne ich mich, sie wiederzusehen! Ich habe nie Jemanden getroffen, der mich so entzückte. Solch' ein Gesicht, solche Manieren und bei ihrem Alter so außerordentlich ausgebildet! Ihr Spiel auf dem Pianoforte ist entzückend."

„Es ist mir unbegreiflich," sagte Bingley, „wie junge Damen nur die Geduld haben können, sich so auszubilden, wie sie es alle sind."

„Alle jungen Damen ausgebildet! Mein lieber Charles, was meinst Du damit?"

„Ja, alle, denke ich. Sie alle bemalen Tische, beziehen Schirme und stricken Beutel. Ich kenne kaum eine Einzige, die das Alles nicht könnte; und ich bin gewiß, ich habe nie von einem jungen Mädchen zum ersten Male sprechen hören, ohne daß man mir gesagt hätte, sie sei sehr gut ausgebildet."

„Ihr Verzeichniß von dem gewöhnlichen Umfange der Ausbildung," sagte Darcy, „enthält zu viel Wahrheit. Das Wort wird auf viele Weiber angewendet, die es nur dadurch verdienen, daß sie einen Beutel stricken oder einen Schirm beziehen; aber ich stimme weit nicht mit Ihnen in Ihrer Schätzung der Damen im Allgemeinen überein. Ich kann nicht rühmen, mehr als ein halbes Dutzend in dem ganzen Umfange meiner Bekanntschaft zu kennen, die wirklich ausgebildet sind."

„Und ich nicht, dessen bin ich gewiß," sagte Miß Bingley.

„Dann," bemerkte Elizabeth, „müssen Sie in Ihrer Vorstellung von einer ausgebildeten Frau eine große Menge begreifen."

„Ja, ich begreife eine große Menge darin."

„Oh, ganz gewiß," rief seine getreue Assistentin, „Niemand kann wirklich für ausgebildet geachtet werden, der nicht weit über das Gewöhnliche hinausgeht. Eine Frau muß eine gründliche Kenntniß der Musik, des Gesanges, des Zeichnens, des Tanzens und der neueren Sprachen haben, um das Wort zu verdienen; und, außer diesem Allem, muß sie noch ein gewisses Etwas besitzen in ihrer Haltung und Art zu gehen, im Tone ihrer Stimme, in ihrem Auftreten und Ausdruck, sonst verdient sie das Wort nur halb."

„Alles dieses muß sie besitzen," fügte Darcy hinzu; „und zu dem Allen muß sie noch etwas Wesentlicheres fügen in der Ausbildung ihres Verstandes durch ausgedehnte Lectüre."

„Ich wundere mich nicht mehr, daß Sie nur sechs ausgebildete Frauen kennen. Ich wundere mich vielmehr jetzt, daß Sie überhaupt Eine kennen."

„Sind Sie Ihrem eigenen Geschlechte so streng, daß Sie die Möglichkeit von all dem bezweifeln?"

„Ich sah nie eine solche Frau. Ich sah nie solche Fassungskraft und Geschmack und Fleiß und Eleganz, wie Sie sie schildern, in einer Person vereinigt."

Mrs. Hurst und Miß Bingley riefen Beide gegen die Ungerechtigkeit ihres ausgesprochenen Zweifels aus und waren Beide dabei, zu versichern, daß sie viele Frauen kennten, welche auf diese Beschreibung paßten, als Mr. Hurst sie zur Ordnung rief und sich bitter über ihre Unaufmerksamkeit auf das, was vorgehe, beklagte. Da hierdurch alles Gespräch ein Ende hatte, verließ Elizabeth bald darauf das Zimmer.

„Eliza Bennet," sagte Miß Bingley, als die Thüre hinter ihr geschlossen war, „ist eine von den jungen Damen, welche sich bei dem anderen Geschlechte dadurch zu empfehlen suchen, daß sie ihr eigenes herabsetzen; und bei vielen Männern, getraue ich mir zu sagen, glückt es ihnen; aber meiner Meinung nach ist es ein armseliger Kunstgriff, eine sehr gemeine Kunst."

„Ohne Zweifel," erwiederte Darcy, an den diese Bemerkung hauptsächlich gerichtet war, „es liegt Gemeinheit in allen den Künsten, zu denen Damen zuweilen herabsteigen, um zu fesseln. Was immer nur einige Verwandtschaft mit Verschlagenheit hat, ist verächtlich."

Miß Bingley war mit dieser Antwort nicht so vollständig zufrieden, daß sie den Gegenstand weiter verfolgt hätte.

Elizabeth kam nur wieder, um zu sagen, daß ihre Schwester schlimmer sei und daß sie nicht von ihr gehen könne. Bingley drang darauf, daß Mr. Jones sogleich gerufen werde; während seine Schwestern, überzeugt, daß kein ärztlicher Rath vom Lande von irgend einem Nutzen sein könne, einen Eilboten nach London empfahlen, um einen der berühmtesten Aerzte zu holen. Hiervon wollte sie nichts hören; aber sie war nicht so ungeneigt, auf den Vorschlag ihres Bruders einzugehen; und es wurde festgesetzt, daß Mr. Jones am frühen Morgen geschickt werden sollte, wenn Miß Bennet nicht entschieden besser wäre. Bingley war ganz unruhig; seine Schwestern erklärten, daß sie unglücklich seien. Sie trösteten jedoch ihr Elend durch Duette nach dem Abendessen; während er für seine Gefühle keine bessere Linderung finden konnte, als daß er seiner Haushälterin auftrug, alle mögliche Sorgfalt auf die kranke Dame und ihre Schwester zu verwenden.

Neuntes Capitel.

Elizabeth brachte den größten Theil der Nacht im Zimmer ihrer Schwester zu und hatte am Morgen das Vergnügen, den Erkundigungen, die sie sehr früh von Mr. Bingley durch ein Stubenmädchen und einige Zeit nachher von den beiden eleganten Damen, welche den Schwestern aufwarteten, erhielt, eine ziemlich günstige Antwort schicken zu können. Trotz dieser Besserung wünschte sie indessen, einen Brief nach Longbourn zu schicken, mit dem Ersuchen an ihre Mutter, Jane zu besuchen und sich selbst ein Urtheil über ihren Zustand zu bilden. Der Brief wurde sogleich abgefertigt, und seinem Inhalte eben so schnell Folge geleistet. Mrs. Bennet, begleitet von ihren beiden jüngsten Töchtern, langte bald nach dem Frühstücke der Familie in Netherfield an.

Hätte sie Jane in irgend einer ersichtlichen Gefahr gefunden, so würde Mrs. Bennet sehr unglücklich gewesen sein; aber da sie sich bei ihrem Anblick überzeugte, daß ihre Krankheit nicht bedenklich sei, so wünschte sie auch keineswegs ihre baldige Genesung, da ihre Wiederherstellung sie wahrscheinlich von Netherfield entfernen würde. Sie wollte daher auf den Vorschlag ihrer Tochter, sie nach Hause tragen zu lassen, nicht hören; auch der Apotheker, der ungefähr zu derselben Zeit anlangte, rieth es durchaus nicht. Nachdem sie ein Weilchen bei Jane gesessen hatte, ging sie auf Miß Bingleys Erscheinen und Einladung mit ihren drei Töchtern in das Frühstückszimmer. Bingley kam ihnen mit Hoffnungen entgegen, daß Mrs. Bennet Miß Bennet nicht schlimmer gefunden habe, als sie erwartet.

„Im Gegentheile, mein Herr," war ihre Antwort. „Sie ist viel zu krank, um fortgeschafft zu werden. Mr. Jones sagt, wir dürfen gar nicht daran denken, sie fortzuschaffen. Wir müssen Ihre Güte noch ein wenig länger in Anspruch nehmen."

„Fortschaffen!" rief Bingley. „Daran darf gar nicht gedacht werden. Meine Schwester wird, dessen bin ich gewiß, von ihrer Entfernung nichts hören wollen."

„Sie können sich darauf verlassen, Madam," sagte Miß Bingley mit kühler Höflichkeit, „daß Miß Bennet alle mögliche Aufmerksamkeit erhalten soll, so lange sie bei uns bleibt."

Mrs. Bennet ergoß sich in Danksagungen.

„Ich bin gewiß," fügte sie hinzu, „wenn es nicht so gute Freunde wären, ich weiß nicht, was aus ihr werden sollte; denn sie ist wirklich sehr krank und leidet unaussprechlich, obgleich mit der größten Geduld von der Welt, was sie immer so macht; denn sie hat ohne Ausnahme das sanfteste Temperament, das mir je vorgekommen ist. Ich sage oft meinen anderen Töchtern, daß sie gar nichts gegen sie sind. Sie haben hier ein hübsches Zimmer, Mr. Bingley, und eine reizende Aussicht über jenen Kiesweg. Ich kenne keinen Ort auf dem Lande, der Netherfield gleich käme. Sie werden es nicht so bald verlassen wollen, hoffe ich, obgleich Sie nur einen kurzen Pacht haben."

„Was ich auch thue, das thue ich in Eile," erwiederte er; „und deshalb, wenn ich mich entschließen sollte, Netherfield zu verlassen, würde ich wahrscheinlich in fünf Minuten weg sein. Für jetzt indessen betrachte ich mich hier als ganz fest angesiedelt."

„Das ist gerade, was ich von Ihnen hätte erwarten sollen," sagte Elizabeth.

„Sie fangen an mich zu verstehen, nicht wahr?" rief er, indem er sich zu ihr wandte.

„Oh ja — ich verstehe Sie vollkommen."

„Ich wünschte, ich könnte das für ein Compliment nehmen; aber so leicht zu durchschauen zu sein, ist, fürchte ich, kläglich."

„Das kommt darauf an. Es folgt nicht nothwendig, daß ein tiefer, verwickelter Character mehr oder weniger achtungswerth ist, als ein solcher wie der Ihrige."

„Lizzy," rief ihre Mutter, „bedenke, wo Du bist, und renne nicht in der wilden Weise fort, wie man es Dir daheim erlaubt."

„Ich wußte vorher nicht," fuhr Bingley sogleich fort, „daß Sie eine Erforscherin von Characteren seien. Es muß eine unterhaltende Beschäftigung sein."

„Ja, aber verwickelte Charactere sind die unterhaltendsten. Sie haben wenigstens diesen Vorzug."

„Das Land," sagte Darcy, „kann im Allgemeinen nur wenige Gegenstände für eine solche Beschäftigung darbieten. In einer Landgegend bewegen Sie sich in einem sehr beschränkten und gleichförmigen Kreise."

„Aber die Menschen selbst ändern sich so sehr, daß man an ihnen ewig etwas Neues zu beobachten findet."

„Ja, in der That," rief Mrs. Bennet, durch seine Art, eine Landgegend zu erwähnen, beleidigt. „Ich versichere Sie, daß dergleichen auf dem Lande gerade so gut vorgeht, als in der Stadt."

Alle waren überrascht; und Darcy, nachdem er sie einen Augenblick lang angesehen hatte, wandte sich schweigend ab. Mrs. Bennet, die sich eines vollständigen Sieges über ihn rühmte, setzte ihren Triumph fort,--

„Ich kann wahrhaftig nicht einsehen, was London vor dem Lande voraus haben soll, außer den Kaufläden und öffentlichen Plätzen. Das Land ist ungleich angenehmer, nicht wahr, Mr. Bingley?"

„Wenn ich auf dem Lande bin," erwiderte er, „so wünsche ich nie es zu verlassen; und wenn ich in der Stadt bin, ist es ziemlich dasselbe. Jedes hat seine Vorzüge, und ich kann in beiden gleich glücklich sein."

„Ei, das kommt daher, weil Sie die rechte Gemüthsart haben. Aber jener Herr dort," indem sie Darcy ansah, „schien zu glauben, das Land sei gar nichts werth."

„Sie irren sich wirklich, Mama," sagte Elisabeth, erröthend für ihre Mutter. „Sie haben Mr. Darcy ganz und gar mißverstanden. Er wollte nur sagen, daß man auf dem Lande nicht eine solche Mannichfaltigkeit von Menschen findet als in der Stadt, was Sie doch selbst eingestehen müssen."

„Gewiß, mein Lieber, das hat auch Niemand geläugnet; aber was das Wenige von Menschen in dieser Nachbarschaft betrifft, so bin ich überzeugt, daß wenige Nachbarschaften größer sind. Wir speisen ja, ich weiß nicht wie viel mal, mit vier und zwanzig Familien."

Nur die Besorgniß für Elisabeth vermochte Bingley, seine ernste Miene zu behaupten. Seine Schwester war weniger feinfühlend und richtete ihren Blick mit einem sehr ausdrucksvollen Lächeln auf Mr. Darcy. Elisabeth fragte jetzt, um ihrer Mutter den Kopf mit etwas Anderm zu beschäftigen, ob Charlotte Lucas sie seit ihrer Abreise in Longbourn besucht habe.

„Ja, sie kam gestern mit ihrem Vater. Welch ein angenehmer Mann Sir William ist, Mr. Bingley--nicht wahr? so ganz der Mann von feinen Sitten! so nobel und so ungezwungen! Er weiß Jedermann etwas zu sagen. Das ist nach meiner Idee gute Erziehung; und wer sich einbildet, etwas Außerordentliches zu sein und den Mund nie aufthut, der irrt sich sehr."

„Hat Charlotte bei Ihnen gespeist?"

„Nein, sie wollte nach Hause. Ich vermuthe, daß man ihrer bei den Fleischpasteten bedurfte. Ich für mein Theil, Mr. Bingley, halte mir immer Leute, die ihr eigenes Werk verrichten; meine Töchter sind anders erzogen. Doch mag Jeder nach seiner Weise handeln, und die Lucas sind, das versichere ich Sie, ein sehr gutes Mädchen. Es ist Schade, daß sie nicht hübsch sind! Nicht daß ich Charlotte für gar so häßlich halte; aber sie ist doch eigentlich keine Schönheit."

„Sie scheint mir ein recht liebenswürdiges junges Mädchen zu sein," sagte Bingley.

„Ach ja freilich; aber hübsch müssen Sie selbst gestehen, ist sie nicht. Lady Lucas hat es mir oft gesagt und mich um Jane’s Schönheit beneidet. Ich prahle zwar nicht gern mit meinen Kindern; aber Jane muß man wirklich gestehen, sieht man selten ihres Gleichen. Alle Welt sagt es. Ich traue meiner eigenen Vorliebe nicht. Als sie erst fünfzehn Jahre alt war, gab es in der Stadt einen Herrn bei meinem Bruder Gardiner, der sich so verliebt in sie zeigte, daß meine Schwägerin ganz gewiß glaubte, er werde ihr einen Antrag machen, ehe wir abreisten. Er that es aber nicht. Vielleicht hielt er sie für zu jung. Indeß schrieb er einige Verse auf sie, die recht hübsch waren."

„Und damit war seine Liebe zu Ende," sagte Elisabeth ungeduldig. „So mancher, vermuthe ich, ist auf diese Weise curirt worden. Ich möchte wohl wissen, wer zuerst die Heilsamkeit der Poesie gegen die Liebe entdeckt hat!"

„Ich habe die Poesie immer für die Nahrung der Liebe gehalten," sagte Darcy.

„Einer feinen, starken, gesunden Liebe allerdings. Alles nährt, was schon stark ist. Ist es aber nur eine schwache, dünne Neigung, so bin ich überzeugt, daß ein einziges gutes Sonett sie völlig aushungert."

Darcy lächelte nur; und die allgemeine Stille, die entstand, machte Elisabeth zittern, daß ihre Mutter sich wieder bloßstellen möchte. Sie hätte gern gesprochen, wußte aber nichts zu sagen; und nach einem kurzen Schweigen fing Mrs. Bennet an, Mr. Bingley für seine Güte gegen Jane zu danken und sich zugleich zu entschuldigen, daß sie ihm auch mit Lizzy beschwerlich gefallen sei. Mr. Bingley erwiderte mit unverstellter Höflichkeit und zwang auch seine jüngere Schwester, höflich zu sein und das Nöthige zu sagen. Diese that ihre Schuldigkeit, in der That ohne sonderliche Anmuth; allein Mrs. Bennet war zufrieden und ließ bald nachher ihren Wagen anspannen. Auf dieses Signal trat die jüngste ihrer Töchter hervor. Beide Mädchen hatten sich während des ganzen Besuches einander zugeflüstert, und das Ergebniß war, daß die jüngste Mr. Bingley bei seinem Versprechen, gleich nach seiner Ankunft auf dem Lande einen Ball in Netherfield zu geben, sollte beim Wort nehmen wollen.

Lydia war ein starkes, wohlgewachsenes Mädchen von funfzehn Jahren, mit einer schönen Gesichtsfarbe und gutmüthiger Miene; eine Lieblingstochter ihrer Mutter, deren Zärtlichkeit sie früh in die Welt eingeführt hatte. Sie besaß viel natürliche Lebhaftigkeit und eine Art angeborner Selbstachtung, die durch die Aufmerksamkeit der Offiziere, denen ihres Oheims gute Diners und ihr eigenes ungenirtes Wesen sie empfohlen hatten, bis zur Dreistigkeit gesteigert worden war. Sie war daher vollkommen geeignet, Mr. Bingley wegen des Balles anzugehen, und erinnerte ihn kurzweg an sein Versprechen, mit dem Beifügen, es würde das schändlichste Ding von der Welt sein, wenn er es nicht hielte. Seine Antwort auf diesen plötzlichen Angriff war wie Musik in den Ohren ihrer Mutter.

„Ich bin vollkommen bereit, mein Versprechen zu halten, das versichere ich Ihnen; und sobald Ihre Schwester wieder hergestellt ist, sollen Sie, wenn Sie wollen, den Tag des Balles selbst bestimmen. Aber Sie würden doch nicht tanzen wollen, während sie krank ist?"

Lydia erklärte sich zufrieden. „O ja, es wird weit besser sein, zu warten bis Jane wohl ist; und bis dahin ist wahrscheinlich Hauptmann Carter wieder in Meryton. Und wenn Sie Ihren Ball gegeben haben," fuhr sie fort, „so werde ich darauf bestehen, daß man auch dort einen giebt. Ich werde dem Oberst Forster sagen, es wäre eine rechte Schande, wenn er es nicht thäte."

Mrs. Bennet und ihre Töchter gingen nun fort, und Elisabeth kehrte sogleich zu Jane zurück, ihr eigenes und das Betragen ihrer Verwandten den Bemerkungen der beiden Damen und Mr. Darcy’s Preis gebend; der Letztere indeß ließ sich trotz alles Mißbilligenden, was Miß Bingley über die schönen Augen vorbrachte, nicht bereden, in ihren Tadel einzustimmen.

ZEHNTES CAPITEL.

Der Tag verlief im Wesentlichen wie der vorhergehende. Mrs. Hurst und Miß Bingley brachten mehrere Morgenstunden bei der Kranken zu, welche, obwohl nur langsam, doch fortschreitend sich besserte; und Abends gesellte sich auch Elisabeth zu ihrer Gesellschaft im Salon. Das L’hombre-Tischchen erschien aber nicht. Mr. Darcy schrieb, und Miß Bingley, in seiner Nähe sitzend, beobachtete den Fortgang seines Briefes und lenkte wiederholt seine Aufmerksamkeit durch Botschaften an seine Schwester ab. Mr. Hurst und Mr. Bingley spielten Piquet, und Mrs. Hurst sah ihrem Spiele zu.

Elisabeth nahm etwas Näharbeit zur Hand und unterhielt sich hinlänglich, indem sie auf das hinhorchte, was zwischen Darcy und seiner Gesellschafterin vorging. Das unaufhörliche Lob der Dame über seine Handschrift, die Gleichförmigkeit seiner Zeilen und die Länge seines Briefes, bei der vollkommenen Gleichgültigkeit, mit welcher ihr Lob aufgenommen wurde, bildete ein eigenthümliches Zwiegespräch, das ganz ihrer Meinung von Beiden entsprach.

„Wie entzückt Miß Darcy sein wird, einen solchen Brief zu bekommen!"

Er gab keine Antwort.

„Sie schreiben ungewöhnlich schnell."

„Sie irren sich. Ich schreibe ziemlich langsam."

„Was müssen Sie da im Laufe eines Jahres alles für Briefe schreiben! Geschäftsbriefe obendrein! Mir sollten sie verhaßt sein!"

„Es ist also Glück für Sie, daß sie in mein Loos fallen, nicht in das Ihrige."

„Bitte, sagen Sie Ihrer Schwester, daß ich sie zu sehen verlange."

„Das habe ich schon einmal, auf Ihren Wunsch, gethan."

„Ich fürchte, Sie lieben Ihre Feder nicht. Erlauben Sie, daß ich sie Ihnen putze. Ich putze Federn vortrefflich."

„Danke--allein ich putze meine Federn immer selbst."

„Wie können Sie es anfangen, so gleichmäßig zu schreiben?"

Er schwieg.

„Sagen Sie Ihrer Schwester, ich höre mit Vergnügen, daß sie auf der Harfe Fortschritte macht, und bitte, ihr zu melden, daß ich ganz entzückt bin über den reizenden kleinen Entwurf zu einem Tisch, den sie gemacht hat, und ihn unendlich über Miß Grantley’s finde."

„Erlauben Sie mir, meine Begeisterung bis zum nächsten Briefe aufzubewahren? Für jetzt habe ich nicht Raum, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen."

„O, das hat nichts zu sagen. Ich sehe sie im Januar. Aber schreiben Sie immer so reizend lange Binge an sie, Mr. Darcy?"

„Sie sind im Allgemeinen lang; ob aber immer reizend, darüber steht mir ein Urtheil nicht zu."

„Es ist eine Regel von mir, daß wer einen langen Brief mit Leichtigkeit schreiben kann, nicht schlecht schreiben kann."

„Das paßt nicht zum Compliment für Darcy, Caroline," rief ihr Bruder, „denn er schreibt nicht mit Leichtigkeit. Er studirt zu viel auf Worte von vier Sylben. Nicht wahr, Darcy?"

„Mein Styl ist sehr verschieden von dem Ihrigen."

„O," rief Miß Bingley, „Charles schreibt auf die nachlässigste Weise von der Welt. Er läßt die Hälfte der Worte aus und macht Kleckse über das Uebrige."

„Meine Ideen fließen so rasch, daß ich keine Zeit habe, sie auszudrücken; wodurch es denn geschieht, daß meine Briefe zuweilen meinen Correspondenten gar keine Ideen überliefern."

„Ihre Bescheidenheit, Mr. Bingley," sagte Elisabeth, „muß schon jeden Tadel entwaffnen."

„Nichts ist trügerischer," sagte Darcy, „als der Schein der Bescheidenheit. Oft ist es nur Gleichgültigkeit gegen die Meinung Anderer und manchmal ein indirecter Selbstlob."

„Und welches von den Beiden nennen Sie mein kleines Stückchen Bescheidenheit von vorhin?"

„Den indirecten Selbstlob; denn Sie sind in der That stolz auf Ihre Mängel im Schreiben, weil Sie dieselben als Folge eines schnellen Gedankenflugs und einer nachlässigen Ausführung betrachten, Eigenschaften, die wenn nicht schätzbar, doch wenigstens höchst interessant sind. Die Kraft, Alles schnell zu thun, wird von dem, der sie besitzt, immer sehr hoch angeschlagen, oft ohne alle Rücksicht auf die Unvollkommenheit der Ausführung. Als Sie heute Morgen Mrs. Bennet sagten, daß, wenn Sie je entschlössen, Netherfield zu verlassen, Sie in fünf Minuten fort sein würden, so meinten Sie das als eine Art Lobspruch, als ein Compliment für sich selbst; und doch, was ist so sehr Lobenswerthes an einer Uebereilung, die nothwendig sehr wichtige Geschäfte ungethan lassen muß und die Ihnen selbst und Andern zu keinem wirklichen Vortheil gereicht?"

„Ei," rief Bingley, „das ist zu viel, sich des Nachts allerlei thörichte Reden zu erinnern, die man am Morgen gesagt hat. Und doch, meiner Treu, ich glaubte, was ich von mir sagte, und ich glaube es noch jetzt. So viel also ist gewiß, daß ich mir den Anstrich unnöthiger Uebereilung nicht gab, bloß um mich vor den Damen zu zeigen."

„Ich vermuthe, daß Sie es glaubten; aber ich bin keineswegs überzeugt, daß Sie wirklich mit solcher Schnelligkeit fort sein würden. Ihr Verfahren würde eben so sehr vom Zufall abhängen als das irgend eines Mannes, den ich kenne; und wenn Ihnen, während Sie Ihr Pferd besteigen, ein Freund zuriefe: ‚Bingley, Sie thäten besser, bis zur nächsten Woche zu bleiben‘—Sie würden wahrscheinlich bleiben, Sie würden wahrscheinlich nicht abreisen, und auf ein anderes Wort vielleicht einen Monat lang bleiben."

„Sie haben damit nur bewiesen," rief Elisabeth, „daß Mr. Bingley seiner eigenen Gemüthsart nicht Gerechtigkeit widerfahren ließ. Sie haben ihn jetzt weit mehr ins Licht gestellt, als er sich selbst gethan hat."

„Ich bin über alle Maßen erfreut," sagte Bingley, „daß Sie die Worte meines Freundes in ein Compliment für die Milde meines Temperaments umwandeln. Aber ich fürchte, Sie geben ihnen eine Wendung, die jener Herr keineswegs beabsichtigte; denn er würde gewiß weit besser von mir denken, wenn ich unter solchen Umständen eine entschiedene Weigerung ausspräche und so rasch als möglich davonritte."

„Würde Mr. Darcy dann die Tollkühnheit Ihres ursprünglichen Vorsatzes als durch Ihre Hartnäckigkeit, dabei zu verharren, gesühnt betrachten?"

„Auf mein Wort, ich kann die Sache nicht genau erklären—Darcy muß für sich selbst sprechen."

„Sie verlangen von mir, daß ich Meinungen vertheidige, die Sie die meinigen nennen, die ich aber nie als die meinigen anerkannt habe. Nehmen wir indessen den Fall an, wie Sie ihn dargestellt haben, so müssen Sie sich erinnern, Miß Bennet, daß der Freund, von dem vorausgesetzt wird, er wünsche seine Rückkehr ins Haus und die Verzögerung seines Planes, es bloß gewünscht, ohne einen einzigen Grund für die Zweckmäßigkeit beigebracht zu haben."

„Nachgiebigkeit gegen das Zureden eines Freundes—leichte Nachgiebigkeit—hat nach Ihren Begriffen keinen Werth."

„Nachgiebigkeit ohne Ueberzeugung ist kein Compliment für den Verstand eines von Beiden."

„Sie scheinen mir, Mr. Darcy, keinen Einfluß der Freundschaft und Zuneigung zuzugestehen. Eine Rücksicht auf den Bittenden würde oft Einen leicht eine Bitte gewähren lassen, ohne erst nach Gründen zu suchen, die den Verstand dazu bestimmen. Ich rede nicht gerade von einem solchen Fall, wie Sie ihn über Mr. Bingley vorausgesetzt haben. Wir können vielleicht eben so gut warten, bis der Fall wirklich eintritt, ehe wir über die Klugheit seines Benehmens dabei discutiren. Aber überhaupt und in gewöhnlichen Fällen, zwischen Freund und Freund, wo der Eine von dem Andern gewünscht wird, einen an sich nicht sehr wichtigen Entschluß zu ändern, würden Sie einen übel von der Person denken, wenn sie dem Wunsche ohne Weiteres nachgäbe, ohne sich erst dazu argumentiren zu lassen?"

„Wird es nicht rathsam sein, ehe wir in diesem Gegenstand weitergehen, mit etwas größerer Genauigkeit den Grad der Wichtigkeit, welcher einer solchen Bitte beizulegen ist, sowie den Grad der bestehenden Vertraulichkeit zwischen den Parteien festzustellen?"

„Meinetwegen," rief Bingley; „laßt uns alle Einzelnheiten hören, ohne ihre verhältnißmäßige Größe dabei zu vergessen, denn das wird im Argument mehr Gewicht haben, Miß Bennet, als Sie vielleicht glauben. Ich versichere Ihnen, wenn Darcy nicht ein so großer, langer Kerl wäre im Vergleich mit mir, ich würde ihm nicht halb so viel Ehrerbietung bezeigen. Ich erkläre, ich kenne keinen furchtbarern Gegenstand als Darcy bei gewissen Gelegenheiten, und an gewissen Orten; namentlich in seinem eigenen Hause, und am Sonntag Abend, wenn er nichts zu thun hat."

Mr. Darcy lächelte; aber Elisabeth glaubte zu bemerken, daß er etwas verstimmt war, und unterdrückte daher ihr Lachen. Miß Bingley war über die ihm widerfahrene Unbill entrüstet und machte ihrem Bruder Vorwürfe, daß er solchen Unsinn rede.

„Ich sehe, was Sie im Sinne haben, Bingley," sagte sein Freund. „Sie lieben das Argumentiren nicht und möchten mich zum Schweigen bringen."

„Vielleicht habe ich es im Sinne. Das Argumentiren hat zu viel Aehnlichkeit mit dem Streiten. Wenn Sie und Miß Bennet das Ihrige bis nach meinem Weggehen aus dem Zimmer verschieben wollten, so würde ich Ihnen sehr verbunden sein; dann mögen Sie von mir sagen, was Ihnen beliebt."

„Was Sie verlangen," sagte Elisabeth, „ist für mich kein Opfer; und Mr. Darcy thut weit besser, seinen Brief zu Ende zu bringen."

Mr. Darcy befolgte ihren Rath und brachte seinen Brief wirklich zu Ende.

Als dies Geschäft abgethan war, wandte er sich an Miß Bingley und Elisabeth mit der Bitte um einiges Musik. Miß Bingley eilte mit dem größten Vergnügen nach dem Pianoforte, und nachdem sie Elisabeth höflich ersucht hatte, die erste Stimme zu übernehmen, was diese eben so höflich und noch dringender ablehnte, setzte sie sich selbst hin.

Mrs. Hurst sang mit ihrer Schwester; und während diese so beschäftigt waren, konnte Elisabeth nicht umhin, wie sie einige Musikhefte umschlug, die auf dem Instrument lagen, zu bemerken, wie oft Mr. Darcy’s Augen auf ihr ruhten. Sie wußte kaum, wie sie annehmen sollte, daß sie ein Gegenstand der Bewunderung für so einen großen Mann sein könne; und daß er sie ansah, weil er sie nicht leiden möge, war noch viel unbegreiflicher. Sie konnte sich am Ende nur denken, daß sie seine Aufmerksamkeit auf sich zog, weil an ihr, nach seinen Begriffen von Recht und Unrecht, mehr Tadelnswerthes als an irgend einer Andern im Zimmer sei. Diese Vermuthung schmerzte sie nicht. Sie achtete seiner Billigung viel zu wenig, um sich etwas daraus zu machen.

Nach einigen italienischen Liedern ließ Miß Bingley den Reiz durch eine muntere schottische Weise abwechseln; und bald darauf näherte sich Mr. Darcy Elisabeth und sagte zu ihr,--

„Haben Sie nicht große Lust, Miß Bennet, eine solche Gelegenheit zu benutzen und einen schottischen Tanz zu tanzen?"

Sie lächelte, gab aber keine Antwort. Er wiederholte die Frage, über ihr Stillschweigen etwas erstaunt.

„O," sagte sie, „ich hörte Sie wohl; allein ich konnte nicht sogleich bestimmen, was ich antworten sollte. Sie wünschten, ich weiß, daß ich ‚Ja‘ sagen möchte, um das Vergnügen zu haben, meinen Geschmack zu verachten; allein ich ergötze mich immer, dergleichen Anschläge zu vereiteln und Jemand um seinen vorher überlegten Tadel zu betrügen. Ich habe mir daher vorgenommen, Ihnen zu sagen, daß ich durchaus nicht geneigt bin, einen schottischen Tanz zu tanzen; und nun verachten Sie mich, wenn Sie es wagen."

„Ich wage es wahrlich nicht."

Elisabeth, die ihn eher zu beleidigen erwartet hatte, war über seine Galanterie erstaunt; aber es lag in ihrer Weise eine Mischung von Anmuth und Schalkhaftigkeit, die es ihr schwer machte, irgend Jemand zu beleidigen, und Darcy war von keiner Frau je so bezaubert worden wie von ihr. Er glaubte wirklich, daß er, wäre nur ihre Verwandtschaft nicht so tief unter ihm, in einiger Gefahr sein würde.

Miß Bingley sah genug oder argwöhnte genug, um eifersüchtig zu sein; und ihre große Unruhe über die Genesung ihrer theuern Freundin Jane empfing einige Verstärkung durch den Wunsch, Elisabeth los zu werden.

Sie suchte oft Darcy gegen seine Gäste aufzubringen, indem sie von der vorausgesetzten Heirath sprach und sein künftiges Glück in solcher Verbindung entwarf.

„Ich hoffe," sagte sie, als sie am folgenden Tage mit ihm im Boskett auf und nieder gingen, „Sie werden Ihrer Schwiegermutter, wenn dieses erwünschte Ereigniß eintritt, einige Winke über die Vortheilhaftigkeit des Schweigens geben, und wenn Sie es einrichten können, die jüngeren Mädchen von dem Herumlaufen hinter den Officieren abbringen. Und wenn ich einen so delicaten Gegenstand berühren darf, suchen Sie Jenes kleine Etwas, das an Einbildung und Unbescheidenheit streift, was Ihre Dame besitzt, zu zügeln."

„Haben Sie noch etwas für mein häusliches Glück vorzuschlagen?"

„O ja. Lassen Sie die Bildnisse Ihres Oheims und Ihrer Tante Philips in der Gallerie zu Pemberley aufhängen. Stellen Sie sie neben Ihres Herrn Großoheims, des Richters. Sie sind ja in derselben Profession, nur in verschiedenen Fächern. Was das Bildniß Ihrer Elisabeth betrifft, so dürfen Sie nicht versuchen, es malen zu lassen; denn welcher Maler könnte diesen wunderschönen Augen Gerechtigkeit widerfahren lassen?"

„Das wäre freilich nicht leicht, ihr den Ausdruck abzugewinnen; aber Farbe und Form, und die Wimpern, die wirklich merkwürdig schön sind, könnten copirt werden."

In diesem Augenblick wurden sie von einem anderen Gange her von Mrs. Hurst und Elisabeth selbst eingeholt.

„Ich wußte nicht, daß ihr ausgehen wolltet," sagte Miß Bingley etwas verlegen, damit man sie nicht etwa gehört hätte.

„Ihr habt uns abscheulich übel mitgespielt," erwiderte Mrs. Hurst, „daß ihr euch wegslicht, ohne uns zu sagen, daß ihr ausgehen wolltet."

Dann nahm sie Mr. Darcy’s unbeschäftigten Arm und ließ Elisabeth allein gehen. Der Pfad war gerade für Drei breit genug. Mr. Darcy fühlte ihre Grobheit und sagte sogleich,--

„Dieser Weg ist für unsere Gesellschaft nicht breit genug. Wir thun besser, in die Allee zu gehen."

Aber Elisabeth, die nicht die mindeste Lust hatte, bei ihnen zu bleiben, antwortete lachend,--

„Nein, nein; bleibt wo ihr seid. Ihr seid reizend gruppirt und nehmt Euch außerordentlich vortheilhaft aus. Das Malerische würde durch eine Vierte verdorben werden. Lebt wohl."

Dann lief sie lustig fort, mit der frohen Hoffnung, in einem Tage oder zwei wieder zu Hause zu sein. Jane war bereits so weit genesen, daß sie an diesem Abend ein Paar Stunden ihr Zimmer verlassen wollte.

EILFTES CAPITEL.

Als die Damen nach dem Essen sich zurückgezogen hatten, eilte Elisabeth zu ihrer Schwester hinauf und fand sie, gut gegen die Kälte verwahrt, in den Salon geleitet, wo sie von ihren beiden Freundinnen mit vielen Freundlichkeiten empfangen wurde; und Elisabeth hatte sie nie so liebenswürdig gesehen, wie sie in der Stunde waren, bevor die Herren erschienen. Sie besaßen eine nicht geringe Gewandtheit der Unterhaltung. Sie konnten ein Fest mit Genauigkeit beschreiben, eine Anekdote mit Laune erzählen und über ihre Bekannten mit Geist spotten.

Aber als die Herren hereintraten, war Jane nicht mehr der erste Gegenstand; Miß Bingley’s Augen wandten sich sogleich nach Darcy, und sie hatte etwas an ihn zu bringen, ehe er viele Schritte vorwärts gekommen war. Er wandte sich unmittelbar an Miß Bennet mit einem höflichen Glückwunsch; Mr. Hurst machte ihr gleichfalls eine leichte Verbeugung und sagte, er sei „sehr erfreut“; aber die ausführliche und herzliche Begrüßung blieb Bingley’s Antheil. Er war voll Freude und Aufmerksamkeit. Die erste halbe Stunde ging damit hin, das Feuer stärker zu schüren, damit sie nicht durch den Zimmerwechsel leide; und sie setzte sich auf seinen Wunsch an die andere Seite des Kamins, weiter von der Thür entfernt. Dann setzte er sich neben sie und sprach fast mit Niemand sonst. Elisabeth, die in der gegenüberstehenden Ecke bei ihrer Arbeit saß, sah das Alles mit innigem Vergnügen.

Als der Thee vorüber war, erinnerte Herr Hurst seine Schwägerin an die Spieltafel — aber vergebens. Sie hatte auf privatem Wege erfahren, daß Herr Darcy nicht Lust zum Spielen habe, und Herrn Hurst’s offenes Ansuchen wurde bald ebenfalls abgewiesen. Sie versicherte ihm, daß Niemand spielen wolle, und das Stillschweigen der ganzen Gesellschaften über diesen Punkt schien ihr Recht zu geben. Herr Hurst hatte daher nichts zu thun, als sich auf eines der Sopha’s zu legen und einzuschlafen. Darcy nahm ein Buch zur Hand. Fräulein Bingley that desgleichen; und Frau Hurst, welche sich meistens mit Spielen an ihren Armbändern und Ringen unterhielt, mischte sich nur zuweilen in ihres Bruders Gespräch mit Fräulein Bennet ein.

Fräulein Bingley’s Aufmerksamkeit war eben so sehr mit der Beobachtung von Herrn Darcy’s Fortschreiten in seinem Buche als mit Lesen des ihrigen beschäftigt, und sie hörte nicht auf, bald eine Frage zu thun, bald auf seine Seite hinüberzublicken. Sie konnte ihn jedoch zu keiner Unterhaltung bringen; er beantwortete nur ihre Frage und las weiter. Endlich, ganz erschöpft von dem vergeblichen Versuche, sich an ihrem eigenen Buche zu belustigen, das sie nur darum gewählt hatte, weil es der zweite Band seines Buches war, gähnte sie gewaltig und rief: „Wie angenehm ist es doch, einen Abend auf diese Weise hinzubringen! Ich versichere, nach Allem gibt es doch keinen Genuß wie das Lesen! Wie viel eher wird man jeder andern Sache als eines Buches überdrüssig! Wenn ich ein eigenes Haus habe, werde ich unglücklich sein, wenn ich nicht eine vortreffliche Bibliothek besitze.“

Niemand erwiderte etwas. Hierauf gähnte sie nochmals, legte ihr Buch weg und sah sich im Zimmer um, um irgend eine andere Unterhaltung aufzufinden; als sie aber ihren Bruder mit Fräulein Bennet von einem Balle reden hörte, wandte sie sich plötzlich zu ihm und sagte:

„Übrigens, Charles, ist es dir wirklich Ernst mit dem Gedanken, einen Ball in Netherfield zu geben? Ich würde dir rathen, ehe du dich entschließest, erst die Wünsche der gegenwärtigen Gesellschaft zu hören; ich irre mich sehr, wenn sich nicht einige unter uns befinden, denen ein Ball eher eine Strafe als ein Vergnügen sein würde.“

„Wenn du Darcy meinst,“ rief ihr Bruder, „so mag er zu Bette gehen, wenn er will, ehe er anfängt; was aber den Ball betrifft, so ist das eine ausgemachte Sache, und sobald Nicholls genug weiße Suppe gekocht hat, werde ich meine Karten herumschicken.“

„Ich sollte Bälle weit besser leiden,“ versetzte sie, „wenn sie auf eine andere Art gegeben würden; aber bei dem gewöhnlichen Verfahren bei einer solchen Gesellschaft ist etwas unausstehlich Langweiliges. Es wäre gewiß weit vernünftiger, wenn Unterhaltung statt des Tanzens das Hauptgeschäft des Tages wäre.“

„Weit vernünftiger, meine liebe Caroline, das gebe ich zu; aber das würde einem Balle gar nicht ähnlich sehen.“

Fräulein Bingley erwiderte nichts und stand bald darauf auf und ging im Zimmer auf und ab. Ihre Gestalt war zierlich und ihr Gang leicht; aber Darcy, auf den Alles abgesehen war, blieb unerbittlich bei seinem Buche. In der Verzweiflung ihrer Gefühle machte sie noch einen Versuch; und indem sie sich zu Elisabeth wandte, sagte sie:

„Fräulein Elisa Bennet, erlauben Sie mir, Sie zu überreden, meinem Beispiele zu folgen und ein wenig im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich versichere Ihnen, es ist sehr erquickend, nachdem man so lange in Einer Stellung gesessen hat.“

Elisabeth war erstaunt, willigte aber sogleich ein. Fräulein Bingley hatte indeß den eigentlichen Zweck ihrer Höflichkeit nicht minder erreicht: Herr Darcy blickte auf. Er war für die Neuigkeit der Aufmerksamkeit von dieser Seite eben so empfänglich als Elisabeth selbst, und schloß, ohne es zu wissen, sein Buch. Er wurde sogleich eingeladen, ihrer Gesellschaft beizutreten; er schlug es aber ab und bemerkte, daß er sich nur zwei Beweggründe denken könne, aus denen sie sich entschlossen hätten, im Zimmer auf und nieder zu gehen, und durch keinen von beiden dürfe er sich in ihre Gesellschaft drängen. Was mochte er damit meinen? Sie schmolle begierig zu wissen, was seine Meinung sein möge, und fragte Elisabeth, ob sie ihn irgend verstehen könne.

„Durchaus nicht,“ antwortete diese; „aber verlassen Sie sich darauf, er will uns strafen, und das sicherste Mittel, ihn zu beschämen, ist gar nicht darnach zu fragen.“ Indessen war Fräulein Bingley keineswegs im Stande, Herrn Darcy in irgend Etwas zu Willen zu sein, und bestand deshalb auf einer Erklärung seiner zwei Beweggründe.

„Ich habe nicht das Geringste dagegen, sie Ihnen anzugeben,“ sagte er, sobald sie ihm zu sprechen erlaubte. „Sie wählen entweder diese Art, den Abend hinzubringen, weil Sie sich einander anvertrauen und geheime Angelegenheiten zu besprechen haben, oder weil Sie wissen, daß Ihre Figuren im Gehen am vortheilhaftesten erscheinen. Ist das Erstere der Fall, so würde ich Ihnen ganz im Wege sein; ist es das Letztere, so kann ich Sie weit besser bewundern, wenn ich am Feuer sitze.“ „O, schrecklich,“ rief Fräulein Bingley. „So etwas Abscheuliches habe ich noch nie gehört. Wie wollen wir ihn für eine solche Rede bestrafen?“

„Nichts ist leichter, wenn Sie nur Lust haben,“ sagte Elisabeth. „Wir können einander Alle plagen und bestrafen. Necken Sie ihn — lachen Sie ihn aus. Da Sie so vertraut mit ihm sind, müssen Sie wissen, wie das anzufangen ist.“ „Aber auf meine Ehre, ich weiß es nicht. Ich versichere Sie, meine Vertraulichkeit hat mich das noch nicht gelehrt. Den ruhigen Gleichmuth und die Geistesgegenwart eines Menschen necken! Nein, nein, ich fühle, da mag er uns Trotz bieten. Und was das Lachen betrifft, so wollen wir uns nicht lächerlich machen, wenn Sie es erlauben, indem wir ohne alle Veranlassung lachen wollten. Herr Darcy mag sich selbst beglückwünschen.“ „Herr Darcy ist nicht zum Auslachen,“ rief Elisabeth. „Das ist ein ungewöhnlicher Vorzug, und ich hoffe, er wird ihm auch ferner bleiben; denn es würde für mich ein großer Verlust sein, viele solche Bekannte zu haben. Ich liebe ein herzliches Lachen über Alles.“ „Fräulein Bingley,“ sagte er, „hat mir mehr zugeschrieben, als ich verdiene. Die Weisesten und Besten der Menschen — ja, das Weiseste und Beste ihrer Handlungen — können von einer Person lächerlich gemacht werden, deren erster Lebenszweck ein Witz ist.“ „Gewiß,“ versetzte Elisabeth, „es gibt solche Leute, aber ich hoffe, ich bin nicht eine von ihnen. Ich hoffe, ich verspotte nie, was weise und gut ist. Thorheiten und Unsinn, Grillen und Ungereimtheiten unterhalten mich allerdings, und ich lache darüber, so oft ich kann. Aber das ist eben, was Ihnen, wie ich vermuthe, ganz abgeht.“ „Vielleicht ist das für Niemand möglich. Aber ich habe es mir zum Gegenstand meines Lebens gemacht, jene Schwächen zu vermeiden, welche einen starken Verstand oft dem Spotte bloßstellen.“ „Zum Beispiel Eitelkeit und Hochmuth.“ „Ja, Eitelkeit ist allerdings eine Schwäche. Aber Hochmuth — wo wirklich ein überlegener Geist vorhanden ist — wird stets unter guter Zucht stehen.“ Elisabeth wandte sich ab, um ein Lächeln zu verbergen. „Ihre Prüfung des Herrn Darcy ist wohl zu Ende, vermuthe ich,“ sagte Fräulein Bingley; „und bitte, wie ist das Resultat?“ „Ich bin vollkommen überzeugt, daß Herrn Darcy gar kein Fehler anhängt. Er gesteht es selbst ohne Rückhalt.“ „Nein,“ sagte Darcy, „ich habe solchen Anspruch nicht gemacht. Ich habe Fehler genug, aber sie sind, hoffe ich, nicht im Verstande. Für meinen Charakter wage ich nicht zu bürgen. Er ist, wie ich glaube, zu wenig nachgiebig, gewiß zu wenig für die Bequemlichkeit der Welt. Ich kann die Thorheiten und Laster Anderer nicht so bald vergessen, wie ich sollte, und eben so wenig ihre Beleidigungen gegen mich. Meine Gefühle werden nicht bei jedem Versuche, sie zu erregen, aufgeblasen. Mein Charakter würde vielleicht reizbar genannt werden. Ist meine gute Meinung einmal verloren, so ist sie für immer verloren.“ „Das ist allerdings ein Fehler,“ rief Elisabeth. „Unversöhnliches Ressentiment ist ein Schatten in einem Charakter. Aber Sie haben sich Ihren Fehler gut ausgewählt. Ich kann wahrlich nicht darüber lachen. Sie sind vor mir sicher.“ „Es gibt, wie ich glaube, in jeder Gemüthsart eine Neigung zu irgend einem besondern Übel, einen natürlichen Fehler, welchen selbst die beste Erziehung nicht überwinden kann.“ „Und Ihr Fehler ist die Neigung, Alle zu hassen.“ „Und der Ihrige,“ versetzte er mit einem Lächeln, „ist, uns geflissentlich mißzuverstehen.“ „Lassen Sie uns ein wenig Musik hören,“ rief Fräulein Bingley, die einer Unterhaltung überdrüssig war, an der sie keinen Antheil hatte. „Louisa, du wirst es nicht übel nehmen, wenn ich Herrn Hurst wecke.“ Ihre Schwester hatte nichts dagegen, und das Pianoforte wurde geöffnet; und Darcy war nach kurzem Bedenken nicht unzufrieden darüber. Er fing an, die Gefahr zu fühlen, der er sich aussetze, wenn er Elisabeth zu viel Aufmerksamkeit schenkte.

ZWÖLFTES CAPITEL.

In Folge einer Verabredung zwischen den Schwestern schrieb Elisabeth am folgenden Morgen an ihre Mutter, mit der Bitte, den Wagen im Laufe des Tages zu schicken. Aber Frau Bennet, welche darauf gerechnet hatte, daß ihre Töchter bis zum künftigen Dienstag in Netherfield bleiben würden, was gerade Jane’s Woche vollendet haben würde, konnte sich nicht entschließen, sie früher mit Vergnügen aufzunehmen. Ihre Antwort war daher nicht günstig, wenigstens nicht für Elisabeth’s Wünsche, denn diese sehnte sich, nach Hause zu kommen. Frau Bennet ließ ihnen sagen, sie könnten unmöglich vor Dienstag den Wagen haben, und im Nachschreiben war hinzugefügt, wenn Herr Bingley und seine Schwester sie zum längeren Bleiben aufforderten, so könne sie sie füglich entbehren. Gegen ein längeres Bleiben indeß war Elisabeth durchaus entschieden; und da sie kaum erwartete, daß man sie darum bitten werde, fürchtete sie im Gegentheil, es möchte scheinen, als dränge sie sich unnöthig lange auf; sie rieth daher Jane, Herrn Bingley’s Wagen sogleich zu erbitten, und es wurde endlich verabredet, daß man von dem ursprünglichen Plane, noch an dem Morgen Netherfield zu verlassen, Erwähnung thun und die Bitte daran knüpfen solle.

Die Mittheilung erregte viele Versicherungen von Bedauern, und es wurde genug gesagt von dem Wunsche, sie möchten wenigstens bis zum folgenden Tage bleiben, um auf Jane Eindruck zu machen; und bis zum Morgen wurde ihr Abgang verschoben. Fräulein Bingley bedauerte bald darauf, daß sie den Aufschub vorgeschlagen hatte; denn ihre Eifersucht und Abneigung gegen die eine Schwester übertrafen bei Weitem ihre Zuneigung zu der andern.

Der Herr vom Hause hörte mit wahrem Schmerze, daß sie so bald gehen sollten, und suchte Fräulein Bennet wiederholt zu überreden, daß es für sie nicht zuträglich sei, daß sie noch nicht hinlänglich wiederhergestellt sei; aber Jane blieb fest, wo sie sich im Rechte glaubte.

Für Herrn Darcy war diese Nachricht willkommen: Elisabeth war lange genug in Netherfield gewesen. Sie zog ihn stärker an, als ihm lieb war; und Fräulein Bingley benahm sich unhöflich gegen sie und war ihm selbst lästiger als gewöhnlich. Er nahm sich klüglich vor, nun ganz besonders darauf bedacht zu sein, daß kein Zeichen von Bewunderung sich entschlüpfen möge, nichts, was sie mit der Hoffnung erheben könnte, auf sein Glück Einfluß zu haben; und indem er wohl einsah, daß, wenn ein solcher Gedanke in ihr entstanden wäre, sein Betragen während des letzten Tages ein entscheidendes Gewicht zur Bestätigung oder Vernichtung desselben haben müßte, sprach er am ganzen Sonnabend seinem Vorsatze getreu kaum zehn Worte mit ihr; und obgleich sie einmal eine halbe Stunde mit einander allein gelassen wurden, blieb er gewissenhaft bei seinem Buche und wollte sie nicht einmal ansehen.

Am Sonntag, nach dem Morgengottesdienste, fand die für Beide so angenehme Trennung statt. Fräulein Bingley’s Höflichkeit gegen Elisabeth nahm nun sehr rasch zu, wie ihre Zuneigung zu Jane; und als sie sich trennten, umarmte sie, nachdem sie der Letzteren die Versicherung gegeben, daß es ihr immer ein Vergnügen machen werde, sie in Longbourn oder Netherfield zu sehen, und sie mit der zärtlichsten Umarmung bedacht hatte, sogar die Erstere und reichte ihr die Hand. Elisabeth nahm von der ganzen Gesellschaft in der heitersten Laune Abschied.

Sie wurden von ihrer Mutter nicht sehr herzlich zu Hause empfangen. Frau Bennet wunderte sich über ihre Ankunft, fand sie sehr Unrecht, daß sie so viel Mühe machten, und war überzeugt, Jane werde sich aufs Neue erkälten. Ihr Vater aber, obgleich sehr lakonisch in seinen Freudenbezeugungen, war doch wirklich froh, sie zu sehen; er hatte ihre Wichtigkeit im Familienkreise gefühlt. Das Abendgespräch, als sie alle versammelt waren, hatte durch die Abwesenheit Jane’s und Elisabeth’s viel von seiner Lebhaftigkeit und fast allen Sinn verloren.

Sie fanden Mary, wie gewöhnlich, tief in das Studium des Generalbasses und der Menschennatur versunken, und hatten neue Auszüge zu bewundern und neue Beobachtungen abgedroschener Moral anzuhören. Catherine und Lydia hatten Nachrichten von ganz anderer Art für sie. Seit dem vorhergehenden Mittwoch war im Regimente Vieles geschehen und Vieles gesprochen worden; einige der Officiere hatten unlängst bei ihrem Oheim gespeist; ein Gemeiner war ausgepeitscht worden; und es hatte wirklich das Gerücht gegangen, als werde Oberst Forster heirathen.

DREIZEHNTES CAPITEL.

„Ich hoffe, meine Liebe,“ sagte Herr Bennet am folgenden Morgen beim Frühstücke zu seiner Frau, „daß du für heute ein gutes Mittagessen bestellt hast; denn ich habe Ursache, einen Zuwachs zu unserer Familiengesellschaft zu erwarten.“ „Wen meinst du, mein Lieber? Ich wüßte wahrlich Niemand, der kommt, wenn nicht etwa Charlotte Lucas einmal vorsprechen sollte; und ich hoffe doch, meine Mittagessen sind für sie gut genug. Solche bekommt sie, denke ich, nicht alle Tage zu Hause.“ „Die Person, von der ich spreche, ist ein Herr und ein Fremder.“ Frau Bennet’s Augen blitzten. „Ein Herr und ein Fremder! Das ist gewiß Herr Bingley. Ei, Jane, du hast mir kein Wort davon gesagt — du Schlaukopf! Nun, ich bin gewiß, ich werde mich außerordentlich freuen, Herrn Bingley zu sehen. Aber — gütiger Himmel! wie unglücklich! heut ist kein Fisch zu haben. Lydia, mein Kind, klingle. Ich muß sogleich mit Hill sprechen.“ „Es ist nicht Herr Bingley,“ sagte ihr Gatte; „es ist eine Person, die ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen habe.“ Dies erregte allgemeines Erstaunen, und er hatte das Vergnügen, von seiner Frau und fünf Töchtern auf einmal eifrig befragt zu werden.

Nachdem er sich eine Zeitlang an ihrer Neugier belustigt hatte, erklärte er sich auf folgende Weise: „Vor ungefähr einem Monate erhielt ich diesen Brief, und vor ungefähr vierzehn Tagen beantwortete ich ihn; denn ich hielt es für einen Fall von einiger Delikatesse, der frühzeitige Aufmerksamkeit erforderte. Er ist von meinem Vetter, Herrn Collins, der, wenn ich todt bin, euch Alle nach Belieben aus diesem Hause vertreiben kann, sobald es ihm gefällt.“ „O, mein Lieber,“ rief seine Frau, „ich kann es nicht aushalten, wenn das erwähnt wird. Bitte, sprich mir nicht von diesem abscheulichen Manne. Ich denke, es ist das Härteste in der Welt, daß dein Besitzthum von deinen eigenen Kindern weg auf Jemand übergehen soll; und ich bin sicher, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre, ich hätte längst irgend Etwas in der Sache gethan.“ Jane und Elisabeth suchten ihr die Natur einer Erbfolge klar zu machen. Sie hatten es früher oft versucht: aber es war ein Gegenstand, über den Frau Bennet jeder Vernunft unzugänglich war, und sie fuhr fort, bitter gegen die Grausamkeit zu schelten, einen Besitz von einer Familie von fünf Töchtern wegzugeben, zu Gunsten eines Mannes, an dem Niemand Etwas gelegen sei.

„Es ist freilich eine höchst unerhörte Sache,“ sagte Herr Bennet; „und nichts kann Herrn Collins von der Schuld, Longbourn zu erben, lossprechen. Aber wenn ihr seinen Brief hören wollt, so werdet ihr vielleicht durch die Art, wie er sich ausdrückt, ein Wenig besänftigt werden.“ „Nein, dessen bin ich gewiß, das werde ich nicht; und ich denke, es war sehr unverschämt von ihm, dir überhaupt zu schreiben, und sehr heuchlerisch. Ich hasse solche falschen Freunde. Warum konnte er nicht mit dir in Zwist bleiben, wie sein Vater vor ihm?“ „Nun, es scheint wirklich, daß er in dieser Beziehung einige kindliche Bedenklichkeiten gehabt hat, wie du hören wirst.

„Hunsford, bei Westerham, Kent, den 15. October.

„Theurer Herr!

„Die zwischen Euch und meinem seligen, hochgeehrten Vater bestandene Uneinigkeit hat mir stets viele Unruhe verursacht, und seitdem ich das Unglück gehabt habe, ihn zu verlieren, habe ich oft gewünscht, den Bruch wieder zu heilen; aber ich wurde einige Zeit durch eigene Zweifel zurückgehalten, indem ich fürchtete, es möchte für sein Andenken beleidigend scheinen, wenn ich mit jemand gut stände, gegen den er stets in Mißhelligkeit zu leben geruhte.“ — ‚Da, Frau Bennet!‘ — „Indessen ist mein Entschluß in dieser Beziehung nunmehr fest. Da ich zu Ostern die Ordination erhalten habe, hat mich das Glück begünstigt, durch den Einfluß der hochedlen Frau Lady Catherine de Bourgh, Wittwe von Sir Lewis de Bourgh, zu der vortrefflichen Pfründe dieser Pfarre befördert zu werden, und ich werde mir es zum eifrigsten Bestreben machen, gegen Ihre Ladyschaft mich mit dankbarer Ehrfurcht zu betragen und jederzeit zu allen den Verrichtungen bereit zu sein, die in der englischen Kirche vorgeschrieben sind. Wie es ferner einem Geistlichen zukommt, fühle ich es als meine Pflicht, den Segen des Friedens in allen Familien, die in den Bereich meines Einflusses kommen, zu befördern und zu befestigen; und aus diesen Gründen schmeichle ich mir, daß meine gegenwärtigen Annäherungen des guten Willens sehr lobenswerth sind, und daß der Umstand, daß ich der nächste Erbe von Longbourn bin, von Eurer Seite gütig übersehen und Euch nicht bewegen werde, den dargebotenen Ölzweig zurückzuweisen. Ich kann nur mit Bedauern das Mittel sein, Eure liebenswürdigen Töchter zu beeinträchtigen, und bitte, mich dafür zu entschuldigen, sowie Euch meiner Bereitwilligkeit zu versichern, ihnen allen möglichen Ersatz zu geben; doch hiervon ein anderes Mal. Wenn Ihr nichts dagegen habt, mich in Eurem Hause aufzunehmen, so beehre ich mich, mich Montag den 18. November, um vier Uhr bei Euch und Eurer Familie einzufinden und werde wahrscheinlich Eure Gastfreundschaft bis zum folgenden Sonnabend in Anspruch nehmen, was ich ohne alle Unbequemlichkeit thun kann, da Lady Catherine nichts dagegen hat, wenn ich zuweilen am Sonntage ausbleibe, wofern nur ein anderer Geistlicher die Amtsverrichtungen des Tages übernimmt. Ich verbleibe, theurer Herr, mit höflicher Empfehlung an Eure Frau Gemahlin und Töchter, Euer wohlgeneigter Freund und Diener

„WILLIAM COLLINS.

„Um vier Uhr also, „können wir diesen friedfertigen Herrn erwarten,“ sagte Herr Bennet, indem er den Brief zusammenfaltete. „Er scheint mir auf mein Wort ein sehr gewissenhafter und höflicher junger Mann zu sein, und ich zweifle nicht, er wird sich als eine schätzbare Bekanntschaft zeigen, besonders wenn Lady Catherine so gnädig sein sollte, ihn wieder einmal zu uns zu lassen.“ „Was er über die Mädchen sagt, hat indessen einigen Sinn; und wenn er geneigt ist, ihnen irgend einen Ersatz zu geben, so werde ich nicht diejenige sein, die ihn davon abschreckt.“ „Es ist zwar schwer,“ sagte Jane, „zu errathen, auf welche Weise er uns die Genugthuung zu geben gedenkt, die er uns schuldig zu sein glaubt; aber der Wunsch ist immer zu seinem Lobe.“ Elisabeth fiel vorzüglich seine außerordentliche Ehrfurcht gegen Lady Catherine auf, und seine gefällige Absicht, seine Pfarrkinder zu taufen, zu trauen und zu begraben, so oft es nöthig sein würde.

„Er muß ein Sonderling sein, denke ich,“ sagte sie. „Ich kann ihn nicht zusammenreimen. Es liegt etwas sehr Pomphaftes in seinem Styl. Und was will er mit der Entschuldigung, daß er der nächste Erbe ist? Wir können doch nicht glauben, er würde es ändern, wenn er könnte. Kann er ein vernünftiger Mann sein, Vater?“ „Nein, meine Liebe, das denke ich nicht. Ich habe große Hoffnung, ihn gerade das Gegentheil zu finden. Es liegt eine Mischung von knechtischer Demuth und Selbstwichtigkeit in seinem Briefe, die viel verspricht. Ich bin begierig, ihn zu sehen.“ „In Hinsicht des Styls,“ sagte Mary, „scheint sein Brief nicht ohne Werth. Die Idee mit dem Ölzweige ist vielleicht nicht ganz neu, aber ich denke, sie ist gut ausgedrückt.“ Für Catherine und Lydia waren weder der Brief noch sein Schreiber im Geringsten interessant. Es war höchst unwahrscheinlich, daß ihr Vetter in einem rothen Rocke kommen würde, und es waren schon einige Wochen, seit sie Vergnügen an der Gesellschaft eines Mannes in einer andern Farbe gehabt hatten. Was ihre Mutter betraf, so hatte Herrn Collins’s Brief einen großen Theil ihrer Abneigung gegen ihn aufgehoben, und sie bereitete sich, ihn mit einer Fassung zu sehen, die ihren Gatten und Töchter in Erstaunt setzte.

Herr Collins war pünktlich zur bestimmten Stunde, und wurde von der ganzen Familie mit großer Höflichkeit empfangen. Herr Bennet sprach freilich wenig; aber die Damen waren zum Reden vollkommen aufgelegt, und Herr Collins schien weder der Aufmunterung zu bedürfen, noch selbst zum Schweigen geneigt. Er war ein großer, schwer aussehender junger Mann von fünfundzwanzig Jahren. Seine Haltung war ernst und stattlich, und seine Manieren waren sehr förmlich. Er hatte sich noch nicht lange niedergelassen, als er schon Frau Bennet für ihre schöne Töchterfamilie beglückwünschte, äußerte, daß er viel von ihrer Schönheit gehört habe, daß aber in diesem Falle der Ruf hinter der Wahrheit zurückgeblieben sei, und fügte hinzu, er zweifle nicht, daß sie alle mit der Zeit gut verheirathet sehen werde. Diese Galanterie war nicht ganz nach dem Geschmacke einiger Zuhörer; aber Frau Bennet, die mit keiner Art von Compliment unzufrieden war, antwortete sogleich:

„Sie sind sehr gütig, mein Herr, dessen bin ich gewiß, und ich wünsche von Herzen, es möge sich so finden; denn sonst werden sie armend genug daran sein. Es ist Alles so wunderlich eingerichtet.“ „Sie beziehen sich vielleicht auf die Erbfolge dieses Gutes.“

„Ach, mein Herr, gewiß; es ist ein betrübter Handel für meine armen Mädchen, das müssen Sie gestehen. Nicht daß ich Ihnen daraus einen Vorwurf machen wollte, denn dergleichen, das weiß ich, ist hier auf der Welt alles dem Zufall unterworfen. Man kann nie wissen, wie es mit Gütern geht, wenn sie einmal auf Lehnssuccession stehen.“

„Ich fühle es sehr, Madam, wie hart es für meine holden Basen ist, und könnte viel darüber sagen, wenn ich nicht fürchten müßte, voreilig und übereilt zu erscheinen. Aber ich kann den jungen Damen die Versicherung geben, daß ich voll Bewunderung komme. Für jetzt will ich nicht mehr sagen, vielleicht aber, wenn wir einander besser kennen—“

Er wurde durch den Ruf zum Mittagsmahle unterbrochen, und die Mädchen wechselten mit einander ein Lächeln. Sie waren nicht die einzigen Gegenstände von Herrn Collins Bewunderung. Die Halle, das Speisezimmer und alle Geräthe wurden gemustert und gelobt; und sein Lobpreis von Allem hätte Frau Bennets Herz ergriffen, wenn nicht die kränkende Vermuthung dabey gewesen wäre, daß er Alles als sein künftiges Eigenthum betrachte. Auch das Mittagsmahl seinerseits wurde sehr bewundert; und er bat sich zu wissen aus, welcher seiner holden Basen die Trefflichkeit der Küche zuzuschreiben sey. Hier aber wurde er von Frau Bennet zurecht gewiesen, welche ihn mit einiger Schärfe versicherte, daß sie sehr wohl im Stande seyen, einen guchten Koch zu halten, und daß ihre Töchter in der Küche nichts zu thun hätten. Er bat um Verzeihung, sie beleidigt zu haben. In gemildertem Tone erklärte sie, keineswegs beleidigt zu seyn; aber er fuhr beynahe eine Viertelstunde fort, sich zu entschuldigen.

Vierzehntes Kapitel.

Während des Mittagsmahls sprach Herr Bennet fast gar nichts; als aber die Dienerschaft sich entfernt hatte, glaubte er, es sey Zeit, einiges Gespräch mit seinem Gaste anzuknüpfen, und lenkte daher auf einen Gegenstand hin, worin er ihn glänzen zu sehen erwartete, indem er bemerkte, daß er in seiner Gönnerin sehr glücklich zu seyn scheine. Lady Catherine de Bourghs Aufmerksamkeit auf seine Wünsche und ihre Berücksichtigung seiner Bequemlichkeit schienen sehr bemerkenswerth. Herr Bennet hätte nicht besser wählen können. Herr Collins war in ihrem Lobe beredt. Der Gegenstand erhob ihn zu mehr als gewöhnlicher Feierlichkeit der Miene, und mit höchst wichtigem Gesichte betheuerte er, daß er nie in seinem Leben ein solches Betragen an einer Person von Stande gesehen habe—eine solche Leutseligkeit und Herablassung, als er selbst von Lady Catherine erfahren. Sie war gnädigst so gefällig gewesen, beyde Predigten, welche er schon die Ehre gehabt habe, vor ihr zu halten, zu billigen. Sie hatte ihn auch zweimal zu Tische nach Rosings gebeten, und ihn erst am vergangenen Samstage herüber holen lassen, um Abends ihre Whistpartie zu ergänzen. Lady Catherine, das wisse er, gelte bey vielen Leuten für stolz; aber er habe an ihr nie etwas als Leutseligkeit wahrgenommen. Sie habe immer zu ihm gesprochen, wie zu jedem andern Cavalier; sie habe es nicht im mindesten übel vermerkt, daß er sich in die Gesellschaft der Nachbarschaft mische, und seine Pfarre zuweilen auf eine Woche oder zwei verlasse, um seine Verwandten zu besuchen. Sie habe sogar so herablassend seyn wollen, ihm anzurathen, so bald als möglich zu heurathen, falls er nur mit Umsicht wähle; und ihn einmal in seiner geringen Pfarre besucht, wo sie alle seine Veränderungen vollkommen gebilligt, und sogar geruht habe, einige vorzuschlagen—einige Bretter in den Schränken auf dem obern Stockwerke.

„Das ist alles recht schicklich und höflich, dessen bin ich gewiß,“ sagte Frau Bennet, „und ich darf wohl sagen, sie ist eine sehr angenehme Dame. Schade nur, daß große Damen insgemein ihr nicht ähnlicher sind. Wohnt sie in Ihrer Nähe, mein Herr?“

„Der Garten, worin meine geringe Wohnung steht, ist nur durch eine Allee von Rosings Park, dem Landsitze Ihrer Ladyschaft, getrennt.“

„Sie sagten, glaube ich, sie sey Wittwe, mein Herr? hat sie Familie?“

„Sie hat eine einzige Tochter, die Erbin von Rosings und von sehr ausgedehnten Gütern.“

„Ah,“ rief Frau Bennet, den Kopf schüttelnd, „so ist sie besser daran, als manche Mädchen. Und was ist sie für eine junge Dame? Ist sie hübsch?“

„Sie ist in der That eine höchst reizende junge Dame. Lady Catherine selbst sagt, daß Fräulein de Bourgh, was wahre Schönheit betrifft, bey weitem der Schönsten ihres Geschlechtes vorzuziehen sey; weil in ihren Zügen etwas liege, das die junge Dame von ausgezeichnetem Geburt anzeige. Sie hat leider eine kränkliche Leibesbeschaffenheit, was sie an manchen Fertigkeiten, die sie sonst nothwendig erlangt hätte, hindern gemacht hat, wie ich von der Dame höre, welche ihre Erziehung leitete und noch immer bey ihr wohnt. Aber sie ist vollkommen liebenswürdig, und geruht zuweilen, an meiner geringen Wohnung in ihrem kleinen Phaeton mit Ponies vorüberzufahren.“

„Ist sie am Hofe vorgestellt worden? Ich erinnere mich nicht ihres Namens unter den Hofdamen.“

„Ihre mittelmäßige Gesundheit verhindert sie leider, in London zu seyn, und hat auf diese Weise, wie ich selbst Lady Catherine eines Tages sagte, den brittischen Hof um seinen hellsten Schmuck gebracht. Ihre Ladyschaft schien der Gedanke zu ergötzen, und Sie können denken, daß ich bey jeder Gelegenheit glücklich bin, dergleichen zarte Schmeicheleyen anzubringen, die den Damen immer angenehm sind. Ich habe mehr als einmal zu Lady Catherine gesagt, ihre reizende Tochter scheine zur Herzogin geboren, und der höchste Rang würde nicht ihr Ansehen geben, sondern durch sie Ansehn erhalten. Das sind die kleinen Dinge, welche Ihrer Ladyshaft behagen, und ich halte mich für ganz besonders verpflichtet, diese Aufmerksamkeit zu beweisen.“

„Sie urtheilen sehr richtig,“ sagte Herr Bennet; „und es ist glücklich für Sie, daß Sie das Talent besitzen, mit Feinheit zu schmeicheln. Darf ich fragen, ob diese gefälligen Aufmerksamkeiten aus dem augenblicklichen Antriebe hervorgehen, oder das Ergebniß vorhergegangener Ueberlegung sind?“

„Sie entspringen meistens aus dem, was gerade vorgeht; und ob ich mich zuweilen unterhalte, dergleichen kleine artige Schmeicheleyen auszusinnen und zu ordnen, wie sich für gemeine Fälle schicken mögen, so wünsche ich doch immer, ihnen ein möglichst unstudirtes Ansehn zu geben.“

Herrn Bennets Erwartungen wurden vollkommen befriedigt. Sein Vetter war so albern, als er nur gehofft hatte; und er hörte ihm zu mit dem lebhaftesten Vergnügen, wobey er die standhafteste Gleichmüthigkeit im Gesichte behauptete, und, außer daß er zuweilen einen Blick auf Elisa warf, keines Mitgenossen seiner Lust bedurfte.

Bis zur Theestunde jedoch war die Arzney genug gewesen, und Herr Bennet war froh, seinen Gast wieder in den Salon zu nehmen, und als der Thee vorüber war, froh, ihn einzuladen,

den Damen vorzulesen. Herr Collins willigte sogleich ein, und ein Buch wurde herbeygebracht; aber als er es erblickte (denn Alles verrieth, daß es aus einer Leihbibliothek sey), fuhr er zurück, und bat um Verzeihung, und erklärte, daß er nie Romane lese. Kitty starrte ihn an, und Lydia schrie auf. Andere Bücher wurden hervorgeholt, und nach einigem Bedenken wählte er „Fordyce’s Predigten.“ Lydia gähnte, als er den Band aufschlug; und ehe er noch mit höchst eintöniger Feierlichkeit drey Seiten gelesen hatte, fiel sie ihm ins Wort:—

„Wissen Sie wohl, Mama, daß mein Onkel Philips davon spricht, den Richard wegzujagen? und wenn er es thut, wird ihn Oberst Forster dingen. Meine Tante hat es mir selbst am Samstag gesagt. Ich will morgen nach Meryton gehen, um mehr darüber zu hören, und zu fragen, wann Herr Denny aus der Stadt zurückkommt.“

Lydia wurde von ihren zwey ältesten Schwestern Stillschweigen geboten; aber Herr Collins, sehr beleidigt, legte sein Buch weg und sagte:—

„Ich habe oft bemerkt, wie wenig sich junge Damen für Bücher von ernstem Gepräge interessiren, obgleich bloß zu ihrem Besten geschrieben. Es setzt mich in Erstaunen, ich gesteh es; denn gewiß kann ihnen nichts so vortheilhaft seyn, als Belehrung. Aber ich will meine junge Base nicht länger beschweren.“—

Dann wandte er sich zu Herrn Bennet, und bot sich ihm als Gegner im Puffspiele an. Herr Bennet nahm die Herausforderung an, und bemerkte dabey, daß er sehr klug gehandelt habe, die Mädchen ihren eigenen leichten Unterhaltungen zu überlassen. Frau Bennet und ihre Töchter entschuldigten sich aufs höflichste wegen Lydias Unterbrechung, und versprachen, sie solle nicht wieder vorkommen, wenn er sein Buch wieder vornehmen wolle; aber Herr Collins, nachdem er ihnen versichert, daß er seiner jungen Base nicht grolle, und ihr Betragen nie als eine Beleidigung ansehen werde, setzte sich mit Herrn Bennet an einen andern Tisch, und bereitete sich zum Puffspiele.

Fünfzehntes Kapitel.

Herr Collins war kein verständiger Mann, und der Mangel der Natur war wenig durch Erziehung oder Umgang ersetzt worden; der größte Theil seines Lebens war unter der Leitung eines ungebildeten und geizigen Vaters hingegangen; und obgleich er einer der Universitäten angehörte, hatte er doch nur die nothwendigen Termine gehalten, ohne irgend eine nützliche Bekanntschaft daselbst zu machen. Die Abhängigkeit, worein sein Vater ihn gewöhnt hatte, hatte ihm ursprünglich große Demigkeit des Betragens gegeben; aber die wurde jetzt ziemlich durch die Eingenommenheit von sich selbst eines schwachen Kopfes, der in der Zurückgezogenheit lebt, und durch die hochmüthigen Gefühle eines frühen und unerwarteten Glückes wieder aufgewogen. Ein günstiger Zufall hatte ihn der Lady Catherine de Bourgh empfohlen, als die Pfarre Hunsford vacant wurde; und die Achtung, die er für ihren hohen Rang empfand, und seine Verehrung gegen sie als seine Gönnerin, verbunden mit einer sehr vortheilhaften Meinung von sich selbst, von seiner Amtsgewalt als Geistlicher und seinem Rechte als Pfarrer, machten ihn durchaus zu einem Gemische von Stolz und Kriecherey, von Wichtigkeit und Demuth.

Da er jetzt ein gutes Haus und ein ganz hinlängliches Einkommen hatte, gedachte er zu heurathen; und indem er eine Aussöhnung mit der Longbourn’schen Familie suchte, hatte er eine Frau im Auge, in der Absicht, eine der Töchter zu wählen, wenn er sie so hübsch und liebenswürdig fände, als sie der allgemeine Ruf darstellte. Das war sein Sühnplan, sein Ersatz für die Erbschaft des väterlichen Gutes; und er hielt ihn für einen vortrefflichen, voll der Zweckmäßigkeit und Schicklichkeit, und höchst edelmüthig und uneigennützig von seiner Seite.

Sein Plan änderte sich auch nicht, als er sie sah. Miß Bennets liebliches Gesicht bestätigte seine Ansichten und begründete alle seine strengsten Begriffe von dem, was der Aeltesten gebühre; und für den ersten Abend war sie seine feste Wahl. Den folgenden Morgen indessen brachte eine Aenderung hervor; denn in einer Viertelstunde tête-à-tête mit Frau Bennet vor dem Frühstücke, in einem Gespräche, das mit seinem Pfarrhause anfing und natürlich zu dem Geständnisse seiner Hoffnung führte, daß in Longbourn eine Frau für dasselbe sich finden möchte, erhielt er von ihr, unter sehr gefälligem Lächeln und allgemeiner Ermunterung, eine Warnung vor eben der Jane, die er sich ersehen hatte. „Was ihre jüngeren Töchter betreffe, könne sie sich nicht auf das Bestimmte erklären—keineswegs positiv antworten—allein sie wisse von keiner Neigung;—ihre älteste Tochter müsse sie nur erwähnen—sie fühle sich verpflichtet, es anzudeuten—sey wahrscheinlich bald verlobt.“—

Herr Collins hatte also nur von Jane auf Elisa überzugehen—und bald war es geschehen—geschehen, indeß sie das Feuer schürte. Elisa, der Geburt und der Schönheit nach die nächste nach Jane, folgte natürlich auf sie.

Frau Bennet legte den Wink sorgfältig bey Seite, und hoffte, bald zwey Töchter verheurathet zu sehen; und der Mann, von dem sie tags zuvor nicht hören mochte, war nun hoch in ihrer Gunst.

Lydias Vorhaben, nach Meryton zu gehen, war nicht vergessen worden: jede Schwester außer Mary willigte ein, sie zu begleiten; und Herr Collins sollte ihnen aufwarten, auf Verlangen Herrn Bennets, welcher höchst begierig war, ihn los zu werden, und seine Bibliothek für sich zu haben; denn dahin war ihm Herr Collins nach dem Frühstücke gefolgt, und da fuhr er fort, angeblich mit einem der größten Folianten der Sammlung beschäftigt, in der That aber mit wenigem Aufhören mit Herrn Bennet von seinem Hause und Garten zu Hunsford redend. Solches Treiben brachte Herrn Bennet gewaltig aus der Fassung. In seiner Bibliothek war er immer der Muße und Ruhe sicher gewesen, und obgleich er gefaßt war, wie er Elisa sagte, in allen andern Zimmern des Hauses auf Thorheit und Einbildung zu stoßen, so war er gewohnt, dort frey davon zu seyn; seine Höflichkeit war daher gleich bey der Hand, Herrn Collins einzuladen, sich zu seinen Töchtern auf ihrem Spaziergange zu gesellen; und Herr Collins, der zum Spaziergänger in der That viel besser taugte, als zum Leser, war höchlich erfreut, sein großes Buch zuzuschlagen und zu gehen.

In pomphaften Nichts auf seiner Seite, und höflichen Beystimmungen von Seiten seiner Basen, verging ihnen die Zeit, bis sie in Meryton eintraten. Hier war die Aufmerksamkeit der Jüngern nicht länger von ihm zu gewinnen. Ihre Augen schweiften sogleich die Straße hinauf, auf der Suche nach den Officieren, und nichts Geringeres, als ein sehr schmucker Hut oder wirklich eine neue Musseline in einem Kaufladenfenster konnte sie zurückbringen.

Aber die Aufmerksamkeit einer jeden Dame wurde bald durch einen jungen Mann gefesselt, den sie nie zuvor gesehen hatten, von sehr cavaliermäßigem Ansehen, der auf der andern Seite des Weges mit einem Officier spazierte. Der Officier war eben der Herr Denny, wegen dessen Rückkunft aus London Lydia gekommen war sich zu erkundigen, und er neigte sich, als sie vorbey gingen. Alle waren von der Luft des Fremden getroffen, Alle wunderten sich, wer er wohl seyn möge; und Kitty und Lydia, entschlossen, wo möglich es auszukundschaften, lenkten den Weg über die Straße, unter dem Vorwande, in einem gegenüberliegenden Laden etwas zu bedürfen, und hatten glücklicherweise gerade das Trottoir erreicht, als die zwey Herren, umkehrend, an dieselbe Stelle kamen. Herr Denny redete sie sogleich an, und bat um Erlaubniß, seinen Freund vorzustellen, Herrn Wickham, welcher Tags zuvor mit ihm aus London zurückgekommen sey, und, er sey so glücklich es sagen zu können, eine Stelle in ihrem Corps angenommen habe. Das war gerade, wie es sich gehörte; denn dem jungen Manne fehlte nur die Uniform, um ihn ganz bezaubernd zu machen. Seine Erscheinung war sehr zu seinem Vortheile: er hatte alle besten Eigenschaften der Schönheit, ein feines Gesicht, eine gute Figur, und sehr gefälliges Benehmen. Die Vorstellung wurde von seiner Seite durch eine glückliche Gesprächigkeit fortgesetzt—eine Gesprächigkeit, die dabey vollkommen correct und ungenirt war; und die ganze Gesellschaft stand noch beysammen und unterhielt sich recht angenehm, als der Schall von Pferden ihre Aufmerksamkeit erregte, und man Darcy und Bingley die Straße herab reiten sah. Beym Erkennen der Damen aus der Gruppe kamen die beyden Herren gerade auf sie zu, und begannen die gewöhnlichen Höflichkeiten. Bingley war hauptsächlich der Wortführer, und Miß Bennet hauptsächlich der Gegenstand. Er sey, sagte er, im Begriffe nach Longbourn, um sich nach ihr zu erkundigen. Herr Darcy bestätigte es mit einer Verbeugung, und war im Begriffe, es sich zur Regel zu machen, seine Augen nicht auf Elisa zu heften, als diese plötzlich durch den Anblick des Fremden gefesselt wurden; und Elisa, die zufällig die Mienen beyder sah, wie sie einander betrachteten, erstaunte über die Wirkung des Zusammentreffens. Beyde wechselten die Farbe, der Eine sah weiß, der Andre roth. Herr Wickham, nach wenigen Augenblicken, rührte den Hut—an eine Begrüßung, die Herr Darcy kaum geruhte zu erwiedern. Was konnte das bedeuten? Es war unmöglich, es sich vorzustellen; es war unmöglich, nicht zu wünschen, es zu wissen.

Im nächsten Augenblicke nahm Herr Bingley, ohne merken zu lassen, daß er bemerkt habe, was vorging, Abschied, und ritt mit seinem Freunde weiter.

Herr Denny und Herr Wickham begleiteten die jungen Damen bis zur Thüre des Herrn Philips, und machten dann ihre Verbeugungen, ungeachtet Miß Lydias dringenden Bitten, hereinzukommen, und sogar ungeachtet Frau Philips, die das Zimmerfenster aufstieß und laut die Einladung unterstützte.

Frau Philips war immer froh, ihre Nichten zu sehen; und die beyden ältesten waren ihr wegen ihrer kürzlichen Abwesenheit besonders willkommen; und sie war eifrig dabei, ihr Erstaunen über ihre plötzliche Heimkehr auszudrücken, wovon sie, da ihr eigner Wagen sie nicht geholt hätte, nichts hätte wissen können, wenn sie nicht zufällig Mr. Jones’s Ladenjungen auf der Straße gesehen hätte, der ihr erzählte, sie würden keine weitern Arzneyen mehr nach Netherfield schicken, weil die Miß Bennets weg wären, als ihre Höflichkeit gegen Herrn Collins durch Jane’s Vorstellung desselben in Anspruch genommen wurde. Sie empfing ihn mit ihrer allerbesten Höflichkeit, die er mit noch viel mehr erwiederte, indem er sich wegen seiner Störung entschuldigte, ohne daß eine frühere Bekanntschaft zwischen ihnen Statt gefunden, die sich jedoch, wie er nicht umhin könne sich zu schmeicheln, durch seine Verwandtschaft mit den jungen Damen, die ihn ihr zuführten, einigermaßen rechtfertigen lasse. Frau Philips war durch einen solchen Ueberfluß von Höflichkeit ganz in Ehrfurcht; aber ihre Betrachtung des einen Fremden wurde bald durch Ausrufungen und Fragen über den andern unterbrochen, von dem sie jedoch den Nichten nichts weiter zu sagen wußte, als was diese schon wußten, daß Herr Denny ihn aus London mitgebracht, und daß er eine Lieutenantsstelle in dem — shire haben werde. Sie habe die letzte Stunde, sagte sie, ihn beobachtet, wie er die Straße auf und ab spaziert,—und wäre Herr Wickham sichtbar gewesen, so würden Kitty und Lydia gewiß dabey geblieben seyn; aber leider kam jetzt niemand mehr an den Fenstern vorbey, als einige Officiere, die, in Vergleichung mit dem Fremden, „langweilige, unausstehliche Kerls“ waren. Einige von ihnen sollten den folgenden Tag bey den Philipsen speisen, und die Tante versprach, ihren Mann zu Herrn Wickham schicken zu lassen und ihm auch eine Einladung zu geben, wenn die Longbourn’sche Familie den Abend herüber kommen werde. Das ward angenommen, und Frau Philips betheuerte, sie würden ein hübsches, bequemes, geräuschvolles Spiel Lotterieloose haben, und nachher ein Bischen warmes Abendessen. Die Aussicht auf solche Ergötzlichkeiten war sehr erheiternd, und sie trennten sich in gegenseitiger guter Laune. Herr Collins wiederholte seine Entschuldigungen, als er das Zimmer verließ, und es wurde ihm mit unermüdlicher Höflichkeit versichert, sie seyen ganz überflüssig.

Auf dem Heimwege erzählte Elisa der Jane, was sie zwischen den beyden Herren hatte vorgehen sehen; aber obgleich Jane eine von beyden oder beyde vertheidigt haben würde, wenn sie Unrecht gehabt hätten, so konnte sie doch ein solches Betragen so wenig erklären, als ihre Schwester.

Herr Collins erfreute bey seiner Rückkunft die Frau Bennet ungemein, indem er die Manieren und Höflichkeit der Frau Philips bewunderte. Er betheuerte, daß er, Lady Catherine und ihre Tochter ausgenommen, nie eine feinere Dame gesehen habe; denn sie habe ihn nicht nur mit der größten Höflichkeit aufgenommen, sondern ihn sogar ausdrücklich in ihre Einladung für den folgenden Abend eingeschlossen, obgleich ihr gänzlich unbekannt. Etwas, glaubte er, möge wohl auf seine Verbindung mit ihnen geschoben werden, aber eine so ausnehmende Aufmerksamkeit sey ihm doch in seinem ganzen Leben noch nicht begegnet.

Sechzehntes Kapitel.

Da kein Einspruch gegen das junge Gesellschaftchen geschah, und alle Scrupel des Herrn Collins, die Herrn und Frau Bennet auf einen einzigen Abend während seines Besuchs zu verlassen, standhaft zurückgewiesen wurden, so führte die Kutsche ihn und seine fünf Basen zu schicklicher Stunde nach Meryton; und die Mädchen hatten das Vergnügen, bey ihrem Eintritte in den Salon zu vernehmen, daß Herr Wickham die Einladung ihres Oheims angenommen, und schon im Hause sey.

Als diese Nachricht gegeben war, und alle ihre Plätze eingenommen hatten, hatte Herr Collins Muße, sich umzusehen und zu bewundern, und er war von der Größe und den Meublen des Zimmers so getroffen, daß er erklärte, er hätte sich fast in dem kleinen Sommerfrühstückszimmer zu Rosings glauben können; ein Vergleich, der anfänglich wenig Ergötzen gewährte; als aber Frau Philips von ihm erfuhr, was Rosings sey, und wer dessen Besitzerin sey, als sie der Beschreibung von nur einem der Salons Lady Catherine’s zugehört, und vernommen hatte, daß der Kaminsims allein achthundert Pfund gekostet habe, fühlte sie das ganze Gewicht des Compliments, und würde einen Vergleich mit dem Zimmer der Haushofmeisterin kaum übel genommen haben.

Indem er ihr die ganze Pracht der Lady Catherine und ihrer Wohnung beschrieb, mit gelegentlichen Abschweifungen zum Lobe seiner eignen geringen Wohnung und der Verschönerungen, die sie empfing, war er glücklich beschäftigt, bis die Herren zu ihnen stießen; und er fand in Frau Philips eine sehr aufmerksame Zuhörerin, deren Meinung von seiner Wichtigkeit mit dem, was sie hörte, wuchs, und die entschlossen war, alles unter ihren Nachbarn auszubreiten, sobald sie könnte. Für die Mädchen, die ihrem Vetter nicht zuhören konnten, und die nichts zu thun hatten, als sich nach einem Instrumente zu sehnen, und ihre eignen mittelmäßigen Nachahmungen von Porzellan auf dem Kaminsimse zu betrachten, schien die Zwischenzeit des Wartens sehr lang. Doch endlich ging sie vorüber. Die Herren kamen wirklich: und als Herr Wickham ins Zimmer trat, fühlte Elisa, daß sie ihn weder vorher gesehen, noch nachher an ihn gedacht hatte mit dem geringsten Grade unverständiger Bewunderung. Die Officiere in dem — shire waren überhaupt ein sehr achtbarer, cavaliermäßiger Haufe, und die Besten unter ihnen waren in der gegenwärtigen Gesellschaft; aber Herr Wickham übertraf sie alle an Person, Gesicht, Luft und Gang, so wie sie dem breitgesichtigen, kurzatmigen, nach Portwein duftenden Oheim Philips überlegen waren, der ihnen ins Zimmer folgte.

Herr Wickham war der glückliche Mann, nach welchem sich fast jedes weibliche Auge wandte, und Elisa war die glückliche Frau, neben welcher er endlich seinen Sitz nahm; und die angenehme Weise, in welcher er sogleich ins Gespräch verfiel, obgleich es nur über das nasse Wetter und die Wahrscheinlichkeit einer regnichten Jahreszeit war, machte sie fühlen, daß das Gemeinste, das Leerste, das Fadeste selbst, durch die Geschicklichkeit des Sprechenden interessant werden könne.

Bei solchen Nebenbublern um die Aufmerksamkeit der Schönen, wie Herr Wickham und die Officiere waren, schien Herr Collins in die Unbedeutenheit zurück zu sinken; für die jungen Damen war er gewiß gar nichts; aber er hatte doch noch zuweilen eine Art aufmerksame Zuhörerin in Frau Philips, und ward durch ihre Wachsamkeit reichlich mit Caffee und Muffins versehen.

Als die Spieltische hingesetzt wurden, hatte er Gelegenheit, ihr dagegen gefällig zu sein, indem er sich zum Whist setzte.

»Von dem Spiele verstehe ich jetzt wenig,« sagte er, »aber ich werde gern mich zu unterrichten suchen; denn in meiner Lage des Lebens —« Frau Philips war sehr dankbar für seine Gefälligkeit, konnte aber nicht auf seinen Grund warten.

Herr Wickham spielte nicht Whist, und wurde mit fertiger Bereitwilligkeit an dem andern Tische, zwischen Elisa und Lydia, aufgenommen. Im Anfange schien Gefahr, daß Lydia ihn ganz für sich einnehmen würde, denn sie war eine sehr entschiedene Schwätzerin; aber da sie auch ausnehmend das Spiel der Loose liebte, so ward sie bald zu sehr durch das Spiel eingenommen, zu eifrig in Wetten und Ausrufungen über Gewinnste, als daß sie auf irgend Jemand besonders Acht haben konnte. Herr Wickham war also, mit Berücksichtigung der gemeinen Anforderungen des Spiels, im Stande, mit Elisa zu reden, und diese war sehr willig, ihn zu hören, obgleich sie das, was sie hauptsächlich zu hören wünschte, nicht hoffen konnte zu erfahren, nämlich die Geschichte seiner Bekanntschaft mit Herrn Darcy. Sie getraute sich nicht einmal diesen Herrn zu nennen. Ihre Neugier wurde aber unerwartet befriedigt. Herr Wickham leitete das Gespräch von selbst auf ihn. Er fragte, wie weit Netherfield von Meryton entfernt sei; und nachdem er ihre Antwort empfangen hatte, fragte er auf eine zögernde Weise, wie lange Herr Darcy dort gewesen sey.

»Ungefähr einen Monat,« sagte Elisa; und, unwillig den Gegenstand fallen zu lassen, fügte sie hinzu: »er ist, wie ich höre, ein Mann von sehr großem Vermögen in Derbyshire.«

»Ja,« versetzte Wickham, »seine Besitzung dort ist eine vortreffliche. Klar zehntausend Pfund jährlich. Sie hätten keine finden können, die Ihnen darüber sicherer Auskunft hätte geben können, als ich, — denn ich bin mit seiner Familie auf eine ganz besondere Weise, von meiner Kindheit an, verbunden gewesen.«

Elisa konnte sich nicht enthalten, verwundert auszusehen.

»Sie können sich wohl wundern, Miß Bennet, über eine solche Behauptung, nachdem Sie, wie Sie wahrscheinlich konnten, die sehr kalte Art unsers Begegnens gestern sahen. Sind Sie mit Herrn Darcy sehr bekannt?

»So viel, als ich je zu seyn wünsche,« rief Elisa, lebhaft. »Ich habe vier Tage mit ihm unter einem Dache zugebracht, und ich halte ihn für sehr unausstehlich.

»»Ich habe kein Recht, meine Meinung zu geben,« sagte Wickham, »ob er angenehm sey oder nicht. Ich bin nicht fähig, eine zu fällen. Ich kenne ihn zu lange und zu gut, um ein unpartheiischer Richter zu seyn. Es ist mir unmöglich, unpartheiisch zu seyn. Aber ich glaube, Ihre Meinung von ihm würde im Allgemeinen in Erstaunen setzen — und vielleicht würden Sie sie nicht ganz so stark irgendwo anders äußern. Hier sind Sie in Ihrer eignen Familie.

»»Auf mein Wort, ich sage hier nicht mehr, als ich in irgend einem Hause in der Nachbarschaft sagen könnte, Netherfield ausgenommen. Er ist in Hertfordshire gar nicht beliebt. Jedermann ist über seinen Stolz entrüstet. Sie werden ihn von Niemand vortheilhafter besprechen hören.

»»Ich kann nicht vorgeben, es zu bedauern,« sagte Wickham, nach einer kurzen Unterbrechung, »daß er oder irgend ein Mann nicht über sein Verdienst geschätzt werde; aber bei ihm, glaube ich, geschieht es nicht oft. Die Welt wird durch sein Vermögen und seine Wichtigkeit geblendet, oder durch seine hochmüthigen, imponirenden Manieren eingeschüchtert, und sieht ihn nur, wie er gewählt zu werden wünscht.

»»Ich sollte ihn, auch nach meiner geringen Bekanntschaft, für einen Mann von schlimmen Temperamente halten.

Wickham schüttelte nur den Kopf.

»»Ich möchte wissen,« sagte er, bei der nächsten Gelegenheit zu sprechen, »ob er wahrscheinlich lange in dieser Gegend bleiben wird.

»»Das weiß ich gar nicht; aber ich hörte nichts von seinem Weggehen, als ich in Netherfield war. Ich hoffe, Ihre Pläne zu Gunsten des — shire werden nicht durch seine Gegenwart in der Nachbarschaft gestört.

»»O nein — es ist nicht für mich, mich von Herrn Darcy vertreiben zu lassen. Wenn er mich nicht sehen will, so muß er gehen. Wir sind nicht auf freundschaftlichem Fuße, und es macht mir immer Schmerz, ihm zu begegnen; aber ich habe keinen Grund, ihn zu meiden, als was ich aller Welt verkündigen könnte, — ein Gefühl sehr großer Mißhandlung, und die schmerzlichsten Reue über das, was er ist. Sein Vater, Miß Bennet, der selige Herr Darcy, war einer der besten Menschen, die je athmeten, und der treueste Freund, den ich je hatte; und ich kann nie in Gesellschaft dieses Herrn Darcy seyn, ohne bis in die Seele betrübt zu werden durch tausend zärtliche Erinnerungen. Sein Betragen gegen mich selbst ist ärgerlich gewesen; aber ich könnte wahrlich ihm alles und jedes vergeben, eher als daß er die Hoffnungen seines Vaters täuschte und das Andenken seines Vaters beschimpfte.

Elisa fühlte das Interesse des Gegenstandes sich vermehren, und hörte mit ganzem Herzen zu; aber die Zartheit desselben verhinderte weitere Nachfrage.

Herr Wickham fing an, über allgemeinere Gegenstände zu sprechen, über Meryton, die Nachbarschaft, die Gesellschaft, schien sehr erfreut über alles, was er bis jetzt gesehen hatte, und sprach über das Letztere besonders mit sanfter, aber sehr verständlicher Galanterie.

„Es war die Aussicht auf beständige Gesellschaft, und gute Gesellschaft," fügte er hinzu, „was mich hauptsächlich bewog, in das — shire zu gehen. Ich weiß, daß es ein sehr achtbarer, angenehmer Corps ist; und mein Freund Denny lockte mich vollends durch seine Schilderung ihrer gegenwärtigen Quartiere, und der großen Aufmerksamkeiten und vortrefflichen Bekanntschaft, die Meryton ihnen verschafft habe. Gesellschaft, ich gestehe es, ist mir nothwendig. Ich bin ein getäuschter Mensch, und meine Laune verträgt die Einsamkeit nicht. Ich muß Beschäftigung und Gesellschaft haben. Das Soldatenleben ist nicht das, wozu ich bestimmt war, aber die Umstände haben es jetzt wünschenswerth gemacht. Die Kirche sollte mein Beruf seyn, — ich war für die Kirche erzogen; und ich würde zu dieser Zeit im Besitze einer sehr einträglichen Pfründe seyn, wenn es dem Herrn, von welchem wir eben sprachen, beliebt hätte."

„In der That!"

„Ja — der selige Herr Darcy vermachte mir die nächste Anwartschaft auf die beste Pfrunde in seiner Vergebung. Er war mein Pathfather, und übermäßig an mir hängend. Ich kann seiner Güte nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er wollte für mich reichlich sorgen, und glaubte es gethan zu haben; aber als die Pfründe vacant ward, wurde sie einem Andern gegeben."

„Großer Gott!" rief Elisa; „aber wie konnte das zugehen? Wie konnte sein Testament so hintangesetzt werden? Warum suchten Sie Ihr Recht nicht auf gerichtlichem Wege?"

„Es war gerade eine solche Unförmlichkeit in den Ausdrücken der Schenkung, daß ich von dem Gesetze nichts zu hoffen hatte. Ein Mann von Ehre hätte über die Absicht nicht zweifeln können, aber Herr Darcy beliebte daran zu zweifeln, — oder sie als eine bloß bedingungsweise Empfehlung zu behandeln, und zu behaupten, daß ich allen Anspruch darauf durch Verschwendung, Unklugheit, kurz, alles oder nichts verloren hätte. Gewiß ist es, daß die Pfründe vor zwei Jahren gerade in dem Alter vacant ward, in welchem ich sie hätte übernehmen können, und daß sie einem Andern gegeben ward; und nicht weniger gewiß ist, daß ich mich keiner wirklichen Verschuldung anklagen kann, die verloren zu haben. Ich habe ein warmes, unbewachtes Temperament, und ich habe vielleicht manchmal meine Meinung von ihm, und gegen ihn, zu frei ausgesprochen. Ich kann mich nichts Schlimmeren erinnern. Aber die Sache ist die, daß wir sehr verschiedene Arten von Menschen sind, und daß er mich haßt."

„Das ist höchst empörend! Er verdient öffentlich angeklagt zu werden."

„Früher oder später wird er es werden — aber von mir nicht. Bis ich seinen Vater vergessen kann, kann ich ihn weder trotzen noch anklagen."

Elisa achtete ihn wegen solcher Gesinnungen, und hielt ihn für noch hübscher, indem er sie äußerte.

„Aber was," sagte sie nach einem Stillschweigen, „kann sein Beweggrund gewesen seyn? was konnte ihn bewogen haben, sich so grausam zu betragen?"

„Eine gründliche, entschiedene Abneigung gegen mich, — eine Abneigung, welche ich nicht anders, als zum Theil der Eifersucht zuschreiben kann. Hatte der selige Herr Darcy mich weniger geliebt, sein Sohn hätte mich besser ertragen mögen; aber seines Vaters ungewöhnliche Anhänglichkeit an mich erbitterte ihn, ich glaube, sehr frühe im Leben. Er hatte kein Temperament, die Art von Wetteifer zu ertragen, in welcher wir standen, — die Art von Vorzug, der mir so oft gegeben ward."

„Ich hätte Herrn Darcy nicht so schlecht gehalten, — obgleich ich ihn nie geliebt habe, ich hätte nicht so übel von ihm gedacht, — ich hätte mir vorgestellt, daß er seine Mitgeschöpfe überhaupt verachte, hätte aber nicht vermuthet, daß er zu einer solchen rachegierigen Bosheit, zu einer solchen Ungerechtigkeit, zu einer solchen Unmenschlichkeit, wie diese, herabsinken würde!"

Nach einigen Minuten Nachdenken aber fuhr sie fort: „Ich erinnere mich, daß er sich eines Tags in Netherfield rühmte, daß sein Groll unversöhnlich sey, daß er ein unversöhnliches Temperament habe. Sein Gemüth muß abscheulich seyn."

„Ich will mich nicht auf den Gegenstand einlassen," versetzte Wickham; „ich kann ihm kaum Gerechtigkeit widerfahren lassen."

Elisa war wieder in tiefes Nachdenken versunken, und rief nach einer Weile aus: „Den Pathen, den Freund, den Liebling seines Vaters, so zu behandeln!" Sie hätte hinzufügen können: „Einen jungen Mann auch, wie Sie, dessen ganze äußere Erscheinung für seine Liebenswürdigkeit bürgen kann." Aber sie begnügte sich mit den Worten: „Und einen solchen auch, der wahrscheinlich sein eigener Gefährte von der Kindheit an gewesen ist, wie Sie, denke ich, sagten, auf das Innigste mit ihm verbunden."

„Wir waren in derselben Pfarrei geboren, in demselben Park; den größten Theil unserer Jugend brachten wir zusammen zu: Hausgenossen desselben Hauses, Theilnehmer derselben Vergnügungen, Gegenstände derselben elterlichen Sorgfalt. Mein Vater fing sein Leben mit dem Berufe an, den Ihr Oheim, Herr Philips, so sehr zu seinem Ruhme zu treiben scheint; aber er gab alles auf, um dem seligen Herrn Darcy nützlich zu seyn, und widmete alle seine Zeit der Besorgung der Güter von Pemberley. Er wurde von Herrn Darcy im höchsten Grade geschätzt, sein vertrautester, intimster Freund. Herr Darcy erkannte sich oft für die größten Verpflichtungen gegen die thätige Aufsicht meines Vaters; und als unmittelbar vor dem Tode meines Vaters Herr Darcy ihm das freiwillige Versprechen gab, für mich zu sorgen, so bin ich überzeugt, daß er dies ebenso sehr als eine Schuld der Dankbarkeit gegen ihn, als der Zuneigung gegen mich ansah."

„Wie sonderbar!" rief Elisa. „Wie abscheulich! Ich wundere mich, daß der Stolz dieses Herrn Darcy ihn nicht wenigstens gerecht gegen Sie gemacht hat. Wenn auch aus keinem bessern Beweggrunde, daß er nicht zu stolz war, unehrlich zu seyn, — denn Unehrlichkeit muß ich es nennen."

„Es ist wunderbar," versetzte Wickham, „denn fast alle seine Handlungen lassen sich auf den Stolz zurückführen; und der Stolz ist oft sein bester Freund gewesen. Er hat ihn näher mit der Tugend verbunden, als irgend ein anderes Gefühl. Aber wir sind keiner von uns consequent; und in seinem Betragen gegen mich gab es stärkere Antriebe, als selbst den Stolz."

„Kann ein so abscheulicher Stolz, wie der seinige, ihm jemals genützt haben?"

„Ja; er hat ihn oft freigebig und großmüthig gemacht; sein Geld leicht hergeben, Gastfreiheit zeigen, seinen Pächtern beistehen und die Armen unterstützen lassen. Familienstolz und kindlicher Stolz, denn er ist sehr stolz auf das, was sein Vater war, haben dies gethan. Nicht so erscheinen wollen, daß er seine Familie beschimpfe, von den populären Eigenschaften abartе, oder den Einfluß des Hauses Pemberley verlieren möge, ist ein mächtiger Beweggrund. Er hat auch Bruderstolz, der ihn, mit einiger brüderlichen Zuneigung, zu einem sehr guten und sorgfältigen Vormund seiner Schwester macht; und Sie werden ihn allgemein als den aufmerksamsten und besten der Brüder erheben hören."

„Was ist Miß Darcy für ein Mädchen?"

Er schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, ich könnte sie liebenswürdig nennen. Es macht mir Schmerz, übel von einem Darcy zu sprechen; aber sie ist ihrem Bruder zu ähnlich, — sehr, sehr stolz. Als Kind war sie zärtlich und gefällig, und ausnehmend an mich gehängt; und ich habe ihr Stunden und Stunden zur Unterhaltung geopfert. Aber sie ist jetzt nichts für mich. Sie ist ein hübsches Mädchen, etwa fünfzehn oder sechszehn Jahr alt, und, wie ich höre, sehr gut unterrichtet. Seit dem Tode ihres Vaters ist ihr Aufenthalt London, wo eine Dame bei ihr wohnt und ihre Erziehung leitet."

Nach manchen Pausen und manchen Versuchen mit andern Gegenständen konnte Elisa nicht umhin, wieder zu dem ersten zurückzukehren und zu sagen: —

„Ich erstaune über seine Vertraulichkeit mit Herrn Bingley. Wie kann Herr Bingley, der die Güte selbst zu seyn scheint, und der, ich glaube wirklich, wahrhaft liebenswürdig ist, mit einem solchen Manne in Freundschaft stehen? Wie können sie zu einander passen? Kennen Sie Herrn Bingley?"

„Gar nicht."

„Er ist ein sanftes, liebenswürdiges, reizendes Gemüth. Er kann nicht wissen, was Herr Darcy ist."

„Wahrscheinlich nicht; aber Herr Darcy kann gefallen, wo er will. Es fehlt ihm nicht an Fähigkeiten. Er kann ein unterhaltender Gesellschafter seyn, wenn er es der Mühe werth hält. Unter denen, die ihm an Wichtigkeit gleich sind, ist er ein sehr anderer, als gegen die minder Glücklichen. Sein Stolz verläßt ihn nie; aber gegen die Reichen ist er freisinnig, gerecht, aufrichtig, vernünftig, ehrenwerth, und vielleicht angenehm, — wenn man auf Vermögen und Figur etwas rechnet."

Die Whistpartie brach bald darauf auf, und die Spieler versammelten sich um den andern Tisch, wo Herr Collins zwischen seiner Cousine Elisa und Frau Philips seinen Platz nahm. Die gewöhnlichen Erkundigungen über seinen Erfolg wurden von Letzterer eingezogen. Er war nicht sehr groß gewesen; er hatte alle Stiche verloren; aber als Frau Philips ihr Bedauern darüber zu erkennen gab, versicherte er sie mit vieler ernsten Würde, daß es von der geringsten Wichtigkeit nicht sey; daß er das Geld für eine bloße Kleinigkeit achte, und bitte, sich weiter keine Ungelegenheit daraus zu machen.

„Ich weiß sehr wohl, Madame," sagte er, „daß wenn sich Personen zu einer Spielkarte setzen, sie es dem Zufalle überlassen müssen, — und glücklicher Weise bin ich nicht in solchen Umständen, daß mir fünf Schillinge ein Gegenstand wären. Es giebt unstreitig Manche, die nicht ein Gleiches sagen können; aber, Gott sey Dank für Lady Catherine de Bourgh, bin ich weit über die Nothwendigkeit erhaben, auf Kleinigkeiten zu sehen."

Herrn Wickhams Aufmerksamkeit wurde erregt; und nachdem er Herrn Collins einige Augenblicke beobachtet hatte, fragte er Elisa mit leiser Stimme, ob ihre Verwandten sehr genau mit der Familie De Bourgh bekannt seyen.

„Lady Catherine de Bourgh," antwortete sie, „hat ihm ganz kürzlich eine Pfründe gegeben. Ich weiß kaum, wie Herr Collins zuerst in ihre Bekanntschaft eingeführt worden ist, aber er hat sie gewiß nicht lange gekannt."

„Sie wissen natürlich, daß Lady Catherine de Bourgh und Lady Anne Darcy Schwestern waren, folglich daß sie die Tante des jetzigen Herrn Darcy ist."

„Nein, wahrlich, das wußte ich nicht. Ich wußte gar nichts von Lady Catherines Verbindungen. Ich hörte nie von ihrer Existenz, bis vorgestern."

„Ihre Tochter, Miß de Bourgh, wird ein sehr großes Vermögen haben, und man glaubt, daß sie und ihr Vetter die beiden Güter vereinigen werden."

Diese Nachricht brachte Elisa zum Lächeln, da sie der armen Miß Bingley gedachte. Vergeblich muß in der That alle ihre Aufmerksamkeit, vergeblich und nutzlos ihre Zuneigung für seine Schwester und ihr Lob für ihn selbst seyn, wenn er schon einer Andern bestimmt war.

„Herr Collins," sagte sie, „spricht sehr vortheilhaft von Lady Catherine und ihrer Tochter; aber nach einigen Umständen, die er mir von ihrer Ladyschaft erzählt hat, vermuthe ich, daß seine Dankbarkeit ihn irreführt; und daß sie, ungeachtet sie seine Gönnerin ist, eine arrogante, eitle Frau ist."

„Ich halte sie dafür in einem hohen Grade," versetzte Wickham; „ich habe sie seit vielen Jahren nicht gesehen; aber ich erinnere mich sehr wohl, daß ich sie nie leiden mochte, und daß ihre Manieren gebieterisch und beleidigend waren. Sie hat den Ruf einer sehr verständigen und klugen Frau; aber ich vermuthe vielmehr, daß sie einen Theil ihrer Fähigkeiten ihrem Stande und Vermögen, einen Theil ihrem herrischen Wesen, und das Übrige dem Stolze ihres Neffen verdankt, der es so will, daß Jeder, der mit ihm in Verbindung steht, Verstand vom ersten Range haben soll."

Elisa gestand, daß er eine sehr vernünftige Erklärung davon gegeben habe, und sie fuhren fort, mit gegenseitigem Vergnügen miteinander zu sprechen, bis die Abendmahlzeit dem Spiele ein Ende machte und den übrigen Damen ihren Antheil an Herrn Wickhams Aufmerksamkeit gab. In dem Geräusche von Frau Philips Abendgesellschaft konnte kein Gespräch stattfinden; aber seine Manieren empfahlen ihn einem Jeden. Was er auch sagte, war gut gesagt; und was er auch that, mit Anstand gethan. Elisa ging mit dem Kopfe voll von ihm weg. Sie konnte an nichts, als an Herrn Wickham denken, und an das, was er ihr erzählt hatte, den ganzen Weg nach Hause; aber es war keine Zeit, auch nur seinen Namen zu nennen, als sie gingen, denn weder Lydia noch Herr Collins waren einen Augenblick still. Lydia schwatze unaufhörlich von Loosen, von dem Fische, den sie verloren, und dem Fische, den sie gewonnen hatte; und Herr Collins, indem er die Höflichkeit des Herrn und der Frau Philips beschrieb, protestirte, daß er seine Verluste beim Whist im Geringsten nicht achte, zählte alle Gerichte beim Abendessen her, und wiederholte immerfort die Besorgniß, daß er seine Cousinen beengen möchte, hatte mehr zu sagen, als er vor dem Anhalten der Kutsche vor Longbourn-House zu Ende bringen konnte.

Siebentes Kapitel.

Elisa erzählte am folgenden Tage der Jane, was zwischen Herrn Wickham und ihr vorgegangen war. Jane hörte mit Erstaunen und Besorgniß zu: sie wußte nicht, wie sie glauben sollte, daß Herrn Darcy so unwürdig der Achtung Herrn Bingleys seyn könne; und doch lag es nicht in ihrer Natur, an der Wahrhaftigkeit eines jungen Mannes von so liebenswürdigem Äußern, wie Wickham, zu zweifeln. Die Möglichkeit, daß er wirklich solche Unfreundlichkeit erduldet haben könne, war genug, um alle ihre sanften Gefühle zu interessiren; und es blieb also nichts übrig, als von Beiden gut zu denken, das Betragen eines Jeden zu vertheidigen, und Alles, was sich nicht anders erklären ließ, dem Zufalle oder dem Irrthume zuzuschreiben.

„Es sind Beide," sagte sie, „auf irgend eine Weise oder andere, die wir uns nicht vorstellen können, getäuscht worden, getraue ich mir zu sagen. Interessirte Personen haben vielleicht Einen bei dem Andern falsch angegeben. Es ist, mit einem Worte, für uns unmöglich, die Ursachen oder Umstände zu errathen, die sie einander entfremdet haben mögen, ohne wirkliche Schuld auf irgend einer Seite."

„Sehr wahr, in der That; und nun, meine liebe Jane, was hast du zu Gunsten der interessirten Personen vorzubringen, die wahrscheinlich in der Sache verwickelt sind? Rechtfertige sie auch, sonst müßten wir schlecht von irgend Jemand denken."

„Lache, so viel du willst, aber du wirst mich nicht von meiner Meinung ablachen. Meine theuerste Lizzy, erwäge nur, in welch schimpflichem Lichte es den Herrn Darcy stellt, den Liebling seines Vaters so zu behandeln, — Den, für den sein Vater zu sorgen versprochen hatte. Es ist unmöglich. Kein Mensch von gemeiner Menschlichkeit, kein Mensch, der irgend einen Werth auf seinen Charakter legt, könnte dessen fähig seyn. Können seine vertrautesten Freunde sich so übermäßig in ihm betrogen haben? O nein."

„Ich kann weit eher glauben, daß Herr Bingley getäuscht wird, als daß Herr Wickham eine solche Geschichte von sich selbst sollte erdichtet haben, wie er mir gestern Abend erzählte; Namen, Thatsachen, Alles ohne Umstände angeführt. Wenn es nicht so ist, so widerlege es Herr Darcy. Überdem lag Wahrheit in seinem Blicke."

„Es ist schwierig, in der That — es ist betrübend. Man weiß nicht, was man denken soll."

„Mit Verlaub; — man weiß ganz genau, was man denken soll."

Aber Jane konnte nur in einem Punkte mit Gewißheit denken, — daß Herr Bingley, wenn er getäuscht worden sey, vieles zu leiden haben würde, wenn die Sache ruchbar würde.

Die beiden jungen Damen wurden aus dem Gebüsche, wo diese Unterredung stattfand, durch die Ankunft einiger gerade der Personen, von denen sie gesprochen hatten, abgerufen; Herr Bingley und seine Schwestern kamen, ihre persönliche Einladung zu dem lang erwarteten Balle in Netherfield zu bringen, welcher auf den folgenden Dienstag festgesetzt war. Die beiden Damen waren entzückt, ihre theure Freundin wieder zu sehen, nannten es ein Alter, seit sie sich begegnet wären, und fragten wiederholt, was sie mit sich gemacht habe, seit der Trennung. Auf den übrigen Theil der Familie achteten sie wenig; Frau Bennet vermieden sie soviel wie möglich, zu Elisa sprachen sie wenig, und zu den Andern gar nicht. Bald waren sie wieder fort, standen mit einer Lebhaftigkeit von ihren Sitzen auf, die ihren Bruder überraschte, und eilten fort, als ob sie begierig wären, Frau Bennets Höflichkeiten zu entgehen.

Die Aussicht auf den Ball in Netherfield war jeder Dame in der Familie überaus angenehm. Frau Bennet zog es vor, ihn als eine Aufmerksamkeit für ihre älteste Tochter zu betrachten und fühlte sich besonders geschmeichelt, daß die Einladung von Herrn Bingley selbst kam, nicht von einer steifen Karte. Jane malte sich einen glücklichen Abend im Umgang mit ihren beiden Freundinnen und den Aufmerksamkeiten ihres Bruders aus; und Elisabeth dachte mit Vergnügen daran, viel mit Herrn Wickham zu tanzen und in Herrn Darcys Blick und Benehmen die Bestätigung von allem zu sehen. Das Glück, das Katharina und Lydia erwarteten, hing weniger an einem einzelnen Ereignis oder einer bestimmten Person; denn obwohl jede von ihnen gleich Elisabeth die Absicht hatte, den halben Abend mit Herrn Wickham zu tanzen, war er keineswegs der einzige Tänzer, der sie hätte befriedigen können, und ein Ball war, wie auch immer, ein Ball. Sogar Mary konnte ihrer Familie versichern, daß sie keine Abneigung dagegen empfinde.

„Wenn ich nur meine Morgenstunden für mich habe,“ sagte sie, „so ist es genug. Ich finde es kein Opfer, mich zuweilen an abendlichen Vergnügungen zu beteiligen. Die Gesellschaft hat Ansprüche an uns alle; und ich bekenne mich zu denen, welche Erholung und Zerstreuung für jedermann für wünschenswert halten.“

Elisabethens Laune war bei dieser Gelegenheit so gehoben, daß sie, obwohl sie sich selten ohne Not an Herrn Collins wandte, ihn doch fragen mußte, ob er gesonnen sei, Herrn Bingleys Einladung anzunehmen, und ob er es, falls ja, für schicklich halte, sich am Vergnügen des Abends zu beteiligen; und sie war eher erstaunt, als sie fand, daß er keinerlei Bedenken in dieser Hinsicht hegte und keineswegs einen Verweis fürchtete, weder vom Erzbischof noch von Lady Catherine de Bourgh, wenn er es wagte zu tanzen.

„Ich bin keineswegs der Meinung, das versichere ich Euch," sagte er, „daß ein Ball dieser Art, gegeben von einem jungen Manne von Charakter für achtbare Leute, irgendeine schlimme Wirkung haben könne; und ich bin so weit davon entfernt, selbst gegen das Tanzen etwas einzuwenden, daß ich hoffe, im Laufe des Abends die Hand aller meiner holden Cousinen zu erhalten; und ich ergreife diese Gelegenheit, die Eurige zu erbitten, Miß Elisabeth, für die beiden ersten Tänze insbesondere; eine Bevorzugung, die ich, wie ich vertraue, meine Cousine Jane der rechten Ursache zuschreiben wird und nicht irgendwelcher Mißachtung gegen sie.“

Elisabeth fühlte sich völlig überrumpelt. Sie hatte sich fest vorgenommen gehabt, für eben diese Tänze mit Wickham vergeben zu sein; und nun statt seiner Herrn Collins! — ihre Lebhaftigkeit war nie schlechter angebracht gewesen. Es war indessen nicht zu ändern. Wickhams Glück und das ihre mußte notgedrungen noch ein wenig verschoben werden, und Herrn Collins’ Antrag wurde mit so guter Miene angenommen, wie sie nur aufbringen konnte. Seine Galanterie gefiel ihr um so weniger, als sie ihr den Gedanken an etwas Weiteres eingab. Zum ersten Male kam ihr nun der Gedanke, daß sie unter ihren Schwestern als würdig ausersehen sei, die Herrin des Pfarrhauses von Hunsford zu werden und mitzuhelfen, in Rosings einen Quadrilletisch zu bilden, wenn es an geeigneteren Gästen fehle. Der Gedanke wurde bald zur Gewißheit, als sie seine wachsenden Aufmerksamkeiten gegen sich selbst bemerkte und seinen häufigen Versuch hörte, ihr Wiz und ihre Lebhaftigkeit zu loben; und obgleich sie selbst mehr erstaunt als erfreut war über diese Wirkung ihrer Reize, dauerte es nicht lange, bis ihr ihre Mutter zu verstehen gab, daß die Wahrscheinlichkeit ihrer Heirat ihr überaus angenehm sei. Elisabeth jedoch wollte den Wink nicht aufnehmen, da sie wohl wußte, daß ein ernster Streit die Folge jeder Antwort sein müsse. Herr Collins mochte den Antrag vielleicht nie stellen, und bis er es tat, war es unnütz, sich um seinetwillen zu zanken.

Wenn es nicht den Ball in Netherfield vorzubereiten und zu besprechen gegeben hätte, so wären die jüngeren Miß Bennets in einer erbarmungswürdigen Verfassung gewesen; denn vom Tage der Einladung bis zum Tage des Balles folgte Regen auf Regen, so daß sie auch nicht ein einziges Mal nach Meryton spazieren konnten. Keine Tante, keine Offiziere, keine Neuigkeiten konnten aufgesucht werden; sogar die Schuhrosen für Netherfield mußten durch andere besorgt werden. Selbst Elisabeth hätte einige Geduldprobe in dem Wetter finden können, welches die Bekanntschaft mit Herrn Wickham völlig zu fördern verhinderte; und nichts Geringeres als ein Tanz am Dienstag hätte einen solchen Freitag, Sonnabend, Sonntag und Montag für Kitty und Lydia erträglich gemacht.

Achtzehntes Kapitel.

Bis Elisabeth im Gesellschaftszimmer zu Netherfield eintrat und unter der dort versammelten Schar roter Röcke vergebens nach Herrn Wickham ausschaute, war ihr kein Zweifel an seinem Erscheinen gekommen. Die Gewißheit, ihn zu treffen, war durch keine der Erinnerungen getrübt worden, die sie mit Grund hätten beunruhigen können. Sie hatte sich mit mehr als der gewöhnlichen Sorgfalt angezogen und sich in der besten Laune auf den Angriff alles dessen vorbereitet, was von seinem Herzen noch unerobert war, im Vertrauen, daß es nicht mehr sei, als im Laufe des Abends gewonnen werden könnte. Aber im Augenblick entstand der schreckliche Verdacht, daß er mit Vorbedacht weggelassen sei, zu Darcys Vergnügen, aus der Einladung der Bingleys an die Offiziere; und obgleich dies nicht genau der Fall war, so wurde das bloße Faktum seiner Abwesenheit durch seinen Freund Herrn Denny ausgesprochen, an den sich Lydia eifrig wandte, und der ihnen sagte, Wickham sei tags zuvor in Geschäften nach London gerufen worden und noch nicht zurück; wobei er mit einem bedeutsamen Lächeln hinzufügte:

„Ich kann mir nicht denken, daß seine Geschäfte ihn gerade jetzt abgerufen hätten, wenn er nicht einem gewissen Herrn hier aus dem Wege gehen wollte.“

Dieser Teil seiner Kunde wurde, obwohl Lydia ihn nicht hörte, von Elisabeth aufgefangen; und da sie ihm zur Gewißheit machte, daß Darcy für Wickhams Abwesenheit nicht weniger verantwortlich sei, als wenn ihre erste Vermutung richtig gewesen wäre, so wurde jede Empfindung des Mißfallens gegen den ersteren durch die unmittelbare Enttäuschung so sehr verschärft, daß sie kaum mit einiger Höflichkeit auf die artigen Fragen antworten konnte, mit denen er unmittelbar darauf an sie herantrat. Aufmerksamkeit, Nachsicht, Geduld gegen Darcy bedeutete Kränkung Wickhams. Sie war gegen jede Art von Gespräch mit ihm entschlossen und wandte sich mit einer Verdrießlichkeit ab, die sie selbst im Sprechen mit Herrn Bingley nicht ganz überwinden konnte, dessen blinde Parteilichkeit sie reizte.

Aber Elisabeth war nicht zur Verdrießlichkeit gemacht; und obgleich jede Aussicht für sie selbst für den Abend vernichtet war, konnte diese doch nicht lange auf ihrer Stimmung lasten; und nachdem sie Charlotte Lucas, die sie seit einer Woche nicht gesehen hatte, all ihren Kummer geklagt hatte, war sie bald imstande, freiwillig auf die Sonderbarkeiten ihres Vetters überzugehen und ihn ihr besonders bemerklich zu machen. Die beiden ersten Tänze brachten indessen eine Rückkehr der Pein: es waren Tänze der Kränkung. Herrn Collins, ungeschickt und feierlich, sich entschuldigend statt aufzumerken, und oft unrichtig sich bewegend, ohne es zu merken, bereitete ihr all die Scham und das Elend, die ein unangenehmer Tänzer für ein Paar Tänze nur geben kann. Der Augenblick ihrer Befreiung von ihm war eine Wonne.

Sie tanzte alsdann mit einem Offizier und hatte die Erquickung, von Wickham sprechen zu können und zu hören, daß er allgemein beliebt sei. Als diese Tänze vorüber waren, ging sie zu Charlotte Lucas zurück und war im Gespräch mit ihr, als sie sich plötzlich von Herrn Darcy angeredet fand, der sie mit seiner Bewerbung um ihre Hand so sehr überraschte, daß sie, ohne zu wissen, was sie tat, annahm. Er ging sogleich wieder weg, und sie blieb, um über ihre eigene Geistesabwesenheit zu brüten. Charlotte suchte sie zu trösten.

„Ich getraue mir zu sagen, Ihr werdet ihn sehr angenehm finden.“

„Der Himmel behüte! Das wäre das größte aller Unglücke! Einen Mann angenehm zu finden, den man entschlossen ist zu hassen! Wünschet mir ein solches Übel nicht.“

Als das Tanzen indessen wieder begann und Darcy herantrat, ihre Hand zu fordern, konnte Charlotte nicht umhin, ihr zuzuflüstern, keine Närrin zu sein und sich nicht durch ihre Einbildung für Wickham in den Augen eines Mannes, der zehnmal mehr bedeute, unangenehm zu machen. Elisabeth gab keine Antwort und trat in die Reihe, erstaunt über die Würde, zu der sie gelangt war, indem man ihr gestattete, Herrn Darcy gegenüberzustehen, und in den Mienen ihrer Nachbarn deren gleiches Erstaunen darüber lesend. Sie standen eine Zeitlang, ohne ein Wort zu sprechen; und sie begann sich vorzustellen, daß ihr Schweigen die beiden Tänze hindurch dauern solle, und entschloß sich anfangs, es nicht zu brechen; bis sie sich plötzlich einbildete, es sei die größere Strafe für ihren Tänzer, wenn sie ihn nötigte zu sprechen, und machte irgendeine geringe Bemerkung über den Tanz. Er antwortete und schwieg wieder. Nach einer Pause von einigen Minuten redete sie ihn zum zweiten Male an mit:

„Jetzt ist die Reihe an Euch, etwas zu sagen, Herr Darcy. Ich habe vom Tanz gesprochen, und Ihr müßt irgendeine Art von Bemerkung über die Größe des Zimmers oder über die Zahl der Paare machen.“

Er lächelte und versicherte ihr, daß, was sie auch immer wünsche, daß er es sagen solle, gesagt werden solle.

„Sehr wohl; diese Antwort mag für jetzt gelten. Vielleicht kann ich nachher einmal bemerken, daß Privatbälle viel angenehmer sind als öffentliche; aber jetzt können wir schweigen.“

„Redet Ihr denn nach der Regel, während Ihr tanzet?“

„Zuweilen. Man muss doch ein wenig sprechen, wißt Ihr. Es sähe sonderbar aus, eine halbe Stunde zusammen ganz stumm zu sein; und doch muß, mancher zum Vorteil, das Gespräch so eingerichtet werden, daß sie so wenig Mühe wie möglich haben, zu reden.“

„Berücksichtigt Ihr dabei Euer eigenes Gefühl im gegenwärtigen Falle, oder bildet Ihr Euch ein, das meinige zu befriedigen?“

„Beides,“ erwiderte Elisabeth schalkhaft; „denn ich habe immer eine große Ähnlichkeit in der Wendung unserer Geister gefunden. Wir sind beide von einer ungeselligen, schweigsamen Art, ungeneigt zu sprechen, wenn wir nicht erwarten, etwas zu sagen, was den ganzen Saal in Erstaunen setzen und mit allem Glanze eines Sprichwortes der Nachwelt überliefert werden wird.“

„Das ist keine sehr treffende Ähnlichkeit mit Eurem eigenen Charakter, dessen bin ich sicher,“ sagte er. „Wie nah sie dem meinigen sein mag, kann ich nicht vorgeben zu sagen. Ihr haltet sie unstreitig für ein getreues Bildnis."

„Ich darf über mein eigenes Werk nicht entscheiden."

Er gab keine Antwort; und sie schwiegen wieder, bis sie den Tanz herunter waren, worauf er sie fragte, ob sie und ihre Schwestern nicht sehr oft nach Meryton spazierten. Sie bejahte es; und, dem Versuche nicht widerstehen könnend, fügte sie hinzu: „Als Ihr uns dort das andere Mal trafet, hatten wir soeben eine neue Bekanntschaft gemacht."

Die Wirkung war unmittelbar. Eine tiefere Schattierung von Hochmut überzog seine Züge, aber er sagte kein Wort; und Elisabeth, obwohl sie sich selbst ihrer Schwachheit anklagte, konnte nicht fortfahren. Endlich sprach Darcy, und in gezwungener Weise sagte er:

„Herr Wickham ist mit so glücklichen Manieren begabt, die ihm das Gewinnen von Freunden sichern können; ob er ebenso fähig sein möge, sie zu behalten, ist weniger gewiß."

„Er hat das Unglück gehabt, Eure Freundschaft zu verlieren," erwiderte Elisabeth mit Nachdruck, „und auf eine Weise, die ihn wahrscheinlich sein Leben lang schmerzen wird."

Darcy gab keine Antwort und schien das Thema wechseln zu wollen. In dem Augenblicke erschien Sir Wilhelm Lucas dicht bei ihnen, im Begriff, durch die Reihe nach der anderen Seite des Zimmers zu gehen; als er aber Herrn Darcy bemerkte, hielt er mit einer Verbeugung von überlegener Höflichkeit an, um ihm über sein Tanzen und seine Tänzerin ein Kompliment zu machen.

„Ich bin in der Tat höchst erfreut worden, mein teurer Herr; so ganz vorzügliches Tanzen sieht man nicht oft. Es ist augenscheinlich, daß Ihr den ersten Kreisen angehört. Erlaubt mir indessen zu sagen, daß Eure schöne Tänzerin Euch keine Schande macht; und daß ich hoffen muß, diese Freude oft wiederholt zu sehen, besonders wenn ein gewisses wünschenswertes Ereignis, meine teure Miß Elisa (mit einem Blick auf ihre Schwester und Bingley), stattfinden wird. Welch ein Glückwünschen wird dann einströmen! Ich berufe mich auf Herrn Darcy — aber laßt mich Euch nicht aufhalten, Herr. Ihr werdet mir nicht danken, daß ich Euch von der bezaubernden Unterhaltung mit dieser jungen Dame abhalte, deren leuchtende Augen mich ebenfalls strafen."

Der letztere Teil dieser Anrede ward von Darcy kaum gehört; aber Sir Wilhelms Anspielung auf seinen Freund schien ihn heftig zu treffen, und seine Augen richteten sich mit einem sehr ernsten Ausdrucke auf Bingley und Jane, welche zusammen tanzten. Sich indessen bald wieder fassend, wandte er sich zu seiner Tänzerin und sagte:

„Sir Wilhelms Unterbrechung hat mich vergessen lassen, wovon wir sprachen."

„Ich glaube, wir sprachen überhaupt nicht. Sir Wilhelm hätte keine zwei Leute im Zimmer unterbrechen können, die weniger zu sagen hatten. Wir haben schon zwei oder drei Gegenstände ohne Erfolg versucht, und worüber wir als nächstes sprechen sollen, kann ich mir nicht vorstellen."

„Was denkt Ihr von Büchern?" sagte er lächelnd.

„Bücher — o nein! — ich bin sicher, wir lesen niemals dieselben, oder nicht mit denselben Empfindungen."

„Es tut mir leid, daß Ihr so denkt; aber wenn das der Fall ist, so kann es wenigstens nicht an Stoff fehlen. Wir können unsere verschiedenen Meinungen vergleichen."

„Nein — ich kann in einem Ballsaale nicht von Büchern sprechen; mein Kopf ist immer voll von etwas anderem."

„Das Gegenwärtige beschäftigt Euch in solchen Szenen immer — nicht wahr?" sagte er mit zweifelnder Miene.

„Ja, immer," erwiderte sie, ohne zu wissen, was sie sagte; denn ihre Gedanken waren weit abgeschweift, wie bald darauf erschien, indem sie plötzlich ausrief: „Ich erinnere mich, Euch einmal sagen gehört zu haben, Herr Darcy, daß Ihr fast nie verziehet — daß Euer Groll, einmal erregt, unversöhnlich sei. Ihr seid, denke ich, sehr behutsam, was das Erregen betrifft?"

„Das bin ich," sagte er mit fester Stimme.

„Und erlaubt Euch niemals, durch Vorurteil verblendet zu werden?"

„Ich hoffe nicht."

„Es liegt besonders Denen ob, die ihre Meinung nie ändern, daß sie sicher sind, beim ersten Male richtig zu urteilen."

„Darf ich fragen, worauf diese Fragen zielen?"

„Bloß auf die Erläuterung Eures Charakters," sagte sie, sich abmühend, ihre Ernsthaftigkeit abzuschütteln. „Ich versuche ihn herauszubringen."

„Und was ist Euer Erfolg?"

Sie schüttelte den Kopf. „Ich komme gar nicht vorwärts. Ich höre so verschiedene Berichte über Euch, daß Ihr mich im äußersten Grade verwirrt."

„Ich kann mir leicht denken," antwortete er ernst, „daß die Gerüchte in betreff meiner sehr verschieden lauten können; und ich könnte wünschen, Miß Bennet, daß Ihr meinen Charakter nicht im gegenwärtigen Augenblicke entwerfen möchtet, da zu befürchten ist, daß die Leistung keinem von uns zur Ehre gereichen würde."

„Aber wenn ich Euer Bildnis jetzt nicht aufnehme, so habe ich vielleicht nie wieder eine Gelegenheit."

„Ich möchte keineswegs irgendein Vergnügen von Euch zurückhalten," erwiderte er kalt. Sie sagte nichts weiter, und sie gingen den anderen Tanz herunter und trennten sich schweigend; auf jeder Seite unzufrieden, wenn auch nicht in gleichem Grade; denn in Darcys Brust war eine ziemlich mächtige Empfindung für sie, die ihr bald Verzeihung verschaffte und allen seinen Groll gegen einen andern richtete.

Sie hatten sich nicht lange getrennt, als Miß Bingley auf sie zukam und sie mit einem Ausdrucke höflicher Verachtung also anredete:

„So, Miß Elisa, ich höre, Ihr seid ganz entzückt von Georg Wickham? Eure Schwester hat mit mir von ihm gesprochen und mich um tausend Fragen gebeten; und ich erfahre, daß der junge Mann vergessen hat, Euch unter seinen übrigen Mitteilungen zu sagen, daß er der Sohn des alten Wickham, des verstorbenen Herrn Darcys Verwalter, ist. Erlaubt mir indessen als Freundin, Euch zu empfehlen, nicht allen seinen Behauptungen blinden Glauben zu schenken; denn was die Rede betrifft, daß Herr Darcy schlecht an ihm gehandelt habe, so ist sie vollkommen falsch: im Gegenteil, er ist immer auffallend gütig gegen ihn gewesen, obgleich Georg Wickham gegen Herrn Darcy auf die schändlichste Weise verfahren ist. Ich kenne die Einzelheiten nicht, weiß aber sehr wohl, daß Herr Darcy durchaus nicht zu tadeln ist; daß er den Namen Georg Wickham nicht hören kann; und daß, obgleich mein Bruder glaubte, er könne ihn nicht gut aus seiner Einladung an die Offiziere weglassen, er doch überaus froh war zu vernehmen, daß er sich selbst aus dem Wege geräumt hatte. Sein Hieherkommen ins Land überhaupt ist in der Tat eine höchst unverschämte Sache, und ich wundere mich, wie er es sich herausnehmen konnte. Ich bedaure Euch, Miß Elisa, wegen dieser Entdeckung der Schuld Eures Lieblings; aber wahrhaftig, bei seiner Herkunft konnte man nicht viel Besseres erwarten."

„Seine Schuld und seine Herkunft scheinen nach Eurem Berichte ein und dasselbe zu sein," sagte Elisabeth hitzig; „denn ich habe Euch von nichts Schlimmerem gegen ihn sprechen hören, als daß er der Sohn von Herrn Darcys Verwalter sei, und das hat er mir, dessen kann ich Euch versichern, selbst gesagt."

„Ich bitte um Verzeihung," erwiderte Miß Bingley, sich mit einem höhnischen Lächeln abwendend. „Entschuldigt meine Einmischung; sie war wohlgemeint."

„Unverschämtes Mädchen!" sagte Elisabeth bei sich selbst. „Ihr seid sehr im Irrtum, wenn Ihr glaubt, mich durch einen so lumpigen Angriff zu beeinflussen. Ich sehe nichts darin als Eure eigene willkürliche Unwissenheit und die Bosheit von Herrn Darcy." Sie wandte sich hierauf zu ihrer ältesten Schwester, die es übernommen hatte, bei Bingley Erkundigungen über denselben Gegenstand einzuziehen. Jane kam ihr mit einem Lächeln von so süßem Wohlgefallen, einem Glanze von so glücklichem Ausdruck entgegen, wie es hinlänglich bezeichnete, wie zufrieden sie mit den Vorgängen des Abends war. Elisabeth las augenblicklich ihre Gefühle; und in dem Augenblicke traten Wickhams Besorgnis, die Erbitterung gegen seine Feinde und alles andere vor der Hoffnung zurück, daß Jane auf dem besten Wege zum Glücke sei.

„Ich möchte wissen," sagte sie, mit einer Miene, die nicht minder lächelte als die ihrer Schwester, „was Ihr über Herrn Wickham erfahren habt. Aber vielleicht seid Ihr zu angenehm beschäftigt gewesen, um an eine dritte Person zu denken, in welchem Falle Ihr meiner Verzeihung versichert sein könnt."

„Nein," erwiderte Jane, „ich habe seiner nicht vergessen; aber ich habe nichts Befriedigendes zu sagen. Herr Bingley kennt nicht seine ganze Geschichte und ist ganz ununterrichtet von den Umständen, die hauptsächlich Herrn Darcy beleidigt haben; aber er wird für das gute Betragen, die Redlichkeit und Ehre seines Freundes einstehen und ist vollkommen überzeugt, daß Herr Wickham weit weniger Aufmerksamkeit von Herrn Darcy verdient hat, als ihm zuteil geworden ist; und ich bedaure, nach seinem sowohl als seiner Schwester Berichte sagen zu müssen, daß Herr Wickham keineswegs ein achtbarer junger Mann ist. Ich fürchte, er ist sehr unklug gewesen und hat Herrn Darcys Achtung mit Recht verloren."

„Herr Bingley kennt Herrn Wickham nicht."

„Nein; er sah ihn zum ersten Male am anderen Morgen in Meryton."

„Dieser Bericht ist also, was er von Herrn Darcy empfangen hat. Ich bin vollkommen zufrieden. Aber was sagt er von der Pfründe?"

„Er entsinnt sich der Umstände nicht genau, obwohl er sie mehr als einmal von Herrn Darcy gehört hat, glaubt aber, daß sie ihm nur unter Bedingung hinterlassen worden ist."

„An Herrn Bingleys Aufrichtigkeit zweifle ich nicht," sagte Elisabeth lebhaft, „aber Ihr müsset mir zugute halten, daß ich durch bloße Versicherungen noch nicht überzeugt bin. Herrn Bingleys Verteidigung seines Freundes war, das getraue ich mir zu sagen, eine sehr geschickte; da er aber mehrere Teile der Geschichte nicht kennt und die übrigen von jenem Freunde selbst erfahren hat, so werde ich noch ferner von beiden Herren denken, wie vorher."

Sie wandte hierauf das Gespräch auf einen Gegenstand, der für beide erfreulicher war und worüber keine Verschiedenheit der Empfindung stattfinden konnte. Elisabeth hörte mit Vergnügen Jansens glückliche, wenn auch bescheidene Hoffnungen über Bingleys Neigung an und sagte alles, was in ihrer Macht stand, um ihr Zutrauen dazu zu erhöhen. Als sie von Herrn Bingley selbst aufgefordert wurden, zog sich Elisabeth zu Miß Lucas zurück; auf deren Frage nach der Annehmlichkeit ihres letzten Tänzers hatte sie kaum geantwortet, als Herr Collins zu ihnen trat und ihr mit großer Freudigkeit erzählte, er habe soeben das Glück gehabt, eine höchst wichtige Entdeckung zu machen.

„Ich habe," sagte er, „durch einen sonderbaren Zufall herausgebracht, daß hier im Zimmer ein naher Verwandter meiner Gönnerin ist. Ich hörte zufällig den Herrn selbst der jungen Dame, welche die Ehren dieses Hauses gibt, den Namen seiner Cousine Miß de Bourgh und den ihrer Mutter, Lady Catherine, nennen. Wie wunderbar kommen solche Dinge vor! Wer hätte gedacht, daß ich hier einen Neffen der Lady Catherine de Bourgh in dieser Versammlung treffen würde! Ich bin überaus dankbar, daß die Entdeckung noch zeitig genug gemacht ist, um ihm meine Aufwartung machen zu können, was ich nun tun will, und vertraue, er wird es entschuldigen, daß ich es nicht früher getan. Meine gänzliche Unwissenheit der Verbindung muss mich entschuldigen."

„Ihr werdet Euch doch nicht bei Herrn Darcy einführen wollen?"

„Allerdings bin ich das. Ich werde ihn um Verzeihung bitten, daß ich es nicht früher getan habe. Ich glaube, er ist der Neffe der Lady Catherine. Es wird mir möglich sein, ihm zu versichern, daß ihre Ladyship vorgestern vor acht Tagen bei bester Gesundheit war."

Elizabeth suchte ihn mit allem Eifer von einem solchen Vorhaben abzubringen; sie versicherte ihm, Mr. Darcy würde es als unverschämte Anmaßung betrachten, wenn er sich unvorstellt an ihn wendete, und nicht als ein Kompliment gegen seine Tante; daß es keineswegs nötig sei, daß man von einer oder der anderen Seite Notiz voneinander nehme, und daß es, wenn es nötig wäre, Mr. Darcy als dem im Range Höheren zukäme, die Bekanntschaft anzufangen. Mr. Collins hörte ihr mit der entschlossenen Miene zu, seiner eigenen Neigung zu folgen, und als sie zu sprechen aufhörte, erwiderte er also: —

„Meine liebe Miß Elizabeth, ich habe die höchste Meinung von der Welt von Ihrem vortrefflichen Urteil in allen Dingen, die innerhalb des Bereichs Ihres Verständnisses liegen, aber erlauben Sie mir zu sagen, daß ein großer Unterschied bestehen muß zwischen den hergebrachten Formen des Anstands in der Laienwelt und denen, welche den Klerus regeln; denn erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich das geistliche Amt für ebenso an Würde erachte wie den höchsten Rang im Königreich — vorausgesetzt, daß zugleich eine geziemende Demut im Benehmen bewahrt wird. Sie müssen mir daher gestatten, daß ich in diesem Falle den Eingebungen meines Gewissens folge, die mich tun lassen, was ich als eine Pflicht betrachte. Verzeihen Sie mir, daß ich versäumt habe, Ihren Rat zu nutzen, der mir in jedem andern Gegenstande mein beständiger Wegweiser sein soll, wiewohl ich mich in dem vorliegenden Falle durch Erziehung und stete Übung mehr geeignet halte, über das, was recht ist, zu entscheiden, als ein junges Fräulein wie Sie;" und mit einer tiefen Verbeugung verließ er sie, um Mr. Darcy anzugreifen, dessen Empfang seiner Annäherungen sie eifrig beobachtete, und dessen Erstaunen, auf solche Weise angeredet zu werden, sehr augenfällig war. Ihr Vetter ließ seiner Rede eine feierliche Verbeugung vorangehen, und obwohl sie kein Wort davon hören konnte, war ihr doch, als höre sie alles, und sie sah in der Bewegung seines Mundes die Worte „Entschuldigung," „Hunsford" und „Lady Catherine de Bourgh." Es verdroß sie, daß er sich einem solchen Manne bloßstellte. Mr. Darcy betrachtete ihn mit ungezügelter Verwunderung; und als ihn Mr. Collins endlich reden ließ, antwortete er mit einer Miene kühler Höflichkeit. Mr. Collins indessen ließ sich nicht entmutigen, nochmals zu sprechen, und Mr. Darcys Verachtung schien mit der Länge seiner zweiten Rede sichtlich zuzunehmen; und am Ende derselben machte er ihm bloß eine leichte Verbeugung und ging eines andern Weges: Mr. Collins kehrte dann zu Elizabeth zurück.

„Ich habe keinen Grund, das versichere ich Ihnen," sagte er, „mit meinem Empfang unzufrieden zu sein. Mr. Darcy schien über die Aufmerksamkeit sehr erfreut. Er antwortete mir mit der äußersten Höflichkeit und erwies mir sogar das Kompliment, zu sagen, daß er vom Scharfblick der Lady Catherine so sehr durchdrungen sei, um gewiß zu sein, daß sie eine Gunst niemals unwürdig verleihen könne. Es war wirklich ein sehr schöner Gedanke. Im ganzen bin ich sehr zufrieden mit ihm."

Da Elizabeth nun kein eigenes Interesse mehr zu verfolgen hatte, wandte sie ihre Aufmerksamkeit fast ganz ihrer Schwester und Mr. Bingley zu; und die Reihe angenehmer Betrachtungen, die ihre Beobachtungen erzeugten, machten sie vielleicht beinahe ebenso glücklich wie Jane. Sie sah im Geiste Jane in eben jenem Hause eingewöhnt, in all der Seligkeit, die eine Ehe wahrer Zuneigung gewähren kann; und sie fühlte sich unter solchen Umständen fähig, selbst Bingleys beiden Schwestern geneigt zu werden. Daß ihrer Mutter Gedanken in derselben Richtung zielten, sah sie deutlich, und sie nahm sich vor, sich ihr nicht zu nähern, damit sie nicht zu viel hören möchte. Als sie sich demzufolge zum Abendessen niederließen, hielt sie es für eine höchst unglückliche Widersetzlichkeit, daß man sie so nebeneinander gesetzt hatte; und es war ihr sehr verdrießlich, als sie bemerkte, daß ihre Mutter mit eben jener Person (Lady Lucas) frei, offen und von nichts anderem sprach als von ihrer Erwartung, daß Jane bald Mr. Bingley heiraten werde. Es war ein belebender Gegenstand, und Mrs. Bennet schien unermüdlich, während sie die Vorzüge der Verbindung aufzählte. Daß er ein so reizender junger Mann und so reich sei und nur drei Meilen von ihnen wohne, waren die ersten Punkte der Selbstbeglückwünschung; und dann war es ein solcher Trost, zu denken, wie lieb die beiden Schwestern Jane hätten, und gewiß zu sein, daß sie die Verbindung ebensosehr wünschen müßten als sie selbst. Es war überdies eine so vortreffliche Aussicht für ihre jüngeren Töchter, da Janes so vornehme Heirat sie notwendig in den Weg anderer reicher Männer bringen müsse; und endlich war es in ihrem Alter so angenehm, ihre unverheirateten Töchter der Obhut ihrer Schwester anvertrauen zu können, so daß sie nicht genötigt sein werde, mehr in Gesellschaft zu gehen, als ihr beliebte. Es war nötig, diesen Umstand als eine Annehmlichkeit zu behandeln, weil es bei solchen Gelegenheiten der Brauch so will; aber niemand war weniger geeignet als Mrs. Bennet, in irgendeinem Lebensalter Trost im Daheimbleiben zu finden. Sie schloß mit vielen guten Wünschen, daß Lady Lucas bald ein gleiches Glück zuteil werden möge, obwohl sie offenbar und triumphierend glaubte, daß keine Aussicht dazu vorhanden sei.

Vergeblich suchte Elizabeth der Schnelligkeit ihrer Mutter Worte Einhalt zu tun oder sie zu überreden, ihr Glück in einem weniger hörbaren Flüsterton zu schildern; denn zu ihrem unaussprechlichen Verdruß bemerkte sie, daß das Meiste davon von Mr. Darcy überhört wurde, der ihnen gegenüber saß. Ihre Mutter schalt sie bloß wegen ihrer Albernheit.

„Was geht mich Mr. Darcy an, bitte, daß ich mich vor ihm fürchten sollte? Ich bin sicher, wir sind ihm keine besondere Höflichkeit schuldig, die uns verpflichtete, nichts zu sagen, was er nicht gern hören möchte."

„Um Himmels willen, Mama, sprechen Sie leiser. Was für einen Vorteil kann es Ihnen bringen, Mr. Darcy zu beleidigen? Sie werden sich bei seinem Freunde nicht empfehlen, wenn Sie so handeln."

Nichts indessen, was sie sagen konnte, hatte Einfluß. Ihre Mutter sprach in demselben verständlichen Tone von ihren Aussichten. Elizabeth errötete und errötete wieder vor Scham und Verdruß. Sie konnte nicht umhin, den Blick immer wieder auf Mr. Darcy zu richten, obwohl jeder Blick sie in dem bestärkte, was sie fürchtete; denn obgleich er nicht immer ihre Mutter ansah, war sie überzeugt, daß seine Aufmerksamkeit unveränderlich von ihr gefesselt wurde. Der Ausdruck seines Gesichts ging allmählich von empörtem Hohne zu einer gefaßten und gleichmäßigen Ernsthaftigkeit über.

Endlich jedoch hatte Mrs. Bennet nichts weiter zu sagen; und Lady Lucas, die sich bei der Wiederholung von Freuden, an denen sie teilzunehmen keine Aussicht sah, längst gegähnt hatte, wurde dem Troste kalten Schinkens und Hühnerfleisches überlassen. Elizabeth fing nun an, wieder aufzuleben. Aber nicht lange währte die Ruhepause; denn als das Abendessen vorüber war, kam man auf das Singen zu sprechen, und sie hatte den Verdruß zu sehen, wie Mary, nach sehr wenigem Bitten, sich anschickte, der Gesellschaft zu gefallen. Durch viele bedeutsame Blicke und stummes Flehen suchte sie eine solche Probe von Gefälligkeit zu verhüten — aber vergebens; Mary wollte sie nicht verstehen; eine solche Gelegenheit, sich zu zeigen, war ihr entzückend, und sie begann ihren Gesang. Elizabeths Augen waren mit den schmerzlichsten Empfindungen auf sie geheftet; und sie verfolgte ihren Fortgang durch die mehreren Strophen mit einer Ungeduld, die am Schlusse nur übel belohnt wurde; denn Mary, als sie unter den Danksagungen der Tafel einen Wink von der Hoffnung empfing, daß man sie bewegen möchte, ihnen noch ein Vergnügen zu gewähren, begann nach einer Pause von einer halben Minute ein anderes. Marys Kräfte waren keineswegs zu einer solchen Schaustellung geeignet; ihre Stimme war schwach, und ihr Vortrag geziert. Elizabeth war in Qualen. Sie schaute Jane an, um zu sehen, wie sie es ertrüge; aber Jane sprach ganz gelassen mit Bingley. Sie sah seine beiden Schwestern an und bemerkte, daß sie einander Zeichen des Spottes machten und Darcy, der indessen unergründlich ernst blieb. Sie blickte auf ihren Vater, um seine Einmischung zu erflehen, damit Mary nicht die ganze Nacht hindurch singe. Er verstand den Wink, und als Mary ihr zweites Lied beendet hatte, sagte er laut: —

„Das wird vortrefflich sein, Kind. Du hast uns lange genug ergötzt. Laß den andern jungen Damen Zeit, sich zu zeigen."

Mary, obwohl sie vorgab, nicht zu hören, war doch einigermaßen verlegen; und Elizabeth, die ihretwegen und ihres Vaters Rede wegen betrübt war, fürchtete, ihre Angst habe nichts gefruchtet. An andere der Gesellschaft wandte man sich nun.

„Wenn ich," sagte Mr. Collins, „so glücklich wäre, singen zu können, so würde ich mich gewiß mit Vergnügen der Gesellschaft mit einem Liede gefällig erweisen; denn ich betrachte die Musik als eine sehr unschuldige Zeitvertreibung und als vollkommen vereinbar mit dem Berufe eines Geistlichen. Ich behaupte indessen nicht, daß wir es entschuldigen können, allzuviel unserer Zeit auf die Musik zu verwenden, denn es gibt sicherlich anderes zu besorgen. Der Pfarrer einer Gemeinde hat viel zu tun. Erstens muß er einen solchen Zehntenvertrag abschließen, wie es für ihn selbst vorteilhaft und für seinen Patron nicht anstößig ist. Er muß seine eigenen Predigten schreiben; und die übrige Zeit wird nicht zu viel sein für seine Gemeindepflichten und für die Sorge und Verbesserung seiner Wohnung, die er nicht unterlassen darf, so bequem als möglich zu machen. Und ich halte es nicht für eine Kleinigkeit, daß er gegen jedermann aufmerksame und versöhnliche Sitten beobachte, besonders gegen die, denen er seine Beförderung verdankt. Ich kann ihn dieser Pflicht nicht entbinden; auch könnte ich den Mann nicht hochachten, der eine Gelegenheit versäumte, irgend jemandem, der mit der Familie in Verbindung steht, seine Ehrerbietung zu bezeugen." Und mit einer Verbeugung gegen Mr. Darcy beschloß er seine Rede, die so laut gesprochen worden war, daß das halbe Zimmer sie hören konnte. Viele starrten — viele lächelten; aber niemand schien mehr belustigt als Mr. Bennet selbst, während seine Frau ernsthaft Mr. Collins lobte, daß er so verständig gesprochen habe, und Lady Lucas im halben Flüsterton bemerkte, er sei ein merkwürdig kluger, guter junger Mann.

Es kam Elizabeth so vor, als hätten, wenn ihre Familie einen Vertrag geschlossen, sich während des Abends so viel als möglich bloßzustellen, diese ihre Rollen nicht mit mehr Geist oder besserem Erfolge spielen können; und sie fand es für Bingley und ihre Schwester glücklich, daß ein Teil der Schaustellung seiner Aufmerksamkeit entgangen war und daß seine Gefühle nicht von der Art waren, durch die Torheit, die er hatte ansehen müssen, sehr gekränkt zu werden. Daß jedoch seine beiden Schwestern und Mr. Darcy eine solche Gelegenheit hatten, ihre Verwandten zu verspotten, war schlimm genug; und sie konnte nicht entscheiden, ob das stumme Hohne des Herrn oder das hochmütige Lächeln der Damen unerträglicher sei.

Der Rest des Abends gewährte ihr wenig Unterhaltung. Sie wurde von Mr. Collins gequält, der beharrlich an ihrer Seite blieb; und obwohl er sie nicht bewegen konnte, wieder mit ihm zu tanzen, setzte er sie doch außerstande, mit andern zu tanzen. Vergeblich bat sie ihn, mit irgendeiner andern Dame zu tanzen, und bot sich an, ihn bei jeder jungen Dame im Zimmer einzuführen. Er versicherte ihr, was das Tanzen anlange, so sei es ihm vollkommen gleichgültig; sein Hauptzweck sei, sich durch zarte Aufmerksamkeiten bei ihr zu empfehlen; und er werde es sich daher zum Grundsatz machen, den ganzen Abend in ihrer Nähe zu bleiben. Es war nicht möglich, mit einem solchen Plane zu streiten. Sie verdankte ihre größte Erleichterung ihrer Freundin Miß Lucas, die sich oft zu ihnen gesellte und gutmütig Mr. Collins' Gespräch auf sich zog.

Sie war wenigstens von dem Ungemach weiterer Beachtung durch Mr. Darcy befreit; denn obwohl er oft in sehr geringer Entfernung von ihr stand und völlig unbeschäftigt war, kam er doch nie nahe genug, um zu sprechen. Sie fühlte, daß es die wahrscheinliche Folge ihrer Anspielungen auf Mr. Wickham sei, und freute sich darüber.

Die Longbourn-Gesellschaft war die letzte von allen und mußte, infolge eines Kunstgriffs der Mrs. Bennet, eine Viertelstunde nach allen andern auf ihre Kutsche warten, was ihnen Zeit ließ zu sehen, wie herzlich etliche der Familie sie fortgewünscht hätten. Mrs. Hurst und ihre Schwester öffneten kaum den Mund, außer um über Müdigkeit zu klagen, und waren offenbar ungeduldig, das Haus für sich allein zu haben. Sie wiesen jeden Annäherungs- versuch der Mrs. Bennet zur Unterhaltung zurück und verbreiteten dadurch eine Mattigkeit über die ganze Gesellschaft, die nur wenig durch die langen Reden des Mr. Collins gemildert wurde, der Mr. Bingley und seine Schwestern wegen der Feinheit ihrer Bewirtung und wegen der Gastfreundschaft und Höflichkeit lobte, die ihr Betragen gegen ihre Gäste ausgezeichnet hatte. Darcy sagte gar nichts. Mr. Bennet, in gleichem Stillschweigen, genoß die Szene. Mr. Bingley und Jane standen ein wenig von den übrigen abgesondert zusammen und sprachen nur miteinander. Elizabeth bewahrte ein ebenso gleichmäßiges Schweigen wie Mrs. Hurst oder Miß Bingley; und selbst Lydia war zu ermüdet, um mehr als den gelegentlichen Ausruf „Herrje, wie müde bin ich!" von sich zu geben, von einem heftigen Gähnen begleitet.

Als sie endlich aufstanden, um Abschied zu nehmen, war Mrs. Bennet in der dringendsten Weise höflich mit der Hoffnung, die ganze Familie bald in Longbourn zu sehen; und wandte sich insbesondere an Mr. Bingley, um ihm zu versichern, wie glücklich er sie machen werde, wenn er irgendeinmal mit ihnen ein Familieneffen einnehmen wolle, ohne die Förmlichkeit einer förmlichen Einladung. Bingley war lauter dankbare Freude; und er versprach gern, bei der frühesten Gelegenheit nach seiner Rückkehr von London, wohin er den folgenden Tag auf kurze Zeit gehen müsse, sich bei ihr einzufinden.

Mrs. Bennet war vollkommen befriedigt; und sie verließ das Haus unter der entzückenden Einbildung, daß sie, die nötigen Vorbereitungen der Heiratsverträge, neuen Wagen und Hochzeitskleider abgerechnet, ihre Tochter unfehlbar in drei oder vier Monaten in Netherfield eingewöhnt sehen werde. Daß sie noch eine andere Tochter an Mr. Collins verheiratet sehen würde, dachte sie mit gleicher Gewißheit und mit beträchtlicher, wiewohl nicht gleicher Freude. Elizabeth war ihr die liebste von allen ihren Kindern am wenigsten; und obwohl der Mann und die Partie für sie gut genug waren, so wurden doch der Wert jedes einzelnen durch Mr. Bingley und Netherfield in Schatten gestellt.

NEUNZEHNTES KAPITEL.

Der folgende Tag eröffnete in Longbourn eine neue Szene. Mr. Collins machte seine Erklärung in gehöriger Form. Da er entschlossen war, es ohne Zeitverlust zu tun, weil sein Urlaub nur bis zum folgenden Sonnabend währte, und da er keine Regungen von Schüchternheit hatte, die es ihm auch nur im Augenblick hätten erschweren können, ging er auf eine sehr ordentliche Weise mit allen den Förmlichkeiten zu Werke, die er als einen regelmäßigen Teil des Geschäftes voraussetzte. Als er nach dem Frühstück Mrs. Bennet, Elizabeth und eines der jüngeren Mädchen beieinander fand, wandte er sich an die Mutter mit folgenden Worten: —

„Darf ich hoffen, gnädige Frau, auf Ihre Verwendung bei Ihrer liebenswürdigen Tochter Elizabeth, wenn ich mich um die Ehre einer privaten Unterredung mit ihr im Laufe dieses Morgens bewerbe?"

Bevor Elizabeth zu etwas anderem Zeit hatte als einer Röte des Erstaunens, antwortete Mrs. Bennet sogleich: —

„Ach, du lieber Himmel! Ja, gewiß. Ich bin sicher, Lizzy wird sehr erfreut sein — ich bin sicher, sie kann keine Einwendung haben. Komm, Kitty, ich brauche dich oben." Und indem sie ihre Arbeit zusammenraffte, eilte sie fort; aber Elizabeth rief: —

„Liebe Mama, gehen Sie doch nicht. Ich bitte Sie, gehen Sie nicht. Mr. Collins muß mich entschuldigen. Er kann mir nichts zu sagen haben, das nicht jedermann hören darf. Ich gehe selbst weg."

„Nein, nein, Unsinn, Lizzy. Ich wünsche, daß du bleibst, wo du bist." Und da Elizabeth, mit verdrießlichen und verlegenen Blicken, wirklich im Begriff schien, zu entfliehen, fügte sie hinzu: „Lizzy, ich bestehe darauf, daß du bleibst und Mr. Collins anhörst."

Elizabeth wollte einem solchen Gebot nicht widerstehen; und eine kurze Überlegung belehrte sie zugleich, daß es das Klügste sein würde, es so schnell und so ruhig als möglich hinter sich zu bringen. So setzte sie sich wieder nieder und suchte durch unablässige Beschäftigung die Gefühle zu verbergen, die zwischen Kummer und Belustigung geteilt waren. Mrs. Bennet und Kitty gingen ab, und sobald sie fort waren, begann Mr. Collins: —

„Glauben Sie mir, meine liebe Miß Elizabeth, daß Ihre Sittsamkeit, weit entfernt, Ihnen zu schaden, vielmehr zu Ihren übrigen Vollkommenheiten hinzukommt. Sie würden in meinen Augen weniger liebenswürdig erschienen sein, wenn diese kleine Abneigung nicht gewesen wäre; aber erlauben Sie mir, Ihnen zu versichern, daß ich die Erlaubnis Ihrer verehrten Mutter zu dieser Bewerbung habe. Sie können kaum über den Zweck meiner Rede in Zweifel sein, wie sehr auch Ihre natürliche Zartheit Sie veranlassen mag, sich zu verstellen; meine Aufmerksamkeiten sind zu auffallend gewesen, um mißdeutet werden zu können. Beinahe sobald ich in das Haus trat, wählte ich Sie zur Gefährtin meines künftigen Lebens aus. Ehe ich aber durch meine Gefühle in diesem Punkte fortgerissen werde, wird es vielleicht ratsam sein, daß ich meine Gründe zum Heiraten anführe — und zwar zum Heiraten in Hertfordshire mit dem Vorsatze, mir eine Frau zu wählen, wie ich es allerdings getan habe."

Der Gedanke an Mr. Collins, wie er bei aller seiner feierlichen Ruhe von seinen Gefühlen fortgerissen würde, brachte Elizabeth dem Lachen so nahe, daß sie die kurze Pause, die er ihr vergönnte, zu keinem Versuche benutzen konnte, ihn ferner aufzuhalten, und er fuhr fort: —

„Meine Gründe zum Heiraten sind: erstens, daß ich es für recht halte, daß jeder Geistliche in guten Umständen (wie ich) in seiner Gemeinde das Beispiel der Ehe aufstelle; zweitens, daß ich überzeugt bin, es werde sehr viel zu meinem Glücke beitragen; und drittens, was ich vielleicht früher hätte anführen sollen, daß es der besondere Rat und die Empfehlung der sehr edlen Dame ist, die ich die Ehre habe, meine Patronin zu nennen. Zweimal hat sie geruht, mir ungebeten ihre Meinung über diesen Gegenstand zu geben; und es war am Sonnabendabend vor meiner Abreise von Hunsford, zwischen unsern Quadrillepartien, während Mrs. Jenkinson Fräulein de Bourgh ihr Fußkissen ordnete — da sagte sie: ‚Mr. Collins, Sie müssen heiraten. Ein Geistlicher wie Sie muß heiraten. Wählen Sie recht, wählen Sie eine Dame von Stand um meinetwillen und um Ihretwillen; sie sei eine tätige, nützliche Person, nicht zu hoch erzogen, aber imstande, mit einem kleinen Einkommen gut auszukommen. Das ist mein Rat. Suchen Sie sobald als möglich eine solche Frau, führen Sie sie nach Hunsford, und ich werde sie besuchen.' Erlauben Sie mir beiläufig zu bemerken, meine schöne Cousine, daß ich die Aufmerksamkeit und Güte der Lady Catherine de Bourgh nicht zu den geringsten der Vorteile rechne, die ich in meiner Macht habe, Ihnen anzubieten. Sie werden finden, daß ihre Sitten über alles gehen, was ich zu beschreiben vermag; und Ihr Witz und Ihre Lebhaftigkeit müssen, denke ich, für sie annehmbar sein, zumal wenn sie durch die Stille und Ehrerbietung gemäßigt werden, die ihr Rang notwendig einflößen muß. Soviel von meiner allgemeinen Absicht zugunsten der Ehe; es bleibt noch zu sagen, warum meine Wünsche auf Longbourn statt auf meine eigene Nachbarschaft gerichtet waren, wo, das versichere ich Ihnen, viele liebenswürdige junge Damen sind. Die Tatsache ist aber, daß ich, da ich nach dem Tode Ihres verehrten Herrn Vaters (der indessen noch viele Jahre leben kann) dieses Gut erbe, mich nicht zufrieden geben konnte, ohne mich zu entschließen, eine Frau aus der Zahl seiner Töchter zu wählen, damit der Verlust für sie so gering als möglich sein möge, wenn das traurige Ereignis eintritt — welches indessen, wie ich schon bemerkt habe, sich vielleicht erst in mehreren Jahren zutragen mag. Dies ist mein Beweggrund gewesen, meine schöne Cousine, und ich schmeichle mir, daß er in Ihrer Achtung nicht sinken wird. Und jetzt bleibt mir nichts übrig, als Ihnen in der lebhaftesten Sprache die Heftigkeit meiner Neigung zu versichern. Was das Vermögen betrifft, so bin ich vollkommen gleichgültig und werde an Ihren Herrn Vater keine Forderung der Art stellen, da ich wohl weiß, daß ihr nicht entsprochen werden könnte; und daß die tausend Pfund in den Vierprozentigen, die erst nach dem Tode Ihrer Frau Mutter die Ihrigen werden, alles ist, worauf Sie jemals Anspruch haben können. In diesem Punkte also werde ich gleichmäßig schweigen; und Sie können sich versichern, daß kein kleinlicher Vorwurf jemals meine Lippen passieren wird, wenn wir verheiratet sind."

Es war nunmehr unbedingt nötig, ihn zu unterbrechen.

„Sie sind zu voreilig, mein Herr," rief sie. „Sie vergessen, daß ich noch keine Antwort gegeben habe. Erlauben Sie mir, es ohne weiteren Zeitverlust zu tun. Nehmen Sie meinen Dank für das Kompliment, das Sie mir machen. Ich fühle mich sehr der Ehre Ihres Antrags bewußt, aber es ist mir unmöglich, anders zu handeln, als sie mit Dank ablehnen."

„Ich brauche mir jetzt nicht erst sagen zu lassen," erwiderte Mr. Collins mit einer förmlichen Handbewegung, „daß es bei jungen Damen üblich ist, die Werbung des Mannes, den sie insgeheim zu erhören gedenken, zurückzuweisen, wenn er sich zum erstenmal um ihre Gunst bemüht; und daß die Ablehnung zuweilen ein zweites oder sogar ein drittes Mal wiederholt wird. Ich bin daher durch das, was Sie soeben sagten, keineswegs entmutigt und hege die Hoffnung, Sie recht bald zum Altar führen zu können."

„Auf mein Wort, Sir," rief Elizabeth, „ist Ihre Hoffnung nach meiner Erklärung eine recht eigenartige. Ich versichere Ihnen, daß ich nicht zu jenen jungen Damen gehöre – falls es solche gibt –, die so kühn sind, ihr Glück aufs Spiel zu setzen in der Hoffnung, ein zweites Mal gefragt zu werden. Ich meine meine Ablehnung völlig ernst. Sie könnten mich nicht glücklich machen, und ich bin überzeugt, daß ich die letzte Frau auf der Welt bin, die Sie glücklich machte. Ja, wenn Ihre Freundin Lady Catherine mich kennenlernte, bin ich gewiß, sie würde mich in jeder Hinsicht für die Stellung ungeeignet finden."

„Wäre es gewiß, daß Lady Catherine so dächte," sagte Mr. Collins sehr ernst, „aber ich kann mir nicht vorstellen, daß ihre Ladyschaft Sie auch nur mißbilligen würde. Und Sie dürfen versichert sein, daß ich, wenn ich die Ehre habe, sie wiederzusehen, in den höchsten Tönen von Ihrer Bescheidenheit, Sparsamkeit und Ihren anderen liebenswürdigen Vorzügen sprechen werde."

„Wirklich, Mr. Collins, jedes Lob meiner Person ist überflüssig. Sie müssen mir gestatten, für mich selbst zu urteilen, und mir den schmeichelhaften Gefallen tun, zu glauben, was ich sage. Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück und Reichtum, und indem ich Ihre Hand ausschlage, tue ich alles in meiner Macht, um zu verhindern, daß es anders komme. Indem Sie mir den Antrag machten, haben Sie gewiß das zarte Gefühl Ihrer Rücksichtnahme gegenüber meiner Familie Genüge getan und können ohne jedes Selbstvorwürfe von Longbourn Besitz ergreifen, sobald es heimfällt. Diese Angelegenheit kann also als endgültig erledigt gelten." Und indem sie dies sprach, erhob sie sich und hätte das Zimmer verlassen, hätte nicht Mr. Collins sie so angeredet:

„Wenn ich mir das nächstemal die Ehre gebe, mit Ihnen über diesen Gegenstand zu sprechen, hoffe ich eine günstigere Antwort zu erhalten, als Sie mir soeben gegeben haben; obwohl ich Ihnen keineswegs Grausamkeit vorwerfe, denn ich weiß, daß es der eingeführte Brauch Ihres Geschlechts ist, einen Mann bei der ersten Werbung abzuweisen, und vielleicht haben Sie mir jetzt bereits so viel gesagt, um meine Bewerbung zu ermutigen, als es mit der wahren Zartheit des weiblichen Charakters vereinbar wäre."

„Wirklich, Mr. Collins," rief Elizabeth mit einiger Lebhaftigkeit, „Sie machen mich außerordentlich ratlos. Wenn das, was ich bisher gesagt habe, Ihnen in der Gestalt einer Ermutigung erscheinen kann, weiß ich nicht, wie ich meine Ablehnung so ausdrücken soll, daß sie Sie von ihrem Ernst überzeugt."

„Sie müssen mir erlauben, mich zu schmeicheln, meine liebe Cousine, daß Ihre Zurückweisung meiner Werbung bloße Höflichkeitsfloskeln sind. Meine Gründe dafür sind kurz folgende: es will mir nicht scheinen, daß meine Hand Ihrer Annahme unwürdig sei, oder daß das Heim, das ich bieten kann, ein anderes als überaus wünschenswert wäre. Meine Stellung im Leben, meine Verbindungen zur Familie De Bourgh und meine Verwandtschaft mit der Ihren sind Umstände, die sehr für mich sprechen; und Sie sollten ferner in Betracht ziehen, daß es trotz Ihrer mannigfaltigen Reize keineswegs gewiß ist, daß Ihnen jemals ein anderer Heiratsantrag gemacht wird. Ihre Mitgift ist leider so klein, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach die Wirkung Ihrer Lieblichkeit und Ihrer liebenswerten Eigenschaften zunichte machen wird. Da ich daher schließen muß, daß Sie es mit Ihrer Zurückweisung mir gegenüber nicht ernst meinen, ziehe ich es vor, sie dem Wunsch zuzuschreiben, meine Liebe durch Ungewißheit zu steigern, wie es der übliche Brauch feiner Damen ist."

„Ich versichere Ihnen, Sir, daß ich keinerlei Anspruch auf jene Art von Feinheit erhebe, die darin besteht, einen achtbaren Mann zu quälen. Ich möchte lieber das Kompliment erhalten, daß man meine Aufrichtigkeit glaubt. Ich danke Ihnen wieder und wieder für die Ehre, die Sie mir durch Ihren Antrag erwiesen haben, aber ihn anzunehmen ist schlechterdings unmöglich. Meine Gefühle verbieten es mir in jeder Hinsicht. Kann ich mich deutlicher ausdrücken? Betrachten Sie mich jetzt nicht als eine feine Dame, die Sie necken will, sondern als ein vernünftiges Geschöpf, das die Wahrheit aus seinem Herzen spricht."

„Sie sind durchweg bezaubernd!" rief er mit einer unbeholfenen Galanterie; „und ich bin überzeugt, daß, wenn mein Antrag durch die ausdrückliche Vollmacht Ihrer vortrefflichen Eltern sanktioniert ist, er nicht ohne Annahme bleiben wird."

Auf eine solche Beharrlichkeit in williger Selbsttäuschung wollte Elizabeth nichts erwidern und zog sich sofort und schweigend zurück, entschlossen, falls er darauf beharre, ihre wiederholten Zurückweisungen als schmeichelhafte Ermutigung zu deuten, sich an ihren Vater zu wenden, dessen Nein in einer Weise ausgesprochen werden könnte, die entscheidend sein müsse, und dessen Verhalten wenigstens nicht für die Affektiertheit und Koketterie einer feinen Dame gehalten werden könne.

Zwanzigstes Kapitel.

Mr. Collins blieb nicht lange der stillen Betrachtung seiner erfolgreichen Liebe überlassen; denn Mrs. Bennet, die im Vorzimmer herumgeträumt hatte, um dem Ende der Unterredung zuzuschauen, trat, sobald sie Elizabeth die Tür öffnen und mit raschem Schritt auf die Treppe zugehen sah, ins Frühstückszimmer und beglückwünschte ihn wie sich selbst in warmen Worten zu der glücklichen Aussicht ihrer engeren Verbindung. Mr. Collins empfing und erwiderte diese Glückwünsche mit gleicher Freude und fuhr dann fort, die Einzelheiten ihrer Unterredung zu berichten, mit deren Ausgang er, wie er zuversichtlich hoffte, allen Grund habe zufrieden zu sein, da die standhafte Zurückweisung, die seine Cousine ihm habe zuteil werden lassen, ganz natürlich aus ihrer schüchternen Bescheidenheit und der echten Zartheit ihres Charakters fließen müsse.

Diese Nachricht jedoch versetzte Mrs. Bennet in Schrecken: sie hätte gern ebenso überzeugt sein mögen, daß ihre Tochter ihn durch ihren Einspruch gegen seine Vorschläge habe ermutigen wollen, aber sie getraute sich nicht, es zu glauben, und konnte nicht umhin, es zu sagen.

„Verlassen Sie sich aber darauf, Mr. Collins," fügte sie hinzu, „Lizzy wird zur Vernunft gebracht. Ich werde selbst sogleich mit ihr sprechen. Sie ist ein sehr eigensinniges, törichtes Mädchen und kennt ihr eigenes Interesse nicht; aber ich werde es sie wissen lassen."

„Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, Madam," rief Mr. Collins; „wenn sie wirklich eigensinnig und töricht ist, weiß ich nicht, ob sie altogether eine sehr wünschenswerte Frau für einen Mann in meiner Lage wäre, der naturgemäß sein Glück im Ehestande sucht. Wenn sie daher wirklich dabei beharrt, meine Werbung zurückzuweisen, wäre es vielleicht besser, sie nicht zur Annahme zu zwingen, denn wenn sie solchen Launen unterworfen ist, könnte sie nicht viel zu meinem Glück beitragen."

„Sir, Sie mißverstehen mich ganz und gar," sagte Mrs. Bennet erschrocken. „Lizzy ist nur in solchen Dingen eigensinnig. In allem übrigen ist sie das gutmütigste Mädchen, das je gelebt hat. Ich werde sogleich zu Mr. Bennet gehen, und wir werden die Sache sehr bald mit ihr ordnen, dessen bin ich sicher."

Sie wollte ihm keine Zeit zur Antwort lassen, eilte aber augenblicklich zu ihrem Mann und rief, als sie die Bibliothek betrat:

„Oh, Mr. Bennet, man braucht Sie sofort; wir sind alle in Aufruhr. Sie müssen kommen und Lizzy dazu bringen, Mr. Collins zu heiraten, denn sie schwört, sie wolle ihn nicht haben; und wenn Sie sich nicht beeilen, wird er es sich anders überlegen und sie nicht wollen."

Mr. Bennet hob die Augen von seinem Buch, als sie eintrat, und heftete sie mit ruhiger Gleichgültigkeit auf ihr Gesicht, die durch ihre Mitteilung nicht im geringsten verändert wurde.

„Ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu verstehen," sagte er, als sie ihre Rede beendet hatte. „Wovon sprechen Sie?"

„Von Mr. Collins und Lizzy. Lizzy erklärt, sie wolle Mr. Collins nicht haben, und Mr. Collins fängt an zu sagen, er wolle Lizzy nicht haben."

„Und was soll ich bei der Gelegenheit tun? Es scheint eine hoffnungslose Sache zu sein."

„Sprechen Sie selbst mit Lizzy darüber. Sagen Sie ihr, daß Sie darauf bestehen, daß sie ihn heiratet."

„Laßt sie herunterrufen. Sie soll meine Meinung hören."

Mrs. Bennet klingelte, und Miss Elizabeth wurde in die Bibliothek befohlen.

„Komm her, Kind," rief ihr Vater, als sie erschien. „Ich habe dich in einer wichtigen Angelegenheit rufen lassen. Ich höre, Mr. Collins hat dir einen Heiratsantrag gemacht. Stimmt es?"

Elizabeth antwortete, daß es stimme.

„Sehr gut – und diesen Heiratsantrag hast du ausgeschlagen?"

„Ja, Sir."

„Sehr gut. Wir kommen nun zum entscheidenden Punkt. Deine Mutter besteht darauf, daß du ihn annimmst. Ist es nicht so, Mrs. Bennet?"

„Ja, oder ich will sie nie Wiedersehen."

„Eine unglückselige Wahl steht vor dir, Elizabeth. Von heute an muß einem deiner Elternteile fremd sein. Deine Mutter wird dich nie Wiedersehen, wenn du Mr. Collins nicht heiratest, und ich werde dich nie Wiedersehen, wenn du es tust."

Elizabeth konnte bei einem solchen Schluß nach einem solchen Anfang nicht umhin zu lächeln; Mrs. Bennet aber, die sich eingeredet hatte, ihr Mann betrachte die Sache ganz wie sie, war über die Maßen enttäuscht.

„Was meinen Sie, Mr. Bennet, daß Sie so reden? Sie haben mir versprochen, darauf zu bestehen, daß sie ihn heiratet."

„Meine Liebe," erwiderte ihr Mann, „ich habe zwei kleine Gefallen zu erbitten. Erstens, daß du mir den freien Gebrauch meines Verstandes bei der gegenwärtigen Gelegenheit gestattest; und zweitens, den meines Zimmers. Es wird mir lieb sein, die Bibliothek sobald wie möglich für mich allein zu haben."

Noch immer jedoch gab Mrs. Bennet trotz ihrer Enttäuschung über ihren Mann den Punkt nicht auf. Sie sprach wieder und wieder mit Elizabeth; bald schmeichelte sie ihr, bald drohte sie ihr. Sie suchte Jane für ihr Interesse zu gewinnen, aber Jane lehnte mit aller nur möglichen Milde ab, sich einzumengen; und Elizabeth erwiderte ihre Angriffe bald mit wirklichem Ernst, bald mit scherzhafter Fröhlichkeit. Wenn auch ihr Ton wechselte, ihr Entschluß tat es nie.

Mr. Collins indessen sann einsam über das Vorgefallene nach. Er dachte zu gut von sich, um zu begreifen, aus welchem Beweggrund seine Cousine ihn ablehnen könne; und obwohl sein Stolz verletzt war, litt er sonst keinen Schaden. Seine Neigung zu ihr war ganz eingebildet; und die Möglichkeit, daß sie den Vorwurf ihrer Mutter verdiene, hinderte ihn, irgendwelches Bedauern zu empfinden.

Während die Familie in dieser Verwirrung war, kam Charlotte Lucas, um den Tag bei ihnen zu verbringen. Im Vorzimmer wurde sie von Lydia empfangen, die ihr entgegenschwebte und im Flüsterton rief: „Ich bin froh, daß du kommst, denn hier gibt es solchen Spaß! Was meinst du, was heute morgen geschehen ist? Mr. Collins hat Lizzy einen Antrag gemacht, und sie will ihn nicht."

Charlotte hatte kaum Zeit zu antworten, da schon Kitty hinzukam, um die gleiche Neuigkeit zu erzählen; und kaum hatten sie das Frühstückszimmer betreten, wo Mrs. Bennet allein war, als auch diese das Thema begann, Miss Lucas um ihr Mitleid anrief und sie bat, ihre Freundin Lizzy zu bereden, den Wünschen ihrer Familie nachzugeben. „Tu es doch, meine liebe Miss Lucas," fügte sie in klagendem Tone hinzu; „denn niemand ist auf meiner Seite, niemand nimmt teil an mir; man behandelt mich grausam, niemand fühlt für meine armen Nerven."

Charlottes Antwort wurde durch den Eintritt von Jane und Elizabeth erspart.

„Ei, da kommt sie ja," fuhr Mrs. Bennet fort, „so gleichgültig dreinblickend, als sei es ihr einerlei, und sich um uns nicht mehr kümmernd, als ob wir in York wären, wenn sie nur ihren Willen hat. Aber ich sage dir eins, Miss Lizzy, wenn du es dir in den Kopf setzt, auf diese Weise jeden Heiratsantrag auszuschlagen, wirst du überhaupt keinen Mann bekommen – und ich weiß wahrhaftig nicht, wer dich ernähren soll, wenn dein Vater tot ist. Ich werde nicht imstande sein, dich zu erhalten – und so warne ich dich. Von diesem Tage an habe ich mit dir abgeschlossen. Ich habe dir in der Bibliothek gesagt, du weißt es, daß ich nie wieder ein Wort mit dir reden werde, und du wirst mich so gut als mein Wort finden. Es macht mir kein Vergnügen, mit pflichtvergessenen Kindern zu reden. Nicht daß ich überhaupt viel Vergnügen daran fände, mit jemandem zu reden. Leute, die so wie ich an Nervenleiden leiden, haben keine große Neigung zum Reden. Niemand kann ermessen, was ich leide! Aber es ist immer so. Die nicht klagen, werden auch nicht bemitleidet."

Ihre Töchter hörten diesen Ausbruch schweigend an, wohl wissend, daß jeder Versuch, mit ihr zu argumentieren oder sie zu besänftigen, nur ihre Gereiztheit vermehren würde. So redete sie denn ohne Unterbrechung von irgendeiner Seite weiter, bis Mr. Collins zu ihnen trat, der mit würdevollerer Miene als gewöhnlich eintrat, und als sie ihn erblickte, sagte sie zu den Mädchen:

„Jetzt bestehe ich darauf, daß ihr alle schweigt und Mr. Collins und mir ein kleines Gespräch untereinander gestattet."

Elizabeth verließ still das Zimmer, Jane und Kitty folgten, aber Lydia blieb fest stehen, entschlossen, alles zu hören, was sie konnte; und Charlotte, erst durch die Höflichkeit von Mr. Collins aufgehalten, dessen Erkundigungen nach ihr und ihrer ganzen Familie sehr genau waren, dann durch ein wenig Neugier, begnügte sich, zum Fenster zu gehen und sich zu stellen, als höre sie nicht. Mit klagender Stimme begann Mrs. Bennet so das beabsichtigte Gespräch:

„Oh, Mr. Collins!"

„Meine liebe Madam," erwiderte er, „laßt uns für immer über diesen Punkt schweigen. Fern sei es von mir," fuhr er sogleich fort, mit einer Stimme, die seinen Unwillen verriet, „das Betragen Ihrer Tochter zu übeln. Ergebung in unvermeidliche Übel ist die Pflicht von uns allen: die besondere Pflicht eines jungen Mannes, der so glücklich gewesen ist wie ich, in früher Beförderung; und ich vertraue, ich bin ergeben. Vielleicht nicht weniger, weil ich einen Zweifel hege, ob mein wirkliches Glück mir zuteil geworden wäre, wenn meine schöne Cousine mich mit ihrer Hand beehrt hätte; denn ich habe oft bemerkt, daß die Ergebung nie so vollkommen ist als wenn der versagte Segen anfängt, in unserer Schätzung etwas von seinem Werte zu verlieren. Sie werden mich hoffentlich nicht für unhöflich gegen Ihre Familie halten, meine liebe Madam, wenn ich so meine Ansprüche auf die Gunst Ihrer Tochter zurückziehe, ohne Ihnen und Mr. Bennet den schuldigen Ehrerbietung erwiesen und Sie gebeten zu haben, Ihre Vollmacht zu meinen Gunsten einzulegen. Mein Betragen mag, fürchte ich, tadelnswert sein, weil ich meine Entlassung aus dem Munde Ihrer Tochter statt aus dem Ihren angenommen habe; aber wir alle sind Irrtümern unterworfen. Ich habe gewiß bei der ganzen Sache es gut gemeint. Mein Ziel war, mir eine liebenswürdige Lebensgefährtin zu sichern, mit gebührender Rücksicht auf den Vorteil Ihrer ganzen Familie; und wenn mein Auftreten irgendwie tadelnswert gewesen sein sollte, so bitte ich hier um Verzeihung."

Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Erörterung über Mr. Collins' Antrag war nun nahezu beendet, und Elizabeth hatte nur noch unter den unvermeidlichen unbehaglichen Empfindungen zu leiden, die damit verknüpft waren, und gelegentlich unter einer mürrischen Anspielung ihrer Mutter. Was den Herrn selbst betraf, so äußerten sich seine Gefühle weniger durch Verlegenheit oder Niedergeschlagenheit oder dadurch, daß er ihr aus dem Wege zu gehen suchte, als durch steife Umgangsformen und grollendes Schweigen. Er sprach sie kaum je an; und die emgeblichen Aufmerksamkeiten, die er selbst so deutlich empfunden hatte, übertrug er für den Rest des Tages auf Miss Lucas, deren Höflichkeit, ihm zuzuhören, ihnen allen eine willkommene Erleichterung war, und besonders ihrer Freundin.

Der folgende Morgen brachte keine Minderung von Mrs. Bennets übler Laune oder übler Gesundheit. Auch Mr. Collins befand sich im gleichen Zustande zornigen Stolzes. Elizabeth hatte gehofft, sein Groll möge seinen Besuch abkürzen, aber sein Plan schien dadurch nicht im geringsten berührt zu werden. Er hatte immer am Samstag abreisen wollen, und bis zum Samstag gedachte er auch zu bleiben.

Nach dem Frühstück gingen die Mädchen nach Meryton, um sich zu erkundigen, ob Mr. Wickham zurückgekehrt sei, und um seine Abwesenheit vom Ball in Netherfield zu beklagen. Er stieß zu ihnen, als sie den Ort betraten, und begleitete sie zu ihrer Tante, wo sein Bedauern und sein Ärger und die Teilnahme aller nach Herzenslust durchgesprochen wurden. Gegenüber Elizabeth jedoch gestand er freiwillig, daß die Notwendigkeit seiner Abwesenheit von ihm selbst ausgegangen sei.

„Ich fand," sagte er, „als die Zeit herannahte, daß ich besser Mr. Darcy nicht begegnete; daß es vielleicht mehr wäre, als ich ertragen könnte, mit ihm mehrere Stunden lang in demselben Zimmer, auf demselben Fest zusammen zu sein, und daß es Szenen geben könnte, die für mehr als für mich unangenehm wären."

Sie billigte seine Zurückhaltung aufs höchste; und sie hatten Muße zu einer ausführlichen Erörterung darüber und zu all den höflichen Lobesbezeugungen, die sie einander spendeten, als Wickham und ein anderer Offizier mit ihnen nach Longbourn zurückwanderten, und er während des Spaziergangs ihr besondere Aufmerksamkeit widmete. Seine Begleitung war ein doppelter Vorteil: sie empfand die schmeichelhafte Auszeichnung, die er ihr damit erwies; und es war höchst willkommen als eine Gelegenheit, ihn ihrem Vater und ihrer Mutter vorzustellen.

Bald nach ihrer Rückkehr wurde ein Brief an Miss Bennet abgeliefert; er kam von Netherfield und wurde sofort geöffnet. Das Kuvert enthielt ein Blatt feines, glattes, heißgepreßtes Papier, reichlich bedeckt mit einer schönen, fließenden Damenhand; und Elizabeth sah, wie sich der Ausdruck ihrer Schwester beim Lesen veränderte und wie diese über gewissen Stellen lange verweilte. Jane faßte sich bald wieder; und indem sie den Brief weglegte, suchte sie mit ihrer gewöhnlichen Heiterkeit an der allgemeinen Unterhaltung teilzunehmen: aber Elizabeth empfand eine Unruhe in diesem Punkte, die ihre Aufmerksamkeit selbst von Wickham abzog; und sobald er und sein Begleiter sich verabschiedet hatten, lud sie ein Blick von Jane ein, ihr die Treppe hinauf zu folgen. Als sie ihr eigenes Zimmer erreicht hatten, sagte Jane, indem sie den Brief hervorzog: „Dieser ist von Caroline Bingley: was er enthält, hat mich sehr überrascht. Die ganze Gesellschaft hat Netherfield bereits verlassen und ist auf dem Wege nach London; und sie haben nicht die Absicht, je zurückzukehren. Du sollst hören, was sie sagt."

Dann las sie den ersten Satz laut vor, der die Nachricht enthielt, daß sie soeben beschlossen hätten, ihrem Bruder sogleich nach London zu folgen, und daß sie an diesem Tage in Grosvenor Street speisen wollten, wo Mr. Hurst ein Haus habe. Der nächste lautete so: „Ich will mir keineswegs anmaßen, etwas zu bedauern, was ich in Hertfordshire zurücklasse, außer deinen Umgang, meine teuerste Freundin; aber wir wollen hoffen, daß wir uns in irgendeiner späteren Zeit vieler solcher erfreulichen Zusammenkünfte erfreuen werden, wie wir sie gekannt haben, und inzwischen den Schmerz der Trennung durch einen recht häufigen und ganz offenherzigen Briefwechsel mildern. Darauf rechne ich bei dir." Diesen hochtrabenden Redensarten hörte Elizabeth mit der ganzen Unempfindlichkeit des Mißtrauens zu; und obgleich die Plötzlichkeit ihres Weggangs sie überraschte, sah sie doch nichts darin, was wirklich zu beklagen wäre: es war nicht anzunehmen, daß ihre Abwesenheit von Netherfield Mr. Bingley abhalten würde, dort zu sein; und was den Verlust ihrer Gesellschaft betraf, so war sie überzeugt, Jane müsse bald aufhören, ihn in dem Genusse seines Umganges schmerzlich zu empfinden.

„Es ist unglücklich," sagte sie nach kurzem Schweigen, „daß du deine Freundinnen nicht mehr sehen kannst, ehe sie das Land verlassen. Aber dürfen wir nicht hoffen, daß die Zeit des künftigen Glücks, der Miss Bingley entgegensieht, früher kommen wird, als sie ahnt, und daß der reizende Verkehr, den ihr als Freundinnen gepflegt habt, mit noch größerer Befriedigung als Schwestern erneuert werden wird? Mr. Bingley wird von ihnen in London nicht aufgehalten werden."

„Caroline sagt entschieden, daß keiner von der Gesellschaft diesen Winter nach Hertfordshire zurückkehren wird. Ich will es dir vorlesen.

‚Als mein Bruder uns gestern verließ, bildete er sich ein, das Geschäft, das ihn nach London rief, könnte in drei bis vier Tagen beendet sein; da wir aber gewiß sind, daß es nicht sein kann, und zugleich überzeugt, daß Charles, wenn er erst in London ist, sich nicht beeilen wird, es wieder zu verlassen, haben wir beschlossen, ihm dorthin zu folgen, damit er nicht genötigt sei, seine müßigen Stunden in einem trostlosen Gasthof zu verbringen. Viele meiner Bekannten sind schon dort für den Winter: ich möchte hören, daß du, meine teuerste Freundin, die Absicht hättest, dich unter die Menge zu mischen, aber darauf verzichte ich. Ich wünsche von Herzen, daß dein Weihnachtsfest in Hertfordshire an den Lustbarkeiten reich sein möge, die diese Jahreszeit gewöhnlich mit sich bringt, und daß deine Verehrer so zahlreich sein mögen, daß du den Verlust der drei, die wir dir entziehen, nicht fühlst.‹

„Daraus geht deutlich hervor," fügte Jane hinzu, „daß er diesen Winter nicht mehr zurückkommt."

„Es geht nur daraus hervor, daß Miss Bingley nicht meint, er solle zurückkommen."

„Warum willst du so denken? Es muß seine eigene Entscheidung sein; er ist sein eigener Herr. Aber du weißt nicht alles. Ich will dir die Stelle vorlesen, die mich besonders schmerzt. Ich will keine Zurückhaltung gegen dich. ›Mr. Darcy ist ungeduldig, seine Schwester wiederzusehen; und um die Wahrheit zu gestehen, wir selbst sehnen uns kaum weniger danach, sie wiederzutreffen. Ich glaube wirklich nicht, daß Georgiana Darcy ihresgleichen hat an Schönheit, Eleganz und Vollkommenheit; und die Zuneigung, die sie in Louisa und mir erweckt, wird durch die Hoffnung, die wir zu hegen wagen, daß sie einst unsere Schwester sein werde, zu etwas noch Interessanterem gesteigert. Ich weiß nicht, ob ich dir je zuvor meine Gefühle in dieser Hinsicht anvertraut habe, aber ich will das Land nicht verlassen, ohne sie dir mitzuteilen, und ich vertraue darauf, daß du sie nicht unvernünftig finden wirst. Mein Bruder bewundert sie schon jetzt sehr; er wird nun häufig Gelegenheit haben, sie auf dem vertrautesten Fuße zu sehen; ihre Verwandten wünschen die Verbindung ebensosehr wie er selbst; und die Parteilichkeit einer Schwester täuscht mich wohl nicht, glaube ich, wenn ich Charles für höchst fähig halte, jedes Frauenherz zu gewinnen. Bei allen diesen Umständen, die eine Neigung begünstigen, und nichts, das sie hindert, irre ich, meine teuerste Jane, wenn ich der Hoffnung auf ein Ereignis Raum gebe, welches das Glück so vieler sichern wird?‹ Was denkst du von diesem Satz, meine liebe Lizzy?" sagte Jane, als sie geendet hatte. „Ist er nicht deutlich genug? Erklärt er nicht ausdrücklich, daß Caroline weder erwartet noch wünscht, daß ich ihre Schwester werde; daß sie von der Gleichgültigkeit ihres Bruders vollkommen überzeugt ist; und daß sie, falls sie die Art meiner Gefühle für ihn ahnt, mich (überaus freundlich!) warnen will. Kann es irgendeine andere Meinung zu diesem Gegenstand geben?"

„Ja, die gibt es; denn die meinige ist völlig verschieden. Willst du sie hören?"

„Sehr gern."

„Du sollst sie in wenigen Worten haben. Miss Bingley sieht, daß ihr Bruder in dich verliebt ist, und will, daß er Miss Darcy heiratet. Sie folgt ihm in die Stadt in der Hoffnung, ihn dort festzuhalten, und versucht dir einzureden, daß er nichts für dich empfindet."

Jane schüttelte den Kopf.

„Wahrhaftig, Jane, du solltest mir glauben. Niemand, der euch je beieinander gesehen hat, kann an seiner Zuneigung zweifeln; Miss Bingley kann es gewiß nicht: sie ist keine solche Einfaltspinselin. Hätte sie halb soviel Liebe bei Mr. Darcy für sich selbst erblickt, sie hätte schon ihre Hochzeitskleider bestellt. Aber die Sache verhält sich so: wir sind ihnen nicht reich oder vornehm genug; und sie ist nur um so begieriger, Miss Darcy für ihren Bruder zu gewinnen, weil sie sich einbildet, daß, wenn einmal eine Heirat zwischen den Familien stattgefunden hat, ihr die zweite weniger Mühe machen werde; worin gewiss eine gewisse Schlauheit liegt, und es würde, davon bin ich überzeugt, gelingen, wenn Miss de Bourgh nicht im Wege stünde. Aber, meine teuerste Jane, du kannst doch im Ernst nicht glauben, daß, weil Miss Bingley dir sagt, ihr Bruder bewundere Miss Darcy außerordentlich, er im geringsten weniger von deinem Wert überzeugt ist als damals, als er am Dienstag von dir Abschied nahm; oder daß es in ihrer Macht stehen werde, ihn zu überzeugen, daß er, statt in dich verliebt zu sein, sehr in ihre Freundin verliebt sei."

„Wenn wir gleich über Miss Bingley dächten," erwiderte Jane, „so könnte deine Darstellung von alledem mich völlig beruhigen. Aber ich weiß, daß die Grundlage ungerecht ist. Caroline ist unfähig, jemanden absichtlich zu täuschen; und alles, was ich in diesem Fall hoffen kann, ist, daß sie selbst getäuscht wird."

„Das ist richtig. Du hättest keine glücklichere Idee haben können, da du aus der meinigen keinen Trost schöpfen willst: glaube sie getäuscht, um alles in der Welt. Du hast nun deine Pflicht an ihr getan und mußt dich nicht weiter grämen."

„Aber, meine liebe Schwester, kann ich glücklich sein, selbst den besten Fall angenommen, wenn ich einen Mann annehme, dessen Schwestern und Freunde alle wünschen, daß er anderswo heirat?"

„Du mußt selbst entscheiden," sagte Elizabeth; „und wenn du nach reiflicher Überlegung findest, daß das Unglück, seine beiden Schwestern zu kränken, größer ist als das Glück, seine Frau zu sein, so rate ich dir, dich unter allen Umständen, ihn auszuschlagen."

„Wie kannst du so reden?" sagte Jane mit mattem Lächeln; „du mußt wissen, daß, obwohl ich über ihre Mißbilligung außerordentlich betrübt sein würde, ich doch nicht zögern könnte."

„Das habe ich nicht gedacht; und da dies der Fall ist, kann ich deine Lage nicht mit vielem Mitleid betrachten."

„Aber wenn er diesen Winter nicht mehr zurückkehrt, wird meine Wahl nie verlangt werden. In sechs Monaten kann tausenderlei eintreten."

Den Gedanken, daß er nicht wiederkomme, behandelte Elizabeth mit der äußersten Verachtung. Es erschien ihr lediglich als der Vorschlag von Carolines eigennützigen Wünschen; und sie konnte keinen Augenblick annehmen, daß diese Wünsche, so offen oder schlau sie auch geäußert wurden, einen jungen Mann beeinflussen könnten, der so völlig unabhängig von jedermann war.

Sie stellte ihrer Schwester so eindringlich wie möglich dar, was sie in dieser Angelegenheit empfand, und hatte bald die Freude, die gute Wirkung davon zu sehen. Janes Gemüt war nicht verzagend; und sie wurde allmählich zur Hoffnung geführt, obwohl die Schüchternheit der Liebe manchmal die Hoffnung überwand, daß Bingley nach Netherfield zurückkehren und jeden Wunsch ihres Herzens erfüllen werde.

Sie kamen überein, daß Mrs. Bennet nur von der Abreise der Familie hören solle, ohne über das Betragen des Herrn beunruhigt zu werden; aber selbst diese teilweise Mitteilung versetzte sie in große Unruhe, und sie beklagte es als überaus unglücklich, daß die Damen gerade fortgehen mußten, als sie alle so vertraut miteinander wurden. Nachdem sie sich jedoch eine Weile darüber beklagt hatte, fand sie den Trost, zu denken, daß Mr. Bingley bald wieder da sein und bald in Longbourn speisen werde; und der Schluß von allem war die tröstliche Erklärung, daß, obwohl er nur zu einem Familiendiner eingeladen worden war, sie dafür sorgen werde, daß es zwei volle Gänge gebe.

ZWEITES KAPITEL.

Die Bennets waren zum Essen bei den Lucases eingeladen; und wieder war, während des größten Teils des Tages, Miss Lucas so gütig, Mr. Collins zuzuhören. Elizabeth benutzte eine Gelegenheit, ihr zu danken. „Es hält ihn bei guter Laune," sagte sie, „und ich bin dir mehr verpflichtet, als ich ausdrücken kann."

Charlotte versicherte ihrer Freundin, daß es ihr Befriedigung gewähre, nützlich zu sein, und daß es ihr den kleinen Zeitverlust reichlich vergüte. Dies war sehr liebenswürdig; aber Charlottes Güte ging weiter, als Elizabeth sich irgend vorstellte: ihr Ziel war nichts Geringeres, als sich selbst vor einer Wiederkehr von Mr. Collins' Bewerbungen zu schützen, indem sie diese auf sich selbst lenkte. Das war Miss Lucas' Plan; und die Umstände waren so günstig, daß sie, als sie sich des Abends trennten, sich des Erfolges fast sicher gefühlt hätte, wenn er nicht Hertfordshire so überaus bald hätte verlassen müssen. Allein sie tat hier dem Feuer und der Selbständigkeit seines Charakters Unrecht; denn diese bewogen ihn, am nächsten Morgen mit bewunderungswürdiger Schlauheit aus Longbourn Haus zu entkommen und sich nach Lucas Lodge zu begeben, um sich ihr zu Füßen zu werfen. Er war begierig, den Blicken seiner Kusinen zu entgehen, aus der Überzeugung, daß, wenn sie ihn fortgehen sähen, sie nicht umhin könnten, sein Vorhaben zu erraten, und er wünschte nicht, daß der Versuch bekannt werde, bevor sein Erfolg sich ebenfalls zeige; denn obwohl er sich, und mit Grund, fast sicher fühlte, da Charlotte ihn einigermaßen ermutigt hatte, war er doch seit dem Abenteuer am Mittwoch verhältnismäßig schüchtern. Sein Empfang jedoch war von der schmeichelhaftesten Art. Miss Lucas erblickte ihn von einem oberen Fenster, als er auf das Haus zuschritt, und eilte sofort hinaus, um ihm zufällig in der Allee zu begegnen. Wenig hatte sie zu hoffen gewagt, daß so viel Liebe und Beredsamkeit sie dort erwarteten.

In so kurzer Frist, als Mr. Collins' lange Reden es zuließen, war alles zwischen ihnen zur Zufriedenheit beider geordnet; und als sie das Haus betreten, bat er sie angelegentlich, den Tag zu bestimmen, der ihn zum glücklichsten der Menschen machen sollte; und obgleich eine solche Bitte für jetzt noch zurückgewiesen werden mußte, fühlte die Dame keine Neigung, mit seinem Glück sein Spiel zu treiben. Die Dummheit, mit der ihn die Natur begünstigt hatte, mußte seine Werbung vor jedem Reiz bewahren, der eine Frau deren Fortsetzung wünschen lassen könnte; und Miss Lucas, die ihn lediglich aus dem reinen und uneigennützigen Verlangen nach einer Versorgung annahm, kümmerte sich nicht, wie bald diese Versorgung erlangt werde.

Sir William und Lady Lucas wurden unverzüglich um ihre Einwilligung ersucht; und sie wurde mit der freudigsten Bereitwilligkeit erteilt. Mr. Collins' gegenwärtige Umstände machten diese Verbindung für ihre Tochter, der sie nur ein geringes Vermögen geben konnten, überaus wünschenswert; und seine Aussichten auf künftigen Wohlstand waren außerordentlich günstig. Lady Lucas begann sofort, mit mehr Interesse, als die Sache je zuvor erregt hatte, zu berechnen, wie viele Jahre Mr. Bennet vermutlich noch zu leben habe; und Sir William gab es als seine bestimmte Meinung kund, daß, wenn Mr. Collins einmal im Besitz des Longbourn-Gutes sein werde, es höchst ratsam sei, daß er sowohl als seine Frau sich in St. James's zeigten. Die ganze Familie kurz war überaus entzückt über den Fall. Die jüngeren Mädchen hegten Hoffnung, ein oder zwei Jahre früher in die Welt zu treten, als sie es sonst getan hätten; und die Knaben wurden von ihrer Befürchtung befreit, Charlotte könnte als alte Jungfer sterben. Charlotte selbst war ziemlich gelassen. Sie hatte ihren Zweck erreicht und hatte Zeit, darüber nachzudenken. Ihre Betrachtungen waren im allgemeinen befriedigend. Mr. Collins war freilich weder verständig noch angenehm: seine Gesellschaft war lästig, und seine Zuneigung zu ihr mußte eingebildet sein. Aber dennoch würde er ihr Gatte sein. Ohne viel von Männern oder von der Ehe zu halten, war die Heirat immer ihr Ziel gewesen: es war die einzige ehrenhafte Versorgung für wohlerzogene junge Frauen von kleinem Vermögen, und, wenn sie auch nicht unbedingt Glück gewährte, mußte sie doch ihre angenehmste Sicherung gegen Not sein. Diese Sicherung hatte sie nun erlangt; und im Alter von siebenundzwanzig Jahren, ohne jemals schön gewesen zu sein, fühlte sie das ganze Glück davon. Der wenigst angenehme Umstand in der Sache war die Überraschung, die sie bei Elizabeth Bennet verursachen mußte, deren Freundschaft sie über die jeder anderen Person stellte. Elizabeth würde sich wundern und sie wahrscheinlich tadeln; und obwohl ihr Entschluß nicht zu erschüttern war, mußten ihre Gefühle durch eine solche Mißbilligung verletzt werden. Sie nahm sich vor, ihr die Nachricht selbst zu geben; und trug daher Mr. Collins auf, als er zum Mittagessen nach Longbourn zurückkehrte, vor keinem Mitglied der Familie eine Andeutung von dem Geschehenen fallen zu lassen. Ein Versprechen der Verschwiegenheit wurde natürlich sehr pflichtmäßig gegeben, konnte aber nicht ohne Schwierigkeit gehalten werden; denn die Neugier, die durch seine lange Abwesenheit erregt wurde, brach bei seiner Rückkehr in so sehr direkten Fragen hervor, daß einige Gewandtheit nötig war, um auszuweichen, und er dabei zugleich große Selbstverleugnung übte, denn er sehnte sich danach, seine glückliche Liebe zu verkünden.

Da er am nächsten Morgen seine Reise zu früh antreten mußte, um noch ein Mitglied der Familie zu sehen, wurde die Zeremonie des Abschieds vorgenommen, als sich die Damen zur Nacht zurückzogen; und Mrs. Bennet sagte mit großer Höflichkeit und Herzlichkeit, wie glücklich sie sein würden, ihn wieder in Longbourn zu sehen, sobald ihm seine anderen Verpflichtungen erlaubten, sie zu besuchen.

„Meine gnädige Frau," erwiderte er, „diese Einladung ist mir besonders schmeichelhaft, da ich sie zu erhalten gehofft hatte; und Sie können sich vollkommen darauf verlassen, daß ich ihrer so bald wie möglich nachkommen werde."

Sie waren alle erstaunt; und Mr. Bennet, der keineswegs eine so baldige Rückkehr wünschen konnte, sagte sofort:--

„Aber besteht da nicht die Gefahr von Lady Catherines Mißbilligung, mein guter Herr? Sie täten besser, Ihre Verwandten zu vernachlässigen, als das Risiko einzugehen, Ihre Gönnerin zu beleidigen."

„Mein lieber Herr," erwiderte Mr. Collins, „ich bin Ihnen besonders verbunden für diese freundschaftliche Warnung, und Sie können sich darauf verlassen, daß ich einen so wichtigen Schritt nicht ohne die Zustimmung Ihrer Ladyschaft tun werde."

„Sie können nicht zu sehr auf der Hut sein. Setzen Sie lieber alles aufs Spiel, als daß Sie ihren Unwillen erregen; und wenn Sie finden, daß er wahrscheinlich durch Ihren Besuch bei uns erregt werden würde, was ich für höchst wahrscheinlich halte, so bleiben Sie ruhig zu Hause, und seien Sie versichert, daß wir keinen Anstoß nehmen."

„Glauben Sie mir, mein lieber Herr, meine Dankbarkeit wird durch eine solch liebevolle Aufmerksamkeit lebhaft erregt; und verlassen Sie sich darauf, Sie werden in Kürze von mir einen Dankesbrief erhalten für dieses sowie für jede andere Beweis Ihrer Gewogenheit während meines Aufenthalts in Hertfordshire. Was meine holden Kusinen betrifft, so werde ich, obwohl meine Abwesenheit vielleicht nicht lang genug sein wird, um es nötig zu machen, mir jetzt die Freiheit nehmen, ihnen Gesundheit und Glück zu wünschen, meine Kusine Elizabeth nicht ausgenommen."

Mit gebührenden Höflichkeiten zogen sich die Damen darauf zurück; alle gleichermaßen überrascht, daß er eine baldige Rückkehr im Sinne hatte. Mrs. Bennet wollte daraus entnehmen, daß er daran dachte, einer ihrer jüngeren Töchter den Hof zu machen, und Mary hätte vielleicht bewogen werden können, ihn anzunehmen. Sie schätzte seine Fähigkeiten viel höher als die übrigen: es lag eine Gediegenheit in seinen Betrachtungen, die sie oft beeindruckte; und obwohl er bei weitem nicht so klug war wie sie selbst, glaubte sie doch, daß er, wenn er durch ein solches Beispiel wie das ihre zum Lesen und zur Verbesserung seiner selbst angeregt würde, ein sehr angenehmer Gesellschafter werden könnte. Aber am folgenden Morgen wurde alle Hoffnung dieser Art zunichte. Miss Lucas kam bald nach dem Frühstück und teilte Elizabeth in einer vertraulichen Unterredung das Ereignis des vorhergehenden Tages mit.

Die Möglichkeit, daß Mr. Collins sich einbildete, in ihre Freundin verliebt zu sein, war Elizabeth in den letzten Tagen einmal in den Sinn gekommen; aber daß Charlotte ihn ermutigen könnte, schien ihr fast ebenso unmöglich, als daß sie ihn selbst ermutigen könnte; und ihre Bestürzung war daher so groß, daß sie zunächst die Schranken des Anstandes vergaß und nicht umhin konnte, auszurufen:--

„Mit Mr. Collins verlobt! Meine liebe Charlotte, das ist unmöglich!"

Die ruhige Miene, die Miss Lucas beim Erzählen ihrer Geschichte bewahrt hatte, wich bei diesem so unmittelbaren Vorwurf einer augenblicklichen Verwirrung; doch da sie nichts anderes erwartet hatte, faßte sie sich bald wieder und erwiderte gelassen:--

„Warum solltest du dich wundern, meine liebe Eliza? Glaubst du, es sei unglaublich, daß Mr. Collins die Gunst einer Frau erlangen könnte, weil er nicht so glücklich war, bei dir Erfolg zu haben?"

Elizabeth hatte sich nun aber wieder gesammelt; und mit einer kräftigen Anstrengung brachte sie es fertig, ihr mit leidlicher Fassung zu versichern, daß die Aussicht auf ihre Verwandtschaft ihr überaus angenehm sei, und daß sie ihr alles nur erdenkliche Glück wünsche.

„Ich sehe, was du empfindest," erwiderte Charlotte; „du mußt erstaunt sein, sehr erstaunt, da Mr. Collins noch so kürzlich dich heiraten wollte. Aber wenn du Zeit gehabt hast, dir die Sache reiflich zu überlegen, hoffe ich, wirst du mit dem, was ich getan habe, zufrieden sein. Ich bin nicht romantisch, das weißt du. Ich war es nie. Ich verlange nur ein behagliches Heim; und, wenn ich Mr. Collins' Charakter, Verbindungen und Lebensstellung bedenke, bin ich überzeugt, daß meine Aussicht auf Glück mit ihm ebenso günstig ist, wie die meisten Menschen bei Eintritt in den Ehestand rühmen können."

Elizabeth antwortete ruhig „ohne Zweifel"; und nach einer peinlichen Pause kehrten sie zur übrigen Familie zurück. Charlotte blieb nicht viel länger; und Elizabeth blieb nun, um über das Gehörte nachzudenken. Es dauerte lange, bis sie sich auch nur einigermaßen mit dem Gedanken an eine so unpassende Verbindung abfand. Die Seltsamkeit, daß Mr. Collins innerhalb von drei Tagen zweimal einen Heiratsantrag gemacht hatte, war nichts im Vergleich dazu, daß er nun angenommen wurde. Sie hatte immer empfunden, daß Charlottes Ansicht von der Ehe nicht ganz mit der ihrigen übereinstimmte; aber sie hätte es nicht für möglich gehalten, daß sie, wenn es zur Tat kam, jedes bessere Gefühl dem weltlichen Vorteil aufgeopfert hätte. Charlotte, die Frau von Mr. Collins, war ein äußerst demütigendes Bild! Und zu dem Schmerz, daß eine Freundin sich selbst erniedrigte und in ihrer Achtung sank, kam die betrübende Überzeugung hinzu, daß es unmöglich war, daß diese Freundin in dem Los, das sie gewählt hatte, auch nur erträglich glücklich sein könnte.

DRITTES KAPITEL.

Elizabeth saß mit ihrer Mutter und ihren Schwestern und dachte darüber nach, was sie gehört hatte, und erwog, ob sie befugt sei, es zu erwähnen, als Sir William Lucas selbst erschien, von seiner Tochter gesandt, um der Familie ihre Verlobung anzuzeigen. Mit vielen Komplimenten für sie und vielem Selbstbehagen angesichts der Aussicht auf eine Verbindung zwischen den Häusern legte er die Sache dar, -- einem Publikum, das nicht nur staunte, sondern ungläubig war; denn Mrs. Bennet beharrte, mit mehr Ausdauer als Höflichkeit, darauf, daß er sich gewiß völlig irren müsse; und Lydia rief, stets unvorsichtig und oft unhöflich, lärmend aus:--

„Großer Gott! Sir William, wie können Sie eine solche Geschichte erzählen? Wissen Sie denn nicht, daß Mr. Collins Lizzy heiraten will?"

Nichts Geringeres als die Höflichkeit eines Höflings hätte eine solche Behandlung ohne Zorn ertragen können: aber Sir Williams gute Erziehung trug ihn hindurch; und obwohl er sich die Freiheit erbat, hinsichtlich der Wahrheit seiner Mitteilung positiv zu sein, hörte er alle ihre Ungehörigkeiten mit der nachsichtigsten Höflichkeit an.

Elizabeth, die es für ihre Pflicht hielt, ihn aus einer so unangenehmen Lage zu befreien, trat nun vor, um seine Darstellung durch die Erwähnung ihres früheren Wissens davon von Charlotte selbst zu bestätigen; und bemühte sich, die Ausrufe ihrer Mutter und Schwestern zum Schweigen zu bringen, indem sie Sir William ernsthaft Glück wünschte, worin ihr Jane bereitwillig beitrat, und indem sie mancherlei Bemerkungen über das Glück machte, das man von der Verbindung erwarten durfte, den vortrefflichen Charakter von Mr. Collins und die bequeme Entfernung von Hunsford bis London.

Mrs. Bennet war in der Tat zu sehr überwältigt, um viel zu sagen, solange Sir William zugegen war; aber kaum hatte er sie verlassen, so fanden ihre Gefühle einen schnellen Ausweg. Erstens blieb sie dabei, der ganzen Sache keinen Glauben zu schenken; zweitens war sie sehr sicher, daß Mr. Collins hereingelegt worden sei; drittens vertraute sie darauf, daß sie nie glücklich miteinander sein würden; und viertens, daß die Verbindung wieder gelöst werden möge. Zwei Schlußfolgerungen jedoch ließen sich aus dem Ganzen klar ableiten: die eine, daß Elizabeth die wirkliche Ursache alles Unheils sei; und die andere, daß sie selbst von ihnen allen barbarisch behandelt worden sei; und auf diesen beiden Punkten verweilte sie hauptsächlich im Laufe des Tages. Nichts konnte sie trösten und nichts besänftigen. Auch der Tag verrauchte ihren Groll nicht. Eine Woche verging, ehe sie Elizabeth ohne Schelten sehen konnte; ein Monat verstrich, ehe sie mit Sir William oder Lady Lucas sprechen konnte, ohne unhöflich zu sein; und viele Monate gingen dahin, ehe sie deren Tochter überhaupt verzeihen konnte.

Mr. Bennets Gefühle waren bei dem Anlaß weit ruhiger, und die, welche er empfand, erklärte er für von höchst angenehmer Art; denn es erfreute ihn, sagte er, zu entdecken, daß Charlotte Lucas, die er für ziemlich verständig gehalten hatte, ebenso töricht war wie seine Frau und törichter als seine Tochter!

Jane gestand, daß sie über die Verbindung ein wenig erstaunt sei: aber sie sprach weniger von ihrem Staunen als von ihrem ernsthaften Wunsch nach ihrem Glück; auch konnte Elizabeth sie nicht dazu bringen, sie für unwahrscheinlich zu halten. Kitty und Lydia beneideten Miss Lucas keineswegs, denn Mr. Collins war nur ein Geistlicher; und es berührte sie in keiner anderen Weise, als daß es eine Neuigkeit war, die man in Meryton verbreiten konnte.

Lady Lucas konnte sich des Triumphes, Mrs. Bennet mit dem Trost einer wohlverheirateten Tochter vergelten zu können, nicht erwehren; und sie kam in Longbourn öfter als sonst, um zu sagen, wie glücklich sie sei, obwohl Mrs. Bennets sauere Blicke und boshafte Bemerkungen hingereicht hätten, das Glück zu vertreiben.

Zwischen Elizabeth und Charlotte herrschte eine Zurückhaltung, die sie wechselseitig über den Gegenstand schweigen ließ; und Elizabeth war überzeugt, daß zwischen ihnen nie wieder wirkliches Vertrauen bestehen könne. Ihre Enttäuschung über Charlotte ließ sie sich mit um so zärtlicherer Rücksicht ihrer Schwester zuwenden, deren Geradheit und Feinheit zu bezweifeln sie sicher war, daß ihre Meinung niemals erschüttert werden könnte, und deren Glück sie täglich mehr mit Sorge erfüllte, da Bingley nun eine Woche fort war und nichts von seiner Rückkehr zu hören war.

Jane hatte Caroline frühzeitig auf ihren Brief geantwortet und zählte die Tage, bis sie mit gutem Grund wieder Nachricht erhoffen durfte. Der versprochene Dankesbrief von Mr. Collins traf am Dienstag ein, an ihren Vater gerichtet und abgefaßt in all der Feierlichkeit der Dankbarkeit, die ein halbjähriger Aufenthalt in der Familie hätte eingeben können. Nachdem er sich auf diesem Punkt vor seinem Gewissen entlastet hatte, teilte er ihnen mit vielen schwärmerischen Wendungen sein Glück mit, die Zuneigung ihrer liebenswürdigen Nachbarin Miß Lucas errungen zu haben, und erklärte dann, daß er einzig in der Absicht, ihre Gesellschaft zu genießen, so bereitwillig auf ihren freundlichen Wunsch eingegangen sei, ihn wieder in Longbourn zu sehen, wohin er hoffe am Montag in vierzehn Tagen zurückkehren zu können; denn Lady Catherine, fügte er hinzu, billige seine Heirat so herzlich, daß sie wünsche, sie möge so bald wie möglich stattfinden, was er für ein unwiderlegliches Argument gegenüber seiner liebenswerten Charlotte halte, einen frühen Tag zu bestimmen, an dem sie ihn zum glücklichsten der Menschen machen könne.

Mr. Collins' Rückkehr nach Hertfordshire war für Mrs. Bennet keine Freude mehr. Im Gegenteil, sie war ebenso geneigt, sich darüber zu beklagen wie ihr Gatte. Es sei sehr seltsam, daß er nach Longbourn komme statt nach Lucas Lodge; es sei auch sehr ungelegen und überaus lästig. Sie hasse Besucher im Hause, wo ihr Gesundheitszustand so schlecht sei, und Liebende seien von allen Menschen die unangenehmsten. Das waren die sanften Klagen Mrs. Bennets, und sie wichen nur dem größeren Kummer über Mr. Bingleys anhaltende Abwesenheit.

Weder Jane noch Elizabeth waren bei diesem Gegenstand beruhigt. Tag um Tag verging, ohne eine andere Kunde von ihm zu bringen als den Bericht, der sich bald in Meryton verbreitete, daß er den ganzen Winter nicht mehr nach Netherfield kommen werde; ein Bericht, der Mrs. Bennet aufs höchste erzürnte und den sie stets aufs neue als die schamloseste Lüge bezeichnete.

Selbst Elizabeth begann zu fürchten — nicht daß Bingley gleichgültig sei — sondern daß seine Schwestern erfolgreich sein könnten, ihn fernzuhalten. So ungern sie sich zu einem Gedanken bekannte, der Janes Glück so zerstörerisch und der Beständigkeit ihres Liebhabers so unwürdig gewesen wäre, konnte sie doch nicht verhindern, daß er ihr immer wiederkehrte. Die vereinten Bemühungen seiner zwei gefühllosen Schwestern und seines übermächtigen Freundes, unterstützt durch die Reize Miß Darcys und die Vergnügungen Londons, mochten, so fürchtete sie, für die Stärke seiner Neigung zu viel sein.

Was Jane betraf, so war ihre Angst in dieser Ungewißheit natürlich schmerzlicher als die Elizabeths; aber was immer sie auch empfand, sie war bestrebt, es zu verbergen; und so wurde zwischen ihr und Elizabeth der Gegenstand nie berührt. Da aber solche Rücksichtnahme ihre Mutter nicht zurückhielt, verging kaum eine Stunde, in der sie nicht von Bingley sprach, ihre Ungeduld über sein Ausbleiben äußerte oder gar von Jane verlangte, sie solle eingestehen, daß sie sich sehr schlecht behandelt fühlen werde, wenn er nicht zurückkomme. Es bedurfte Janes gleichmäßiger Sanftmut, um diese Angriffe mit einiger Fassung zu ertragen.

Mr. Collins kehrte pünktlich am Montag in vierzehn Tagen zurück, aber sein Empfang in Longbourn war nicht ganz so gnädig wie bei seiner ersten Vorstellung. Er war jedoch zu glücklich, um viel Aufmerksamkeit zu brauchen; und glücklicherweise für die übrigen befreite sie das Geschäft des Werbens viel von seiner Gesellschaft. Den größten Teil jedes Tages verbrachte er in Lucas Lodge, und manchmal kehrte er nach Longbourn nur noch rechtzeitig zurück, um sich zu entschuldigen, ehe die Familie zu Bett ging.

Mrs. Bennet war wirklich in einem äußerst beklagenswerten Zustand. Schon die Erwähnung von irgend etwas, was die Verbindung betraf, versetzte sie in eine Qual übler Laune, und wohin sie auch ging, war sie sicher, davon reden zu hören. Der Anblick Miß Lucas war ihr verhaßt. Als ihre Nachfolgerin in jenem Hause betrachtete sie sie mit eifersüchtigem Abscheu. So oft Charlotte zu Besuch kam, schloß sie daraus, daß diese die Stunde des Besitzes erwarte; und sooft sie leise mit Mr. Collins sprach, war sie überzeugt, daß sie von Longbourn sprächen und überlegten, wie sie selbst und ihre Töchter aus dem Hause zu vertreiben seien, sobald Mr. Bennet tot sei. Sie beklagte sich heftig bei ihrem Gatten darüber.

„Wirklich, Mr. Bennet," sagte sie, „es ist hart zu denken, daß Charlotte Lucas jemals Herrin dieses Hauses sein soll, daß ich ihr Platz machen soll und es erleben muß, daß sie meine Stelle darin einnimmt!"

„Meine Liebe, gib dich nicht solchen trüben Gedanken hin. Hoffen wir auf Besseres. Schmeicheln wir uns, daß ich der Überlebende sein mag."

Dies war Mrs. Bennett kein großer Trost; und daher fuhr sie, statt irgend etwas zu erwidern, wie zuvor fort.

„Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß sie alle dieses Gut haben sollen. Wäre es nicht wegen der Erbfolge, so würde es mir nichts ausmachen."

„Was würde dir nichts ausmachen?"

„Mir würde gar nichts etwas ausmachen."

„Laß uns dankbar sein, daß du vor einem solchen Zustand der Gefühllosigkeit bewahrt bist."

„Ich kann niemals dankbar sein, Mr. Bennet, für irgend etwas in bezug auf die Erbfolge. Wie jemand die Gewissenlosigkeit haben kann, ein Gut seinen eigenen Töchtern zu entziehen, kann ich nicht begreifen; und alles um Mr. Collins' willen! Warum sollte er es mehr haben als sonst jemand?"

„Ich überlasse es dir, das zu entscheiden," sagte Mr. Bennet.

XXIV. KAPITEL.

Miß Bingleys Brief traf ein und machte allen Zweifeln ein Ende. Der erste Satz enthielt die Versicherung, daß sie alle für den Winter in London ansässig seien, und schloß mit dem Bedauern ihres Bruders, daß er nicht früher Zeit gehabt habe, seinen Freunden in Hertfordshire seine Aufwartung zu machen, ehe er das Land verließ.

Die Hoffnung war vorüber, gänzlich vorüber; und als Jane dem Rest des Briefes Aufmerksamkeit schenken konnte, fand sie darin wenig außer der bekundeten Zuneigung der Schreiberin, das ihr irgendeinen Trost hätte spenden können. Miß Darcys Lob nahm den größten Raum ein. Wieder wurden ihre vielen Vorzüge gerühmt; und Caroline rühmte sich freudig ihrer wachsenden Vertrautheit und wagte die Erfüllung der Wünsche vorauszusagen, die in ihrem früheren Brief dargelegt worden waren. Sie schrieb auch mit großem Vergnügen darüber, daß ihr Bruder ein Hausgenosse in Mr. Darcys Hause sei, und erwähnte mit Begeisterung einige Pläne des letzteren hinsichtlich neuer Möbel.

Elizabeth, der Jane sehr bald das Wesentliche von allem dem mitteilte, hörte es in stummem Unwillen. Ihr Herz war geteilt zwischen Besorgnis um ihre Schwester und Empörung gegen alle übrigen. Carolines Behauptung, daß ihr Bruder eine Vorliebe für Miß Darcy habe, schenkte sie keinen Glauben. Daß er wirklich Jane zugetan sei, bezweifelte sie nicht mehr als je zuvor; und so sehr sie immer geneigt gewesen war, ihn zu mögen, konnte sie doch ohne Zorn, ja fast ohne Verachtung, an jene Leichtigkeit des Temperaments, an jenen Mangel an rechter Entschlossenheit denken, die ihn nun zum Knecht seiner ränkevollen Freunde machten und ihn verleiteten, sein eigenes Glück der Laune ihrer Neigungen aufzuopfern. Wäre indessen sein eigenes Glück das einzige Opfer gewesen, so hätte man ihm gestatten mögen, damit zu spielen, auf welche Weise es ihm am besten schien; aber das Glück ihrer Schwester war dabei mit betroffen, wie sie dachte, daß er sich selbst bewußt sein müsse. Es war ein Gegenstand, kurz, über den man lange nachsinnen würde, und das Nachsinnen mußte fruchtlos bleiben. Sie konnte an nichts anderes denken; und dennoch, ob Bingleys Neigung wirklich erkaltet oder durch die Einmischung seiner Freunde unterdrückt worden sei; ob er sich Janes Zuneigung bewußt gewesen sei oder ob sie seiner Beobachtung entgangen sei; welcher Fall auch vorliegen mochte, obwohl ihre Meinung von ihm durch den Unterschied wesentlich beeinflußt werden mußte, blieb die Lage ihrer Schwester dieselbe, ihr Friede gleichermaßen verwundet.

Ein oder zwei Tage vergingen, ehe Jane den Mut hatte, von ihren Gefühlen zu Elizabeth zu sprechen; endlich aber, als Mrs. Bennet sie nach einem längeren Ärger als gewöhnlich über Netherfield und dessen Herrn allein ließ, konnte sie nicht umhin zu sagen:

„Ach, wenn meine liebe Mutter nur mehr Gewalt über sich selbst hätte! Sie kann keine Ahnung von dem Schmerz haben, den sie mir durch ihre fortwährenden Betrachtungen über ihn verursacht. Aber ich will nicht klagen. Es kann nicht lange dauern. Er wird vergessen werden, und wir werden alle sein wie zuvor."

Elizabeth sah ihre Schwester mit ungläubiger Sorge an, sagte aber nichts.

„Du zweifelst an mir," rief Jane, indem sie leicht errötete; „wirklich, du hast keinen Grund. Er mag in meinem Gedächtnis als der liebenswürdigste Mann meiner Bekanntschaft leben, aber das ist alles. Ich habe weder zu hoffen noch zu fürchten und ihm nichts vorzuwerfen. Gott sei Dank habe ich diesen Schmerz nicht. Ein wenig Zeit also — ich werde gewiß versuchen, darüber hinwegzukommen — —"

Mit festerer Stimme fügte sie bald hinzu: „Den Trost habe ich sofort, daß es nicht mehr als ein Irrtum der Einbildung auf meiner Seite gewesen ist, und daß es niemandem als mir selbst Schaden getan hat."

„Meine liebe Jane," rief Elizabeth aus, „du bist zu gut. Deine Sanftheit und Selbstlosigkeit sind wirklich engelhaft; ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Ich habe das Gefühl, als hätte ich dir niemals Gerechtigkeit widerfahren lassen oder dich geliebt, wie du es verdienst."

Miß Bennet wies eifrig alles außerordentliche Verdienst von sich und wies das Lob auf die warme Zuneigung ihrer Schwester zurück.

„Nein," sagte Elizabeth, „das ist nicht gerecht. Du wünschst alle Welt für achtbar zu halten und bist verletzt, wenn ich schlecht von jemand spreche. Ich möchte dich nur vollkommen denken, und du stellst dich dagegen. Fürchte nicht, daß ich in irgendeinen Übermut verfalle, daß ich in dein Vorrecht allgemeiner Wohlwollheit eingreife. Du brauchst es nicht. Es gibt wenige Menschen, die ich wirklich liebe, und noch weniger, von denen ich Gutes denke. Je mehr ich von der Welt sehe, desto unzufriedener bin ich mit ihr; und jeder Tag bestärkt mich in meiner Überzeugung von der Unbeständigkeit aller menschlichen Charaktere und von der geringen Verläßlichkeit, die man auf den Anschein von Verdienst oder Verstand setzen darf. Zwei Beispiele sind mir neuerlich begegnet: das eine will ich nicht erwähnen, das andere ist Charlottes Heirat. Es ist unerklärlich! in jeder Hinsicht ist es unerklärlich!"

„Meine liebe Lizzy, gib dich nicht solchen Gefühlen hin. Sie werden dein Glück zerstören. Du machst nicht genügend Zugeständnisse an die Verschiedenheit der Lage und des Temperaments. Betrachte Mr. Collins' Ansehen und Charlottes klugen, beständigen Charakter. Bedenke, daß sie eines von vielen Geschwistern ist; daß sie, was das Vermögen betrifft, eine äußerst wünschenswerte Partie ist; und sei, jedermann zuliebe, bereit zu glauben, daß sie vielleicht so etwas wie Zuneigung und Achtung für unseren Vetter empfindet."

„Dir zuliebe möchte ich fast alles zu glauben versuchen, aber kein anderer könnte durch einen solchen Glauben Nutzen ziehen; denn wäre ich überzeugt, daß Charlotte irgendwelche Zuneigung für ihn empfände, so würde ich nur noch schlechter von ihrem Verstande denken, als ich jetzt von ihrem Herzen denke. Mein lieber Jane, Mr. Collins ist ein eingebildeter, aufgeblasener, engstirniger, einfältiger Mann: du weißt es ebenso gut wie ich; und du mußt ebenso wie ich empfinden, daß die Frau, die ihn heiratet, keine rechte Denkungsart haben kann. Du sollst sie nicht verteidigen, wenn es auch Charlotte Lucas ist. Du sollst nicht um eines einzelnen willen den Sinn von Grundsatz und Redlichkeit ändern, noch dich selbst oder mich überreden wollen, daß Selbstsucht Klugheit sei und Gefühllosigkeit gegen Gefahr Sicherheit für das Glück."

„Ich muß deine Sprache für zu stark halten, wenn du von beiden sprichst," erwiderte Jane; „und ich hoffe, du wirst davon überzeugt werden, wenn du sie glücklich miteinander siehst. Aber genug hiervon. Du hast auf etwas anderes angespielt. Du hast zwei Beispiele erwähnt. Ich kann dich nicht mißverstehen, aber ich flehe dich an, liebe Lizzy, mich nicht dadurch zu quälen, daß du jene Person für schuldig hältst und sagst, deine Meinung von ihm sei gesunken. Wir dürfen nicht so schnell glauben, absichtlich verletzt worden zu sein. Wir dürfen von einem lebhaften jungen Mann nicht erwarten, daß er immer so behutsam und bedacht sei. Es ist sehr oft nichts als unsere eigene Eitelkeit, die uns täuscht. Frauen bilden sich ein, daß Bewunderung mehr bedeute, als sie bedeutet."

„Und die Männer sorgen dafür, daß sie es auch tun soll."

„Ist es absichtlich getan, so kann man es nicht rechtfertigen; aber ich kann mir nicht denken, daß so viel Berechnung in der Welt ist, wie manche Leute sich einbilden."

„Ich bin weit davon entfernt, irgendeinen Teil von Mr. Bingleys Betragen auf Absicht zurückzuführen," sagte Elizabeth; „aber, ohne auf Tücke, Unrecht zu tun oder andere unglücklich zu machen, kann es doch Irrtum und es kann Elend geben. Gedankenlosigkeit, Mangel an Rücksicht auf die Gefühle anderer und Mangel an Entschlossenheit richten das Werk aus."

„Und du schreibst es einem von diesen zu?"

„Ja, dem letzteren. Aber wenn ich fortfahre, werde ich dich verstimmen, indem ich sage, was ich von Personen denke, die du achtest. Halte mich zurück, solange du kannst."

„Du bleibst also dabei, daß seine Schwestern Einfluß auf ihn haben?"

„Ja, in Verbindung mit seinem Freunde."

„Ich kann es nicht glauben. Warum sollten sie versuchen, auf ihn einzuwirken? Sie können nur sein Glück wünschen; und wenn er mir zugetan ist, kann keine andere Frau es sichern."

„Deine erste Behauptung ist falsch. Sie können vieles andere wünschen als sein Glück: sie können Vermehrung seines Reichtums und seiner Bedeutung wünschen; sie können wünschen, daß er ein Mädchen heirate, das allen Wert des Geldes, große Verbindungen und Stolz besitzt."

„Ohne Zweifel wünschen sie, daß er Miß Darcy wähle," erwiderte Jane; „aber das mag von besseren Empfindungen herrühren, als du voraussetzt. Sie kennen sie viel länger als mich; kein Wunder, wenn sie sie lieber mögen. Aber was immer auch ihre eigenen Wünsche sein mögen, so ist es doch sehr unwahrscheinlich, daß sie sich ihrem Bruder widersetzt haben sollten. Welche Schwester würde sich für berechtigt halten, es zu tun, wenn nicht etwas sehr Anstößiges vorläge? Wenn sie glaubten, er sei mir zugetan, so würden sie nicht versuchen, uns zu trennen; wäre er es aber, so könnten sie es nicht zuwege bringen. Indem du eine solche Neigung voraussetzt, machst du, daß jedermann unnatürlich und unrecht handelt, und mich am unglücklichsten. Quäle mich nicht durch diese Vorstellung. Ich schäme mich nicht, mich getäuscht zu haben — oder wenigstens, es ist geringfügig, es ist nichts im Vergleich zu dem, was ich empfinden würde, wenn ich schlecht von ihm oder seinen Schwestern dächte. Laß mich es im besten Lichte nehmen, in dem Lichte, in dem es verstanden werden mag."

Elizabeth konnte einem solchen Wunsche nicht entgegen sein; und von dieser Zeit an wurde Mr. Bingleys Name zwischen ihnen kaum mehr erwähnt.

Mrs. Bennet fuhr fort, sich zu wundern und zu klagen, daß er nicht zurückkomme; und obwohl kaum ein Tag verging, an dem Elizabeth es ihr nicht klar auseinandersetzte, schien wenig Aussicht, daß sie es je mit weniger Verwirrung betrachten würde. Ihre Tochter bemühte sich, sie von dem zu überzeugen, was sie selbst nicht glaubte, daß seine Aufmerksamkeiten für Jane nur die Wirkung einer gewöhnlichen und vorübergehenden Neigung gewesen seien, die aufgehört habe, als er sie nicht mehr sah; obgleich aber die Wahrscheinlichkeit der Behauptung damals zugegeben wurde, hatte sie doch alle Tage dieselbe Geschichte zu wiederholen. Mrs. Bennets bester Trost war, daß Mr. Bingley im Sommer wieder herunterkommen müsse.

Mr. Bennet behandelte die Sache anders. „So, Lizzy," sagte er eines Tages, „deine Schwester ist in der Liebe gekränkt, wie ich höre. Ich gratuliere ihr. Außer verheiratet zu sein, gefällt es einem Mädchen, hin und wieder in der Liebe gekränkt zu werden. Es gibt ihr etwas zu denken und verleiht ihr eine Art Auszeichnung unter ihren Gefährtinnen. Wann kommt die Reihe an dich? Du wirst es kaum ertragen, von Jane lange ausgestochen zu werden. Jetzt ist deine Zeit. Hier in Meryton sind Offiziere genug, um alle jungen Damen im Lande zu enttäuschen. Nimm Wickham zum Manne. Er ist ein angenehmer Bursche und würde dich auf Ehrenvolle Weise sitzenlassen."

„Danke, Sir, aber ein weniger angenehmer Mann würde mir genügen. Wir dürfen nicht alle Janes gutes Glück erwarten."

„Wahr," sagte Mr. Bennet; „aber es ist ein Trost zu denken, daß, was auch immer dergleichen dir zustoßen mag, du eine zärtliche Mutter hast, die stets das Beste daraus machen wird."

Mr. Wickhams Umgang leistete wesentliche Dienste, den Trübsinn zu verscheuchen, den die neulichen widrigen Vorfälle über viele aus der Longbourn-Familie gebracht hatten. Man sah ihn oft, und zu seinen übrigen Empfehlungen kam nun noch die der unbedingten Offenheit. Das Ganze von dem, was Elizabeth schon gehört hatte, seine Ansprüche an Mr. Darcy und alles, was er von ihm erduldet hatte, wurde nun offen anerkannt und öffentlich erörtert; und jedermann freute sich zu denken, wie sehr man Mr. Darcy schon immer mißfallen habe, ehe man irgend etwas von der Sache wußte.

Miß Bennet war das einzige Geschöpf, das annehmen konnte, es möge irgendwelche mildernde Umstände in dem Falle geben, die der Gesellschaft von Hertfordshire unbekannt seien: ihre sanfte und beständige Aufrichtigkeit machte stets Einspruch für Zugeständnisse und drang auf die Möglichkeit von Mißverständnissen; aber von allen anderen wurde Mr. Darcy als der Schlechteste der Menschen verurteilt.

XXV. KAPITEL.

Nach einer Woche, die mit Liebeserklärungen und Glücksplänen zugebracht worden war, wurde Mr. Collins durch die Ankunft des Samstags von seiner liebenswerten Charlotte abberufen. Der Schmerz der Trennung indessen mochte auf seiner Seite durch die Vorbereitungen zum Empfang seiner Braut gelindert werden, da er Grund hatte zu hoffen, daß kurz nach seiner nächsten Rückkehr nach Hertfordshire der Tag festgesetzt werde, der ihn zum glücklichsten der Menschen machen sollte. Er nahm Abschied von seinen Verwandten in Longbourn mit ebenso viel Feierlichkeit wie zuvor; wünschte seinen schönen Cousinen nochmals Gesundheit und Glück und versprach ihrem Vater einen weiteren Dankesbrief.

Am folgenden Montag hatte Mrs. Bennet das Vergnügen, ihren Bruder und dessen Frau zu empfangen, die wie gewöhnlich kamen, um Weihnachten in Longbourn zuzubringen. Mr. Gardiner war ein verständiger, vornehmer Mann, seiner Schwester bei weitem überlegen, sowohl durch Natur als Erziehung. Die Damen von Netherfield hätten es schwer gehabt zu glauben, daß ein Mann, der vom Handel lebte und den Blick auf seine eigenen Speicher hatte, so wohlerzogen und angenehm sein könne. Mrs. Gardiner, die mehrere Jahre jünger war als Mrs. Bennet und Mrs. Philips, war eine liebenswürdige, kluge, elegante Frau und eine große Lieblingin ihrer Nichten in Longbourn. Zwischen den beiden ältesten und ihr insbesondere bestand ein ganz besonderes Einvernehmen. Sie waren häufig bei ihr in der Stadt zu Besuch gewesen.

Der erste Teil von Mrs. Gardiners Geschäft bei ihrer Ankunft war, ihre Geschenke auszuteilen und die neuesten Moden zu beschreiben. Als dies getan war, hatte sie eine weniger tätige Rolle zu spielen. Es wurde ihre Aufgabe, zuzuhören. Mrs. Bennet hatte viele Beschwerden vorzubringen und viel zu klagen. Man war, seit sie ihre Schwester zuletzt gesehen, alle sehr schlecht behandelt worden. Zwei ihrer Mädchen waren nahe daran gewesen zu heiraten, und nach allem war nichts dabei herausgekommen.

„Ich tadle Jane nicht," fuhr sie fort, „denn Jane hätte Mr. Bingley bekommen, wenn sie könnte. Aber, Lizzy! Ach, Schwester! es ist hart zu denken, daß sie vielleicht in diesem Augenblick Mr. Collins' Frau wäre, wenn nicht ihre eigene Widerspenstigkeit gewesen wäre. Er machte ihr in eben diesem Zimmer einen Antrag, und sie schlug ihn aus. Die Folge davon ist, daß Lady Lucas eine Tochter verheiratet haben wird, ehe ich eine habe, und daß das Longbourn-Gut nach wie vor ebenso unveräußerlich ist wie je. Die Lucases sind sehr schlaue Leute, in der Tat, Schwester. Sie sind alle darauf aus, was sie nur kriegen können. Es tut mir leid, es von ihnen sagen zu müssen, aber so ist es. Es macht mich sehr nervös und elend, so in meiner eigenen Familie vereitelt zu werden und Nachbarn zu haben, die an sich selbst denken, ehe sie an irgend jemand sonst denken. Indessen, daß ihr gerade zu dieser Zeit kommt, ist der größte aller Tröstungen, und ich bin sehr froh zu hören, was ihr uns von den langen Ärmeln erzählt."

Mrs. Gardiner, der das Wesentliche dieser Neuigkeiten bereits zuvor im Verlauf des Briefwechsels zwischen Jane und Elizabeth mitgeteilt worden war, gab ihrer Schwester eine kurze Antwort und wandte, ihren Nichten zugute, das Gespräch.

Als sie später mit Elizabeth allein war, sprach sie weiter über den Gegenstand. „Es scheint eine wünschenswerte Verbindung für Jane gewesen zu sein," sagte sie. „Es tut mir leid, daß sie zerschlagen wurde. Aber dergleichen kommt so oft vor! Ein junger Mann, wie du Mr. Bingley beschreibst, verliebt sich so leicht in ein hübsches Mädchen auf ein paar Wochen, und wenn der Zufall sie trennt, vergißt er sie so leicht wieder, daß solche Unbeständigkeiten sehr häufig sind."

„Ein vortrefflicher Trost in seiner Art," sagte Elizabeth; „aber er taugt nichts für uns. Wir leiden nicht durch Zufall. Es geschieht nicht oft, daß die Einmischung von Freunden einen jungen Mann von unabhängigem Vermögen dazu bringt, ein Mädchen, in das er nur wenige Tage zuvor heftig verliebt war, nicht weiter zu beachten."

„Aber dieser Ausdruck ‚heftig verliebt‘ ist so abgedroschen, so zweifelhaft, so unbestimmt, daß er mir nur eine sehr geringe Vorstellung vermittelt. Man wendet ihn auf Gefühle, die aus einer halbstündigen Bekanntschaft entstehen, ebenso oft an wie auf eine wirkliche, starke Neigung. Sagt mir bitte, wie heftig war Mr. Bingleys Liebe?"

„Ich habe nie eine vielversprechendere Neigung gesehen; er wurde gegenüber anderen Leuten immer unaufmerksamer und war ganz und gar von ihr in Anspruch genommen. Jedesmal wenn sie sich begegneten, wurde es deutlicher und bemerkenswerter. Auf seinem eigenen Ball beleidigte er zwei oder drei junge Damen, indem er sie nicht zum Tanzen aufforderte; und ich sprach ihn zweimal selbst an, ohne eine Antwort zu erhalten. Kann es deutlichere Zeichen geben? Ist nicht allgemeine Unhöflichkeit geradezu das Wesen der Liebe?"

„Oh, ja! von jener Art Liebe, die er meines Erachtens empfunden hat. Arme Jane! Sie tut mir leid, denn bei ihrem Wesen wird sie es möglicherweise nicht so schnell überwinden. Es wäre besser gewesen, es wäre dir widerfahren, Lizzy; du hättest dich schneller darüber hinweggelacht. Aber glaubst du, daß sie dazu zu bewegen ist, mit uns zurückzukehren? Ein Ortswechsel könnte nützlich sein – und vielleicht ist ein wenig Ablenkung von zu Hause ebenso nützlich wie alles andere."

Elizabeth war über diesen Vorschlag überaus erfreut und war von der bereitwilligen Zustimmung ihrer Schwester überzeugt.

„Ich hoffe", fügte Mrs. Gardiner hinzu, „daß keine Rücksichtnahme hinsichtlich dieses jungen Mannes sie beeinflussen wird. Wir leben in einem so anderen Stadtteil, alle unsere Bekanntschaften sind so verschieden, und, wie ihr sehr wohl wißt, gehen wir so wenig aus, daß es höchst unwahrscheinlich ist, daß sie sich überhaupt begegnen, es sei denn, er kommt wirklich, um sie zu besuchen."

„Und das ist ganz unmöglich; denn er befindet sich jetzt in der Obhut seines Freundes, und Mr. Darcy würde es keinesfalls zulassen, daß er Jane in einem solchen Teil Londons besucht! Meine liebe Tante, wie konntest du nur daran denken! Mr. Darcy hat vielleicht einmal von einem Ort wie der Gracechurch Street gehört, aber er würde kaum eine monatelange Reinigung für ausreichend halten, um sich von ihrem Schmutz zu läutern, sollte er sie einmal betreten; und verlaß dich darauf, Mr. Bingley rührt sich nicht ohne ihn."

„Desto besser. Ich hoffe, sie werden sich überhaupt nicht begegnen. Aber schreibt Jane nicht mit seiner Schwester? Sie wird es nicht lassen können, sie zu besuchen."

„Sie wird die Bekanntschaft völlig abbrechen."

Doch trotz der Sicherheit, mit der Elizabeth dies sowie den noch bedeutsameren Punkt, daß Bingley davon abgehalten wurde, Jane zu sehen, zur Schau stellte, empfand sie in dieser Sache eine Besorgnis, die sie bei näherer Betrachtung davon überzeugte, daß sie die Sache nicht völlig aussichtslos fand. Es war möglich, und bisweilen hielt sie es sogar für wahrscheinlich, daß seine Zuneigung wieder erwachen und der Einfluß seiner Freunde durch den natürlicheren Einfluß von Janes Reizen erfolgreich bekämpft werden könnte.

Miss Bennet nahm die Einladung ihrer Tante mit Vergnügen an; und die Bingleys nahmen in ihren Gedanken gleichzeitig nur insofern Raum ein, als sie hoffte, daß sie, da Caroline nicht im selben Hause wie ihr Bruder wohnte, gelegentlich einen Vormittag mit ihr verbringen könnte, ohne Gefahr zu laufen, ihn zu sehen.

Die Gardiners blieben eine Woche in Longbourn; und mit den Philipses, den Lucases und den Offizieren gab es nicht einen Tag ohne Verabredung. Mrs. Bennet hatte so sorgfältig für die Unterhaltung ihres Bruders und ihrer Schwester gesorgt, daß sie nicht ein einziges Mal zu einem Familiendinner zusammensaßen. Wenn die Verabredung zu Hause stattfand, nahmen stets einige der Offiziere daran teil, und unter diesen war Mr. Wickham mit Sicherheit immer einer; und bei diesen Gelegenheiten beobachtete Mrs. Gardiner, durch Elizabeths warme Lobpreisungen mißtrauisch gemacht, beide genau. Ohne aus dem, was sie sah, zu schließen, daß sie ernstlich verliebt seien, war ihre gegenseitige Vorliebe doch deutlich genug, um sie ein wenig unbehaglich zu machen; und sie faßte den Entschluß, vor ihrer Abreise aus Hertfordshire mit Elizabeth darüber zu sprechen und ihr die Unbesonnenheit vor Augen zu führen, eine solche Neigung zu ermutigen.

Für Mrs. Gardiner hatte Wickham noch eine andere Möglichkeit, ihr Vergnügen zu bereiten, die unabhängig von seinen allgemeinen Fähigkeiten war. Vor etwa zehn oder zwölf Jahren, vor ihrer Heirat, hatte sie beträchtliche Zeit in genau jenem Teil Derbyshirehs verbracht, aus dem er stammte. Sie hatten daher viele gemeinsame Bekannte; und obwohl Wickham seit dem Tod von Darcys Vater, fünf Jahre zuvor, wenig dort gewesen war, war es ihm dennoch möglich, ihr frischere Nachrichten über ihre früheren Freunde zu geben, als sie sich anderweitig hätte verschaffen können.

Mrs. Gardiner hatte Pemberley gesehen und den verstorbenen Mr. Darcy dem Ruf nach sehr gut gekannt. Hier also fand sich ein unerschöpfliches Gesprächsthema. Indem sie ihre Erinnerung an Pemberley mit der genauen Beschreibung verglich, die Wickham geben konnte, und indem sie der Charaktergestaltung des verstorbenen Besitzers ihre Anerkennung zollte, bereitete sie sowohl ihm als auch sich selbst großes Vergnügen. Als sie von der Behandlung erfuhr, die der gegenwärtige Mr. Darcy ihm angedeihen ließ, versuchte sie sich an etwas aus dem Ruf dieses Gentlemans zu erinnern, das aus seiner Knabenzeit damit in Einklang zu bringen wäre; und war sich am Ende sicher, daß sie sich entsann, gehört zu haben, Mr. Fitzwilliam Darcy sei früher als ein sehr hochmütiger, bösartiger Junge geschildert worden.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Mrs. Gardiners Mahnung an Elizabeth wurde bei der ersten günstigen Gelegenheit, sie allein sprechen zu können, pünktlich und freundlich ausgesprochen: nachdem sie ihr aufrichtig gesagt hatte, was sie dachte, fuhr sie folgendermaßen fort:–

„Du bist ein zu vernünftiges Mädchen, Lizzy, um dich nur deshalb zu verlieben, weil man dich davor warnt; und daher fürchte ich mich nicht, offen zu sprechen. Im Ernst, ich möchte, daß du dich vorseihst. Stürze dich nicht in eine Neigung hinein, und versuche auch nicht, ihn hineinzustürzen, die wegen des fehlenden Vermögens so unbesonnen wäre. Ich habe nichts gegen ihn zu sagen: er ist ein höchst interessanter junger Mann; und besäße er das Vermögen, das ihm zukäme, sollte ich meinen, du könntest es nicht besser treffen. Doch so wie die Dinge liegen – darfst du dich von deiner Einbildungskraft nicht hinreißen lassen. Du besitzt Verstand, und wir alle erwarten, daß du ihn gebrauchst. Dein Vater würde sich auf deine Entschlossenheit und dein rechtes Verhalten verlassen, dessen bin ich sicher. Du darfst deinen Vater nicht enttäuschen."

„Meine liebe Tante, das ist Ernst in des Wortes voller Bedeutung."

„Ja, und ich hoffe, daß ich dich ebenfalls dazu bringen kann, ernst zu sein."

„Nun gut, du brauchst dir also keine Sorgen zu machen. Ich werde auf mich selbst achtgeben und auf Mr. Wickham ebenfalls. Er soll sich nicht in mich verlieben, wenn ich es verhindern kann."

„Elizabeth, du bist jetzt nicht ernst."

„Ich bitte um Verzeihung. Ich will es noch einmal versuchen. Gegenwärtig bin ich nicht in Mr. Wickham verliebt; nein, ganz gewiß nicht. Doch er ist, über jeden Vergleich erhaben, der angenehmste Mann, den ich je gesehen habe – und wenn er sich wirklich an mich binden sollte – ich glaube, es wäre besser, er täte es nicht. Ich sehe die Unbesonnenheit darin. Oh, dieser abscheuliche Mr. Darcy! Die Meinung meines Vaters von mir ehrt mich aufs höchste; und es wäre mir schrecklich, sie zu verscherzen. Mein Vater allerdings ist Mr. Wickham wohlgesonnen. Kurzum, meine liebe Tante, es täte mir sehr leid, die Ursache dafür zu sein, daß eine von euch unglücklich wird; doch da wir täglich sehen, daß dort, wo Zuneigung herrscht, junge Leute selten durch den bloßen Mangel an Vermögen davon abgehalten werden, sich zu binden, wie kann ich da versprechen, klüger zu sein als so viele meiner Mitmenschen, wenn ich versucht werde, oder wie soll ich überhaupt wissen, daß es klüger wäre, zu widerstehen? Alles, was ich dir also versprechen kann, ist, nicht in Eile zu sein. Ich will mir nicht vorschnell einbilden, daß ich sein erstes Ziel bin. Wenn ich mit ihm zusammen bin, will ich mir nichts wünschen. Kurz, ich will mein Bestes tun."

„Vielleicht wäre es ebenso gut, wenn du es ihm nicht durchgehen läßt, hier so überaus oft zu erscheinen. Wenigstens solltest du deine Mutter nicht daran erinnern, ihn einzuladen."

„Wie ich es neulich getan habe", sagte Elizabeth mit einem schuldbewußten Lächeln; „sehr wahr, es wird klug von mir sein, das zu unterlassen. Doch glaube nicht, daß er hier immer so oft erscheint. Deinetwegen ist er diese Woche so häufig eingeladen worden. Du kennst die Vorstellungen meiner Mutter hinsichtlich der Notwendigkeit ununterbrochener Gesellschaft für ihre Freunde. Doch wirklich, und auf meine Ehre, ich will versuchen zu tun, was mir am klügsten erscheint; und nun hoffe ich, daß du zufrieden bist."

Ihre Tante versicherte ihr, daß sie es sei; und Elizabeth, die ihr für den freundlichen Wink gedankt hatte, trennten sich – ein wunderbares Beispiel dafür, daß ein Rat in einem solchen Punkt erteilt werden konnte, ohne übelgenommen zu werden.

Mr. Collins kehrte bald nach der Abreise der Gardiners und Janes nach Hertfordshire zurück; doch da er bei den Lucases Quartier bezog, war seine Ankunft für Mrs. Bennet keine große Unannehmlichkeit. Seine Heirat stand nun kurz bevor; und sie hatte sich so weit gefügt, daß sie sie für unausweichlich hielt und sogar wiederholt in übellaunigem Ton sagte, sie „wünschte, sie möchten glücklich werden". Der Donnerstag sollte der Hochzeitstag sein, und am Mittwoch erwies Miss Lucas ihren Abschiedsbesuch; und als sie sich erhob, um Abschied zu nehmen, begleitete Elizabeth, die sich der unfreundlichen und widerwilligen guten Wünsche ihrer Mutter schämte und selbst aufrichtig bewegt war, sie aus dem Zimmer. Als sie zusammen die Treppe hinuntergingen, sagte Charlotte:–

„Ich werde darauf zählen, sehr oft von dir zu hören, Eliza."

„Das kannst du ganz gewiß."

„Und ich habe eine weitere Bitte. Willst du mich besuchen kommen?"

„Wir werden uns, so hoffe ich, oft in Hertfordshire sehen."

„Ich werde Kent wohl für einige Zeit nicht verlassen. Versprich mir also, nach Hunsford zu kommen."

Elizabeth konnte nicht ablehnen, obwohl sie wenig Vergnügen bei dem Besuch voraussah.

„Mein Vater und Maria werden mich im März besuchen", fügte Charlotte hinzu, „und ich hoffe, du wirst dich bereit finden, der Reisegesellschaft anzugehören. In der Tat, Eliza, du wirst mir so willkommen sein wie eine von ihnen."

Die Hochzeit fand statt: die Braut und der Bräutigam fuhren von der Kirchentür nach Kent ab, und jedermann hatte darüber so viel zu sagen oder zu hören wie gewöhnlich. Elizabeth erhielt bald Nachricht von ihrer Freundin, und ihr Briefwechsel war so regelmäßig und häufig wie je zuvor: daß er gleich ungezwungen sein sollte, war unmöglich. Elizabeth konnte sie nie ansprechen, ohne zu empfinden, daß aller vertraulicher Umgang vorbei war; und obwohl sie entschlossen war, als Korrespondentin nicht nachzulassen, geschah es um dessentwillen, was gewesen war, und nicht dessen, was war. Charlottes erste Briefe wurden mit ziemlicher Neugier empfangen: es konnte keine Neugier fehlen, zu erfahren, wie sie über ihr neues Heim sprechen, wie ihr Lady Catherine gefallen und wie glücklich sie sich selbst zu sein wagen würde; obwohl Elizabeth, als die Briefe gelesen waren, fand, daß Charlotte sich in jedem Punkt genau so ausdrückte, wie sie es hatte vorhersehen können. Sie schrieb munter, schien von Annehmlichkeiten umgeben und erwähnte nichts, was sie nicht loben konnte. Das Haus, die Möbel, die Nachbarschaft und die Straßen entsprachen alle ihrem Geschmack, und Lady Catherines Verhalten war äußerst freundschaftlich und zuvorkommend. Es war Mr. Collins' Schilderung von Hunsford und Rosings vernünftigerweise gemildert; und Elizabeth erkannte, daß sie auf ihren eigenen Besuch dort warten müsse, um den Rest zu erfahren.

Jane hatte ihrer Schwester bereits einige Zeilen geschrieben, um ihre sichere Ankunft in London zu melden; und als sie wieder schrieb, hoffte Elizabeth, daß es ihr möglich sein werde, etwas über die Bingleys zu berichten.

Ihre Ungeduld wegen dieses zweiten Briefes wurde so reichlich belohnt, wie Ungeduld es gewöhnlich wird. Jane war eine Woche in der Stadt gewesen, ohne Caroline zu sehen oder von ihr zu hören. Sie erklärte es sich jedoch damit, daß ihr letzter Brief an ihre Freundin von Longbourn durch irgendeinen Zufall verlorengegangen sei.

„Meine Tante", fuhr sie fort, „geht morgen in jenen Stadtteil, und ich werde die Gelegenheit ergreifen, in der Grosvenor Street vorzusprechen."

Sie schrieb erneut, als der Besuch abgestattet war und sie Miss Bingley gesehen hatte. „Ich fand Caroline nicht in gehobener Stimmung", lauteten ihre Worte, „doch sie freute sich sehr, mich zu sehen, und warf mir vor, ihr keine Nachricht von meiner Londonreise gegeben zu haben. Ich hatte also recht; mein letzter Brief hatte sie nie erreicht. Ich erkundigte mich natürlich nach ihrem Bruder. Es ging ihm gut, doch er war so sehr von Mr. Darcy in Anspruch genommen, daß sie ihn kaum je sahen. Ich erfuhr, daß Miss Darcy zum Dinner erwartet wurde: ich wünschte, ich könnte sie sehen. Mein Besuch war nicht lang, da Caroline und Mrs. Hurst ausgehen wollten. Ich wage zu behaupten, daß ich sie bald hier sehen werde."

Elizabeth schüttelte über diesen Brief den Kopf. Er überzeugte sie, daß nur ein Zufall Mr. Bingley die Anwesenheit ihrer Schwester in der Stadt offenbaren konnte.

Vier Wochen vergingen, und Jane sah nichts von ihm. Sie suchte sich einzureden, daß sie es nicht bedauerte; doch sie konnte sich nicht länger der Unaufmerksamkeit Miss Bingleys verschließen. Nachdem sie vierzehn Morgen lang jeden Tag zu Hause gewartet und jeden Abend eine neue Entschuldigung für sie erfunden hatte, erschien die Besucherin endlich; doch die Kürze ihres Aufenthalts und, mehr noch, die Veränderung in ihrem Auftreten ließen Jane nicht länger sich selbst täuschen. Der Brief, den sie bei dieser Gelegenheit an ihre Schwester schrieb, wird beweisen, was sie empfand:–

„Meine liebste Lizzy wird, dessen bin ich sicher, unfähig sein, auf meine bessere Einsicht, zu meinen Lasten, zu triumphieren, wenn ich eingestehe, mich in Miss Bingleys Zuneigung zu mir gänzlich getäuscht zu haben. Doch, meine liebe Schwester, obwohl die Entwicklung dich im Recht gezeigt hat, halte mich nicht für starrköpfig, wenn ich dennoch behaupte, daß, bei allem, was ihr Verhalten war, mein Vertrauen so natürlich war wie dein Argwohn. Ich begreife ihren Grund, mit mir vertraut sein zu wollen, durchaus nicht; doch würden dieselben Umstände erneut eintreten, so bin ich sicher, ich würde wieder getäuscht werden. Caroline erwiderte meinen Besuch erst gestern; und nicht eine Nachricht, nicht eine Zeile empfing ich in der Zwischenzeit. Als sie kam, war es ganz offenkundig, daß es ihr kein Vergnügen bereitete; sie entschuldigte sich flüchtig und förmlich dafür, nicht früher gekommen zu sein, sagte kein Wort davon, daß sie mich wiedersehen wolle, und war in jeder Hinsicht ein so verändertes Geschöpf, daß ich, als sie fortging, fest entschlossen war, die Bekanntschaft nicht länger fortzusetzen. Sie tut mir leid, obwohl ich ihr unmöglich nicht Vorwürfe machen kann. Sie handelte sehr unrecht, mich, wie sie es tat, besonders herauszugreifen; ich kann getrost sagen, daß jeder Annäherungsversuch zur Vertrautheit von ihr ausging. Aber sie tut mir leid, weil sie fühlen muß, daß sie unrecht gehandelt hat, und weil ich ganz sicher bin, daß die Sorge um ihren Bruder die Ursache davon ist. Ich brauche mich nicht weiter zu erklären; und obwohl wir wissen, daß diese Sorge völlig unbegründet ist, wenn sie sie empfindet, so erklärt dies doch ohne weiteres ihr Verhalten mir gegenüber; und so verdient teuer, wie er seiner Schwester ist, welche Sorge sie auch um seinetwillen empfinden mag, ist natürlich und liebenswürdig. Ich kann mich indessen nur wundern, daß sie solche Befürchtungen jetzt noch hegt, denn hätte er sich überhaupt um mich gekümmert, hätten wir uns längst, längst begegnen müssen. Er weiß von meiner Anwesenheit in der Stadt, dessen bin ich sicher, nach etwas, das sie selbst sagte; und doch scheint es, nach ihrer Art zu reden, als wolle sie sich selbst einreden, daß er wirklich Miss Darcy bevorzuge. Ich kann es nicht verstehen. Wenn ich nicht fürchtete, zu hart zu urteilen, wäre ich fast versucht zu sagen, daß in all dem ein starker Anschein von Unaufrichtigkeit liegt. Ich will mich bemühen, jeden schmerzlichen Gedanken zu verbannen und nur an das zu denken, was mich glücklich machen wird, deine Zuneigung und die unveränderliche Güte meiner lieben Tante und meines Onkels. Laß mich bald von dir hören. Miss Bingley erwähnte beiläufig, er werde nie wieder nach Netherfield zurückkehren, er werde das Haus aufgeben, doch nicht mit Bestimmtheit. Wir tun besser daran, es nicht zu erwähnen. Es freut mich außerordentlich, daß du so angenehme Nachrichten von unseren Freunden in Hunsford hast. Bitte besuche sie, mit Sir William und Maria. Ich bin sicher, du wirst dich dort sehr wohl fühlen.

„Deine etc."

Dieser Brief bereitete Elizabeth einigen Schmerz; doch ihr Mut kehrte zurück, da sie bedachte, daß Jane nun nicht länger, zumindest von der Schwester, hinters Licht geführt werden würde. Alle Erwartung hinsichtlich des Bruders war nun gänzlich vorbei. Sie würde sich nicht einmal eine Erneuerung seiner Aufmerksamkeiten wünschen. Sein Charakter sank bei jeder erneuten Betrachtung; und, als eine Strafe für ihn, wie als möglicher Vorteil für Jane, hoffte sie aufrichtig, er möge in Wahrheit bald Mr. Darcys Schwester heiraten, da er, nach Wickhams Darstellung, jenes Mädchen, das er verschmäht hatte, reichlich bedauern würde.

Mrs. Gardiner erinnerte Elizabeth um diese Zeit an ihr Versprechen hinsichtlich jenes Gentlemans und verlangte Auskunft; und Elizabeth hatte solche zu schicken, die eher ihrer Tante Genugtuung verschafften als ihr selbst. Seine offenbare Zuneigung hatte sich gelegt, seine Aufmerksamkeiten waren vorüber, er war der Verehrer einer anderen. Elizabeth war aufmerksam genug, dies alles zu bemerken, doch sie konnte es sehen und darüber schreiben, ohne wesentlichen Schmerz zu empfinden. Ihr Herz war nur leicht berührt worden, und ihre Eitelkeit war mit dem Gedanken zufrieden, daß sie seine einzige Wahl gewesen wäre, wenn das Glück es zugelassen hätte. Der plötzliche Erwerb von zehntausend Pfund war der bemerkenswerteste Reiz der jungen Dame, der er sich nun angenehm zu machen suchte; doch Elizabeth, in diesem Fall vielleicht weniger scharfsichtig als bei Charlotte, hatte ihm seinen Wunsch nach Unabhängigkeit nicht übelgenommen. Nichts, im Gegenteil, konnte natürlicher sein; und während sie annehmen konnte, daß es ihn einige Kämpfe kostete, sie aufzugeben, war sie bereit, es als eine kluge und wünschenswerte Maßnahme für beide anzuerkennen, und konnte ihm von Herzen alles Glück wünschen.

All dies wurde Mrs. Gardiner mitgeteilt; und nachdem sie die Umstände geschildert hatte, fuhr sie folgendermaßen fort:– „Ich bin nun überzeugt, meine liebe Tante, daß ich nie sehr verliebt gewesen bin; denn hätte ich wirklich diese reine und erhebende Leidenschaft empfunden, so würde ich jetzt seinen bloßen Namen verabscheuen und ihm alles mögliche Übel wünschen. Doch meine Gefühle ihm gegenüber sind nicht nur herzlich, sie sind sogar unparteiisch gegenüber Miss King. Ich kann nicht herausfinden, daß ich sie im geringsten hasse, oder daß es mir auch nur im mindesten widerstrebt, sie für ein sehr gutes Mädchen zu halten. Es kann keine Liebe bei all dem sein. Meine Wachsamkeit war wirksam; und obwohl ich gewiß ein interessanterer Gegenstand für alle meine Bekannten wäre, wäre ich wahnsinnig in ihn verliebt, kann ich doch nicht sagen, daß ich meine verhältnismäßige Bedeutungslosigkeit bedauere. Bedeutung kann bisweilen zu teuer erkauft werden. Kitty und Lydia nehmen seinen Abfall viel schwerer als ich. Sie sind noch unerfahren in den Wegen der Welt und noch nicht zugänglich für die demütigende Erkenntnis, daß hübsche junge Männer ebenso wie die schlichten etwas zum Leben haben müssen."

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Ohne größere Ereignisse als diese in der Longbourn-Familie, und abgesehen von kleinen, über die Spaziergänge nach Meryton hinausgehenden Abwechslungen, manchmal schmutzig und manchmal kalt, vergingen der Januar und der Februar. Der März sollte Elizabeth nach Hunsford führen. Sie hatte anfangs nicht sehr ernsthaft daran gedacht, dorthin zu reisen; doch sie fand bald, daß Charlotte auf den Plan baute, und sie gewöhnte sich allmählich daran, ihn selbst mit größerem Vergnügen sowie mit größerer Gewißheit zu betrachten. Die Abwesenheit hatte ihr Verlangen, Charlotte wiederzusehen, verstärkt und ihren Widerwillen gegen Mr. Collins geschwächt. Es lag etwas Neuartiges in dem Vorhaben; und da, bei einer solchen Mutter und solchen ungeselligen Schwestern, die Heimat nicht vollkommen sein konnte, war ein kleiner Wechsel um seiner selbst willen nicht unwillkommen. Die Reise würde ihr überdies einen Blick auf Jane ermöglichen; und, kurzum, als die Zeit heranrückte, hätte sie jeden Aufschub sehr bedauert. Indessen ging alles glatt vonstatten und wurde schließlich nach Charlottes erstem Entwurf festgelegt. Sie sollte Sir William und seine zweite Tochter begleiten. Die Verbesserung, eine Nacht in London zu verbringen, kam noch hinzu, und der Plan wurde so vollkommen, wie ein Plan nur sein konnte.

Der einzige Schmerz lag im Abschied von ihrem Vater, der sie gewiß vermissen würde, und der, als es so weit war, so wenig von ihrer Reise hielt, daß er ihr sagte, sie solle ihm schreiben, und es fast versprach, ihren Brief zu beantworten.

Der Abschied zwischen ihr und Mr. Wickfield verlief vollkommen freundschaftlich, von seiner Seite sogar noch mehr. Seine gegenwärtige Werbung konnte ihn nicht vergessen lassen, daß Elizabeth die erste gewesen war, die seine Aufmerksamkeit erregt und verdient hatte, die erste, die zuhörte und bemitleidete, die erste, die bewundert wurde; und in der Art, wie er ihr Lebewohl sagte, ihr alles Vergnügen wünschte, sie an das erinnerte, was sie von Lady Catherine de Bourgh zu erwarten habe, und im Vertrauen darauf, daß ihre Meinung über sie – ihre Meinung über jedermann – stets mit der seinen übereinstimmen werde, lag eine Besorgnis, eine Anteilnahme, die, wie sie fühlen mußte, sie für immer mit aufrichtigster Zuneigung an ihn binden würde; und sie schied von ihm in der Überzeugung, daß er, verheiratet oder unverheiratet, stets ihr Muster des Liebenswürdigen und Gefälligen bleiben müsse.

Ihre Reisegefährten am nächsten Tag waren nicht von der Art, daß sie ihn ihr weniger angenehm erscheinen ließen. Sir William Lucas und seine Tochter Maria, ein gutmütiges Mädchen, doch ebenso hohl wie er selbst, hatten nichts zu sagen, was des Hörens wert gewesen wäre, und wurden mit ungefähr demselben Vergnügen angehört wie das Rattern der Kutsche. Elizabeth liebte Absurditäten, doch sie kannte Sir Williams schon zu lange. Er konnte ihr nichts Neues von den Wundern seiner Vorstellung und Ritterschlag erzählen, und seine Höflichkeiten waren abgenutzt wie sein Wissensvorrat.

Die Reise betrug nur vierundzwanzig Meilen, und sie begannen sie so früh, daß sie bereits am Mittag in der Gracechurch Street eintrafen. Als sie vor Mr. Gardiners Tür fuhren, stand Jane am Fenster eines Salons und beobachtete ihre Ankunft; als sie den Flur betraten, war sie schon da, um sie zu empfangen, und Elizabeth, die ihr forschend ins Gesicht blickte, war erfreut, es so gesund und lieblich wie je zu sehen. Auf der Treppe stand ein Trupp kleiner Knaben und Mädchen, deren Ungeduld, ihre Base zu sehen, ihnen nicht erlaubte, im Salon zu warten, und deren Scheu, da sie sie seit einem Jahr nicht gesehen hatten, sie hinderte, weiter herunterzukommen. Alles war Freude und Freundlichkeit. Der Tag verging überaus angenehm; der Vormittag in geschäftigem Treiben und Einkäufen, und der Abend in einem der Theater.

Elizabeth gelang es dann, sich neben ihre Tante zu setzen. Ihr erster Gesprächsgegenstand war ihre Schwester; und sie war mehr betrübt als erstaunt, als sie auf ihre genauen Fragen zur Antwort erhielt, daß Jane, obwohl sie stets um Heiterkeit ringe, doch Zeiten der Niedergeschlagenheit habe. Es war indessen vernünftig zu hoffen, daß diese nicht lange anhalten würden. Mrs. Gardiner berichtete ihr auch die Einzelheiten von Miss Bingleys Besuch in der Gracechurch Street und wiederholte Gespräche, die zu verschiedenen Zeiten zwischen Jane und ihr stattgefunden hatten und die bewiesen, daß jene von Herzen die Bekanntschaft aufgegeben hatte.

Mrs. Gardiner zog dann ihre Nichte wegen Wickhams Treulosigkeit auf und beglückwünschte sie, daß sie es so gut trage.

„Aber, meine liebe Elizabeth," fügte sie hinzu, „was ist Miss King für ein Mädchen? Es sollte mir leid tun, unseren Freund für geldgierig zu halten."

„Sag mir bitte, meine liebe Tante, wo liegt in Heiratsangelegenheiten der Unterschied zwischen dem geldgierigen und dem klugen Beweggrund? Wo hört die Klugheit auf und wo beginnt der Geiz? Letztes Weihnachten hattest du Angst, er könnte mich heiraten, weil es unklug wäre; und jetzt, da er versucht, ein Mädchen mit nur zehntausend Pfund zu bekommen, möchtest du herausfinden, daß er geldgierig ist."

„Wenn du mir nur sagst, was für ein Mädchen Miss King ist, werde ich wissen, was ich denken soll."

„Sie ist ein sehr gutes, anständiges Mädchen, glaube ich. Ich weiß nichts Schlechtes von ihr."

„Aber er hat ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt, bis nach dem Tod ihres Großvaters sie Herrin dieses Vermögens wurde?"

„Nein – warum sollte er auch? Wenn es ihm nicht erlaubt war, meine Zuneigung zu gewinnen, weil ich kein Geld hatte, was für einen Anlaß könnte es geben, einem Mädchen den Hof zu machen, das ihm gleichgültig war und das ebenso arm war?"

„Aber es scheint unschicklich, seine Aufmerksamkeiten so bald nach diesem Ereignis auf sie zu lenken."

„Ein Mann in bedrängten Verhältnissen hat keine Zeit für all die feinen Anstandsregeln, die andere Leute vielleicht beachten. Wenn sie nichts dagegen hat, warum sollten wir?"

„Daß sie nichts dagegen hat, entschuldigt ihn nicht. Es zeigt nur, daß es auch bei ihr an etwas fehlt – an Verstand oder Gefühl."

„Gut," rief Elizabeth, „mach es, wie du willst. Er soll geldgierig sein, und sie soll töricht sein."

„Nein, Lizzy, das ist es, was ich nicht will. Ich sollte es, weißt du, ungern sehen, schlecht von einem jungen Mann zu denken, der so lange in Derbyshire gelebt hat."

„Oh, wenn es nur das ist, habe ich eine sehr geringe Meinung von jungen Männern, die in Derbyshire leben; und ihre vertrauten Freunde, die in Hertfordshire leben, sind auch nicht viel besser. Ich bin ihrer aller überdrüssig. Gott sei Dank! Ich reise morgen dorthin, wo ich einen Mann finden werde, der nicht eine einzige angenehme Eigenschaft besitzt, der weder Manieren noch Verstand hat, um sich empfehlen zu können. Dumme Männer sind am Ende die einzigen, die es wert sind, daß man sie kennt."

„Vorsicht, Lizzy; diese Rede schmeckt stark nach Enttäuschung."

Bevor sie durch das Ende des Stücks getrennt wurden, hatte sie das unverhoffte Glück, eine Einladung zu erhalten, ihren Onkel und ihre Tante auf einer Vergnügungsreise zu begleiten, die sie im Sommer zu unternehmen gedachten.

„Wir haben noch nicht ganz bestimmt, wie weit sie uns führen soll," sagte Mrs. Gardiner; „vielleicht bis zu den Seen."

Kein Plan hätte Elizabeth angenehmer sein können, und sie nahm die Einladung mit größter Bereitwilligkeit und Dankbarkeit an. „Meine liebe, liebe Tante," rief sie schwärmerisch, „welche Wonne! welches Glück! Du gibst mir neues Leben und neue Kraft. Lebewohl, Enttäuschung und Trübsinn! Was sind Männer gegen Felsen und Berge? Oh, welche Stunden der Entzückung werden wir verbringen! Und wenn wir zurückkehren, soll es nicht sein wie bei anderen Reisenden, die nicht imstande sind, von irgend etwas einen genauen Begriff zu geben. Wir werden wissen, wo wir gewesen sind – wir werden uns erinnern, was wir gesehen haben. Seen, Berge und Flüsse werden in unserer Vorstellung nicht durcheinander geworfen werden; noch werden wir, wenn wir eine bestimmte Gegend zu beschreiben versuchen, uns darüber streiten, wo sie liegt. Unsere ersten Begeisterungsäußerungen sollen erträglicher sein als die der meisten Reisenden."

ZWANZIGSTES KAPITEL.

Jeder Gegenstand auf der Reise des nächsten Tages war neu und interessant für Elizabeth; und ihre Stimmung war eine des Genusses; denn sie hatte ihre Schwester so wohl aussehen sehen, daß alle Furcht um ihre Gesundheit verscheucht war, und die Aussicht auf ihre Nordreise war eine stete Quelle der Freude.

Als sie die Landstraße verließen und in die nach Hunsford führende Allee einbogen, suchte jedes Auge das Pfarrhaus, und bei jeder Biegung erwartete man, es zu Gesicht zu bekommen. Der Zaun von Rosings Park bildete auf der einen Seite ihre Grenze. Elizabeth lächelte bei der Erinnerung an alles, was sie von seinen Bewohnern gehört hatte.

Endlich war das Pfarrhaus erkennbar. Der zum Weg abfallende Garten, das Haus mitten darin, die grünen Latten und die Lorbeerhecke, alles verkündete, daß sie ankamen. Mr. Collins und Charlotte erschienen an der Tür, und die Kutsche hielt vor dem kleinen Tor, das auf einem kurzen Kiesweg zum Hause führte, unter den Nicken und Lächeln der ganzen Gesellschaft. Im Nu waren sie alle aus der Kutsche und freuten sich, einander zu sehen. Mrs. Collins empfing ihre Freundin mit der lebhaftesten Freude, und Elizabeth war immer mehr mit ihrem Kommen zufrieden, als sie sich so herzlich aufgenommen fand. Sie sah sogleich, daß die Manieren ihres Vetters sich durch die Heirat nicht verändert hatten: seine förmliche Höflichkeit war ganz wie zuvor; und er hielt sie einige Minuten am Tor auf, um ihre Erkundigungen nach ihrer Familie anzuhören und zu beantworten. Dann wurden sie, mit keiner anderen Verzögerung als der, daß er auf die Sauberkeit des Eingangs hinwies, ins Haus geführt; und sobald sie im Wohnzimmer waren, hieß er sie mit prunkvoller Förmlichkeit zum zweitenmal in seiner bescheidenen Wohnung willkommen und wiederholte pünktlich alle Anerbietungen seiner Frau zur Erfrischung.

Elizabeth war darauf vorbereitet, ihn in seinem Glanze zu sehen; und sie konnte sich nicht enthalten sich vorzustellen, daß er, indem er die guten Proportionen des Zimmers, seine Lage und seine Einrichtung zur Schau stellte, sich besonders an sie wandte, als wünschte er sie fühlen zu lassen, was sie verscherzt habe, indem sie ihn abwies. Obwohl aber alles sauber und behaglich schien, konnte sie ihm doch keinen Seufzer der Reue gewähren; und sie betrachtete eher mit Verwunderung ihre Freundin, daß diese so heitere Miene zeigen konnte mit einem solchen Gefährten. Wenn Mr. Collins etwas sagte, dessen sich seine Frau billigerweise hätte schämen müssen – und das geschah gewiß nicht selten –, wandte sie unwillkürlich den Blick auf Charlotte. Ein- oder zweimal konnte sie eine leichte Röte wahrnehmen; aber im allgemeinen hörte Charlotte klugerweise nicht hin. Nachdem sie lange genug gesessen hatten, um jedes Möbelstück im Zimmer zu bewundern, vom Anrichtetisch bis zum Ofengitter, um Bericht über ihre Reise zu erstatten und über alles, was in London geschehen war, lud Mr. Collins sie zu einem Spaziergang im Garten ein, der groß und gut angelegt war und dessen Pflege er selbst übernommen hatte. In seinem Garten zu arbeiten war eines seiner angesehensten Vergnügen; und Elizabeth bewunderte die Fassung, mit der Charlotte von der Gesundheit dieser Übung sprach und bekannte, daß sie diese so viel wie möglich fördere. Hier, indem er ihnen auf jedem Gang und jedem Kreuzweg den Weg wies und ihnen kaum eine Pause ließ, die von ihm verlangten Lobpreisungen auszusprechen, wurde jeder Ausblick mit einer Genauigkeit aufgezeigt, die alle Schönheit hinter sich ließ. Er konnte die Felder in jeder Richtung zählen und sagen, wieviel Bäume in der entferntesten Baumgruppe standen. Aber von allen Aussichten, die sein Garten oder die Gegend oder das Königreich aufzuweisen hatte, war keine zu vergleichen mit der Aussicht auf Rosings, die sich durch eine Öffnung in den Bäumen bot, die den Park fast gegenüber der Vorderseite seines Hauses begrenzten. Es war ein ansehnlicher moderner Bau, schön auf einer Anhöhe gelegen.

Von seinem Garten aus hätte Mr. Collins sie gern um seine beiden Wiesen herumgeführt; aber die Damen, die keine Schuhe hatten, um die Reste eines weißen Reifs zu betreten, kehrten um; und während Sir William ihn begleitete, führte Charlotte ihre Schwester und Freundin durch das Haus, sichtlich erfreut, wahrscheinlich, die Gelegenheit zu haben, es ohne die Hilfe ihres Mannes zu zeigen. Es war ziemlich klein, aber gut gebaut und bequem; und alles war mit einer Sauberkeit und Stimmigkeit eingerichtet und geordnet, von denen Elizabeth Charlotte alle Anerkennung zollte. Wenn Mr. Collins vergessen werden konnte, war wirklich ein großer Eindruck von Behaglichkeit überall; und nach Charlottes offenbarem Behagen daran vermutete Elizabeth, daß er wohl oft vergessen werde.

Sie hatte bereits erfahren, daß Lady Catherine sich noch auf dem Lande aufhalte. Es wurde wieder davon gesprochen, als sie beim Abendessen saßen, wobei Mr. Collins sich einmischte und bemerkte: –

„Ja, Miss Elizabeth, Sie werden die Ehre haben, Lady Catherine de Bourgh am kommenden Sonntag in der Kirche zu sehen, und ich brauche wohl nicht zu sagen, daß Sie von ihr entzückt sein werden. Sie ist die ganze Leutseligkeit und Herablassung, und ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß Sie einen Teil ihrer Aufmerksamkeit erhalten werden, wenn der Gottesdienst vorüber ist. Ich kann ohne Zögern sagen, daß sie Sie und meine Schwester Maria in alle Einladungen einschließen wird, mit denen sie uns während Ihres Hierseins beehrt. Ihr Betragen meiner lieben Charlotte gegenüber ist bezaubernd. Wir speisen zweimal die Woche in Rosings, und es wird uns nie erlaubt, nach Hause zu gehen. Ihrer Ladyschaft Wagen wird regelmäßig für uns bestellt. Ich sollte sagen, einer ihrer Ladyschaft Wagen, denn sie hat mehrere."

„Lady Catherine ist eine sehr achtenswerte, vernünftige Frau, in der Tat," fügte Charlotte hinzu, „und eine überaus aufmerksame Nachbarin."

„Sehr wahr, meine Liebe, genau das sage ich auch. Sie ist die Art Frau, die man nicht mit zu großer Ehrerbietung betrachten kann."

Der Abend wurde hauptsächlich damit verbracht, Neuigkeiten aus Hertfordshire durchzusprechen und nochmals zu erzählen, was bereits geschrieben worden war; und als er zu Ende ging, hatte Elizabeth in der Einsamkeit ihres Zimmers über den Grad von Charlottes Zufriedenheit nachzudenken, ihr Geschick in der Lenkung und Gelassenheit im Ertragen ihres Mannes zu begreifen und anzuerkennen, daß alles sehr gut gemacht war. Sie hatte auch vorauszusehen, wie ihr Besuch verlaufen werde, die ruhige Art ihrer gewöhnlichen Beschäftigungen, die ärgerlichen Unterbrechungen durch Mr. Collins und die fröhlichen Formen ihres Verkehrs mit Rosings. Eine lebhafte Einbildungskraft erledigte das alles bald.

Gegen die Mitte des nächsten Tages, als sie sich in ihrem Zimmer zum Spazierengehen ankleidete, schien plötzlich ein Lärm unten das ganze Haus in Verwirrung zu versetzen; und nachdem sie einen Augenblick gelauscht hatte, hörte sie jemand in heftiger Eile die Treppe herauflaufen und ihr laut nachrufen. Sie öffnete die Tür und traf Maria auf dem Absatz, die, atemlos vor Erregung, ausrief: –

„Oh, meine liebe Eliza! beeile dich bitte und komm ins Eßzimmer, denn es gibt einen solchen Anblick zu sehen! Ich will dir nicht sagen, was es ist. Beeile dich und komm sofort herunter."

Elizabeth fragte vergeblich; Maria wollte ihr nichts weiter sagen; und sie liefen die Treppe hinunter ins Eßzimmer, das zur Allee lag, auf der Suche nach diesem Wunder; es waren zwei Damen, die in einer niedrigen Phaeton am Gartentor hielten.

„Und das ist alles?" rief Elizabeth. „Ich erwartete wenigstens, daß die Schweine in den Garten eingebrochen seien, und hier ist nichts als Lady Catherine und ihre Tochter!"

„Ach, meine Liebe," sagte Maria, ganz erschrocken über das Mißverständnis, „es ist nicht Lady Catherine. Die ältere Dame ist Mrs. Jenkinson, die bei ihnen lebt. Die andere ist Miss de Bourgh. Sieh sie dir nur an. Sie ist ein ganz kleines Geschöpf. Wer hätte gedacht, daß sie so dünn und klein sein könnte!"

„Sie ist abscheulich unhöflich, Charlotte bei all diesem Wind draußen stehen zu lassen. Warum kommt sie nicht herein?"

„Oh, Charlotte sagt, sie tut es fast nie. Es ist die größte Gunst, wenn Miss de Bourgh hereinkommt."

„Ihre Erscheinung gefällt mir," sagte Elizabeth, von anderen Gedanken ergriffen. „Sie sieht kränklich und verdrießlich aus. Ja, sie wird es für ihn sehr gut machen. Sie wird ihm eine sehr passende Frau sein."

Mr. Collins und Charlotte standen beide am Tor im Gespräch mit den Damen; und Sir William stand, zu Elizabeths großer Belustigung, in der Tür, in eifrigem Betrachten der Größe vor ihm und verbeugte sich unablässig, sobald Miss de Bourgh in seine Richtung blickte.

Endlich gab es nichts mehr zu sagen; die Damen fuhren weiter, und die anderen kehrten ins Haus zurück. Kaum hatte Mr. Collins die beiden Mädchen erblickt, als er begann, sie zu ihrem Glück zu beglückwünschen, was Charlotte erklärte, indem sie sie wissen ließ, daß die ganze Gesellschaft auf den nächsten Tag nach Rosings zum Essen eingeladen sei.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.

Mr. Collins' Triumph infolge dieser Einladung war vollkommen. Die Macht, seinen staunenden Gästen die Pracht seiner Gönnerin vor Augen zu führen und sie ihre Freundlichkeit gegen ihn selbst und seine Frau sehen zu lassen, war genau das, was er gewünscht hatte; und daß sich so bald eine Gelegenheit dazu bieten würde, war ein solcher Beweis von Lady Catherines Herablassung, daß er nicht wußte, wie sehr er sie genug bewundern sollte.

„Ich gestehe," sagte er, „daß ich keineswegs überrascht gewesen wäre, wenn ihre Ladyschaft uns am Sonntag gebeten hätte, in Rosings Tee zu trinken und den Abend zu verbringen. Das erwartete ich eher, nach meiner Kenntnis ihrer Leutseligkeit. Aber wer hätte eine solche Aufmerksamkeit voraussehen können? Wer hätte sich vorstellen können, daß wir eine Einladung zum Diner erhalten würden – eine Einladung überdies, die die ganze Gesellschaft einschließt – so unmittelbar nach Ihrer Ankunft?"

„Ich bin über das Geschehene weniger erstaunt," erwiderte Sir William, „durch jene Kenntnis dessen, was die Manieren der Großen wirklich sind, die mir meine Lebensstellung zu erwerben erlaubt hat. Am Hofe sind solche Beispiele feiner Lebensart nicht selten."

Den ganzen Tag und den nächsten Morgen wurde kaum über etwas anderes gesprochen als über ihren Besuch in Rosings. Mr. Collins unterwies sie sorgfältig in dem, was sie zu erwarten hätten, damit der Anblick solcher Räume, so vieler Diener und eines so glänzenden Diners sie nicht völlig überwältige.

Als sich die Damen zur Toilette trennten, sagte er zu Elizabeth: –

„Machen Sie sich keine Sorgen, meine liebe Cousine, wegen Ihrer Kleidung. Lady Catherine ist weit davon entfernt, jene Eleganz der Kleidung von uns zu verlangen, die ihr selbst und ihrer Tochter ansteht. Ich würde Ihnen raten, einfach das Beste anzulegen, was Sie an Kleidern haben – mehr ist nicht nötig. Lady Catherine wird nicht schlechter von Ihnen denken, weil Sie einfach gekleidet sind. Sie besteht darauf, daß der Standesunterschied gewahrt wird."

Während sie sich ankleideten, kam er zwei- oder dreimal an ihre verschiedenen Türen, um ihnen zu empfehlen, sich zu beeilen, da Lady Catherine es gar nicht leide, wenn man sie beim Diner warten lasse. Solche furchterregenden Berichte über ihre Ladyschaft und ihre Lebensweise ängstigten Maria Lucas sehr, die wenig an Gesellschaft gewöhnt war; und sie sah ihrer Vorstellung in Rosings mit ebenso viel Bangigkeit entgegen, wie ihr Vater dereinst seiner Vorstellung bei Hofe.

Da das Wetter schön war, hatten sie einen angenehmen Spaziergang von etwa einer halben Meile quer durch den Park. Jeder Park hat seine Schönheit und seine Aussichten; und Elizabeth sah vieles, was ihr gefiel, obwohl sie nicht in solche Entzückung geriet, wie Mr. Collins sie von der Gegend erwartete, und von seiner Aufzählung der Fenster an der Vorderseite des Hauses und seiner Erzählung, was die Verglasung im ganzen ursprünglich Sir Lewis de Bourgh gekostet habe, nur wenig berührt wurde.

Als sie die Stufen zur Halle hinaufstiegen, nahm Marias Angst mit jedem Augenblick zu, und sogar Sir William sah nicht ganz ruhig aus. Elizabeths Mut verließ sie nicht. Sie hatte nichts von Lady Catherine gehört, was sie durch außerordentliche Talente oder wunderbare Tugend furchtgebietend gemacht hätte, und die bloße Pracht von Geld und Rang glaubte sie ohne Zittern mitansehen zu können.

Von der Eingangshalle, deren schöne Proportionen und vollendete Verzierungen Mr. Collins mit schwärmerischer Miene zeigte, folgten sie den Dienern durch ein Vorzimmer in das Zimmer, wo Lady Catherine, ihre Tochter und Mrs. Jenkinson saßen. Ihre Ladyschaft erhob sich mit großer Herablassung, um sie zu empfangen; und da Mrs. Collins mit ihrem Mann vereinbart hatte, daß das Amt der Vorstellung ihr zukommen solle, geschah es in schicklicher Weise, ohne jene Entschuldigungen und Dankesbezeugungen, die er für nötig gehalten hätte.

Trotzdem daß er bei Hofe gewesen war, war Sir Williams Mut durch die ihn umgebende Pracht so völlig gebrochen, daß er kaum Fassung genug für eine sehr tiefe Verbeugung hatte und sich schweigend auf seinen Platz setzte; und seine Tochter, beinahe außer sich vor Schrecken, saß auf der Kante ihres Stuhls, ohne zu wissen, wohin sie blicken solle. Elizabeth fand sich der Szene durchaus gewachsen und konnte die drei Damen vor sich mit Gelassenheit betrachten. Lady Catherine war eine große, stattliche Frau mit stark ausgeprägten Zügen, die einmal hübsch gewesen sein mochten. Ihr Wesen war nicht versöhnlich, und ihre Art, sie zu empfangen, war nicht derart, daß sie ihre Besucherinnen ihren niederen Rang hätte vergessen lassen. Nicht durch Schweigen flößte sie Furcht ein: aber was sie auch sagte, wurde in einem so gebieterischen Ton gesprochen, daß es ihre Selbstwichtigkeit bezeichnete und Elizabeth sogleich Mr. Wickham in den Sinn rief; und nach der Beobachtung des Tages im ganzen glaubte sie, Lady Catherine sei genau das, was er sie dargestellt hatte.

Als sie, nachdem sie die Mutter betrachtet hatte, in deren Miene und Auftreten sie bald eine gewisse Ähnlichkeit mit Mr. Darcy fand, ihre Augen auf die Tochter wandte, hätte sie beinahe in Marias Erstaunen einstimmen können, daß diese so dünn und so klein sei. Weder in Gestalt noch in Gesicht bestand eine Ähnlichkeit zwischen den Damen. Miss de Bourgh war bleich und kränklich; ihre Züge, wenn auch nicht häßlich, waren unbedeutend; und sie sprach sehr wenig, außer mit leiser Stimme zu Mrs. Jenkinson, in deren Erscheinung nichts Bemerkenswertes lag, und die ganz damit beschäftigt war, ihr zuzuhören und einen Schirm in der richtigen Richtung vor ihren Augen anzubringen.

Nachdem sie einige Minuten gesessen hatten, wurden sie alle zu einem der Fenster geschickt, um die Aussicht zu bewundern, wobei Mr. Collins sie begleitete, um auf deren Schönheiten hinzuweisen, und Lady Catherine ihnen gütig mitteilte, daß sie im Sommer viel mehr wert sei, angesehen zu werden.

Nessam das Diner war überaus prächtig, und es fehlte weder an Bediensteten noch an dem silbernen Geschirr, das Mr. Collins versprochen hatte; und, wie er gleichfalls vorausgesagt hatte, nahm er auf Wunsch Ihrer Ladyschaft am unteren Ende der Tafel Platz und sah aus, als empfände er, daß das Leben ihm Größeres nicht bieten könne. Er traktierte und aß und lobte mit entzückter Emsigkeit; und jede Speise wurde zuerst von ihm gerühmt und dann von Sir William, der sich inzwischen genug erholt hatte, um seinem Schwiegersohn in einer Weise nachzusprechen, bei der Elizabeth sich verwunderte, wie Lady Catherine es nur ertragen mochte. But Lady Catherine schien durch deren übergroße Bewunderung erfreut und lächelte überaus huldvoll, zumal wenn irgendeine Schüssel auf der Tafel für sie eine Neuheit war. Die Gesellschaft lieferte nicht viel Gesprächsstoff. Elizabeth war bereit zu sprechen, wo sich nur eine Gelegenheit bot, aber sie saß zwischen Charlotte und Miss de Bourgh – jene war damit befaßt, Lady Catherine zuzuhören, und diese richtete während des ganzen Diners kein einziges Wort an sie. Mrs. Jenkinson war vornehmlich damit beschäftigt, darauf zu achten, wie wenig Miss de Bourgh aß, sie zu drängen, doch noch von einer anderen Schüssel zu kosten, und zu fürchten, sie sei unwohl. Maria hielt es für ausgeschlossen, das Wort zu ergreifen, und die Herren taten nichts als essen und bewundern.

Als die Damen sich in den Salon zurückzogen, gab es nichts zu tun, als Lady Catherine zuzuhören, was diese ohne Unterbrechung tat, bis der Kaffee kam, wobei sie über jeden Gegenstand so entschieden ihr Urteil äußerte, daß man merkte, sie war es nicht gewohnt, daß man ihren Entscheidungen widersprach. Sie fragte vertraulich und genau nach Charlottes häuslichen Angelegenheiten und erteilte ihr eine Fülle von Ratschlägen, wie alles darin zu lenken sei in einer so kleinen Familie wie der ihrigen; sie belehrte sie über die Pflege ihrer Kühe und ihres Geflügels. Elizabeth erkannte, daß dieser vornehmen Dame nichts zu gering war, was ihr nur Anlaß geben konnte, anderen Vorschriften zu machen. In den Pausen ihres Gesprächs mit Mrs. Collins richtete sie mancherlei Fragen an Maria und Elizabeth, doch besonders an die letztere, von deren Verwandtschaft sie am wenigsten wußte und die, wie sie Mrs. Collins bemerkte, ein sehr feines, hübsches Mädchen sei. Sie fragte sie zu wiederholten Malen, wie viele Schwestern sie habe, ob diese älter oder jünger seien als sie selbst, ob eine von ihnen Aussicht habe zu heiraten, ob sie hübsch seien, wo sie erzogen worden seien, welche Kutsche ihr Vater halte und wie der Mädchenname ihrer Mutter gewesen sei. Elizabeth empfand die Unverschämtheit dieser Fragen wohl, antwortete aber sehr gelassen. Lady Catherine bemerkte darauf:

„Der Besitz Ihres Vaters fällt doch, glaube ich, an Mr. Collins? Ihretwegen,“ – dabei wandte sie sich zu Charlotte – „bin ich froh darüber; im übrigen aber sehe ich keinen Anlaß, Besitztümer in der weiblichen Linie zu vererben. In der Familie des Sir Lewis de Bourgh hat man es nicht für nötig gehalten. Spielen und singen Sie, Miss Bennet?“

„Ein wenig.“

„Nun, dann werden wir Sie früher oder später mit Vergnügen hören. Unser Instrument ist ein vorzügliches, wahrscheinlich besser als – – Sie sollen es einmal versuchen. Spielen und singen Ihre Schwestern?“

„Eine von ihnen spielt und singt.“ „Warum habt ihr es nicht alle gelernt? Ihr hättet es alle lernen sollen. Die Misses Webb spielen alle, und ihr Vater hat bei weitem nicht so gutes Einkommen wie der eure. Zeichnen Sie?“

„Nein, gar nicht.“ „Was, keine einzige von Ihnen?“

„Keine einzige.“ „Das ist sehr sonderbar. Aber ich nehme an, Sie hatten keine Gelegenheit. Ihre Mutter hätte Sie jeden Frühling nach London mitnehmen sollen, damit Sie dort Lehrer hätten.“ „Meine Mutter hätte nichts dagegen, aber mein Vater haßt London.“ „Hat Ihre Erzieherin Sie verlassen?“ „Wir haben nie eine Erzieherin gehabt.“ „Keine Erzieherin! Wie war das möglich? Fünf Töchter, zu Hause erzogen, ohne Erzieherin! So etwas habe ich nie gehört. Ihre Mutter muß eine wahre Sklavin Ihrer Erziehung gewesen sein.“ Elizabeth konnte sich des Lächelns kaum enthalten, als sie ihr versicherte, das sei nicht der Fall gewesen. „Nun, wer hat Sie dann unterrichtet? Wer hat sich um Sie gekümmert? Ohne Erzieherin müssen Sie vernachlässigt worden sein.“ „Im Vergleich mit manchen Familien, glaube ich, waren wir das; aber wer von uns lernen wollte, dem hat es nie an Mitteln gefehlt. Wir wurden stets zum Lesen ermutigt und hatten alle nötigen Lehrer. Wer freilich faul sein wollte, dem stand es frei.“ „Ach, freilich: aber das ist es, was eine Erzieherin verhütet; und hätte ich Ihre Mutter gekannt, ich hätte ihr nachdrücklich geraten, eine zu engagieren. Ich sage immer, in der Erziehung ist nichts ohne stetigen und geregelten Unterricht auszurichten, und niemand als eine Erzieherin kann ihn erteilen. Es ist erstaunlich, wie vielen Familien ich auf diese Weise schon habe zu einer Stelle verhelfen können. Es macht mir immer Freude, wenn ich eine junge Person gut untergebracht weiß. Vier Nichten von Mrs. Jenkinson sind durch meine Vermittlung in den reizendsten Stellungen; und erst kürzlich empfahl ich noch ein junges Mädchen, das mir nur zufällig erwähnt wurde, und die Familie ist ganz entzückt von ihr. Mrs. Collins, habe ich Ihnen erzählt, daß Lady Metcalfe gestern bei mir war, um mir zu danken? Sie findet Miss Pope eine Perle. ‚Lady Catherine‘, sagte sie, ‚Sie haben mir eine Perle geschenkt‘. Sind einige Ihrer jüngeren Schwestern bereits in Gesellschaft, Miss Bennet?“

„Ja, Ma’am, alle.“ „Alle! Was, alle fünf zugleich? Sehr seltsam! Und Sie erst die zweite. Die jüngeren heraus, bevor die ältere verheiratet ist! Ihre jüngeren Schwestern müssen sehr jung sein?“ „Ja, meine Jüngste ist noch nicht sechzehn. Vielleicht ist sie wirklich noch zu jung, um viel in Gesellschaft zu gehen. Aber, Ma’am, ich finde, es wäre sehr hart gegen die jüngeren Schwestern, wenn sie nicht ihren Anteil an Gesellschaft und Vergnügen haben sollten, nur weil die ältere vielleicht nicht die Mittel oder die Neigung hat, früh zu heiraten. Das Jüngste hat denselben Anspruch auf die Freuden der Jugend wie die Älteste. Und sie aus einem solchen Grunde zurückzuhalten! Ich glaube nicht, daß das die schwesterliche Zuneigung oder die Zartheit des Empfindens fördern würde.“ „Auf mein Wort,“ sagte Ihre Ladyship, „Sie geben Ihre Meinung sehr entschieden für eine so junge Person. Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“ „Bei drei erwachsenen jüngeren Schwestern,“ erwiderte Elizabeth lächelnd, „werden Eure Ladyship wohl kaum von mir verlangen, daß ich es gestehe.“ Lady Catherine schien ganz betroffen, keine gerade Antwort zu erhalten; und Elizabeth argwöhnte, sie selbst sei wohl das erste Geschöpf, das je gewagt hatte, mit so viel würdevoller Unverfrorenheit seinen Spaß zu treiben. „Sie können nicht über zwanzig sein, dessen bin ich sicher – daher brauchen Sie Ihr Alter nicht zu verbergen.“ „Ich bin noch nicht einundzwanzig.“ Als die Herren sich zu ihnen gesellt hatten und der Tee beendet war, wurden die Spieltische aufgestellt. Lady Catherine, Sir William und Mr. und Mrs. Collins setzten sich zum Quadrille; und da Miss De Bourgh vorzog, Casino zu spielen, hatten die beiden Mädchen die Ehre, Mrs. Jenkinson beim Aufsetzen ihrer Partie behilflich zu sein. Ihr Tisch war überaus langweilig. Kaum kam ein Wort über die Lippen, das sich nicht auf das Spiel bezog, ausgenommen, wenn Mrs. Jenkinson ihre Besorgnis äußerte, Miss De Bourgh sei zu warm oder zu kalt, oder es sei ihr zu hell oder zu dunkel. Am anderen Tische ging es lebhafter zu. Lady Catherine sprach gewöhnlich – sie wies die Fehler der drei übrigen zurecht oder erzählte irgendwelche Anekdote aus ihrem eigenen Leben. Mr. Collins war damit beschäftigt, allem, was Ihre Ladyship sagte, beizupflichten, ihr für jeden Fisch, den er gewann, zu danken und sich zu entschuldigen, wenn er glaubte, zu viele gewonnen zu haben. Sir William sprach nicht viel. Er bereicherte sein Gedächtnis mit Anekdoten und vornehmen Namen.

Als Lady Catherine und ihre Tochter so lange gespielt hatten, wie es ihnen beliebte, wurden die Tische aufgehoben, der Wagen wurde Mrs. Collins angeboten, dankbar angenommen und sogleich bestellt. Die Gesellschaft sammelte sich darauf um den Kamin, um von Lady Catherine zu vernehmen, was für Wetter sie am folgenden Tage haben würden. Aus diesen Belehrungen wurden sie durch die Ankunft der Kutsche gerissen; und mit vielen Dankesworten von Mr. Collins und ebenso vielen Verbeugungen von Sir William fuhren sie davon. Kaum hatten sie sich vom Hause entfernt, so wurde Elizabeth von ihrem Vetter aufgefordert, ihm ihre Meinung über alles, was sie in Rosings gesehen hatte, zu sagen, und sie gab sie, Charlottes wegen, günstiger ab, als sie in Wahrheit war. Aber ihr Lob, obwohl es ihr einige Mühe kostete, konnte Mr. Collins unmöglich befriedigen, und er war sehr bald genötigt, Ihrer Ladyship eigenes Lob selbst in die Hand zu nehmen.

DREISSIGSTES KAPITEL.

Sir William blieb nur eine Woche in Hunsford; doch war sein Besuch lang genug, um ihn zu überzeugen, daß seine Tochter aufs bequemste versorgt sei und einen Mann und einen Nachbar besitze, wie man sie nicht häufig finde. Während Sir William bei ihnen weilte, widmete Mr. Collins seine Vormittage dazu, ihn im Gig spazieren zu fahren und ihm die Gegend zu zeigen; als er aber abgereist war, kehrte die ganze Familie zu ihren gewohnten Beschäftigungen zurück, und Elizabeth war froh zu bemerken, daß man sie infolge dieser Veränderung nicht mehr von ihrem Vetter sah; denn den größten Teil der Zeit zwischen Frühstück und Diner brachte dieser nun entweder bei der Arbeit im Garten zu oder beim Lesen und Schreiben und mit dem Blick aus dem Fenster in seinem eigenen Arbeitszimmer, das nach der Straße hinauslag. Das Zimmer, in dem die Damen saßen, lag nach rückwärts. Elizabeth hatte sich anfangs eher gewundert, daß Charlotte nicht das Eßzimmer zum allgemeinen Aufenthalt vorzog; es war ein geräumigeres Zimmer und lag freundlicher; bald aber sah sie, daß ihre Freundin einen sehr guten Grund für ihr Verfahren hatte, denn Mr. Collins würde ohne Zweifel weit weniger in seinem eigenen Zimmer geblieben sein, wenn sie in einem gleich belebten Raume gesessen hätten; und sie zollte Charlotte für diese Anordnung Anerkennung.

Von dem Salon aus konnten sie nichts auf der Landstraße unterscheiden, und sie waren Mr. Collins für die Kunde, welche Wagen dort entlangfuhren, und wie oft namentlich Miss De Bourgh in ihrem Phaeton vorüberkam, verpflichtet, worüber er nie versäumte, ihnen Bericht zu erstatten, obwohl es fast täglich geschah. Diese hielt nicht selten bei dem Pfarrhause an und hatte einige Minuten Unterhaltung mit Charlotte, ließ sich aber fast nie zum Aussteigen bewegen.

Es vergingen wenige Tage, an denen Mr. Collins nicht nach Rosings hinüberging, und nicht viele, an denen seine Frau es nicht für nötig hielt, gleichfalls hinzugehen; und bis Elizabeth wieder einfiel, daß möglicherweise noch andere Pfarrstellen zu vergeben seien, konnte sie sich die Aufopferung so vieler Stunden nicht erklären. Hin und wieder wurden sie durch einen Besuch Ihrer Ladyschaft beehrt, und nichts entging ihrer Beobachtung, was bei diesen Besuchen im Zimmer vor sich ging. Sie forschte nach ihren Beschäftigungen, betrachtete ihre Handarbeiten und riet ihnen, sie anders zu machen; tadelte die Einrichtung der Möbel oder ertappte das Dienstmädchen bei Nachlässigkeit; und wenn sie eine Erfrischung annahm, schien sie es nur zu tun, um feststellen zu können, daß Mrs. Collins' Fleischbraten für ihre Familie zu groß seien.

Elizabeth bemerkte bald, daß diese große Dame, obwohl sie nicht zur Friedensgerichtsbehörde des Grafschaft gehörte, in ihrer eigenen Gemeinde eine überaus tätige Magistratsperson war, deren geringfügigste Angelegenheiten ihr durch Mr. Collins zugetragen wurden; und sobald einer der Dorfbewohner sich streitsüchtig, unzufrieden oder zu arm zeigte, zog sie hinaus in das Dorf, um ihre Streitigkeiten zu schlichten, ihre Klagen zum Schweigen zu bringen und sie in Eintracht und Wohlstand zurückzusprechen.

Das Vergnügen, in Rosings zu speisen, wiederholte sich ungefähr zweimal wöchentlich; und abgesehen vom Wegfall Sir Williams und davon, daß am Abend nur ein Spieltisch vorhanden war, glich jede solche Bewirtung der ersten. Sonstige Verpflichtungen hatten sie wenige, denn die Lebensführung der Nachbarschaft im allgemeinen überstieg, was sich die Collinsens leisten konnten. Dies jedoch war für Elizabeth kein Übelstand, und alles in allem brachte sie ihre Zeit ziemlich behaglich hin; es gab halbe Stunden angenehmer Unterhaltung mit Charlotte, und das Wetter war für die Jahreszeit so schön, daß sie sich oft im Freien köstlich ergehen konnte. Ihr liebster Spaziergang, und wo sie sich häufig einfand, während die übrigen Lady Catherine ihre Aufwartungen machten, war die offene Allee, welche diese Seite des Parks säumte, wo sich ein hübscher geschützter Pfad befand, den, wie es schien, niemand sonst zu schätzen wußte, und wo sie sich außerhalb des Bereiches von Lady Catherines Neugier fühlte.

So verfloß in stiller Weise die erste Woche ihres Aufenthaltes rasch. Ostern nahte heran, und die Woche davor sollte dem Hause in Rosings einen Zuwachs bringen, der in so kleinem Kreise wichtig werden mußte. Elizabeth hatte bald nach ihrer Ankunft vernommen, daß Mr. Darcy im Laufe weniger Wochen dort erwartet werde; und obwohl es nicht viele ihrer Bekannten gab, die sie ihm vorgezogen hätte, so würde sein Kommen doch in den Gesellschaften in Rosings eine verhältnismäßig neue Erscheinung bieten, und sie konnte sich vielleicht das Vergnügen machen zu sehen, wie aussichtslos Miss Bingleys Entwürfe auf ihn seien, wenn man sein Betragen gegen seine Cousine beobachtete, für die er, wie Lady Catherine offensichtlich bestimmt hatte, auch nach deren eigener Rede von seinem Kommen mit größter Genugtuung, in den Ausdrücken höchster Bewunderung über ihn sprach und fast ärgerlich darüber schien, daß er bereits von Miss Lucas und ihr selbst öfter gesehen worden war.

Seine Ankunft wurde bald im Pfarrhause bekannt; denn Mr. Collins war den ganzen Morgen innerhalb des Bereiches der Pforten, die nach der Hunsford Lane führten, auf- und abgegangen, um sich

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die früheste Gewißheit davon zu verschaffen; und nachdem er sich verneigt hatte, als die Kutsche in den Park einbog, eilte er mit der großen Neuigkeit nach Hause. Am folgenden Morgen begab er sich eiligst nach Rosings, um seine Aufwartung zu machen. Es waren zwei Neffen von Lady Catherine, denen er diese schuldete, denn Mr. Darcy hatte einen Colonel Fitzwilliam mitgebracht, den jüngeren Sohn seines Oheims, Lord – –; und, zur großen Überraschung der ganzen Gesellschaft, als Mr. Collins zurückkehrte, begleiteten ihn die Herren. Charlotte hatte sie aus dem Zimmer ihres Mannes gesehen, als sie die Straße überschritten, und lief sofort in das andere, um den Mädchen anzukündigen, welche Ehre ihnen bevorstehe, wobei sie hinzufügte:

„Ich habe dir, Eliza, diese Höflichkeit zu verdanken. Mr. Darcy wäre nie so bald gekommen, um mir seine Aufwartung zu machen.“ Elizabeth hatte kaum Zeit, jedes Recht an dem Kompliment von sich zu weisen, als ihre Ankunft schon durch die Türglocke gemeldet wurde, und kurz darauf traten die drei Herren ins Zimmer. Colonel Fitzwilliam, der den Weg wies, war ungefähr dreißig, nicht hübsch, aber in Person und Auftreten ein wahrhafter Gentleman. Mr. Darcy sah gerade so aus, wie man ihn in Hertfordshire zu sehen gewohnt war, erwies Mrs. Collins mit seiner gewöhnlichen Zurückhaltung seine Höflichkeiten; und was auch immer er gegen ihre Freundin empfinden mochte, er begegnete ihr mit vollkommener Fassung. Elizabeth verneigte sich nur leicht gegen ihn, ohne ein Wort zu sprechen.

Colonel Fitzwilliam trat sofort in ein Gespräch ein, mit der Bereitwilligkeit und Leichtigkeit eines wohlerzogenen Mannes, und sprach sehr angenehm; sein Vetter dagegen, nachdem er an Mrs. Collins eine flüchtige Bemerkung über Haus und Garten gerichtet hatte, saß eine Weile, ohne mit irgend jemandem zu sprechen. Zuletzt indes erwachte seine Höflichkeit so weit, daß er sich bei Elizabeth nach dem Befinden ihrer Familie erkundigte. Sie gab ihm die übliche Antwort und fügte nach kurzem Schweigen hinzu:

„Meine älteste Schwester ist seit drei Monaten in der Stadt. Sind Sie ihr dort nie zufällig begegnet?“ Sie wußte recht wohl, daß dies nie der Fall gewesen war; aber sie wollte sehen, ob er irgendwelches Bewußtsein von dem, was zwischen den Bingleys und Jane vorgefallen war, verraten würde; und sie glaubte zu bemerken, daß er ein wenig verlegen dreinschaute, als er erwiderte, er habe nie das Glück gehabt, Miss Bennet zu treffen. Das Gespräch wurde nicht weiter verfolgt, und die Herren entfernten sich bald.

EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL.

Die Manieren des Colonel Fitzwilliam erregten im Pfarrhause große Bewunderung, und alle Damen empfanden, daß er die Annehmlichkeit ihrer Verpflichtungen in Rosings wesentlich erhöhen müsse. Es vergingen jedoch einige Tage, ehe sie eine Einladung dorthin erhielten, denn solange sich Besucher im Hause befanden, konnte man ihrer nicht bedürfen; und erst am Ostertage, beinahe eine Woche nach der Ankunft der Herren, wurden sie durch eine solche Aufmerksamkeit beehrt, und da wurden sie lediglich beim Verlassen der Kirche aufgefordert, am Abend dorthin zu kommen. In der letzten Woche hatten sie sowohl Lady Catherine als ihre Tochter nur sehr wenig gesehen. Colonel Fitzwilliam war während dieser Zeit mehr als einmal im Pfarrhause gewesen, Mr. Darcy aber hatten sie nur in der Kirche gesehen.

Die Einladung wurde natürlich angenommen, und zur passenden Stunde gesellten sie sich zu der Gesellschaft im Salon Lady Catherines. Ihre Ladyship empfing sie höflich, doch war deutlich zu merken, daß ihre Gesellschaft bei weitem nicht so willkommen war, wie wenn sie niemand anders hätte haben können; und sie war tatsächlich fast ganz von ihren Neffen in Anspruch genommen, mit denen sie, zumal mit Darcy, weit mehr sprach als mit irgendeiner anderen Person im Zimmer.

Colonel Fitzwilliam schien sich wirklich zu freuen, sie zu sehen; alles war ihm in Rosings eine willkommene Abwechslung; und überdies hatte Mrs. Collins' hübsche Freundin es ihm sehr angetan. Er setzte sich nun neben sie und sprach so angenehm über Kent und Hertfordshire, über Reisen und Zuhausesein, über neue Bücher und Musik, daß Elizabeth in diesem Zimmer nie zuvor halb so gut unterhalten worden war; und sie unterhielten sich mit soviel Geist und Lebhaftigkeit, daß sie Lady Catherines eigene Aufmerksamkeit ebenso erregten wie diejenige Mr. Darcys. Dessen Augen hatten sich bald und wiederholt mit einem Blick der Neugier zu ihnen gewandt; und daß Ihre Ladyship nach einer Weile diese Empfindung teilte, wurde noch offener kund, denn sie trug kein Bedenhen, laut zu rufen:

„Was sagst du da, Fitzwilliam? Worüber sprichst du? Was erzählst du Miss Bennet? Laßt mich hören, was es ist.“ „Wir sprachen über Musik, Ma'am,“ sagte er, als er einer Antwort nicht länger ausweichen konnte. „Über Musik! Dann rede doch bitte laut. Es ist von allen Gegenständen meine Liebhaberei. Ich muß meinen Anteil an der Unterhaltung haben, wenn ihr über Musik sprecht. Es gibt wenige Menschen in England, die, denke ich, wahreren Musikgenuß haben als ich, oder einen besseren natürlichen Geschmack. Hätte ich je gelernt, ich wäre eine große Meisterin geworden. Und Anne wäre es auch, wenn ihre Gesundheit ihr erlaubt hätte, sich daran zu geben. Ich bin überzeugt, sie würde entzückend gespielt haben. Wie geht es Georgiana, Darcy?“ Mr. Darcy sprach mit liebevollem Lobe über das Fortschreiten seiner Schwester. „Es freut mich sehr, so Gutes von ihr zu hören,“ sagte Lady Catherine, „und bitte, richte ihr von mir aus, daß sie auf Vollkommenheit nicht rechnen darf, wenn sie nicht sehr viel übt.“ „Ich versichere Ihnen, Ma'am,“ erwiderte er, „sie bedarf eines solchen Rates nicht. Sie übt sehr fleißig.“ „Desto besser. Man kann es nie zu viel tun; und wenn ich ihr das nächste Mal schreibe, will ich ihr auftragen, es unter keinen Umständen zu versäumen. Ich sage jungen Damen oft, daß keine Vollkommenheit in der Musik ohne beständiges Üben zu erlangen ist. Ich habe Miss Bennet schon mehrere Male gesagt, sie werde nie wirklich gut spielen, wenn sie nicht mehr übe; und obgleich Mrs. Collins kein Instrument besitzt, so ist sie, wie ich ihr oft gesagt habe, doch in Rosings alle Tage willkommen, um in Mrs. Jenkinsons Zimmer auf dem Pianoforte zu spielen. Sie würde niemand im Wege sein, wißt ihr, in jenem Teile des Hauses.“ Mr. Darcy schien sich der schlechten Erziehung seiner Tante ein wenig zu schämen und gab keine Antwort. Als der Kaffee beendet war, erinnerte Colonel Fitzwilliam Elizabeth an ihr Versprechen, ihm etwas vorzuspielen; und sie setzte sich sogleich an das Instrument. Er rückte einen Stuhl in ihre Nähe. Lady Catherine hörte einem halben Liede zu und sprach dann wie vorher mit ihrem anderen Neffen; bis dieser sich von ihr entfernte und mit seiner gewohnten Bedächtigkeit gegen das Pianoforte hin bewegte, wo er sich so aufstellte, daß er den vollen Anblick der holden Spielerin hatte. Elizabeth bemerkte, was er bezweckte, und wandte sich bei der ersten passenden Pause mit einem schelmischen Lächeln zu ihm und sagte:

„Sie wollen mich erschrecken, Mr. Darcy, indem Sie in aller dieser Würde kommen, um mich zu hören. Aber ich werde mich nicht einschüchtern lassen, obgleich Ihre Schwester so vortrefflich spielt. Ich habe eine gewisse Hartnäckigkeit, die es nie ertragen kann, sich vom Willen anderer einschüchtern zu lassen. Mein Mut steigt mit jedem Versuche, mich zu schrecken.“

„Ich will nicht sagen, daß Sie sich irren,“ erwiderte er, „denn Sie können unmöglich glauben, daß ich die Absicht habe, Ihnen Furcht einzujagen; und ich kenne Sie lange genug, um zu wissen, daß es Ihnen großes Vergnügen macht, gelegentlich Meinungen zu vertreten, die in Wahrheit nicht die Ihrigen sind.“

Elizabeth lachte herzlich über dieses Bild ihrer selbst und sagte zu Colonel Fitzwilliam: „Ihr Vetter wird Ihnen eine sehr hübsche Vorstellung von mir geben und Sie lehren, mir kein Wort zu glauben. Ich habe das besondere Mißgeschick, in einem Winkel der Welt jemanden anzutreffen, der so gut imstande ist, meinen wahren Charakter aufzudecken, wo ich doch gehofft hatte, mit einigem Anstand zu bestehen. In der Tat, Mr. Darcy, es ist sehr wenig großmütig von Ihnen, alles zu erwähnen, was Sie in Hertfordshire zu meinem Nachteil wußten – und erlauben Sie mir, es auch sehr unklug zu nennen – denn Sie reizen mich zur Vergeltung, und es könnten Dinge ans Licht kommen, die Ihre Verwandten schockieren würden, sie zu hören.“

„Ich fürchte mich nicht vor Ihnen,“ sagte er lächelnd.

„Bitte, lassen Sie mich erfahren, was Sie ihm vorzuwerfen haben,“ rief Colonel Fitzwilliam. „Ich möchte gern wissen, wie er sich unter Fremden beträgt.“

„Sie sollen es hören – aber halten Sie sich auf etwas Schreckliches gefaßt. Das erste Mal, daß ich ihn in Hertfordshire sah, müssen Sie wissen, war auf einem Ball – und was, glauben Sie, tat er auf diesem Ball? Er tanzte nur vier Tänze! Es tut mir leid, Sie zu kränken, aber so war es. Er tanzte nur vier Tänze, obwohl Herren rar waren; und, wie ich gewiß weiß, saß mehr als eine junge Dame da und wartete auf einen Partner. Mr. Darcy, Sie können die Tatsache nicht leugnen.“

„Ich hatte zu jener Zeit nicht die Ehre, eine Dame in der Gesellschaft außerhalb meiner eigenen Gruppe zu kennen.“

„Richtig; und auf einem Ball kann man niemandem vorgestellt werden. Nun, Colonel Fitzwilliam, was spiele ich als nächstes? Meine Finger warten auf Ihre Befehle.“

„Vielleicht,“ sagte Darcy, „hätte ich besser gehandelt, wenn ich mich hätte vorstellen lassen; aber ich bin schlecht geeignet, mich Fremden zu empfehlen.“

„Sollen wir Ihren Vetter nach dem Grunde davon fragen?“ sagte Elizabeth, noch immer an Colonel Fitzwilliam gewandt. „Sollen wir ihn fragen, warum ein Mann von Verstand und Bildung, der in der Welt gelebt hat, schlecht geeignet ist, sich Fremden zu empfehlen?“

„Ich kann Ihre Frage beantworten,“ sagte Fitzwilliam, „ohne mich an ihn zu wenden. Es ist, weil er sich nicht die Mühe geben will.“

„Ich besitze gewiß nicht das Talent, das manche Leute haben,“ sagte Darcy, „mich mit jemandem, den ich nie zuvor gesehen habe, ungezwungen zu unterhalten. Ich kann ihren Gesprächston nicht treffen, noch ihr Wesen mit Interesse betrachten, wie ich es oft andere tun sehe.“

„Meine Finger,“ sagte Elizabeth, „bewegen sich nicht in der meisterhaften Art über dieses Instrument, wie ich es bei so vielen Frauen sehe. Sie haben nicht deren Kraft und Schnelligkeit und bringen nicht denselben Ausdruck hervor. Aber ich habe mir dies stets als eigene Schuld zugerechnet – weil ich mir nicht die Mühe geben wollte, zu üben. Nicht etwa, weil ich nicht glaubte, meine Finger seien so fähig wie die jeder anderen Frau zu hervorragender Ausführung.“

Darcy lächelte und sagte: „Sie haben vollkommen recht. Sie haben Ihre Zeit viel besser genutzt. Niemand, dem das Vorrecht zuteil wird, Sie zu hören, könnte etwas vermissen. Wir beide spielen nicht für Fremde.“

Hier wurden sie von Lady Catherine unterbrochen, die herüberrief, um zu erfahren, wovon sie sprächen. Elizabeth begann sofort wieder zu spielen. Lady Catherine trat näher und sagte, nachdem sie einige Minuten zugehört hatte, zu Darcy:—

„Miss Bennet würde gar nicht übel spielen, wenn sie mehr übte und die Vorteile eines Londoner Lehrers hätte. Sie hat eine sehr gute Anschauung vom Fingersatz, obwohl ihr Geschmack dem von Anne nicht gleichkommt. Anne wäre eine entzückende Ausführerin gewesen, wenn ihre Gesundheit ihr erlaubt hätte zu lernen.“

Elizabeth sah Darcy an, um zu beobachten, wie herzlich er dem Lobe seiner Cousine beistimmte; aber weder in jenem Augenblick noch zu irgendeiner anderen konnte sie ein Zeichen von Liebe entdecken; und aus seinem ganzen Betragen gegen Miss De Bourgh zog sie diesen Trost für Miss Bingley, daß er sich ebensogut hätte entschließen können, sie zu heiraten, wäre sie seine Verwandte gewesen.

Lady Catherine fuhr in ihren Bemerkungen über Elizabeths Spiel fort und mengte viele Anweisungen über Ausführung und Geschmack darein. Elizabeth hörte sie mit aller Höflichkeit und Geduld an; und auf Bitten der Herren blieb sie am Instrument, bis der Wagen Ihrer Ladyschaft bereitstand, sie alle nach Hause zu bringen.

KAPITEL XXXII.

Elizabeth saß am nächsten Morgen allein und schrieb an Jane, während Mrs. Collins und Maria in Geschäften ins Dorf gegangen waren, als sie durch ein Klingeln an der Tür aufgeschreckt wurde, dem sicheren Zeichen eines Besuchers. Da sie keinen Wagen gehört hatte, dachte sie, es könnte leicht Lady Catherine sein; und in dieser Besorgnis war sie im Begriff, ihren halb vollendeten Brief wegzulegen, um allen unverschämten Fragen zu entgehen, als die Tür sich öffnete und zu ihrer großen Überraschung Mr. Darcy, und Mr. Darcy allein, ins Zimmer trat.

Auch er schien erstaunt, sie allein zu finden, und entschuldigte sich für sein Eindringen, indem er ihr mitteilte, er habe geglaubt, alle Damen seien zu Hause.

Dann setzten sie sich, und als ihre Erkundigungen nach Rosings abgeschlossen waren, schien die Gefahr zu bestehen, daß völliges Schweigen eintrete. Es war daher durchaus nötig, sich etwas einfallen zu lassen; und da sie sich in dieser Verlegenheit erinnerte, wann sie ihn zuletzt in Hertfordshire gesehen hatte, und neugierig war, was er über den Gegenstand ihrer plötzlichen Abreise sagen würde, bemerkte sie:—

„Wie plötzlich Sie alle im vergangenen November Netherfield verlassen haben, Mr. Darcy! Es muß für Mr. Bingley eine höchst angenehme Überraschung gewesen sein, Sie alle so bald nach ihm zu sehen; denn wenn ich mich recht erinnere, reiste er erst am Tage zuvor ab. Er und seine Schwestern waren wohlauf, als Sie London verließen, wie ich hoffe?“

„Vollkommen, ich danke Ihnen.“

Sie fand, daß sie keine andere Antwort erhalten sollte; und nach kurzem Schweigen fügte sie hinzu:—

„Ich glaube, ich habe gehört, daß Mr. Bingley kaum die Absicht hat, jemals wieder nach Netherfield zurückzukehren?“

„Ich habe ihn nie sagen hören, daß er es vorhat; aber wahrscheinlich wird er in Zukunft nur sehr wenig Zeit dort verbringen. Er hat viele Freunde, und er ist in einem Alter, in dem Freunde und Verpflichtungen beständig zunehmen.“

„Wenn er nur wenig in Netherfield zu sein gedenkt, wäre es für die Nachbarschaft besser, er gäbe ihn ganz auf, denn dann könnten wir möglicherweise eine ansässige Familie dort bekommen. Aber vielleicht hat Mr. Bingley das Haus weniger der Bequemlichkeit der Nachbarschaft als seiner eigenen wegen genommen, und wir müssen erwarten, daß er es nach demselben Grundsatz behält oder aufgibt.“

„Es sollte mich nicht wundern,“ sagte Darcy, „wenn er es aufgäbe, sobald sich ein passender Ankauf bietet.“

Elizabeth antwortete nicht. Sie fürchtete sich, länger von seinem Freunde zu sprechen; und da sie nichts anderes zu sagen hatte, beschloß sie nun, ihm die Mühe zu überlassen, einen Gegenstand zu finden.

Er verstand den Wink und begann bald mit: „Dies scheint ein sehr behagliches Haus zu sein. Lady Catherine hat, wie ich glaube, viel daran getan, als Mr. Collins zuerst nach Hunsford kam.“

„Ich glaube, das hat sie – und ich bin sicher, sie hätte ihre Güte keinem dankbareren Gegenstande zuwenden können.“

„Mr. Collins scheint sehr glücklich in seiner Wahl einer Frau zu sein.“

„Ja, in der Tat; seine Freunde können sich wahrhaftig glücklich schätzen, daß er eine der wenigen vernünftigen Frauen getroffen hat, die ihn genommen hätten oder imstande gewesen wären, ihn glücklich zu machen. Meine Freundin hat einen ausgezeichneten Verstand – obwohl ich nicht sicher bin, ob ich ihre Heirat mit Mr. Collins für das Klügste halte, was sie je getan hat. Indessen scheint sie vollkommen glücklich; und, in kluger Hinsicht, ist es gewiß eine sehr gute Partie für sie.“

„Es muß ihr sehr angenehm sein, so bequem in der Nähe ihrer eigenen Familie und ihrer Freunde wohnen zu können.“

„Eine bequeme Entfernung, sagen Sie? Es sind beinahe fünfzig Meilen.“

„Und was sind fünfzig Meilen auf guter Straße? Wenig mehr als eine halbe Tagereise. Jawohl, ich nenne es eine sehr bequeme Entfernung.“

„Ich hätte die Entfernung nie zu den Vorteilen der Verbindung gerechnet,“ rief Elizabeth. „Ich hätte nie gesagt, Mrs. Collins sei in der Nähe ihrer Familie ansässig geworden.“

„Es ist ein Beweis Ihrer eigenen Anhänglichkeit an Hertfordshire. Alles jenseits der nächsten Umgebung von Longbourn würde Ihnen vermutlich weit vorkommen.“

Während er sprach, zeigte sich eine Art Lächeln, das Elizabeth, wie sie meinte, verstand; er mußte annehmen, sie denke an Jane und Netherfield, und sie errötete, als sie erwiderte:—

„Ich will damit nicht sagen, daß eine Frau nicht zu nahe bei ihrer Familie wohnen könne. Das Ferne und das Nahe muß relativ sein und von vielen veränderlichen Umständen abhängen. Wo ein Vermögen vorhanden ist, das die Kosten des Reisens unbedeutend macht, wird Entfernung kein Übel. Aber das ist hier nicht der Fall. Mr. und Mrs. Collins haben ein bequemes Einkommen, aber keines, das häufige Reisen erlaubte – und ich bin überzeugt, meine Freundin würde sich nicht in der Nähe ihrer Familie wohnend nennen, wenn die Entfernung nicht mindestens halb so groß wäre wie die jetzige.“

Mr. Darcy rückte seinen Stuhl etwas näher zu ihr und sagte: „Sie können kein Recht auf eine so starke Anhänglichkeit an den Ort haben. Sie können nicht immer in Longbourn gewesen sein.“

Elizabeth sah überrascht aus. Der Herr erfuhr eine gewisse Gefühlswandlung; er zog seinen Stuhl zurück, nahm eine Zeitung vom Tisch und sagte, indem er sie flüchtig überflog, mit kühlerer Stimme:—

„Gefällt Ihnen Kent?“

Ein kurzer Wortwechsel über das Land entspann sich, auf beiden Seiten ruhig und kurz – und wurde bald durch das Eintreten Charlottes und ihrer Schwester beendet, die soeben von ihrem Spaziergange zurückkehrten. Das tête-à-tête überraschte sie. Mr. Darcy erzählte von dem Mißverständnis, das seinen Überfall auf Miss Bennet veranlaßt hatte, und ging, nachdem er noch wenige Minuten dagesessen hatte, ohne viel zu jemandem zu sagen, fort.

„Was kann dies bedeuten?“ sagte Charlotte, sobald er gegangen war. „Meine liebe Eliza, er muß verliebt in dich sein, oder er hätte uns nie in dieser vertraulichen Weise besucht.“

Als Elizabeth aber von seinem Schweigen erzählte, schien es selbst Charlottes Wünschen wenig wahrscheinlich, daß dies der Fall sei; und nach mancherlei Vermutungen konnten sie zuletzt nur annehmen, daß sein Besuch von der Schwierigkeit herrühre, etwas zu tun zu finden, was um so wahrscheinlicher war, da die Jahreszeit es mit sich brachte. Alle Vergnügungen im Freien waren vorüber. Im Hause gab es Lady Catherine, Bücher und einen Billardtisch; aber Herren können nicht immer im Hause bleiben; und in der Nähe des Pfarrhauses, oder in der Annehmlichkeit des Weges dorthin, oder der Leute, die darin wohnten, fanden die beiden Vettern von dieser Zeit an eine Versuchung, fast täglich hinüberzuwandern. Sie kamen zu verschiedenen Morgenstunden, bald einzeln, bald zusammen, und zuweilen von ihrer Tante begleitet. Allen war klar, daß Colonel Fitzwilliam kam, weil er ihre Gesellschaft liebte, eine Überzeugung, die ihn natürlich noch mehr empfahl; und Elizabeth wurde durch ihre eigene Freude an seinem Umgang, sowie durch seine offenbare Bewunderung, an ihren früheren Liebling, George Wickham, erinnert; und obwohl sie beim Vergleiche bemerkte, daß in Colonel Fitzwilliams Manieren weniger anziehende Sanftheit lag, glaubte sie doch, daß er den besser unterrichteten Verstand haben möge.

Aber warum Mr. Darcy so oft ins Pfarrhaus kam, war schwerer zu verstehen. Es konnte nicht der Gesellschaft wegen sein, da er dort oft zehn Minuten hintereinander saß, ohne den Mund aufzumachen; und wenn er sprach, schien es eher die Wirkung der Notwendigkeit als der Wahl – ein Opfer der Schicklichkeit, nicht ein Vergnügen für ihn selbst. Er erschien selten wirklich lebhaft. Mrs. Collins wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte. Daß Colonel Fitzwilliam zuweilen über seine Stumpfheit lachte, bewies, daß er im allgemeinen anders war, was ihre eigene Kenntnis von ihm ihr nicht hätte sagen können; und da sie gern geglaubt hätte, diese Veränderung sei die Wirkung der Liebe, und der Gegenstand dieser Liebe ihre Freundin Eliza, machte sie sich ernstlich daran, es herauszubringen: sie beobachtete ihn, sooft sie in Rosings waren, und sooft er nach Hunsford kam; aber ohne großen Erfolg. Er sah ihre Freundin gewiß viel an, aber der Ausdruck dieses Blickes war streitig. Es war ein ernster, stetiger Blick, aber sie zweifelte oft, ob viel Bewunderung darin lag, und zuweilen schien er nichts als Geistesabwesenheit.

Sie hatte Elizabeth ein- oder zweimal die Möglichkeit angedeutet, daß er ihr geneigt sein könnte, aber Elizabeth lachte stets über die Idee; und Mrs. Collins hielt es nicht für richtig, den Gegenstand weiter zu verfolgen, aus Furcht, Erwartungen zu erregen, die nur in Enttäuschung enden möchten; denn nach ihrer Meinung litt es keinen Zweifel, daß alle Abneigung ihrer Freundin verschwinden würde, wenn sie sich vorstellen könnte, er sei in ihrer Gewalt.

In ihren freundlichen Entwürfen für Elizabeth plante sie zuweilen deren Heirat mit Colonel Fitzwilliam. Er war, über allen Vergleich, der angenehmste Mann: er bewunderte sie gewiß, und seine Lebensstellung war höchst wünschenswert; aber, um diese Vorzüge aufzuwiegen, hatte Mr. Darcy beträchtlichen Einfluß in der Kirche, und sein Vetter konnte gar keinen haben.

KAPITEL XXXIII.

Mehr als einmal begegnete Elizabeth auf ihren Spaziergängen im Park unerwartet Mr. Darcy. Sie empfand die ganze Widersinnigkeit des Mißgeschicks, das ihn gerade dorthin führte, wo sonst niemand hingebracht wurde; und um zu verhüten, daß es je wieder geschähe, beeilte sie sich, ihm gleich anfangs mitzuteilen, daß dies ein Lieblingsaufenthalt von ihr sei. Wie es also ein zweites Mal geschehen konnte, war sehr sonderbar! Und doch geschah es, und sogar ein drittes Mal. Es schien wie absichtliche Bösartigkeit oder freiwillige Buße; denn bei diesen Gelegenheiten war es nicht bloß ein paar förmlicher Erkundigungen, einer verlegenen Pause und dann das Fortgehen, sondern er fand es tatsächlich nötig, umzukehren und mit ihr zu gehen. Er sagte nie viel, noch gab sie sich die Mühe, viel zu reden oder zuzuhören; aber es fiel ihr bei ihrer dritten Begegnung auf, daß er einige seltsame, zusammenhanglose Fragen stellte – über ihr Vergnügen daran, in Hunsford zu sein, über ihre Liebe zu einsamen Spaziergängen und über ihre Meinung von dem Glück des Mr. und Mrs. Collins; und als er von Rosings sprach und daß sie das Haus nicht ganz verstehe, schien er zu erwarten, daß sie, sooft sie wieder nach Kent komme, dort wohnen werde. Seine Worte schienen es anzudeuten. Konnte er dabei an Colonel Fitzwilliam denken? Sie vermutete, wenn er etwas meinte, müsse er auf etwas anspielen, das in jenem Viertel entstehen könnte. Es beunruhigte sie ein wenig, und sie war recht froh, als sie das Tor in den Pfählen gegenüber dem Pfarrhause erreichte.

Sie war eines Tages auf ihrem Spaziergange in das erneute Lesen von Janes letztem Briefe vertieft und bei einigen Stellen verweilend, die bewiesen, daß Jane nicht in gehobener Stimmung geschrieben hatte, als sie, statt abermals von Mr. Darcy überrascht zu werden, beim Aufblicken Colonel Fitzwilliam auf sich zukommen sah. Den Brief sogleich weglegend und ein Lächeln erzwingend, sagte sie:—

„Ich wußte vorher nicht, daß Sie je diesen Weg gehen.“

„Ich mache die Runde durch den Park,“ erwiderte er, „wie ich es gewöhnlich jedes Jahr tue, und gedachte sie mit einem Besuche im Pfarrhause zu schließen. Wollen Sie noch weiter gehen?“

„Nein, ich hätte mich im nächsten Augenblick umgewandt.“

Und demgemäß wandte sie sich um, und sie gingen zusammen nach dem Pfarrhause zu.

„Reisen Sie gewiß am Samstag von Kent ab?“ sagte sie.

„Ja – wenn Darcy es nicht wieder verschiebt. Aber ich stehe zu seiner Verfügung. Er ordnet die Geschäfte ganz nach seinem Belieben.“

„Und wenn er nicht imstande ist, sich selbst zu gefallen in der Anordnung, so hat er doch wenigstens großes Vergnügen an der Macht der Wahl. Ich kenne niemanden, der die Macht, zu tun, was ihm beliebt, mehr zu genießen scheint als Mr. Darcy.“

„Er hat es gern, seinen eigenen Willen zu haben,“ erwiderte Colonel Fitzwilliam. „Aber das wollen wir alle. Es ist nur, daß er bessere Mittel hat, ihn durchzusetzen, als viele andere, weil er reich ist und viele andere arm sind. Ich spreche aus Erfahrung. Ein jüngerer Sohn, wissen Sie, muß sich an Selbstverleugnung und Abhängigkeit gewöhnen.“

„Meiner Meinung nach kann der jüngere Sohn eines Grafen von beiden sehr wenig wissen. Nun, ernsthaft, was haben Sie je von Selbstverleugnung und Abhängigkeit erfahren? Wann sind Sie je durch Geldmangel abgehalten worden, irgendwohin zu gehen, wohin Sie wollten, oder irgend etwas zu erlangen, wonach Ihnen der Sinn stand?“

„Das sind sehr persönliche Fragen – und vielleicht kann ich nicht behaupten, daß ich viele Entbehrungen dieser Art erfahren habe. Aber in Angelegenheiten von größerer Wichtigkeit mag ich unter dem Mangel an Geld leiden. Jüngere Söhne können nicht heiraten, wen sie wollen.“

„Außer wenn sie Frauen mit Vermögen wollen, was sie, wie ich glaube, sehr häufig tun.“

„Unsere Gewohnheiten, viel auszugeben, machen uns zu abhängig, und es gibt nicht viele in meinem Stande, die es sich leisten könnten, ohne einige Rücksicht auf das Geld zu heiraten.“

„Ist dies,“ dachte Elizabeth, „auf mich gemünzt?“ und sie errötete bei dem Gedanken; aber, sich erholend, sagte sie in lebhaftem Tone: „Und, bitte, was ist der übliche Preis eines jüngeren Sohnes eines Grafen? Wenn der ältere Bruder nicht sehr kränklich ist, denke ich, würden Sie nicht über fünfzigtausend Pfund fordern.“

Er antwortete ihr in demselben Ton, und das Gespräch verfiel. Um ein Schweigen zu unterbrechen, das ihn hätte vermuten lassen können, sie sei von dem Vorgefallenen betroffen, sagte sie bald danach:—

„Ich vermute, Ihr Vetter hat Sie hauptsächlich deshalb mit hierher gebracht, damit er jemand zu seiner Verfügung habe. Ich wundere mich, daß er nicht heiratet, um sich eine dauernde Bequemlichkeit dieser Art zu sichern. Aber vielleicht leistet seine Schwester für jetzt ebensoviel; und da sie ganz unter seiner Obhut steht, kann er mit ihr machen, was er will.“

„Nein,“ sagte Colonel Fitzwilliam, „das ist ein Vorteil, den er mit mir teilen muß. Ich bin mit ihm gemeinsam Vormund von Miss Darcy.“

„Wirklich? Und, bitte, was für ein Vormund sind Sie? Macht Ihre Mündel Ihnen viel Mühe? Junge Damen in ihrem Alter sind zuweilen etwas schwer zu lenken; und wenn sie den wahren Darcy-Geist hat, mag sie wohl ihren eigenen Willen haben wollen.“

Während sie sprach, bemerkte sie, daß er sie forschend ansah; und die Art, in der er sie sofort fragte, warum sie annehme, daß Miss Darcy ihnen wahrscheinlich Ungelegenheiten machen werde, überzeugte sie, daß sie auf irgendeine Weise der Wahrheit ziemlich nahegekommen war. Sie erwiderte sogleich:—

„Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich habe nie etwas Übles von ihr gehört; und ich wage zu behaupten, sie ist eines der lenkbarsten Geschöpfe der Welt. Sie ist eine sehr große Lieblingin bei einigen Damen meiner Bekanntschaft, Mrs. Hurst und Miss Bingley. Ich glaube, ich habe Sie sagen hören, daß Sie sie kennen.“

„Ich kenne sie ein wenig. Ihr Bruder ist ein angenehmer, gentlemanlike Mann – er ist ein großer Freund Darrys.“

„O ja,“ sagte Elizabeth trocken, „Mr. Darcy ist außerordentlich gütig gegen Mr. Bingley und nimmt sich seiner ganz ungemein an.“

„Nimmt sich seiner an! Ja, ich glaube wirklich, Darcy nimmt sich seiner in den Punkten an, worin er der Fürsorge am meisten bedarf. Aus etwas, das er mir auf unserer Herreise erzählte, habe ich Grund zu glauben, daß Bingley ihm sehr zu Dank verpflichtet ist. Aber ich müßte ihn um Verzeihung bitten, denn ich habe kein Recht, vorauszusetzen, daß Bingley die gemeinte Person war. Es war alles nur Vermutung.“

„Was meinen Sie damit?“

„Es ist ein Umstand, den Darcy natürlich nicht allgemein bekannt wünschen kann, denn wenn es zur Familie der Dame gelangte, wäre es eine unangenehme Sache.“

„Sie können sich darauf verlassen, daß ich es nicht erwähne.“

„Und bedenken Sie, daß ich wenig Grund habe zu vermuten, daß es Bingley gewesen sei. Was er mir erzählte, war nur dies: daß er sich Glück wünsche, kürzlich einen Freund vor den Unannehmlichkeiten einer höchst unbesonnenen Heirat bewahrt zu haben, ohne jedoch Namen oder sonstige Einzelheiten zu nennen; und ich vermutete nur, es sei Bingley, weil ich glaubte, er sei der Art junger Mann, die sich in eine solche Klemme zu bringen, und weil ich wußte, daß sie den ganzen letzten Sommer zusammen gewesen waren.“

„Gab Mr. Darcy Ihnen seine Gründe für diese Einmischung an?“

„Ich verstand, daß es einige sehr gewichtige Einwände gegen die Dame gab.“

„Und welche Mittel wandte er an, sie zu trennen?“

„Er sprach nicht zu mir von seinen Mitteln,“ sagte Fitzwilliam lächelnd. „Er sagte mir nur, was ich Ihnen jetzt erzählt habe.“

Elizabeth gab keine Antwort und ging weiter, ihr Herz schwoll von Empörung. Nachdem er ihr eine Weile zugesehen hatte, fragte Fitzwilliam sie, warum sie so nachdenklich sei.

„Ich denke über das nach, was Sie mir erzählt haben,“ sagte sie. „Das Benehmen Ihres Vetters entspricht nicht meinen Empfindungen. Warum sollte er der Richter sein?“

„Sie sind eher geneigt, seine Einmischung aufdringlich zu nennen?“

„Ich sehe nicht, welches Recht Mr. Darcy hatte, über die Schicklichkeit der Neigung seines Freundes zu entscheiden; oder warum er nach eigenem Gutdünken allein bestimmen und vorschreiben sollte, auf welche Weise jener Freund glücklich zu sein habe. Doch,“ fuhr sie fort, sich besinnend, „da wir keine Einzelheiten kennen, ist es nicht fair, ihn zu verurteilen. Es ist nicht anzunehmen, daß viel Zuneigung im Spiele war.“

„Das ist keine unnatürliche Vermutung,“ sagte Fitzwilliam; „aber es mindert die Ehre vom Triumph meines Vetters beträchtlich.“

Dies war scherzhaft gesprochen, aber es schien ihr ein so getreues Bild von Mr. Darcy, daß sie sich keine Antwort zutraute; und so wechselte sie plötzlich das Gespräch und redete über gleichgültige Dinge, bis sie das Pfarrhaus erreichten. Dort, in ihr Zimmer eingeschlossen, sobald ihr Besucher sie verlassen hatte, konnte sie ungestört über all das nachdenken, was sie gehört hatte. Es war nicht anzunehmen, daß andere Leute gemeint seien als jene, mit denen sie verwandt war. Es konnten in der Welt nicht zwei Männer existieren, über die Mr. Darcy einen solch grenzenlosen Einfluß hatte. Daß er an den Maßnahmen beteiligt gewesen war, die Mr. Bingley und Jane trennten, hatte sie nie bezweifelt; aber sie hatte stets Miss Bingley den hauptsächlichen Entwurf und die Anordnung derselben zugeschrieben. Wenn jedoch seine Eitelkeit ihn nicht irreleitete, so war er die Ursache — sein Stolz und seine Launen waren die Ursache — von allem, was Jane gelitten hatte und noch immer litt. Er hatte für eine Weile jede Hoffnung auf Glück für das liebevollste, großmütigste Herz der Welt zunichte gemacht; und niemand konnte sagen, welches dauernde Übel er vielleicht zugefügt hatte.

„Es gab einige sehr gewichtige Einwände gegen die Dame,“ waren Colonel Fitzwilliams Worte; und diese gewichtigen Einwände bestanden wahrscheinlich darin, daß sie einen Onkel hatte, der ein Landanwalt war, und einen anderen, der in London ein Geschäft betrieb.

„Gegen Jane selbst,“ rief sie aus, „konnte es keinen Einwand geben — die ganze Lieblichkeit und Güte, die sie ist! Ihr Verstand vortrefflich, ihr Geist gebildet, und ihre Manieren bezaubernd. Ebenso konnte nichts gegen meinen Vater vorgebracht werden, der, obgleich mit einigen Eigenheiten, Fähigkeiten besitzt, die Mr. Darcy selbst nicht verachten müßte, und achtbaren Stand, den er wahrscheinlich nie erreichen wird.“ Als sie an ihre Mutter dachte, allerdings, wich ihre Zuversicht ein wenig; aber sie wollte nicht gelten lassen, daß irgendwelche Einwände dort bei Mr. Darcy entscheidend wogen, dessen Stolz, wie sie überzeugt war, eine tiefere Wunde durch die mangelnde Bedeutung der Verbindungen seines Freundes erhielte als durch deren mangelnden Verstand; und sie war zuletzt ganz entschieden, daß er teils von dieser schlimmsten Art von Stolz geleitet worden war, teils von dem Wunsch, Mr. Bingley für seine Schwester zu erhalten.

Die Aufregung und die Tränen, welche der Gegenstand verursachte, brachten Kopfschmerzen hervor; und es verschlimmerte sich gegen Abend so sehr, daß, verbunden mit ihrer Abneigung, Mr. Darcy zu sehen, sie entschloß, ihre Kusinen nicht nach Rosings zu begleiten, wo diese zum Tee eingeladen waren. Mrs. Collins, da sie sah, daß sie wirklich unwohl war, drängte sie nicht zu gehen und hinderte, soweit möglich, ihren Mann, sie zu drängen; aber Mr. Collins konnte seine Besorgnis verhehlen, daß Lady Catherine über ihr Zuhausebleiben eher ungehalten sein könnte.

DREISSIGSTES KAPITEL.

Als sie fort waren, wählte Elizabeth, als wollte sie sich selbst so sehr wie möglich gegen Mr. Darcy aufbringen, zur Beschäftigung die Durchsicht aller Briefe, die Jane ihr seit ihrem Aufenthalt in Kent geschrieben hatte. Sie enthielten keine eigentliche Klage, noch fand sich eine Wiederaufnahme vergangener Vorfälle oder irgendeine Mitteilung gegenwärtigen Leidens. Aber in allen, und in beinahe jeder Zeile jedes einzelnen, fehlte jene Heiterkeit, die sonst ihren Stil kennzeichnete und die, hervorgegangen aus der Gelassenheit eines mit sich selbst im Einklang befindlichen und allen Menschen wohlgesinnten Gemüts, fast nie getrübt worden war. Elizabeth bemerkte jeden Satz, der eine Vorstellung von Unbehagen übermittelte, mit einer Aufmerksamkeit, die er bei der ersten Lesung kaum erfahren hatte. Mr. Darcys schändliches Prahlen damit, welches Elend er hatte zufügen können, schärfte ihr das Gefühl für das Leiden ihrer Schwester. Es war ein kleiner Trost zu denken, daß sein Besuch in Rosings am übermorgigen Tage enden sollte, und ein noch größerer, daß sie in weniger als vierzehn Tagen selbst wieder bei Jane sein und, soweit es alle Zärtlichkeit vermochte, zur Erholung von deren Gemütsverfassung beitragen würde.

Sie konnte bei dem Gedanken an Darcys Abreise aus Kent nicht vergessen, daß sein Vetter mit ihm gehen sollte; aber Colonel Fitzwilliam hatte deutlich zu verstehen gegeben, daß er durchaus keine Absichten hatte, und so angenehm er auch war, gedachte sie nicht, ihretwegen unglücklich zu sein.

Während sie diesen Punkt bei sich festlegte, wurde sie plötzlich durch den Klang der Türglocke aufgeschreckt; und ihre Stimmung wurde ein wenig in Unruhe versetzt durch den Gedanken, es könnte Colonel Fitzwilliam selbst sein, der schon einmal spät am Abend gekommen war und nun vielleicht besonders nach ihr fragen wollte. Doch dieser Gedanke wurde bald verscheucht, und ihre Stimmung wurde ganz anders berührt, als sie zu ihrem größten Erstaunen Mr. Darcy ins Zimmer treten sah. In hastiger Weise begann er sofort eine Erkundigung nach ihrem Befinden und schrieb seinen Besuch dem Wunsch zu, zu hören, daß sie besser sei. Sie antwortete ihm mit kühler Höflichkeit. Er setzte sich für wenige Augenblicke, stand dann auf und ging im Zimmer auf und ab. Elizabeth war erstaunt, sagte aber kein Wort. Nach einem Schweigen von mehreren Minuten kam er in erregter Weise auf sie zu und begann folgendermaßen:—

„Vergebens habe ich gekämpft. Es will nicht gelingen. Meine Gefühle lassen sich nicht unterdrücken. Sie müssen mir erlauben, Ihnen zu sagen, wie innig ich Sie bewundere und liebe.“

Elisabeths Erstaunen war jenseits aller Beschreibung. Sie starrte, errötete, zweifelte und schwieg. Dies hielt er für hinreichende Ermutigung, und das Geständnis alles dessen, was er für sie empfand und lange empfunden hatte, folgte unmittelbar. Er sprach gut; aber es gab außer den Gefühlen des Herzens noch andere darzulegen, und er war nicht beredter in bezug auf Zärtlichkeit als auf Stolz. Sein Bewußtsein ihrer Unterlegenheit, davon, daß es eine Herabwürdigung sei, der Familienhindernisse, welche das Urteil stets der Neigung entgegengestellt hatte, wurde mit einer Wärme verweilt, die der Bedeutung zu gebühren schien, die er verletzte, aber sehr wenig geeignet war, seine Werbung empfehlenswert zu machen.

Trotz ihrer tief eingewurzelten Abneigung konnte sie nicht unempfindlich sein gegen das schmeichelhafte Zeichen der Zuneigung eines solchen Mannes, und obgleich ihre Absichten keinen Augenblick schwankten, bedauerte sie anfangs den Schmerz, den er empfangen sollte; bis sie, durch seine nachfolgenden Worte zum Zorn gereizt, alles Mitleid im Ärger verlor. Sie versuchte indessen, sich so weit zu fassen, um ihm mit Geduld zu antworten, wenn er geendet hätte. Er schloß damit, ihr die Stärke jener Neigung vorzustellen, die er trotz aller Bemühungen unmöglich zu besiegen gefunden habe; und mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß sie nun durch ihre Annahme seiner Hand belohnt werden möge. Als er dies sagte, konnte sie leicht sehen, daß er keinerlei Zweifel an einer günstigen Antwort hatte. Er sprach von Befürchtung und Bangigkeit, aber seine Miene verriet wirkliche Zuversicht. Ein solcher Umstand konnte sie nur noch mehr erbittern; und als er geendet hatte, stieg die Röte ihr ins Gesicht, und sie sagte:—

„In solchen Fällen ist es, wie ich glaube, die eingeführte Art, eine Dankbarkeit für die ausgesprochenen Empfindungen zu erkennen, so ungleich sie auch erwidert werden mögen. Es ist natürlich, daß Dankbarkeit empfunden wird, und könnte ich Dankbarkeit empfinden, so würde ich Ihnen jetzt danken. Aber ich kann es nicht — ich habe Ihre gute Meinung nie gewünscht, und Sie haben sie mir sicherlich nur höchst ungern geschenkt. Es tut mir leid, irgend jemandem Schmerz verursacht zu haben. Es ist jedoch ganz unbeabsichtigt geschehen, und ich hoffe, es wird nur von kurzer Dauer sein. Die Gefühle, die, wie Sie mir sagen, Sie so lange an der Äußerung Ihrer Zuneigung gehindert haben, werden, so darf man hoffen, nach dieser Erklärung keine große Schwierigkeit haben, sie zu überwinden.“

Mr. Darcy, der sich mit dem Rücken gegen den Kaminsims gelehnt hatte und sie mit unverwandten Augen ansah, schien ihre Worte mit nicht geringerem Groll als Erstaunen aufzufassen. Sein Teint wurde bleich vor Zorn, und die Bewegung seines Innersten war in jedem Zug sichtbar. Er kämpfte um den Anschein von Fassung und würde den Mund nicht öffnen, bis er glaubte, sie erlangt zu haben. Die Pause war für Elisabeths Gefühle entsetzlich. Endlich, mit einer Stimme erzwungener Ruhe, sagte er:—

„Und das ist die ganze Antwort, die ich die Ehre haben darf zu erwarten! Ich könnte vielleicht wünschen, zu erfahren, warum ich, bei so wenig Bemühen um Höflichkeit, auf diese Weise zurückgewiesen werde. Doch es ist von geringer Bedeutung.“

„Ebensogut könnte ich fragen,“ erwiderte sie, „warum Sie, bei so offenkundiger Absicht, mich zu kränken und zu beleidigen, mir sagten, daß Sie mich gegen Ihren Willen, gegen Ihre Vernunft und sogar gegen Ihren Charakter liebten? War dies nicht eine Entschuldigung für Unhöflichkeit, wenn ich unhöflich war? Doch ich habe andere Kränkungen. Sie wissen, daß ich welche habe. Wären nicht meine eigenen Gefühle gegen Sie entschieden gewesen, wären sie gleichgültig gewesen oder wären sie selbst günstig gewesen, glauben Sie, daß irgendeine Rücksicht mich versuchen könnte, den Mann anzunehmen, der das Glück einer innigst geliebten Schwester, vielleicht für immer, zerstört hat?“

Als sie diese Worte aussprach, wechselte Mr. Darcy die Farbe; aber die Bewegung war kurz, und er hörte, ohne sie zu unterbrechen, zu, während sie fortfuhr:—

„Ich habe allen Grund in der Welt, schlecht von Ihnen zu denken. Keine Beweggründe können den ungerechten und unedlen Teil entschuldigen, den Sie dabei gespielt haben. Sie wagen es nicht, Sie können es nicht leugnen, daß Sie das hauptsächlichste, wenn nicht das einzige Mittel gewesen sind, sie voneinander zu trennen, den einen dem Tadel der Welt wegen Launenhaftigkeit und Wankelmut auszusetzen, die andere ihrem Spott wegen getäuschter Hoffnungen, und beide in Elend der schmerzlichsten Art zu verwickeln.“

Sie hielt inne und sah mit nicht geringer Empörung, daß er mit einer Miene zuhörte, die bewies, daß er von keinem Gefühl der Reue im mindesten bewegt war. Er sah sie sogar mit einem Lächeln erheuchelter Ungläubigkeit an.

„Können Sie leugnen, daß Sie es getan haben?“ wiederholte sie.

Mit angenommener Gelassenheit antwortete er dann: „Ich habe durchaus nicht die Absicht zu leugnen, daß ich alles in meiner Macht Stehende getan habe, um meinen Freund von Ihrer Schwester zu trennen, oder daß ich mich über meinen Erfolg freue. Gegen ihn bin ich milder gewesen als gegen mich selbst.“

Elisabeth verschmähte es, den Anschein zu erwecken, als beachte sie diese höfliche Bemerkung, aber deren Sinn entging ihr nicht, noch war er geeignet, sie zu versöhnen.

„Doch nicht allein auf diese Sache,“ fuhr sie fort, „gründet sich meine Abneigung. Lange bevor sie sich ereignet hatte, war meine Meinung über Sie entschieden. Ihr Charakter entfaltete sich in der Erzählung, die ich vor vielen Monaten von Mr. Wickham erhielt. Was können Sie zu diesem Gegenstand vorbringen? Durch welche erdichtete Freundschaftstat können Sie sich hier verteidigen? oder unter welcher Entstellung können Sie hier andere täuschen?“

„Sie nehmen eifrigen Anteil an den Angelegenheiten jenes Herrn,“ sagte Darcy, in minder ruhigem Ton und mit gesteigerter Farbe.

„Wer, der weiß, was sein Unglück war, kann anders, als Anteil an ihm nehmen?“

„Sein Unglück?“ wiederholte Darcy verächtlich — „ja, sein Unglück war allerdings groß.“

„Und von Ihrer Zufügung,“ rief Elisabeth mit Nachdruck; „Sie haben ihn auf seinen jetzigen Stand der Armut — vergleichsweisen Armut — herabgebracht. Sie haben ihm die Vorteile vorenthalten, die, wie Sie wissen müssen, für ihn bestimmt waren. Sie haben die besten Jahre seines Lebens jener Unabhängigkeit beraubt, die sein Recht wie sein Verdienst war. Sie haben dies alles getan! und dennoch können Sie die Erwähnung seines Unglücks mit Verachtung und Spott behandeln.“

„Und dies,“ rief Darcy, während er mit schnellen Schritten quer durchs Zimmer ging, „ist Ihre Meinung von mir! Dies ist die Schätzung, in der Sie mich halten! Ich danke Ihnen, daß Sie es so ausführlich dargelegt haben. Meine Fehler sind nach dieser Rechnung wahr in der Ordnung schwer! Aber vielleicht,“ fügte er hinzu, im Gehen innehaltend und sich zu ihr wendend, „diese Vergehen mochten übersehen worden sein, wäre nicht Ihr Stolz durch mein ehrliches Bekenntnis der Bedenken verletzt worden, die mich so lange gehindert haben, irgendeinen ernsten Entschluß zu fassen. Diese bitteren Anschuldigungen mochten unterdrückt worden sein, hätte ich, mit mehr Klugheit, meine Kämpfe verborgen und Sie in den Glauben gewiegt, ich sei durch unbedingte, lautere Neigung getrieben worden; durch Vernunft, durch Überlegung, durch alles. Doch Verstellung jeder Art ist mir ein Greuel. Auch schäme ich mich der Gefühle nicht, die ich berichtete. Sie waren natürlich und gerecht. Konnten Sie von mir erwarten, daß ich mich über die Niedrigkeit Ihrer Verbindungen freue? — mich selbst zu der Aussicht auf Verwandte Glück wünschte, deren Lebensstellung so entschieden unter der meinigen steht?“

Elisabeth fühlte, daß sie mit jedem Augenblick zorniger wurde; dennoch bemühte sie sich aufs äußerste, mit Fassung zu sprechen, als sie sagte:—

„Sie irren sich, Mr. Darcy, wenn Sie annehmen, daß die Art Ihrer Erklärung mich in irgendeiner anderen Weise berührt hat, als daß sie mich der Sorge überhob, die ich vielleicht beim Zurückweisen empfunden hätte, hätten Sie sich als ein mehr gentleman-artiger Mann betragen.“

Sie sah, daß er bei diesem Wort zusammenzuckte; aber er sagte nichts, und sie fuhr fort:—

„Sie hätten mir das Angebot Ihrer Hand auf keine mögliche Weise machen können, die mich versucht hätte, es anzunehmen.“

Wiederum war sein Erstaunen offenkundig; und er sah sie mit einem Ausdruck vermischten Unglaubens und Kränkung an. Sie sprach weiter:—

„Vom allerersten Augenblick, ich darf fast sagen, meiner Bekanntschaft mit Ihnen an, haben Ihre Manieren, die mir die vollste Überzeugung von Ihrem Hochmut, Ihrer Einbildung und Ihrer selbstsüchtigen Verachtung der Gefühle anderer einflößten, jenen Grund der Mißbilligung gelegt, auf den die folgenden Ereignisse eine so unerschütterliche Abneigung aufgebaut haben; und ich kannte Sie keinen Monat, als ich fühlte, daß Sie der letzte Mann auf der Welt seien, den ich je zur Heirat bewogen werden könnte.“

„Sie haben zur Genüge gesagt, gnädige Frau. Ich begreife Ihre Gefühle vollkommen und habe mich jetzt nur für das zu schämen, was die meinigen waren. Verzeihen Sie, daß ich so viel von Ihrer Zeit in Anspruch genommen habe, und nehmen Sie meine besten Wünsche für Ihre Gesundheit und Ihr Glück.“

Und mit diesen Worten verließ er eilig das Zimmer, und Elisabeth hörte ihn im nächsten Augenblick die Haustür öffnen und das Haus verlassen. Der Aufruhr ihres Innern war nun schmerzhaft groß. Sie wußte nicht, wie sie sich aufrecht halten sollte, und sank, von wirklicher Schwäche überwältigt, nieder und weinte eine halbe Stunde lang. Ihr Erstaunen wuchs, sooft sie über das Vorgefallene nachdachte. Daß sie einen Heiratsantrag von Mr. Darcy erhalten sollte! daß er so viele Monate in sie verliebt gewesen sein sollte! so sehr verliebt, um sie heiraten zu wollen trotz all der Bedenken, die ihn verhindert hatten, daß sein Freund ihre Schwester heiratete, und die in seinem eigenen Falle mindestens mit gleicher Stärke erscheinen mußten, war beinahe unglaublich! es war schmeichelhaft, unbewußt eine so starke Zuneigung eingeflößt zu haben. Aber sein Stolz, sein abscheulicher Stolz, sein schamloses Eingeständnis dessen, was er in bezug auf Jane getan hatte, seine unverzeihliche Sicherheit, mit der er es, wenn er es auch nicht rechtfertigen konnte, anerkannte, und die gefühllose Art, mit der er Mr. Wickham erwähnte, dessen Grausamkeit gegen diesen er nicht einmal versucht hatte zu leugnen, überwanden bald das Mitleid, welches die Erwägung seiner Neigung einen Augenblick lang erregt hatte.

Sie verharrte in äußerst aufwühlenden Betrachtungen, bis der Klang von Lady Catherines Wagen ihr fühlen ließ, wie wenig sie gewachsen war, Charlottes Beobachtung standzuhalten, und sie eilig in ihr Zimmer scheuchte.

FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL.

Elisabeth erwachte am folgenden Morgen mit denselben Gedanken und Betrachtungen, die ihr endlich die Augen geschlossen hatten. Sie konnte sich von dem Erstaunen über das Geschehene noch nicht erholen: es war unmöglich, an etwas anderes zu denken; und, völlig zur Beschäftigung unlustig, beschloß sie bald nach dem Frühstück, sich Luft und Bewegung zu göönnen. Sie ging eben direkt auf ihren Lieblingsspaziergang zu, als die Erinnerung, daß Mr. Darcy dort bisweilen komme, sie aufhielt, und sie bog statt dessen in die Landstraße ein, die sie weiter von der Hauptstraße entfernte. Der Parkzaun bildete noch auf der einen Seite die Grenze, und bald ging sie durch eines der Tore in das Parkgelände hinein.

Nachdem sie zwei- oder dreimal jenen Teil der Landstraße auf und ab gegangen war, wurde sie durch die Annehmlichkeit des Morgens versucht, bei den Toren stehenzubleiben und in den Park zu blicken. Die fünf Wochen, die sie nun in Kent verbracht hatte, hatten in der Landschaft viel verändert, und jeder Tag vermehrte das Grün der frühen Bäume. Sie war im Begriff, ihren Spaziergang fortzusetzen, als sie einen Herrn in der Art Hain erblickte, der den Park säumte: er kam auf sie zu; und in der Furcht, es könnte Mr. Darcy sein, zog sie sich sofort zurück. Aber der Nahende war nun nahe genug, um sie zu sehen, und mit eifrigem Schritt vortretend sprach er ihren Namen aus. Sie hatte sich schon abgewendet; aber als sie sich so gerufen hörte, wenn auch in einer Stimme, die es als Mr. Darcy erwies, bewegte sie sich wieder dem Tor zu. Er hatte es inzwischen ebenfalls erreicht; und, indem er einen Brief hinhielt, den sie instinktiv nahm, sagte er mit einem Blick hochmütiger Gelassenheit: „Ich bin schon einige Zeit im Hain auf und ab gegangen in der Hoffnung, Sie zu treffen. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, diesen Brief zu lesen?“ und dann, mit einer leichten Verbeugung, wandte er sich wieder in die Pflanzung und war bald außer Sicht.

Ohne jede Erwartung von Vergnügen, aber mit der stärksten Neugier, öffnete Elisabeth den Brief und gewahrte zu ihrem noch wachsenden Erstaunen ein Couvert, das zwei vollständig in enger Schrift beschriebene Bogen Briefpapier enthielt. Das Couvert selbst war ebenfalls voll. Auf ihrem Weg die Landstraße entlang begann sie dann zu lesen. Er war von Rosings datiert, acht Uhr morgens, und lautete folgendermaßen:—

„Erschrecken Sie nicht, gnädige Frau, beim Empfang dieses Briefes durch die Befürchtung, er enthalte irgendwelche Wiederholung jener Empfindungen oder Erneuerung jener Anträge, die gestern abend Ihnen so unangenehm waren. Ich schreibe ohne jede Absicht, Ihnen Schmerz zuzufügen oder mich zu demütigen durch das Verweilen bei Wünschen, die, zum Glück für uns beide, nicht bald genug vergessen werden können; und die Anstrengung, welche die Abfassung und die Lesung dieses Briefes verursachen muß, wäre erspart worden, hätte nicht mein Charakter es erfordert, ihn zu schreiben und zu lesen. Sie müssen daher die Freiheit verzeihen, mit der ich Ihre Aufmerksamkeit fordere; Ihre Gefühle, ich weiß, werden sie ungern gewähren, aber ich fordere sie von Ihrer Gerechtigkeit.

„Sie haben mir in der vergangenen Nacht zwei Vergehen ganz verschiedener Art und von durchaus ungleichem Gewicht zur Last gelegt. Das zuerst erwähnte war, daß ich, ohne der Empfindungen eines von uns beiden zu achten, Mr. Bingley von Ihrer Schwester losgerissen habe; das andere, daß ich, trotz mannigfacher Ansprüche, trotz Ehre und Menschlichkeit, das unmittelbare Glück Mr. Wickshams zerstört und seine Aussichten vernichtet habe. Mit Willen und mutwillig den Gefährten meiner Jugend, den anerkannten Liebling meines Vaters, einen jungen Mann, der fast keine andere Stütze hatte als unser Wohlwollen und der dazu erzogen worden war, auf dessen Betätigung zu rechnen, von mir gestoßen zu haben — das wäre eine Verworfenheit, zu der die Trennung zweier jungger Leute, deren Neigung erst wenige Wochen alt sein konnte, in keinem Verhältnis stände. Gegen den Vorwurf jedoch, der mir gestern abend so freigebig wegen jedes einzelnen Umstandes zuteil wurde, hoffe ich für die Zukunft gesichert zu sein, sobald der folgende Bericht über meine Handlungen und deren Beweggründe gelesen sein wird. Wenn ich bei der Erklärung, die ich mir selbst schuldig bin, gezwungen sein sollte, Gefühle darzulegen, die den Ihren unangenehm sein mögen, so kann ich nur sagen, es tut mir leid. Die Notwendigkeit muß befolgt werden, und weitere Entschuldigung wäre töricht. Ich hatte mich nicht lange in Hertfordshire aufgehalten, als ich, wie jedermann, bemerkte, daß Bingley Ihrer älteren Schwester vor allen jungen Damen in der Gegend den Vorzug gab. Doch bis zum Abend des Balles in Netherfield hegte ich keinen Verdacht, daß er eine ernste Neigung fassen könnte. Ich hatte ihn oft verliebt gesehen. Auf jenem Balle, als ich die Ehre hatte, mit Ihnen zu tanzen, erfuhr ich erst durch Sir Williams Lucas’ zufällige Mitteilung, daß Bingleys Aufmerksamkeiten für Ihre Schwester allgemein die Erwartung einer Heirat erregt hatten. Er sprach davon als von einer ausgemachten Sache, deren Zeitpunkt nur noch unbestimmt sei. Von diesem Augenblick an beobachtete ich das Betragen meines Freundes aufmerksam; und ich konnte nun deutlich wahrnehmen, daß seine Zuneigung zu Miss Bennet alles übertraf, was ich je bei ihm gesehen hatte. Auch Ihre Schwester beobachtete ich. Ihr Blick und ihr Wesen waren offen, heiter und anziehend wie je, doch ohne jedes Zeichen besonderer Neigung; und ich blieb durch die Prüfung jenes Abends überzeugt, daß sie, so angenehm ihr seine Aufmerksamkeiten waren, diese doch nicht durch irgendeine Übereinstimmung der Empfindung erwiderte. Wenn Sie sich hierin nicht getäuscht haben, muß ich mich geirrt haben. Ihre genauere Kenntnis Ihrer Schwester macht das letztere wahrscheinlich. Wenn es sich so verhält, wenn ich durch solchen Irrtum ihr Schmerz zugefügt habe, so war Ihr Groll nicht unvernünftig. Allein ich trage kein Bedenken zu behaupten, daß die Heiterkeit in Miene und Haltung Ihrer Schwester von der Art war, daß sie auch dem scharfsichtigsten Beobachter die Überzeugung hätte geben können, daß ihr Herz, so liebenswürdig ihr Temperament auch sein mochte, doch nicht leicht zu rühren sei. Daß ich wünschte, sie für unempfänglich zu halten, ist gewiß; aber ich darf wohl sagen, daß meine Nachforschungen und Entscheidungen gewöhnlich nicht von meinen Hoffnungen oder Befürchtungen beeinflußt werden. Ich glaubte sie nicht unempfänglich, weil ich es wünschte; ich glaubte es aus unparteiischer Überzeugung, so wahrhaftig, wie ich es mit Grund wünschen konnte. Meine Einwände gegen die Heirat waren nicht bloß diejenigen, die ich gestern abend eingestandermaßen nur mit äußerster Anstrengung meiner Leidenschaft in meinem eigenen Falle hätte beiseite setzen können; der Mangel an Verbindung konnte für meinen Freund kein so großes Übel sein wie für mich. Allein es gab andere Ursachen des Widerwillens; Ursachen, die, obgleich noch bestehend und in beiden Fällen in gleichem Grade vorhanden, ich mir selbst aus dem Sinne zu schlagen versucht hatte, weil sie mir nicht unmittelbar vor Augen lagen. Diese Ursachen muß ich, wenn auch nur kurz, darlegen. Die Lage der Familie Ihrer Mutter war, obgleich anstößig, nichts im Vergleich zu dem völligen Mangel an Anstand, der so häufig, so beinahe ausnahmslos von ihr selbst, von Ihren drei jüngeren Schwestern und zuweilen sogar von Ihrem Vater an den Tag gelegt wurde — verzeihen Sie mir — es schmerzt mich, Sie zu kränken. Doch mitten in Ihrer Besorgnis wegen der Fehler Ihrer nächsten Angehörigen und Ihrem Unwillen über diese Schilderung mag es Ihnen zum Trost gereichen, wenn Sie bedenken, daß Ihr Betragen und das Ihrer ältesten Schwester euch beiden so allgemein zur Lobpreisung angerechnet wird, wie es für den Verstand und die Gesinnung beider ehrenvoll ist. Ich will nur noch hinzufügen, daß durch alles, was an jenem Abend vorging, meine Meinung von allen Beteiligten bestätigt und jeder Beweggrund verstärkt wurde, der mich vorher hätte bestimmen können, meinen Freund vor einer, wie ich es einschätzte, höchst unglücklichen Verbindung zu bewahren. Er verließ Netherfield am folgenden Tage nach London, wie Sie sich gewiß erinnern, in der Absicht, bald zurückzukehren. Der Anteil, den ich dabei nahm, ist nun darzulegen. Die Unruhe seiner Schwestern war in gleichem Grade erregt wie die meine; unsere Übereinstimmung in der Empfindung wurde bald entdeckt; und, gleichmäßig überzeugt, daß keine Zeit zu verlieren sei, ihren Bruder loszureißen, beschlossen wir kurz, uns unverzüglich zu ihm nach London zu begeben. Wir reisten also ab — und dort unterzog ich mich bereitwillig des Amtes, meinem Freunde die gewissen Übel einer solchen Wahl vorzustellen. Ich schilderte und drängte sie ihm ernstlich auf. Doch so sehr diese Vorstellung seine Entschließung ins Wanken gebracht oder verzögert haben mochte, so hätte sie, denke ich, die Heirat am Ende doch nicht verhindert, wäre sie nicht durch die Versicherung, die ich ihm ohne Zögern gab, von der Gleichgültigkeit Ihrer Schwester verstärkt worden. Er hatte vorher geglaubt, daß sie seine Neigung mit aufrichtiger, wenn auch nicht mit gleicher Zuneigung erwidere. Allein Bingley besitzt große natürliche Bescheidenheit und stützt sich mehr auf mein Urteil als auf sein eigenes. Ihn daher zu überzeugen, daß er sich selbst betrogen habe, war keine allzu schwierige Aufgabe. Ihn, nachdem diese Überzeugung einmal gewonnen war, vom Wiederkommen nach Hertfordshire abzubringen, war fast das Werk eines Augenblicks. Ich kann mir selbst wegen dieses meines Tuns keinen Vorwurf machen. Es gibt nur einen Teil meines Verhaltens in der ganzen Angelegenheit, bei dem ich nicht mit Befriedigung verweile; nämlich daß ich so weit herabstieg, die Mittel der List anzuwenden, daß ich ihm verbarg, daß Ihre Schwester in der Stadt sei. Ich wußte es selbst, wie es auch Miss Bingley wußte; doch ihr Bruder ist bis jetzt noch nicht darum wissend. Daß sie sich ohne schlimme Folgen hätten begegnen können, ist vielleicht wahrscheinlich; allein seine Neigung schien mir nicht genug erloschen, um sie ohne einige Gefahr zu sehen. Vielleicht war diese Verheimlichung, diese Verstellung, meiner unwürdig. Es ist jedoch geschehen, und es geschah zum besten. Über diesen Gegenstand habe ich nichts weiter zu sagen, keine andere Entschuldigung anzubieten. Wenn ich die Gefühle Ihrer Schwester verletzt habe, so geschah es unwissentlich; und obgleich die Beweggründe, die mich leiteten, Ihnen sehr natürlich unzureichend erscheinen mögen, so habe ich doch noch nicht gelernt, sie zu verurteilen. — Was den andern, schwereren Vorwurf betrifft, daß ich Mr. Wickham geschädigt habe, so kann ich ihn nur widerlegen, indem ich Ihnen sein ganzes Verhältnis zu meiner Familie darlege. Was er mir insbesondere zur Last gelegt hat, ist mir unbekannt; allein von der Wahrheit dessen, was ich berichten werde, kann ich mehr als einen Zeugen von unzweifelhafter Glaubwürdigkeit aufrufen. Mr. Wickham ist der Sohn eines sehr achtigen Mannes, der viele Jahre die Verwaltung aller Besitzungen von Pemberley innehatte und dessen gutes Betragen in der Führung seines Amtes meinen Vater natürlich geneigt machte, ihm nützlich zu sein; und an George Wickham, der sein Patenkind war, wurde daher dessen Güte freigebig verschwendet. Mein Vater unterstützte ihn auf der Schule und hernach in Cambridge — eine höchst wichtige Beihilfe, da sein eigener Vater, immer arm durch die Verschwendungssucht seiner Frau, außerstande gewesen wäre, ihm eine standesgemäße Erziehung zu geben. Mein Vater war nicht nur gesellig diesem jungen Manne zugetan, dessen Manieren stets einnehmend waren; er hatte auch die höchste Meinung von ihm und hegte, in der Hoffnung, die Geistlichkeit werde sein Beruf sein, die Absicht, ihn darin zu versorgen. Was mich selbst betrifft, so sind es viele, viele Jahre, seit ich anfing, ihn in ganz anderer Weise zu betrachten. Die verderbten Neigungen, der Mangel an Grundsätzen, die er sorgfältig vor der Kenntnis seines besten Freundes zu verbergen wußte, konnten der Beobachtung eines jungen Mannes von fast demselben Alter nicht entgehen, der Gelegenheit hatte, ihn in unbewachten Augenblicken zu sehen, wie sie Mr. Darcy nicht hatte. Auch hier werde ich Ihnen Schmerz zufügen — in welchem Grade, können nur Sie selbst sagen. Doch welche Empfindungen auch immer Mr. Wickham in Ihnen erweckt haben mag, ein Verdacht ihrer Natur soll mich nicht abhalten, seinen wahren Charakter zu enthüllen. Es gesellt sich vielmehr ein neuer Beweggrund hinzu. Mein vortrefflicher Vater starb vor ungefähr fünf Jahren; und seine Anhänglichkeit an Mr. Wickham war bis zuletzt so unerschütterlich, daß er in seinem Testament mir besonders empfahl, sein Fortkommen aufs beste zu fördern, soweit es sein Beruf erlaube, und wenn er die Weihen nehme, wünschte er, daß eine wertvolle Familienpfründe ihm zufalle, sobald sie erledigt werde. Auch war ein Legat von tausend Pfund ausgesetzt. Sein eigener Vater überlebte den meinen nicht lange; und innerhalb eines halben Jahres nach diesen Ereignissen schrieb mir Mr. Wickham, er habe sich endgültig gegen den Empfang der Weihe entschieden und hoffe, ich werde es nicht unbillig finden, wenn er statt der Pfründe, die ihm nun nichts nützen könne, einen unmittelbareren pekuniären Vorteil erwarte. Er habe, setzte er hinzu, die Absicht, die Rechte zu studieren, und ich müsse einsehen, daß der Zins von tausend Pfund dafür eine völlig unzureichende Unterstützung wäre. Ich wünschte eher, als daß ich es glaubte, daß er es aufrichtig meine; allein ich war jedenfalls vollkommen bereit, auf seinen Vorschlag einzugehen. Ich wußte, daß Mr. Wickham nicht zum Geistlichen tauge. Die Sache wurde also bald abgemacht. Er verzichtete auf jeden Anspruch auf Unterstützung in der Kirche, sollte er je in die Lage kommen, sie zu empfangen, und erhielt dafür dreitausend Pfund. Alle Verbindung zwischen uns schien nun aufgelöst. Ich dachte zu übel von ihm, um ihn nach Pemberley einzuladen oder seine Gesellschaft in der Stadt zuzulassen. In der Stadt, glaube ich, lebte er auch zumeist; doch sein Jurastudium war nur ein Vorwand; und da er nun aller Zügel ledig war, war sein Leben ein Leben der Trägheit und Ausschweifung. Ungefähr drei Jahre hörte ich wenig von ihm; doch als der Inhaber der Pfründe, die für ihn bestimmt gewesen war, starb, wandte er sich brieflich wieder an mich wegen der Übertragung. Seine Verhältnisse, versicherte er mir, und ich hatte keinen Anstand, es zu glauben, seien überaus schlecht. Die Rechte hätten sich als ein höchst unergiebiges Studium erwiesen, und er sei nunmehr fest entschlossen, sich ordinieren zu lassen, wenn ich ihm die in Rede stehende Pfründe übertragen wolle — woran, meinte er, kaum zu zweifeln sei, da ich, wie er wohl wisse, keine andere Person zu versorgen habe und gewiß die Absichten meines verehrten Vaters nicht vergessen haben könne. Sie werden mich kaum tadeln, daß ich diese Bitte ausschlug und jeder Wiederholung derselben widerstand. Seine Erbitterung stand im Verhältnis zu der Bedrängnis seiner Lage — und er war ohne Zweifel ebensosehr in seinem Schmähen gegen mich vor andern wie in seinen Vorwürfen gegen mich selbst. Nach dieser Zeit wurde jede Spur von Bekanntschaft abgebrochen. Wie er lebte, weiß ich nicht. Doch im vergangenen Sommer wurde er mir aufs schmerzlichste wieder aufgedrängt. Ich muß nun einen Umstand erwähnen, den ich am liebsten selbst vergessen möchte und den keine geringere Veranlassung als die gegenwärtige mich bewegen würde, irgendeinem Menschen zu eröffnen. Nachdem ich so viel gesagt habe, hege ich keinen Zweifel an Ihrer Verschwiegenheit. Meine Schwester, die mehr als zehn Jahre jünger ist als ich, war der Vormundschaft meines Mutter-Neffen, des Obersten Fitzwilliam, und meiner anvertraut. Vor ungefähr einem Jahr wurde sie aus der Schule genommen, und man errichtete für ihr Unterkommen in London; und im letzten Sommer ging sie mit der Dame, die ihm vorstand, nach Ramsgate; und ebendahin ging auch Mr. Wickham, zweifellos mit Vorsatz; denn es stellte sich heraus, daß er Mrs. Younge, deren Charakter wir aufs unglücklichste getäuscht wurden, schon vorher kannte; und durch deren Mitwissen und Beihilfe wußte er sich bei Georgiana, in deren liebevollem Herzen sich eine starke Erinnerung an seine Güte gegen sie als Kind erhalten hatte, so einzuschmeicheln, daß sie sich einbildete, verliebt zu sein, und einer Entführung zustimmte. Sie war damals erst fünfzehn, was ihr zur Entschuldigung dienen mag; und nach der Feststellung ihrer Unbesonnenheit füge ich mit Freuden hinzu, daß ich die Kenntnis davon ihr selbst verdanke. Ich traf unerwartet ein oder zwei Tage vor der beabsichtigten Entführung bei ihnen ein; und da konnte Georgiana, unfähig, den Gedanken zu ertragen, einen Bruder zu betrüben und zu kränken, den sie fast wie einen Vater verehrte, mir alles eingestehen. Sie können sich denken, was ich fühlte und wie ich handelte. Die Rücksicht auf den Ruf und die Empfindungen meiner Schwester verhinderte jede öffentliche Bloßstellung; doch schrieb ich an Mr. Wickham, der den Ort sofort verließ, und Mrs. Younge wurde natürlich ihres Amtes enthoben. Mr. Wickshams Hauptzweck war unzweifelhaft das Vermögen meiner Schwester, das dreißigtausend Pfund beträgt; doch ich kann nicht umhin zu glauben, daß die Hoffnung, sich an mir zu rächen, ein starker Beweggrund war. Seine Rache wäre in der Tat vollständig gewesen. Dies, gnädige Frau, ist ein getreuer Bericht über jedes Ereignis, bei dem wir beide beteiligt waren; und wenn Sie ihn nicht unbedingt als unwahr verwerfen, so werden Sie mich, hoffe ich, forthin jeder Grausamkeit gegen Mr. Wickham freisprechen. Ich weiß nicht, auf welche Weise, unter welcher Form der Lüge er Sie getäuscht haben mag; doch sein Erfolg ist vielleicht nicht zu verwundern, da Sie ja zuvor über alles, was den einen oder den andern betrifft, völlig im unklaren waren. Eine Entdeckung stand nicht in Ihrer Macht, und ein Verdacht gewiß nicht in Ihrer Neigung. Sie werden sich vielleicht wundern, warum Ihnen dies alles nicht schon gestern abend mitgeteilt wurde. Allein ich war damals noch nicht so weit Herr meiner selbst, um zu wissen, was enthüllt werden könnte oder sollte. Für die Wahrheit alles hier Berichteten kann ich mich besonders auf das Zeugnis des Obersten Fitzwilliam berufen, der, durch unsere nahe Verwandtschaft und stete Vertrautheit, und noch mehr als einer der Testamentsvollstrecker meines Vaters, unausbleiblich mit jedem einzelnen Umstand dieser Vorfälle bekannt gewesen ist. Wenn Ihr Abscheu gegen mich meine Aussagen entwertet, so kann doch dieselbe Ursache Sie nicht abhalten, meinem Vetter zu vertrauen; und damit die Möglichkeit bestehe, bei ihm anzufragen, will ich mich bemühen, im Laufe des Vormittags Gelegenheit zu finden, Ihnen diesen Brief in die Hand zu spielen. Ich füge nur noch hinzu: Gott segne Sie.

„FITZWILLIAM DARCY."

FÜNFUNDDREIßIGSTES KAPITEL.

Als Mr. Darcy Elizabeth den Brief übergab, erwartete sie nicht, daß er eine Erneuerung seiner Anträge enthalten werde; sie hatte sich von seinem Inhalt überhaupt keine Vorstellung gemacht. Doch wie er auch sein mochte, man kann sich leicht denken, mit welcher Hast sie ihn durchlas und welche widerstreitenden Empfindungen er in ihr erweckte. Ihre Gefühle beim Lesen ließen sich kaum beschreiben. Mit Verwunderung begriff sie zuerst, daß er überhaupt glaubte, eine Entschuldigung sei in seiner Macht; und sie war fest überzeugt, daß er keine Erklärung geben könne, die ein gerechtes Schamgefühl nicht verschweigen würde. Mit starkem Vorurteil gegen alles, was er sagen mochte, begann sie seinen Bericht über das, was in Netherfield geschehen war. Sie las mit einer Hast, die ihr kaum die Fassung zu lassen, den Sinn aufzunehmen; und aus Ungeduld, zu wissen, was der nächste Satz bringen werde, war sie unfähig, dem Sinne des vor ihren Augen stehenden zu folgen. Seinen Glauben an die Unempfindlichkeit ihrer Schwester erklärte sie sogleich für falsch; und seine Darstellung der wirklichen, der schlimmsten Einwände gegen die Verbindung machte sie zu zornig, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er äußerte keine Reue über das, was er getan, die sie befriedigt hätte; sein Ton war nicht reuig, sondern hochmütig. Es war lauter Stolz und Übermut.

Als aber hierauf sein Bericht über Mr. Wickham folgte — als sie mit etwas klarerer Aufmerksamkeit eine Darstellung von Begebenheiten las, die, wenn wahr, jede gehegte Meinung von seinem Werte über den Haufen werfen mußte und die eine so beunruhigende Ähnlichkeit mit seiner eigenen Lebensgeschichte hatte —, da wurden ihre Gefühle noch schmerzlicher und noch schwerer zu deuten. Erstaunen, Bangigkeit und selbst Entsetzen bedrückten sie. Sie wünschte das Ganze unbedingt zu verwerfen und rief immer wieder aus: „Das muß falsch sein! Das kann nicht sein! Das muß die gröbste Lüge sein!" — und als sie den ganzen Brief durchgelesen hatte, obgleich sie von der letzten Seite oder den beiden letzten fast nichts wußte, legte sie ihn hastig beiseite, mit dem Entschlusse, ihn nicht zu beachten, ihn nie wieder anzusehen.

In diesem verwirrten Gemütszustande, mit Gedanken, die auf nichts ruhen konnten, ging sie weiter; doch es wollte nicht gelingen: nach einer halben Minute war der Brief wieder aufgeschlagen; und indem sie sich so gut wie möglich zusammennahm, begann sie aufs neue die kränkende Lesung alles dessen, was auf Wickham Bezug hatte, und zwang sich so weit, jedes Wort nach seinem Sinne zu prüfen. Die Erzählung seiner Verbindung mit der Familie Pemberley stimmte genau mit dem überein, was er ihr selbst berichtet hatte; und die Güte des verstorbenen Mr. Darcy, obgleich sie deren Umfang vorher nicht gekannt hatte, vertrug sich ebenfalls wohl mit seinen eigenen Worten. Bis dahin bestätigte ein Bericht den andern; doch als sie zum Testament kam, wurde der Unterschied groß. Was Wickham von der Pfründe gesagt hatte, lag ihr frisch im Gedächtnis; und während sie sich seine genauen Worte ins Gedächtnis zurückrief, war es unmöglich, nicht zu fühlen, daß auf der einen oder der andern Seite grobe Unaufrichtigkeit im Spiele sein müsse, und für einige Augenblicke schmeichelte sie sich, ihre Wünsche möchten sich nicht täuschen. Als sie aber die unmittelbar folgenden Einzelheiten — daß Wickham auf allen Anspruch an die Pfründe verzichtete und statt dessen die so beträchtliche Summe von dreitausend Pfund erhielt — mit der gespanntesten Aufmerksamkeit wieder und wieder las, sah sie sich abermals zum Schwanken gebracht. Sie legte den Brief nieder, wog jeden Umstand mit dem, was sie als Unparteilichkeit ansah — erwog die Wahrscheinlichkeit jeder Angabe — doch mit geringem Erfolg. Auf beiden Seiten stand nur Behauptung gegen Behauptung. Sie las weiter. Aber jede Zeile bewies immer klarer, daß die Sache, von der sie geglaubt hatte, daß keine Wendung sie so darstellen könne, um Mr. Darcys Betragen darin nicht als infam erscheinen zu lassen, einer Wendung fähig war, die ihn durchaus schuldlos erscheinen lassen mußte.

Die Verschwendungssucht und die allgemeine Liederlichkeit, die er ohne Bedenken Mr. Wickham zur Last legte, empörten sie aufs äußerste; um so mehr, als sie keinen Beweis für deren Ungrund beibringen konnte. Sie hatte nie zuvor von ihm gehört, bevor er in die Miliz von —shire eintrat, bei der er sich auf Zureden des jungen Mannes angeworben hatte, der ihn zufällig in der Stadt getroffen und dort eine oberflächliche Bekanntschaft erneuert hatte. Von seiner früheren Lebensführung war in Hertfordshire nichts bekannt, als was er

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selbst erzählte. Was seinen wirklichen Charakter betraf, so hätte sie, wenn sie Aufklärung hätte haben können, nie den Wunsch danach verspürt. Seine Miene, seine Stimme, sein Wesen hatten ihn auf der Stelle in den Besitz jeder Tugend gesetzt. Sie suchte sich irgendeine Probe seiner Güte, irgendeinen ausgezeichneten Zug von Redlichkeit oder Wohlwollen ins Gedächtnis zurückzurufen, der ihn vor Mr. Darcys Angriffen retten könnte; oder wenigstens durch das Übergewicht der Tugend jene gelegentlichen Fehler aufzuwiegen, unter denen sie das, was Mr. Darcy als die Trägheit und das Laster vieljähriger Fortdauer geschildert hatte, zu klassifizieren wünschte. Aber keine solche Erinnerung kam ihr zu Hilfe. Sie konnte ihn sogleich vor sich sehen, in allem Reiz von Haltung und Auftreten, doch sie vermochte sich keines gediegeneren Guten zu erinnern als der allgemeinen Billigung der Nachbarschaft und der Achtung, die seine geselligen Vorzüge ihm im Offizierskasino eingetragen hatten. Nachdem sie eine geraume Zeit bei diesem Punkte verweilt hatte, fuhr sie aufs neue zu lesen fort. Aber ach! die Geschichte, die nun folgte, von seinen Anschlägen auf Miss Darcy, erhielt eine gewisse Bestätigung durch das, was zwischen dem Obersten Fitzwilliam und ihr erst am vorhergehenden Morgen vorgefallen war; und zuletzt wurde sie für die Wahrheit jedes einzelnen Umstandes auf den Obersten Fitzwilliam selbst verwiesen — von dem sie vorher schon die Mitteilung erhalten hatte, daß er in seines Vetters Angelegenheiten aufs nächste beteiligt sei, und dessen Charakter sie keinen Grund hatte, in Zweifel zu ziehen. Einmal war sie fast entschlossen, sich an ihn zu wenden; doch der Gedanke wurde durch die Peinlichkeit einer solchen Anfrage zurückgedrängt und endlich ganz verbannt durch die Überzeugung, daß Mr. Darcy es nie gewagt hätte, einen solchen Vorschlag zu äußern, wenn er nicht der Bestätigung durch seinen Vetter völlig sicher gewesen wäre.

Sie erinnerte sich vollkommen an alles, was bei dem ersten Abend in Mr. Philips' Hause zwischen Wickham und ihr gesprochen worden war. Manche seiner Redewendungen standen ihr noch frisch im Gedächtnisse. Nun fühlte sie deutlich das Unschickliche solcher Mitteilungen an einen Fremden, und es wunderte sie, daß es ihr früher entgangen war. Sie sah die Taktlosigkeit, mit der er sich vordrängte, und den Widerspruch zwischen seinen Beteuerungen und seinem Betragen. Sie erinnerte sich, daß er sich gerühmt hatte, Mr. Darcy ohne Furcht begegnen zu können, daß Mr. Darcy das Land wohl verlassen möge, er aber standhalten werde; und doch hatte er bereits in der folgenden Woche den Ball in Netherfield gemieden. Auch besann sie sich, daß er bis zum Weggang der Familie Netherfield seine Geschichte niemandem als ihr erzählt hatte, daß sie aber nach deren Abreise allerorts besprochen worden war; daß er da keine Zurückhaltung, keine Bedenken gehabt hatte, Mr. Darcys Ruf zu untergraben, obgleich er ihr versichert hatte, die Achtung vor dem Vater werde ihn stets abhalten, den Sohn bloßzustellen.

Wie ganz verschieden erschien ihr nun alles, was ihn betraf! Seine Aufmerksamkeiten für Miss King waren jetzt nur die Frucht gehässiger, rein geldgieriger Absichten, und die Geringfügigkeit ihres Vermögens bewies nicht mehr die Mäßigung seiner Wünsche, sondern seinen Eifer, nach jedem Vorteile zu haschen. Sein Benehmen gegen sie selbst konnte keinen erträglichen Beweggrund gehabt haben: entweder hatte er sich in betreff ihres Vermögens getäuscht, oder er hatte seine Eitelkeit dadurch befriedigt, daß er die Zuneigung nährte, die sie, wie sie glaubte, allzu unvorsichtig gezeigt hatte. Jeder letzte Rest von Zuneigung für ihn wurde schwächer und schwächer; und zu Mr. Darcys weiterer Rechtfertigung konnte sie nicht umhin zuzugeben, daß Mr. Bingley auf Janes Fragen hin längst seine Schuldlosigkeit in dieser Sache behauptet hatte; daß sie, so stolz und abstoßend seine Art auch war, in ihrem ganzen Bekanntsein – einem Bekanntsein, das sie zuletzt oft zusammengeführt und ihr gleichsam Einblick in seine Gewohnheiten gegeben hatte – nie etwas bemerkt hatte, was ihn als gewissenlos oder ungerecht erscheinen ließ, nichts, was auf irreligiöse oder unmoralische Neigungen deutete; daß er bei seinen Verwandten in Achtung und Wertschätzung stand; daß selbst Wickham ihm als Bruder Gerechtigkeit widerfahren ließ, und daß sie ihn oft mit solcher Zärtlichkeit von seiner Schwester hatte sprechen hören, daß er fähig sein mußte zu edler Empfindung; daß, wenn sein Tun wirklich gewesen wäre, wie Wickham es darstellte, ein so ungeheurer Verstoß gegen alles, was recht ist, unmöglich vor der Welt hätte verborgen bleiben können; und daß eine Freundschaft zwischen einem so gearteten Manne und einem so liebenswürdigen Manne wie Mr. Bingley unfaßbar wäre.

Sie schämte sich in tiefster Seele. An Darcy und an Wickham konnte sie nur denken mit dem Gefühle, daß sie blind, parteiisch, befangen und albern gewesen war.

„Wie verächtlich habe ich gehandelt!" rief sie aus. „Ich, die ich mir auf meine Urteilskraft so viel einbildete! Ich, die ich auf meine Fähigkeiten stolz war! Ich, die so oft die edle Offenheit meiner Schwester geringgeschätzt und meine Eitelkeit an unnötigem und tadelnswertem Mißtrauen geweidet hat! Wie demütigend ist diese Entdeckung! Und doch, wie gerecht ist die Demütigung! Hätte ich verliebt sein können, ich hätte nicht erbärmlicher blind sein können. Aber Eitelkeit, nicht Liebe, war mein Wahnsinn. Geschmeichelt durch den Vorzug des einen und gekränkt durch die Geringschätzung des anderen, habe ich schon beim Beginn unserer Bekanntschaft vorgefaßte Meinung und Unwissenheit gepflegt und die Vernunft vertrieben, wo sie ins Spiel kam. Bis zu diesem Augenblicke habe ich mich selbst nicht gekannt."

Von sich selbst wandten sich ihre Gedanken zu Jane, von Jane zu Bingley, und bald führte sie dieser Gedankengang auf die Erinnerung, daß Mr. Darcys Erklärung ihr dort sehr unzureichend erschienen war; und sie las den Brief zum zweiten Male. Die Wirkung dieser wiederholten Lesung war eine völlig andere. Wie konnte sie seinen Behauptungen in dem einen Falle die Glaubwürdigkeit versagen, die sie ihm in dem anderen hatte zugestehen müssen? Er erklärte, von der Neigung ihrer Schwester nicht das geringste geahnt zu haben; und unwillkürlich erinnerte sie sich, welches Urteil Charlotte von jeher gefällt hatte. Auch die Richtigkeit seiner Schilderung Janes konnte sie nicht bestreiten. Sie fühlte, daß Janes Gefühle, so innig sie waren, wenig zur Schau getragen wurden, und daß eine stete Gleichmäßigkeit in ihrem Wesen und Gebaren lag, die sich nur selten mit tiefer Empfindlichkeit vereint findet.

Als sie zu der Stelle kam, wo ihre Familie in Tönen erwähnt wurde, die tadelnd und doch verdient waren, empfand sie einen heftigen Scham. Die Gerechtigkeit der Anklage drang zu mächtig auf sie ein, als daß sie hätte leugnen können; und die Vorfälle, auf die er besonders hindeutete, die sich beim Ball in Netherfield zugetragen hätten und die seinen ganzen ersten Widerwillen bestätigten, mußten auf seinen Eindruck machen, der nicht stärker sein konnte als der auf den ihrigen.

Das Lob, das ihr und ihrer Schwester gespendet wurde, blieb nicht unempfunden. Es beruhigte, konnte sie aber nicht trösten über die Verachtung, die durch das übrige ihrer Familie auf sie selbst gelenkt worden war; und wenn sie bedachte, daß Janes Enttäuschung in Wahrheit das Werk ihrer nächsten Verwandten gewesen war, und überlegte, wie sehr der Ruf aller beiden durch ein so unschickliches Betragen leiden mußte, fühlte sie sich tiefer niedergedrückt, als sie es je erfahren hatte.

Nachdem sie zwei Stunden lang den Feldweg auf und ab gewandert war, jedem Gedanken nachgehangen, die Begebenheiten erneut erwogen, Wahrscheinlichkeiten abgewogen und sich, so gut es gehen wollte, mit einem so plötzlichen und so wichtigen Wechsel abgefunden hatte, brachten sie Müdigkeit und das Bewußtsein ihrer langen Abwesenheit endlich heim; und sie trat ins Haus mit dem Wunsche, heiter zu erscheinen wie gewöhnlich, und mit dem Vorsatze, alle Betrachtungen zu unterdrücken, die sie zur Geselligkeit untauglich machen müßten.

Man sagte ihr sogleich, daß die beiden Herren von Rosings sie während ihrer Abwesenheit besucht hätten; Mr. Darcy nur auf wenige Minuten, um Abschied zu nehmen; Colonel Fitzwilliam aber sei wenigstens eine Stunde bei ihnen geblieben, in der Hoffnung, sie würde zurückkehren, und habe sich fast entschlossen, ihr nachzugehen, bis er sie fände. Elizabeth konnte nur mit Mühe ein Bedauern über sein Versäumnis erheucheln; in Wahrheit freute sie sich darüber. Colonel Fitzwilliam war kein Gegenstand mehr für sie. Sie konnte nur an den Brief denken.

Dreißigstes Kapitel.

Die beiden Herren verließen Rosings am folgenden Morgen; und Mr. Collins, der in der Nähe der Pforte gewartet hatte, um ihnen seine Abschiedsverbeugung zu machen, konnte die erfreuliche Nachricht heimbringen, daß sie sich sehr wohl befänden und so leidlich bei Laune seien, wie es nach der eben durchgemachten traurigen Szene in Rosings erwartet werden konnte. Dann eilte er nach Rosings, um Lady Catherine und ihre Tochter zu trösten; und bei seiner Rückkehr brachte er mit großer Befriedigung eine Botschaft von Ihrer Ladyschaft mit, des Inhalts, daß sie sich so schwermütig fühle, daß sie sich sehr danach sehne, sie alle bei sich zu Tische zu sehen.

Elizabeth konnte Lady Catherine nicht ansehen, ohne sich zu erinnern, daß sie, wenn sie gewollt hätte, um diese Zeit bereits ihr als künftige Nichte hätte vorgestellt werden können; auch konnte sie nicht ohne ein Lächeln daran denken, wie erzürnt Ihre Ladyschaft darüber gewesen sein würde. „Was würde sie gesagt haben? wie hätte sie sich gebärdet?" – das waren die Fragen, mit denen sie sich ergötzte.

Ihr erstes Gespräch galt der Verminderung der Gesellschaft in Rosings. „Ich versichere Ihnen, ich empfinde es außerordentlich," sagte Lady Catherine; „ich glaube, niemand empfindet den Verlust von Freunden so wie ich. Doch ganz besonders bin ich diesen jungen Männern zugetan, und ich weiß, daß sie mir ebensosehr zugetan sind! Sie haben überaus bedauert fortzumüssen! Aber das tun sie immer. Der liebe Colonel hielt sich leidlich aufrecht bis zuletzt; doch Darcy schien es am heftigsten zu empfinden – mehr als im vorigen Jahre, denke ich. Seine Anhänglichkeit an Rosings wächst entschieden."

Hier hatte Mr. Collins ein Kompliment und eine Anspielung anzubringen, die von Mutter und Tochter huldvoll aufgenommen wurden.

Nach dem Mittagessen bemerkte Lady Catherine, daß Miss Bennet verstimmt scheine; und sich sogleich selbst darüber Rechenschaft gebend mit der Annahme, daß es ihr mißfalle, schon so bald wieder heimzukehren, fügte sie hinzu:

„Wenn das aber der Fall ist, müssen Sie Ihrer Mutter schreiben und sie bitten, daß Sie noch ein wenig länger bleiben dürfen. Mrs. Collins wird sich gewiß über Ihre Gesellschaft freuen, dessen bin ich sicher."

„Ich bin Ihrer Ladyschaft für Ihre gütige Einladung sehr verbunden," erwiderte Elizabeth; „aber es steht nicht in meiner Macht, sie anzunehmen. Ich muß am nächsten Samstag in London sein."

„Nun, bei diesem Verhältnis werden Sie ja nur sechs Wochen hier gewesen sein. Ich erwartete, Sie blieben zwei Monate. Ich habe es Mrs. Collins schon gesagt, ehe Sie kamen. Es liegt kein Grund vor, daß Sie schon so bald gehen. Mrs. Bennet kann Sie gewiß weitere vierzehn Tage entbehren."

„Aber mein Vater kann es nicht. Er schrieb in der letzten Woche, um meine Rückkehr zu beschleunigen."

„Oh, Ihr Vater, versteht sich, kann Sie entbehren, wenn Ihre Mutter kann. Töchter sind einem Vater nie von so großem Belang. Und wenn Sie noch einen vollen Monat bleiben, so wäre es mir möglich, eine von Ihnen bis nach London mitzunehmen; denn ich gehe Anfang Juni auf eine Woche dorthin; und da Dawson gegen das Kabriolett-Kastchen nichts einzuwenden hat, wird für eine von Ihnen sehr gut Platz sein – ja, wenn das Wetter zufällig kühl sein sollte, würde ich gar nichts dagegen haben, Sie beide mitzunehmen, da Sie ja keine von beiden korpulent sind."

„Sie sind die Güte selbst, Madam; aber ich glaube, wir müssen bei unserem ursprünglichen Plane bleiben."

Lady Catherine schien sich zu fügen. „Mrs. Collins, Sie müssen einen Bedienten mit ihnen schicken. Sie wissen, ich sage immer, was ich denke, und ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß zwei junge Damen mit der Post allein reisen. Es ist höchst unschicklich. Sie müssen irgend jemand mitgeben. Ich habe einen Widerwillen gegen dergleichen wie nur irgend jemand auf der Welt. Junge Damen müssen ihrer Stellung gemäß stets gehörig begleitet und bedient werden. Als meine Nichte Georgiana letzten Sommer nach Ramsgate ging, bestand ich darauf, daß sie zwei Bediente mitnahm. Miss Darcy, die Tochter von Mr. Darcy von Pemberley, und Lady Anne, hätten sich nicht anders mit Anstand zeigen können. Ich bin in allen diesen Dingen überaus aufmerksam. Sie müssen den John mit den jungen Damen schicken, Mrs. Collins. Ich bin froh, daß es mir einfiel, es zu erwähnen; denn es würde Ihnen wirklich zum Vorwurfe gereichen, sie allein gehen zu lassen."

„Mein Onkel wird einen Bedienten für uns schicken."

„Oh, Ihr Onkel! Er hält einen Bedienten, nicht wahr? Es freut mich sehr, daß Sie jemand haben, der an dergleichen denkt. Wo werden Sie die Pferde wechseln? Oh, in Bromley natürlich. Wenn Sie dort meinen Namen in der Bell nennen, wird man auf Sie achtgeben."

Lady Catherine hatte noch manche andere Fragen wegen ihrer Reise zu stellen; und da sie dieselben nicht alle selbst beantwortete, war Aufmerksamkeit nötig – welches Elizabeth für ein Glück für sich hielt; denn bei einer so erfüllten Gedankenwelt hätte sie sonst vielleicht vergessen können, wo sie war. Die Besinnung mußte für einsame Stunden aufgespart werden: sooft sie allein war, gab sie sich ihr als der größten Erleichterung hin; und kein Tag verging ohne einen einsamen Spaziergang, auf dem sie sich allen Freuden unangenehmer Erinnerungen hingeben konnte.

Mr. Darcys Brief war sie auf gutem Wege, bald auswendig zu können. Sie studierte jeden Satz; und ihre Gefühle gegen den Schreiber schwankten bald nach dieser, bald nach jener Seite. Wenn sie sich an die Art seiner Redeweise erinnerte, wallte noch immer Entrüstung in ihr auf; doch wenn sie erwog, wie ungerecht sie ihn verurteilt und gescholten hatte, wandte sich ihr Zorn gegen sich selbst, und seine getäuschten Empfindungen wurden ihr ein Gegenstand des Mitgefühls. Seine Neigung erweckte ihr Dankbarkeit, sein Charakter im allgemeinen Achtung: aber sie konnte ihn nicht billigen; noch konnte sie für einen Augenblick ihre Ablehnung bereuen, oder das geringste Verlangen empfinden, ihn jemals wiederzusehen. In ihrem eigenen vergangenen Betragen lag eine stete Quelle des Ärgers und der Reue; und in den unglückseligen Mängeln ihrer Familie ein Gegenstand noch schwereren Verdrusses. An Abhilfe war nicht zu denken. Ihr Vater begnügte sich, sie zu belachen, und würde sich nie die Mühe geben, die wilde Ausgelassenheit seiner jüngsten Töchter zu zügeln; und ihre Mutter, deren eigenes Benehmen so weit von dem rechten abwich, war des Übels ganz unempfindlich. Elizabeth hatte sich oft mit Jane vereint, um Katharinens und Lydias Unklugheit Einhalt zu tun; aber solange sie durch die Nachsicht ihrer Mutter bestärkt wurden, welcher Erfolg war da zu hoffen? Katharine, mutlos, reizbar und ganz unter Lydias Leitung, war durch ihren Rat stets nur gekränkt worden; und Lydia, eigenwillig und sorglos, hätte ihnen kaum Gehör geschenkt. Sie waren unwissend, träge und eitel. Solange ein Offizier in Meryton lag, machten sie ihm den Hof; und solange Meryton zu Fuß von Longbourn zu erreichen war, würden sie ewig dort hinlaufen.

Die Sorge um Jane war eine andere drückende Angelegenheit; und Mr. Darcys Aufklärung, die Bingley in Janes volle frühere Gunst wieder einsetzte, steigerte das Gefühl dessen, was Jane verloren hatte. Seine Neigung erwies sich als aufrichtig, und sein Betragen war von jedem Vorwurfe gereinigt, es sei denn, daß man ihm die Blindheit seines Vertrauens auf seinen Freund zur Last legen wollte. Wie schmerzlich war da der Gedanke, daß Jane einer so wünschenswerten, in jeder Hinsicht so vortrefflichen, so vielversprechenden und glückverheißenden Lage durch die Torheit und das unschickliche Betragen ihrer eigenen Familie beraubt worden war!

Wenn zu diesen Erinnerungen noch die Enthüllung von Wickhams Charakter kam, so mochte man leicht glauben, daß die heitere Laune, die nur selten getrübt worden war, nun so sehr litt, daß es ihr fast unmöglich wurde, leidlich heiter zu erscheinen.

Die Verpflichtungen in Rosings waren in der letzten Woche ihres Aufenthaltes ebenso häufig wie anfangs. Der allerletzte Abend wurde dort verbracht; und Ihre Ladyschaft fragte wieder aufs genaueste nach den Einzelheiten ihrer Reise, gab ihnen Anweisungen über die beste Art zu packen, und drang so sehr auf die Notwendigkeit, die Kleider einzig auf die rechte Weise zu legen, daß Maria sich bei der Rückkehr verpflichtet glaubte, die ganze Arbeit des Morgens wieder aufzutrennen und ihren Koffer neu zu packen.

Beim Abschied wünschte ihnen Lady Catherine mit großer Herablassung eine gute Reise und lud sie ein, im nächsten Jahre wieder nach Hunsford zu kommen; und Miß de Bourgh gab sich so weit Mühe, einen Knicks zu machen und ihnen beiden die Hand zu reichen.

Einunddreißigstes Kapitel.

Am Samstagmorgen trafen sich Elizabeth und Mr. Collins zum Frühstück einige Minuten, bevor die übrigen erschienen; und er benutzte die Gelegenheit, um die Abschiedsartigkeiten vorzubringen, die er für unerläßlich nötig hielt.

„Ich weiß nicht, Miss Elizabeth," sagte er, „ob Mrs. Collins Ihnen schon ihren Dank für die Güte ausgesprochen hat, daß Sie zu uns gekommen sind; aber ich bin sehr gewiß, Sie werden das Haus nicht verlassen, ohne ihren Dank dafür zu empfangen. Ihre Gegenwart als Gast wurde sehr empfunden, dessen versichere ich Sie. Wir wissen, wie wenig es gibt, das jemanden in unser bescheidenes Heim locken könnte. Unsere einfache Lebensweise, unsere kleinen Zimmer, unsere wenige Dienerschaft und der geringe Weltverkehr müssen Hunsford für eine junge Dame wie Sie äußerst langweilig machen; aber ich hoffe, Sie werden uns glauben, daß wir Ihnen für die Herablassung dankbar sind, und daß wir alles in unserer Macht stehende getan haben, um Ihnen den Aufenthalt nicht unangenehm werden zu lassen."

Elizabeth war eifrig in ihren Dank und ihren Versicherungen, daß sie sich glücklich gefühlt habe. Sechs Wochen hatte sie dort mit großem Genusse verlebt; und die Freude, mit Charlotte zusammen zu sein, und die gütige Aufmerksamkeit, die man ihr erwiesen, mußten sie das Gefühl der Dankbarkeit empfinden lassen. Mr. Collins war zufrieden; und mit etwas lächelnder Feierlichkeit erwiderte er:

„Es gereicht mir zur größten Freude, zu hören, daß Sie Ihre Zeit nicht unangenehm verlebt haben. Wir haben gewiß unser Bestes getan; und da wir glücklicherweise in der Lage waren, Sie in sehr vornehme Gesellschaft einzuführen, und durch unsere Verbindung mit Rosings die häufige Möglichkeit hatten, das Bild des bescheidenen Heims abzuwechseln, glaube ich, daß wir uns schmeicheln dürfen, Ihr Hunsforder Besuch sei Ihnen nicht durchaus lästig gewesen. Unsere Stellung zu Lady Catherines Familie ist in Wahrheit der Art außerordentlicher Vorzug und Segen, wie ihn wenige rühmen können. Sie sehen, auf welchem Fuße wir stehen. Sie sehen, wie unablässig wir dort in Anspruch genommen werden. In der Tat muß ich gestehen, daß ich bei allen Nachteilen dieses bescheidenen Pfarrhauses niemand, der darin weilt, für ein Objekt des Mitleids halten könnte, solange er an unserer Vertrautheit mit Rosings teilhat."

Die Worte reichten für die Erhabenheit seiner Gefühle nicht aus; und er mußte im Zimmer auf und nieder gehen, während Elizabeth sich bemühte, Höflichkeit und Wahrheit in wenige kurze Sätze zu vereinen.

„Sie können in der Tat ein recht günstiges Zeugnis von uns nach Hertfordshire mitnehmen, meine liebe Kusine. Ich schmeichle mir wenigstens, daß Sie dazu imstande sein werden. Lady Catherines große Aufmerksamkeiten gegen Mrs. Collins sind Ihnen täglich vor Augen geführt worden; und alles in allem vertraue ich, es wird nicht so aussehen, als ob Ihre Freundin ein unglückliches Los gezogen hätte – doch in diesem Punkte wird es besser sein zu schweigen. Nur lassen Sie mich Ihnen versichern, meine liebe Miss Elizabeth, daß ich von Herzen aufrichtig Ihnen gleiches Eheglück wünsche. Meine liebe Charlotte und ich haben nur einen Sinn und eine Denkart. Es besteht in allem eine höchst merkwürdige Übereinstimmung des Charakters und der Ideen zwischen uns. Wir scheinen füreinander geschaffen zu sein."

Elizabeth konnte mit gutem Gewissen sagen, daß es ein großes Glück sei, wo dies der Fall sei, und mit gleicher Aufrichtigkeit hinzufügen, daß sie fest daran glaube und sich an seinem häuslichen Glücke von Herzen freue. Sie war jedoch nicht unwillig, daß die Schilderung dieses Glückes durch den Eintritt der Dame unterbrochen ward, von der es ausging. Arme Charlotte! es war traurig, sie einer solchen Gesellschaft zu überlassen! Doch sie hatte es mit offenen Augen gewählt; und obwohl es ihr offenbar leid tat, daß ihre Gäste gehen sollten, schien sie kein Mitleid zu erbitten. Ihr Haus und ihre Wirtschaft, ihre Pfarrei und ihr Geflügel und alle ihre abhängigen Sorgen hatten für sie ihren Reiz noch nicht verloren.

Endlich kam die Kutsche, die Koffer wurden aufgeschnallt, die Pakete hineingelegt, und es wurde erklärt, daß alles bereit sei. Nach einem herzlichen Abschiede zwischen den Freundinnen wurde Elizabeth von Mr. Collins zum Wagen begleitet; und während sie den Garten hinabgingen, trug er ihr seine besten Empfehlungen an alle ihre Familie auf, ohne seinen Dank zu vergessen für die Freundlichkeit, die er im Winter in Longbourn empfangen hatte, und seine Komplimente an Mr. und Mrs. Gardiner, obwohl ihm unbekannt. Dann half er ihr hinein, Maria folgte, und die Tür war im Begriff geschlossen zu werden, als er sich plötzlich mit einiger Bestürzung erinnerte, daß sie bisher vergessen hätten, irgendeine Botschaft für die Damen in Rosings zu hinterlassen.

„Aber," fügte er hinzu, „Sie werden natürlich wünschen, daß Ihre untertänigen Empfehlungen ausgerichtet werden, mit Ihrem dankbaren Danke für ihre Güte während Ihres Hierseins."

Elizabeth erhob keinen Einwand: die Tür durfte nun geschlossen werden, und der Wagen fuhr ab.

„Du meine Güte!" rief Maria nach einigen Minuten des Schweigens, „es scheint kaum ein oder zwei Tage, seit wir zuerst kamen! und doch, wie vieles ist geschehen!"

„Sehr vieles, in der Tat," sagte ihre Begleiterin mit einem Seufzer.

„Wir haben neunmal in Rosings gespeist, außer zweimal dort Tee getrunken! Wie viel werde ich zu erzählen haben!"

Elizabeth setzte im stillen hinzu: „Und wie viel werde ich zu verschweigen haben!"

Ihre Reise ging ohne viel Gespräch und ohne alle Beunruhigung vonstatten; und innerhalb vier Stunden nach ihrer Abreise von Hunsford langten sie bei Mr. Gardiner an, wo sie einige Tage bleiben sollten.

Jane sah gut aus, und Elizabeth hatte wenig Gelegenheit, ihre Stimmung zu erforschen, inmitten der mancherlei Zerstreuungen, die die Güte ihrer Tante für sie bereitgehalten hatte. Doch Jane sollte mit ihr heimkehren, und in Longbourn würde Muße genug zur Beobachtung sein.

Es kostete sie indessen einige Überwindung, selbst bis Longbourn zu warten, ehe sie ihrer Schwester von Mr. Darcys Antrag Mitteilung machte. Zu wissen, daß sie die Macht besaß, etwas zu enthüllen, das Jane so außerordentlich in Erstaunen setzen und zugleich ihre noch nicht überwundene Eitelkeit so überaus schmeicheln würde, war eine solche Versuchung zur Offenheit, wie nichts hätte widerstehen können als der Zustand der Unentschiedenheit, in dem sie noch war über das Maß dessen, was sie mitteilen sollte, und ihre Furcht, wenn sie das Thema einmal berühre, in etwas von Bingley hineinzugeraten, das ihre Schwester nur noch mehr betrüben könnte.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

An dem Tage, an welchem Elizabeth und Jane von London abreisen sollten, kam Mrs. Bennet den Beiden mit einem Ausdrucke freudigster Erwartung entgegen, um zu hören, was sie ihr mitteilen würden; denn sie erwartete eine förmliche Ankündigung der bevorstehenden Verlobung ihrer ältesten Tochter mit dem jungen Herrn ihres Sohnes. Es fiel ihr indessen nicht ein, daß Jane ihren eigenen Bewerber habe, da sie schon vor einigen Tagen von Mr. Bingley aus der Stadt geschrieben worden war, der seinen Besuch für diese Woche in Zweifel stellte; und um diese Tatsache auf irgendeine Weise zu erklären, sprach Jane von ihm selbst: –

„Sobald ich mich ein wenig erholt habe, werde ich wohl Gelegenheit finden, ihn zu sehen; allein noch ist es zu früh, um in ein Haus zu gehen."

Dieser Anfang war für Mrs. Bennet nichts weniger als erfreulich; doch war sie zu ungeduldig, um sich lange dabei aufzuhalten.

„Gut, gut," rief sie, „wenn Euch das lieber ist, so mag es sein. Aber, gütiger Himmel, Mädchen, ich möchte doch wissen, was Ihr von ihm gehört habt? Habt Ihr miteinander ein Abkommen getroffen? Ihr wißt wohl, was ich meine."

Jane errötete leicht und versicherte ihr, sie habe keine Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen.

„Liebes Kind, wie Ihr nur reden könnt! Wie kann das zugehen, daß Ihr mit ihm in London zusammentrefft und Euch doch nicht unterreden könnt? Ei, das ist gar nicht hübsch. Wie Ihr da nur dastehen und so etwas sagen könnt!"

Sie blieb indessen nicht lange bei dem Gegenstand, denn Lydia kam hereingestürzt: –

„Ach, Mama! Ist er nicht ein entzückender Mensch?" – und zog sie zur Seite, wo sie ein Gespräch anknüpfte, das zu seiner Beendigung ein ganzes Zimmer für sich bedurfte. Endlich traten sie wieder hervor, und Lydia sagte: –

„Mama! Ich will Ihnen sagen, was es war! Mr. Wickham hat keine Schwester, keinen Bruder, keinen Freund, der ihm beistehen könnte; er hat das vollkommene Recht, auf Mr. Darcy den Zorn aller Welt zu ziehen; denn wenn er nicht so gemein gewesen wäre, hätte er nicht eine Verführung anzetteln können. Mama, es ist eine Schande, daß die Leute nicht überall von ihm sprechen!"

„Aber, Lydia," sagte Mrs. Bennet, „wenn es nicht wahr ist, dann ist es eine schreckliche Verleumdung."

„Nun, Mama, gewiß werden Sie es glauben, weil ich es sage! Sie wissen, daß man niemals ohne Grund übereinander redet. Wickham hat es mir selbst erzählt, und er würde es nicht sagen, wenn es nicht wahr wäre. Es ist wirklich eine Schande, daß er so behandelt worden ist; und wenn er mich heiraten wollte, so wäre er der glücklichste Mensch der Welt."

„Ei, was Ihr nur für ein närrisches Mädchen seid!" erwiderte Elizabeth. „Aber das ist auch nicht der erste Fall, daß Ihr von der einen zur anderen Seite gelaufen seid. Ihr wart einmal für ihn eingenommen, jetzt seid Ihr wieder für ihn; Ihr habt schon zwei oder drei Feenpaten gehabt, wie sie gerade der Zufall hervorbrachte."

Mrs. Bennet war zu ärgerlich über Wickham, um ihren Zorn auf die Tochter zu wenden; daher blieb die Bemerkung unbeachtet.

Nach dem Tee wurde Lydia nach Meryton eingeladen; sie ging mit den übrigen Offizieren hin; Elizabeth aber fand Muße, mit Jane in einem ruhigen Gespräche über die wichtigen Ereignisse zu reden, die sie beide beschäftigten. Jane erzählte ihr bald, daß Mr. Bingley, durch die Mittheilungen, die er von Jane empfangen, in seine besten Hoffnungen wieder eingesetzt sei, und daß er sich anheischig gemacht habe, bei der Wiederkunft der Familie nach Netherfield einzureiten und sich zu erklären. Sie erging sich in Lobeserhebungen seiner guten Eigenschaften und zählte eine Menge schöner Stellen aus dem Briefe des jungen Mannes an. Elizabeth hörte ihr voll Vergnügen zu; aber sie konnte nicht ohne manchen Tadel über sein Betrachten in voriger Zeit sein, und bei dem Gedanken an die Zukunft mußte sie wiederum an Mr. Darcy denken. Endlich sagte sie:

„Ich habe das Geständnis zu machen, daß ich gegen Dich in dem Irrthume befangen war, als Du mir zuerst von ihm schriebst. Du sagtest, Du möchtest ihm gefallen, ohne zu glauben, daß er Dich liebe; da war ich narrisch genug zu meinen, Du seiest zu bescheiden, und daß Du Dich nicht verstehen wollest."

„Daran," erwiderte Jane mit einem Lächeln, „habe ich nie gezweifelt."

Sie waren soeben mitten in ihrem Gespräche, als Mrs. Bennet mit einem ängstlichen Gesichte zu der Thüre hereintrat, an deren einer Seite Elizabeth stand.

„Meine Liebe, komm einmal mit in das Speisezimmer; ich habe mit Dir zu sprechen, was keinen Aufschub leidet."

Sie zog sie mit sich fort; sobald sie allein waren, sprach sie: –

„Mein Kind, ich muß Dir etwas sagen, was mich sehr beunruhigt, und was ich Dir nicht vor den Mädchen sagen wollte. Mr. Bennet's Bruder Gardiner schreibt mir soeben, daß Wickham sich mit unserer Lydia verlobt hat. Ist das nicht entsetzlich?"

Elizabeth fuhr zurück; – aber nicht sowohl über die Nachricht selbst, als über den Schreck ihrer Mutter.

„Ist es möglich?" rief sie aus.

„Du meine Güte! Du meine Güte!" rief Mrs. Bennet, „was wird Dein Vater sagen? Der arme Mann! Es wird ihm das Herz brechen. Gott bewahre mich, was wird er thun!"

Mrs. Bennet wehklagte; Elizabeth suchte sie zu beruhigen.

„Bester Engel!" rief Mrs. Bennet, „wenn ich nur gewußt hätte, was Du mir damals schriebst, so hätte ich Dich nicht so kurz abgewiesen. Mein Gott, mein Gott, was wird nur daraus werden! Aber er ist nun einmal zu Torheiten fähig, er hat die Kühnheit, sich auf eine solche Weise zu erniedrigen. Ist es möglich, daß er sich in meine Tochter verlieben kann? Ich hoffe, er ist nicht toll darüber; aber er hat sich verliebt, und das Schlimmste ist, daß Wickham nicht das geringste Vermögen besitzt. Er hat keine Aussicht, zu etwas zu kommen. Dein armer Vater! Wie er sich darüber grämen wird! Wenn er nur ein Vermögen hätte, so möchte es sich noch ertragen lassen; aber so, wie die Sache steht, ist es eine wahre Schande."

„Aber Mama, kann es denn wirklich wahr sein?"

„Jawohl! Mein Bruder schreibt mir, daß der Mensch ihm selbst gesagt hat, daß er nicht im geringsten vorhabe, anders zu handeln; – und ich muß gestehen, es ist die größte Unverschämtheit, die mir je vorgekommen ist. Mr. Gardiner sagt, er gedenke zu seiner Rechtfertigung an dem und dem Tage nach Meryton zu kommen, – wahrscheinlich um dem Manne auf den Leib zu rücken, der sich so unverschämt in seine Familie gedrängt hat. Mein Kind, ich habe Dich recht lieb; ich habe Dich von jeher recht lieb gehabt. Wahrlich, Du wirst es gut haben, denn Du hast einen vortrefflichen Mann bekommen, und Du wirst in der Welt angesehen sein, und so wirst Du mich bei dem allgemeinen Unglücke ein wenig trösten."

Die Thränen, die Schluchzen, die Klagen, die Bekümmernisse, die Mrs. Bennet in Fülle ergoß, gaben dem Gange der Dinge einen Aufschub von einer guten halben Stunde. Indessen suchte Elizabeth, so gut sie konnte, ihre Schwester und sich selbst zu beruhigen und die Mutter zum Gehorsam gegen den Vater zu ermahnen, indem sie ihr die wahrscheinlichen Folgen einer solchen Entdeckung vor Augen stellte.

„Wenn mein armer Mann," rief Mrs. Bennet, „wenn er sich darein finden kann, so muß er es sich nur gefallen lassen; aber er wird sich gewiß nicht darein finden. Er wird vor Gram vergehen. Ich kenne ihn, – er wird sich nicht darein finden."

Indessen brach der Abend herein; und als Mr. Bennet sich vom Schlosse her

Es war in der zweiten Woche des Mai, als die drei jungen Damen gemeinsam von Gracechurch Street nach der Stadt ---- in Hertfordshire aufbrachen; und als sie dem verabredeten Gasthof nahekamen, wo Mr. Bennets Wagen sie erwarten sollte, gewahrten sie bald, zum Zeichen der Pünktlichkeit des Kutschers, oben Kitty und Lydia, die aus einem Speisezimmer herausschauten. Diese beiden Mädchen waren schon über eine Stunde dort, vergnügt damit beschäftigt, eine gegenüberliegende Putzmacherin zu besuchen, die Schildwache auf Posten zu beobachten und einen Salat mit Gurken anzumachen.

Nachdem sie ihre Schwestern begrüßt hatten, zeigten sie triumphierend einen Tisch, der mit kaltem Fleisch, wie es gewöhnlich in der Speisekammer eines Gasthofes zu finden ist, besetzt war, und riefen aus: „Ist das nicht hübsch? Ist das nicht eine angenehme Überraschung?"

„Und wir wollen euch alle bewirten," fügte Lydia hinzu; „aber ihr müßt uns das Geld leihen, denn wir haben unseres soeben in dem Laden dort ausgegeben." Dann wies sie ihre Einkäufe vor: „Seht hier, ich habe diesen Hut gekauft. Ich finde ihn zwar nicht sehr hübsch; aber ich dachte, ich könnte ihn ebenso gut kaufen wie nicht. Ich will ihn auseinandernehmen, sobald ich nach Hause komme, und zusehen, ob ich ihn nicht ein wenig besser machen kann."

Und als ihre Schwestern ihn als hässlich tadelten, setzte sie mit vollkommener Gleichgültigkeit hinzu: „O, es waren aber zwei oder drei noch viel hässlichere im Laden; und wenn ich mir ein hübscheres farbiges Atlasband gekauft habe, ihn frisch damit zu besetzen, so wird er recht erträglich sein. Außerdem wird es wenig ausmachen, was man diesen Sommer trägt, nachdem die ----shires Meryton verlassen haben, und sie gehen in vierzehn Tagen fort."

„Gehen sie wirklich?" rief Elisabeth mit dem größten Vergnügen.

„Sie werden in der Nähe von Brighton ein Lager beziehen; und ich wünschte so sehr, Papa nähme uns alle auf den Sommer dahin! Es wäre ein so entzückender Plan, und es würde, möchte ich behaupten, fast gar nichts kosten. Mama möchte auch von allen Dingen gern hingehen! Denkt nur, was für einen elenden Sommer wir sonst haben werden!"

„Ja," dachte Elisabeth, „das wäre in der Tat ein entzückender Plan und würde uns mit einem Male gänzlich zu Grunde richten. Gütiger Himmel! Brighton und ein ganzes Lager voll Soldaten, für uns, die wir schon durch ein armes Milizregiment und die monatlichen Bälle zu Meryton umgeworfen sind!"

„Jetzt habe ich Neuigkeiten für euch," sagte Lydia, als sie sich zu Tisch setzten. „Was denkt ihr? Es sind vortreffliche Neuigkeiten, Hauptneuigkeiten, und betreffen eine gewisse Person, die wir alle gern haben."

Jane und Elisabeth sahen einander an, und dem Kellner wurde gesagt, er könne sich entfernen. Lydia lachte und sprach:

„Ei, das sieht eurer Steifheit und Klugheit ähnlich. Ihr meintet, der Kellner dürfe es nicht hören, als ob es ihm was anginge! Ich wette, er hört oft Schlimmeres, als ich jetzt sagen werde. Aber er ist ein hässlicher Kerl! Ich bin froh, dass er fort ist. So ein langes Kinn ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen. Wohlan, jetzt zu meinen Neuigkeiten: es betrifft den lieben Wickham; zu gut für den Kellner, nicht wahr? Es ist keine Gefahr vorhanden, dass Wickham die Mary King heiratet – da habt ihr es! Sie ist zu ihrem Onkel nach Liverpool gereist; auf Besuch dorthin gegangen. Wickham ist sicher."

„Und Mary King ist sicher," fügte Elisabeth hinzu; „sicher vor einer Verbindung, die in bezug auf Vermögen unklug wäre."

„Sie ist eine große Närrin, dass sie weggegangen ist, wenn er ihr gefiel."

„Aber ich hoffe, es ist keine heftige Neigung auf irgendeiner Seite," sagte Jane.

„Auf seiner Seite gewiss nicht. Ich will dafür einstehen, er hat sich nie drei Strohhalme um sie gekümmert. Wer könnte es bei einem so garstigen, sommersprossigen Ding?"

Elisabeth erschrak bei dem Gedanken, dass, wie sehr auch sie selbst einer solchen Derbheit des Ausdrucks unfähig sein mochte, die Derbheit der Empfindung doch kaum eine andere war, als die, welche sie selbst einst im Herzen gehegt und für edel gehalten hatte!

Sobald alle gegessen hatten und die älteren die Rechnung beglichen, wurde der Wagen bestellt; und nach einiger Anstalt saß endlich die ganze Gesellschaft mit all ihren Schachteln, Arbeitsbeuteln und Paketen und dem unwillkommenen Zuwachs von Kittys und Lydias Einkäufen darin.

„Wie niedlich wir eingepfercht sind!" rief Lydia. „Ich bin froh, dass ich meinen Hut mitgebracht habe, wenn es auch nur des Spaßes wegen ist, noch eine Hutschachtel mehr zu haben! Wohlan, jetzt wollen wir uns recht behaglich und gemütlich einrichten und auf dem ganzen Wege nach Hause schwatzen und lachen. Und zuerst lasst uns hören, was euch allen begegnet ist, seit ihr weggegangen seid. Habt ihr angenehme Männer gesehen? Habt ihr geflirtet? Ich hatte die große Hoffnung, eine von euch würde einen Mann bekommen, ehe ihr zurückkämet. Jane wird bald eine alte Jungfer sein, erkläre ich. Sie ist beinahe dreiundzwanzig! Herrgott! wie ich mich schämen würde, wenn ich nicht vor dreiundzwanzig verheiratet wäre! Meine Tante Philips wünscht so, dass ihr Männer bekämet, ihr könnt euch keinen Begriff machen. Sie sagt, Lizzy hätte besser den Mr. Collins nehmen sollen; aber ich denke, es wäre kein Spaß dabei gewesen. Herrgott! wie wollte ich gern vor euch allen verheiratet sein! und dann wollte ich euch auf alle Bälle begleiten. Du meine Güte! wir hatten neulich solchen Spaß bei Oberst Forster! Kitty und ich sollten den Tag dort zubringen, und Mrs. Forster versprach, am Abend einen kleinen Tanz zu geben; (übrigens, Mrs. Forster und ich sind so gute Freundinnen!) und so bat sie die beiden Harringtons zu kommen: aber Harriet war krank, und so musste Pen allein kommen; und dann, was denkt ihr, dass wir taten? Wir zogen Chamberlayne in Frauenkleider an, um ihn für eine Dame auszugeben – denkt nur, was für ein Spaß! Keine Menschenseele wusste davon als der Oberst und Mrs. Forster und Kitty und ich, ausgenommen meine Tante, denn wir mussten uns eines ihrer Kleider borgen; und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gut er aussah! Als Denny und Wickham und Pratt und zwei oder drei andere von den Herren hereintraten, erkannten sie ihn im Geringsten nicht. Herrgott! wie ich lachte! und Mrs. Forster auch. Ich dachte, ich müsste sterben. Und das machte die Herren auf etwas aufmerksam, und dann fanden sie bald heraus, was es war."

Mit solchen Erzählungen von ihren Gesellschaften und ihren guten Streichen bemühte sich Lydia, unterstützt durch Kittys Winke und Zusätze, ihre Gefährtinnen auf dem ganzen Wege nach Longbourn zu unterhalten. Elisabeth hörte so wenig als möglich zu, aber der häufigen Erwähnung von Wickhams Namen konnte sie nicht entgehen.

Ihr Empfang zu Hause war überaus herzlich. Mrs. Bennet freute sich, Jane in ungeschmälerter Schönheit zu sehen; und mehr als einmal während des Mittagessens sagte Mr. Bennet freiwillig zu Elisabeth:

„Ich bin froh, dass du zurück bist, Lizzy."

Ihre Gesellschaft im Speisezimmer war groß, denn fast alle Lucas kamen, Maria zu treffen und die Neuigkeiten zu hören; und mannigfaltig waren die Gegenstände, die sie beschäftigten: Lady Lucas befragte Maria über den Tisch hin nach dem Wohlergehen und dem Geflügel ihrer ältesten Tochter; Mrs. Bennet war doppelt beschäftigt, einerseits von Jane, die ein Stück unter ihr saß, einen Bericht über die gegenwärtigen Moden einzusammeln und sie andererseits den jüngeren Miss Lucas wiederzugeben; und Lydia zählte in einer Stimme, die lauter war als irgend jemandes, einer jeden, die sie hören wollte, die verschiedenen Vergnügungen des Morgens auf.

„Ach, Mary," sagte sie, „ich wünschte, du wärest mit uns gegangen, denn wir hatten solchen Spaß! Als wir hinfuhren, zogen Kitty und ich alle Rouleaus herauf und stellten uns vor, es wäre niemand in der Kutsche; und ich hätte es den ganzen Weg so gemacht, wenn Kitty nicht hätte brechen müssen; und als wir zum George kamen, glaube ich, wir benahmen uns sehr großmütig, denn wir bewirteten die anderen drei mit dem niedlichsten kalten Mittagessen von der Welt, und wenn du gegangen wärest, würden wir dich auch bewirtet haben. Und als wir dann wegfuhren, war das ein Spaß! Ich dachte, wir würden gar nicht in die Kutsche kommen. Ich wäre schier vor Lachen gestorben. Und dann waren wir auf dem ganzen Heimwege so lustig! Wir schwatzten und lachten so laut, dass man uns zehn Meilen weit hätte hören können!"

Darauf erwiderte Mary sehr ernst: „Fern sei es von mir, meine liebe Schwester, solche Vergnügungen herabzusetzen. Sie würden ohne Zweifel dem Geschmack der Mehrzahl weiblicher Gemüter zusagen. Aber ich bekenne, sie würden für mich keinen Reiz haben. Ich würde unendlich ein Buch vorziehen."

Aber von dieser Antwort hörte Lydia kein Wort. Sie hörte selten jemand länger als eine halbe Minute zu, und auf Mary achtete sie nie.

Am Nachmittag drang Lydia in die übrigen Mädchen, nach Meryton zu gehen und zu sehen, wie jedermann sich befände; aber Elisabeth widersetzte sich standhaft diesem Plane. Es sollte nicht heißen, dass die Miss Bennets keine halben Tag zu Hause sein könnten, ohne den Offizieren nachzulaufen. Es gab noch einen anderen Grund für ihren Widerspruch. Sie scheute sich, Wickham wiederzusehen, und war entschlossen, es so lange als möglich zu vermeiden. Der Trost für sie bei der bevorstehenden Entfernung des Regiments ging in der Tat über allen Ausdruck. In vierzehn Tagen sollten sie gehen, und wenn sie einmal fort waren, hoffte sie, könne nichts mehr ihretwegen ihr zu schaffen machen.

Sie war noch keine vielen Stunden zu Hause gewesen, als sie fand, dass der Brightonplan, von dem Lydia ihnen in dem Gasthofe einen Wink gegeben hatte, zwischen ihren Eltern häufig erörtert wurde. Elisabeth sah sogleich, dass ihr Vater nicht die mindeste Absicht hatte nachzugeben; aber seine Antworten waren zugleich so unbestimmt und zweideutig, dass ihre Mutter, obgleich oft mutlos, dennoch nie die Hoffnung aufgegeben hatte, zuletzt durchzudringen.

VIERZIGSTES KAPITEL.

Elisabeths Ungeduld, Jane mit dem, was vorgefallen war, bekannt zu machen, ließ sich nicht länger bändigen; und endlich entschlossen, alles Einzelne, was ihre Schwester betraf, zu verschweigen, und sie auf eine Überraschung vorbereitend, erzählte sie ihr am folgenden Morgen das Wesentlichste der Szene zwischen Mr. Darcy und sich.

Miss Bennets Erstaunen verminderte sich bald durch die starke schwesterliche Parteilichkeit, die jede Bewunderung Elisabeths vollkommen natürlich erscheinen ließ; und alles Staunen ging bald in andere Empfindungen unter. Es tat ihr leid, dass Mr. Darcy seine Empfindungen in einer Weise geäußert haben sollte, die so wenig geeignet war, sie empfehlend zu machen; aber noch mehr betrübte sie das Unglück, das die Absage ihrer Schwester ihm verursacht haben musste.

„Dass er so sicher war, Erfolg zu haben, war unrecht," sagte sie, „und hätte freilich nicht erscheinen sollen; aber bedenke, wie es seine Enttäuschung vermehren muss."

„In der Tat," versetzte Elisabeth, „es tut mir aufrichtig leid um ihn; aber er hat andere Gefühle, die vermutlich bald seine Achtung vor mir verdrängen werden. Du tadelst mich doch nicht, dass ich ihn abgewiesen habe?"

„Dich tadeln! O nein."

„Aber du tadelst mich, dass ich so warm von Wickham gesprochen habe?"

„Nein – ich weiß nicht, dass du Unrecht hattest, was du sagtest."

„Aber du wirst es wissen, wenn ich dir erzählt habe, was sich am folgenden Tage zutrug."

Sie sprach nun von dem Briefe und wiederholte den ganzen Inhalt desselben, soweit er George Wickham betraf. Welch ein Schlag war dies für die arme Jane, die willig durch die Welt gegangen wäre, ohne zu glauben, dass so viel Schlechtigkeit in dem ganzen Menschengeschlechte existiere, als hier in einem einzigen Individuum vereinigt war! Auch war Darcys Rechtfertigung, obwohl ihren Gefühlen angenehm, nicht vermögend, sie über eine solche Entdeckung zu trösten. Auf das Ernstlichste bemühte sie sich, die Wahrscheinlichkeit eines Irrtums darzutun und den einen ins Klare zu setzen, ohne den anderen mit zu verwickeln.

„So geht das nicht," sagte Elisabeth; „du wirst niemals imstande sein, sie beide zu irgend etwas gut zu machen. Wähle dir einen aus, aber du musst dich mit dem einen allein begnügen. Es gibt nur so viel Verdienst zwischen ihnen; gerade genug, um einen ganz passablen Mann daraus zu machen; und in der letzten Zeit ist es ziemlich hin und her geschoben worden. Für meinen Teil bin ich geneigt, es alles dem Mr. Darcy zuzuschreiben, aber du magst handeln, wie du willst."

Es verging indessen einige Zeit, bevor Jane ein Lächeln abgenötigt werden konnte.

„Ich weiß nicht, wann ich mehr erschrocken bin," sagte sie. „Wickham so sehr schlecht! Es ist fast unglaublich. Und der arme Mr. Darcy! liebe Lizzy, bedenke nur, was er gelitten haben muss. Eine solche Enttäuschung! und mit dem Bewusstsein deiner üblen Meinung obendrein! und seiner Schwester so etwas erzählen zu müssen! Es ist wirklich zu betrübend, ich bin gewiss, du musst es so empfinden."

„O nein, mein Bedauern und mein Mitleid sind verschwunden, indem ich sehe, wie voll du von beiden bist. Ich weiß, du wirst ihm so volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass ich von Augenblick zu Augenblick gleichgültiger und teilnahmloser werde. Deine Verschwendung macht mich sparsam; und wenn du ihn noch länger beklagst, wird mir das Herz so leicht wie eine Feder."

„Der arme Wickham! es liegt ein solcher Ausdruck von Güte in seinem Gesicht! eine solche Offenheit und Sanftheit in seinem Wesen!"

„Es ist gewiss eine große Misswirtschaft in der Erziehung dieser beiden jungen Männer getrieben worden. Der eine hat alle Güte bekommen, und der andere allen Anschein davon."

„Ich habe Mr. Darcy nie so des Anscheins davon ermangelnd gefunden, wie du es sonst zu tun pflegtest."

„Und doch gedachte ich ungewöhnlich klug zu sein, wenn ich einen so entschiedenen Widerwillen gegen ihn fasste, ohne alle Ursache. Es ist ein solcher Sporn für den Witz, eine solche Öffnung für Scharfsinn, einen Widerwillen dieser Art zu haben. Man kann beständig schmähen, ohne etwas Richtiges zu sagen; aber man kann nicht beständig einen Mann verspotten, ohne bisweilen auf etwas Geistreiches zu stoßen."

„Lizzy, als du jenen Brief zuerst lasest, bin ich gewiss, du konntest die Sache nicht so behandeln, wie du es jetzt tust."

„Freilich, ich konnte es nicht. Ich war unbehaglich genug, ich war sehr unbehaglich – ich darf sagen, unglücklich. Und niemanden haben, dem ich von dem hätte sprechen können, was ich empfand, keine Jane, um mich zu trösten und zu sagen, ich sei nicht so gar schwach und eitel und albern gewesen, wie ich wohl wusste, dass ich gewesen war! O, wie ich dich vermisste!"

„Wie unglücklich, dass du so gar starke Ausdrücke im Sprechen von Wickham gegen Mr. Darcy gebraucht hast, denn nun erscheinen sie als gänzlich unverdient."

„Gewiss. Aber das Unglück, mit Bitterkeit zu sprechen, ist eine ganz natürliche Folge der Vorurteile, die ich genährt habe. Es gibt einen Punkt, worin ich deinen Rat möchte. Ich möchte wissen, ob ich unseren Bekannten im Allgemeinen Wickhams Charakter begreiflich machen soll oder nicht."

Miss Bennet besann sich ein wenig und antwortete dann: „Sicherlich kann keine Veranlassung vorhanden sein, ihn so schrecklich bloßzustellen. Was ist deine eigene Meinung?"

„Dass der Versuch nicht gemacht werden darf. Mr. Darcy hat mich nicht ermächtigt, seine Mitteilung öffentlich zu machen. Im Gegenteil, alles Einzelne, was seine Schwester betrifft, sollte soviel als möglich bei mir bleiben; und wenn ich die Leute über den übrigen Teil seines Betragens aufklären wollte, wer wird mir glauben? Das allgemeine Vorurteil gegen Mr. Darcy ist so heftig, dass es den Tod der Hälfte der guten Leute in Meryton zur Folge haben würde, wenn man versuchen wollte, ihn in ein vorteilhaftes Licht zu stellen. Ich bin einer solchen Aufgabe nicht gewachsen. Wickham wird bald fort sein; und darum wird es hier niemandem etwas ausmachen, was er eigentlich ist. Mit der Zeit wird es schon an den Tag kommen, und dann können wir über ihre Dummheit lachen, dass sie es nicht früher gewusst haben. Für jetzt will ich nichts darüber sagen."

„Du hast ganz recht. Seine Fehler öffentlich gemacht zu sehen, könnte ihn für immer zu Grunde richten. Er ist vielleicht jetzt wegen dessen, was er getan hat, bekümmert und begierig, seinen Ruf wiederherzustellen. Wir dürfen ihn nicht verzweifeln lassen."

Die Unruhe in Elisabeths Gemüt wurde durch dieses Gespräch besänftigt. Sie hatte zwei von den Geheimnissen losgeworden, die vierzehn Tage lang auf ihr gelastet hatten, und war einer willigen Zuhörerin in Jane gewiss, sooft sie vielleicht wieder über eines von beiden sprechen möchte. Aber es lauerte doch noch etwas im Hintergrunde, dessen Enthüllung die Klugheit verbot. Sie wagte nicht, ihr die andere Hälfte von Mr. Darcys Brief zu erzählen, noch ihrer Schwester auseinanderzusetzen, wie aufrichtig sie von seinem Freunde geschätzt worden war. Hier war eine Kenntnis, an der niemand teilnehmen durfte; und sie fühlte, dass nichts Geringeres als ein vollkommenes Einverständnis zwischen den beiden Teilen sie rechtfertigen könne, diese letzte Bürde des Geheimnisses abzuwerfen. „Und dann," sagte sie, „wenn jenes sehr unwahrscheinliche Ereignis jemals eintreten sollte, werde ich nur erzählen können, was Bingley in weit angenehmerer Weise selbst erzählen könnte. Die Freiheit der Mitteilung kann nicht eher die meinige sein, als bis sie allen ihren Wert verloren hat!"

Sie war nun, da sie wieder zu Hause festsaß, in der Muße, den wahren Zustand von ihrer Schwester Gemüt zu beobachten. Jane war nicht glücklich. Sie hegte noch immer eine sehr zärtliche Neigung für Bingley. Da sie sich nie zuvor auch nur eingebildet hatte, verliebt zu sein, so hatte ihre Zuneigung alle Wärme einer ersten Anhänglichkeit und bei ihrem Alter und ihrer Gemütsart eine größere Beständigkeit, als erste Anhänglichkeiten sich oft rühmen dürfen; und so innig schätzte sie sein Andenken und zog ihn jedem anderen Manne vor, dass alle ihre Vernunft und alle ihre Aufmerksamkeit auf die Gefühle ihrer Freinde nötig war, um dem Hange jener Reue Einhalt zu tun, die ihrer eigenen Gesundheit und ihrer Ruhe hätte nachteilig sein müssen.

„Nun, Lizzy," sagte Mrs. Bennet eines Tages, „was denkst du jetzt von dieser traurigen Geschichte mit Jane? Für meinen Teil bin ich entschlossen, nie wieder mit jemand darüber zu sprechen. Ich sagte es neulich meiner Schwester Philips. Aber ich kann nicht herausbringen, dass Jane ihn in London gesehen hat. Wohlan, er ist ein sehr unwürdiger junger Mann – und ich vermuthe nicht, dass im Geringsten Aussicht vorhanden ist, dass sie ihn jemals bekommt. Es ist keine Rede davon, dass er im Sommer wieder nach Netherfield kommen soll; und ich habe auch bei jedermann, der es wohl wissen könnte, Erkundigung eingezogen."

„Ich glaube nicht, dass er jemals wieder in Netherfield wohnen wird."

„O, wohlan! es ist ganz, wie er wählt. Niemand verlangt, dass er kommen soll; obgleich ich allezeit sagen werde, dass er meine Tochter sehr übel behandelt hat; und wenn ich sie wäre, ich hätte es mir nicht gefallen lassen. Wohlan, mein Trost ist, ich bin gewiss, Jane wird an gebrochenem Herzen sterben, und dann wird es ihm leid tun um das, was er getan hat."

Da aber Elisabeth aus einer solchen Erwartung keinen Trost schöpfen konnte, gab sie keine Antwort.

„Wohlan, Lizzy," fuhr ihre Mutter bald hernach fort, „und so leben die Collinses sehr behaglich, nicht wahr? Wohlan, wohlan, ich wünsche nur, es möge anhalten. Und was für einen Tisch führen sie? Charlotte ist, will ich wetten, eine vortreffliche Wirtschafterin. Wenn sie halb so scharf ist wie ihre Mutter, so ist sie sparsam genug. Es ist nichts Verschwenderisches in ihrer Haushaltung, vermuthe ich."

„Nein, gar nichts."

„Eine Menge guter Wirtschaft, verlaß dich darauf. Ja, ja. Sie werden sich in acht nehmen, nicht über ihre Einkünfte hinaus zu gehen. Sie werden nie in Verlegenheit um Geld sein. Wohlan, viel Gutes möge es ihnen bringen! Und so sprechen sie vermutlich oft davon, dass sie Longbourn bekommen werden, wenn dein Vater tot ist. Sie betrachten es ganz als das Ihrige, vermuthe ich, sobald das geschieht."

„Es war ein Gegenstand, den sie vor mir nicht erwähnen konnten."

„Nein; es wäre sonderbar gewesen, wenn sie es getan hätten. Aber ich zweifle nicht, sie sprechen oft untereinander davon. Wohlan, wenn sie bei einem Besitztum ruhig sein können, das ihnen nicht gesetzmäßig gehört, um so besser. Ich würde mich schämen, eins zu haben, das nur auf mir beruht."

EINUNDVIERZIGSTES KAPITEL.

Die erste Woche nach ihrer Rückkehr ging bald vorüber. Die zweite begann. Es war die letzte des Aufenthalts des Regiments in Meryton, und alle jungen Damen in der Nachbarschaft welkten zusehends dahin. Die Niedergeschlagenheit war beinahe allgemein. Die älteren Miss Bennets allein vermochten noch zu essen, zu trinken und zu schlafen und den gewöhnlichen Gang ihrer Beschäftigungen zu verfolgen. Sehr oft wurden sie von Kitty und Lydia dafür wegen dieser Gefühllosigkeit gescholten, deren eigenes Elend maßlos war und die eine solche Hartherzigkeit in der Familie nicht begreifen konnten.

„Gütiger Himmel! Was soll aus uns werden? Was sollen wir anfangen?" würden sie oft in der Bitterkeit ihres Schmerzes ausrufen. „Wie kannst du so lächeln, Lizzy?"

Ihre zärtliche Mutter teilte all ihren Kummer; sie erinnerte sich dessen, was sie selbst vor fünf- und zwanzig Jahren bei einer ähnlichen Veranlassung gelitten hatte.

„Ich bin gewiss," sagte sie, „ich weinte zwei Tage hintereinander, als Oberst Millers Regiment fortzog. Ich dachte, mir müsste das Herz brechen."

„Ich bin gewiss, das meine wird brechen," sagte Lydia.

„Wenn man nur nach Brighton gehen könnte!" bemerkte Mrs. Bennet.

„O ja! – wenn man nur nach Brighton gehen könnte! Aber Papa ist so unausstehlich."

„Ein wenig Seebad würde mich für immer wieder auf die Beine bringen."

„Und meine Tante Philips ist überzeugt, es würde mir ungeheuer guttun," fügte Kitty hinzu.

Derartige Klagen ertönten unaufhörlich in Longbourn House. Elizabeth versuchte, sich dadurch zerstreuen zu lassen; doch jede Freude wurde ihr durch Scham vergällt. Sie empfand aufs neue die Berechtigung von Mr. Darcys Einwänden, und niemals zuvor war sie so geneigt gewesen, seine Einmischung in die Pläne seines Freundes zu entschuldigen.

Doch die trüben Aussichten Lydias hellten sich bald auf; denn sie erhielt eine Einladung von Mrs. Forster, der Frau des Obersten des Regiments, sie nach Brighton zu begleiten. Diese unschätzbare Freundin war eine sehr junge Frau und erst kürzlich verheiratet. Eine Ähnlichkeit in guter Laune und Frohsinn hatte sie und Lydia einander empfohlen, und aus ihrer dreimonatigen Bekanntschaft waren sie zwei Monate lang vertraut gewesen.

Lydias Entzücken bei dieser Gelegenheit, ihre Vergötterung von Mrs. Forster, die Wonne Mrs. Bennets und die Kränkung Kittys sind kaum zu beschreiben. Gänzlich unempfänglich für die Gefühle ihrer Schwester, flog Lydia in rastloser Verzückung im Hause umher, forderte von allen Glückwünsche und lachte und schwatzte heftiger als je; während die unglückliche Kitty im Salon ihr Schicksal beklagte, in Tönen, die ebenso unvernünftig waren wie ihr Tonfall verdrießlich.

„Ich kann nicht einsehen, warum Mrs. Forster nicht mich ebensogut wie Lydia einladen sollte," sagte sie, „obwohl ich nicht ihre besondere Freundin bin. Ich habe ebensoviel Recht, gefragt zu werden wie sie, und sogar mehr, denn ich bin zwei Jahre älter."

Vergeblich bemühte sich Elizabeth, sie zur Vernunft zu bringen, und Jane, sie zur Ergebung. Was Elizabeth selbst betraf, so erregte diese Einladung in ihr so wenig die gleichen Gefühle wie in ihrer Mutter und Lydia, dass sie sie vielmehr als das Todesurteil aller Möglichkeit gesunden Menschenverstandes für die Letztere betrachtete; und so verabscheuungswürdig ein solcher Schritt sie, falls bekannt, auch machen musste, so konnte sie sich doch nicht enthalten, insgeheim ihrem Vater abzuraten, sie gehen zu lassen. Sie stellte ihm alle Unschicklichkeiten in Lydias allgemeinem Betragen vor, den geringen Vorteil, den sie aus der Freundschaft einer solchen Frau wie Mrs. Forster ziehen könne, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit einer solchen Gefährtin in Brighton noch unbesonnener sein werde, wo die Versuchungen größer sein müssten als zu Hause. Er hörte ihr aufmerksam zu und sagte darauf:

„Lydia wird nie Ruhe geben, bis sie sich an irgendeinem öffentlichen Ort zur Schau gestellt hat, und wir können nicht erwarten, dass sie es mit so geringer Unkosten und Ungelegenheit für ihre Familie tut wie unter den gegenwärtigen Umständen."

„Wenn du dir," sagte Elizabeth, „der sehr großen Nachteile für uns alle bewusst wärest, die aus der öffentlichen Beachtung von Lydias unvorsichtigem und unbesonnenem Betragen entstehen müssen – ja, die schon daraus entstanden sind, so bin ich sicher, du würdest in dieser Angelegenheit anders urteilen."

„Schon entstanden!" wiederholte Mr. Bennet. „Was! Hat sie einige deiner Liebhaber verscheucht? Arme kleine Lizzy! Aber lass dich nicht entmutigen. Solche zimperlichen Jünglinge, die es nicht ertragen können, mit einer kleinen Torheit in Verbindung gebracht zu werden, sind keinen Schmerz wert. Komm, lass mich die Liste der erbärmlichen Kerle sehen, die durch Lydias Narrheit ferngehalten worden sind."

„Du irrst dich wirklich. Ich habe keine solchen Kränkungen zu rächen. Es ist nicht von besonderen, sondern von allgemeinen Übeln, die ich jetzt klage. Unsere Wichtigkeit, unsere Achtbarkeit in der Welt muss durch die wilde flatterhafte Unbeständigkeit, die Dreistigkeit und Verachtung aller Zügel, die Lydias Charakter kennzeichnen, beeinträchtigt werden. Verzeih mir – denn ich muss offen sprechen. Wenn du, mein lieber Vater, dir nicht die Mühe machen willst, ihre überschäumende Laune zu zügeln und ihr beizubringen, dass ihre gegenwärtigen Zerstreuungen nicht der Lebensinhalt sein dürfen, so wird sie bald jeder Besserung entrückt sein. Ihr Charakter wird sich festigen; und sie wird, mit sechzehn, die entschiedenste Kokette sein, die je sich selbst und ihre Familie lächerlich gemacht hat – eine Kokette noch dazu im schlimmsten und gemeinsten Grade der Koketterie; ohne jede Anziehungskraft außer Jugend und einer leidlichen Erscheinung; und durch die Unwissenheit und Leere ihres Geistes völlig unfähig, irgendeinen Teil der allgemeinen Verachtung abzuwenden, die ihre Gier nach Bewunderung erregen wird. In dieser Gefahr ist auch Kitty mitbegriffen. Sie wird Lydia überallhin folgen. Eitel, unwissend, müßig und gänzlich unbeherrscht! O mein lieber Vater, kannst du für möglich halten, dass sie nicht getadelt und verachtet werden, wo immer man sie kennt, und dass ihre Schwestern nicht oft in die Schande hineingezogen werden?"

Mr. Bennet sah, dass ihr ganzes Herz bei der Sache war; und er nahm, zärtlich ihre Hand fassend, zur Antwort:

„Mach dir keine Sorgen, meine Liebe. Wo immer du und Jane bekannt seid, müsst ihr geachtet und geschätzt werden; und ihr werdet nicht im schlechteren Licht erscheinen, wenn ihr ein paar – oder ich darf sagen, drei – sehr törichte Schwestern habt. Wir werden in Longbourn keine Ruhe haben, wenn Lydia nicht nach Brighton geht. So lass sie gehen. Oberst Forster ist ein vernünftiger Mann und wird sie vor wirklichen Torheiten bewahren; und sie ist glücklicherweise zu arm, um eine Beute für irgendjemanden zu sein. In Brighton wird sie, selbst als gewöhnliche Kokette, von noch geringerer Bedeutung sein als hier. Die Offiziere werden Frauen finden, die ihrer Aufmerksamkeit würdiger sind. Lasst uns also hoffen, dass ihr Dortsein ihr ihre eigene Bedeutungslosigkeit lehren wird. Jedenfalls kann sie nicht um viele Grade schlimmer werden, ohne dass wir berechtigt wären, sie für den Rest ihres Lebens einzusperren."

Mit dieser Antwort musste Elizabeth sich zufriedengeben; doch ihre eigene Meinung blieb dieselbe, und sie verließ ihn enttäuscht und betrübt. Es lag jedoch nicht in ihrer Natur, ihren Kummer durch Grübeln zu vermehren. Sie war gewiss, ihre Pflicht getan zu haben; und über unvermeidliche Übel zu klagen oder sie durch Angst zu vergrößern, war nicht ihre Art.

Hätten Lydia und ihre Mutter den Inhalt ihrer Unterredung mit ihrem Vater gekannt, so hätte ihre Entrüstung kaum in ihrem vereinten Redeschwall Ausdruck finden können. In Lydias Einbildung umfasste ein Besuch in Brighton alle Möglichkeiten irdischer Glückseligkeit. Sie sah mit dem schöpferischen Auge der Fantasie die Straßen jenes fröhlichen Badeortes von Offizieren bedeckt. Sie sah sich als Gegenstand der Aufmerksamkeit von zehn und zwanzig von ihnen, die ihr jetzt noch unbekannt waren. Sie sah all den Glanz des Lagers: seine Zelte, in schöner Gleichförmigkeit der Reihen ausgestreckt, angefüllt mit den Jungen und Fröhlichen und schimmernd in Scharlachrot; und, um das Bild zu vollenden, sah sie sich unter einem Zelt sitzen, zärtlich mit mindestens sechs Offizieren zugleich kokettierend.

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Hätte sie gewusst, dass ihre Schwester sie von solchen Aussichten und solchen Wirklichkeiten loszureißen suchte – was wären ihre Empfindungen gewesen? Nur ihre Mutter hätte sie verstehen können, die fast das Gleiche empfunden haben würde. Lydias Reise nach Brighton war alles, was sie für die melancholische Überzeugung tröstete, dass ihr Mann selbst nie daran dachte, dorthin zu gehen.

Aber sie wussten beide gänzlich nicht, was vorgefallen war; und ihre Entzückungen fuhren, mit geringer Unterbrechung, bis zu dem Tag fort, an dem Lydia das Haus verließ.

Elizabeth sollte nun Mr. Wickham zum letzten Mal sehen. Da sie seit ihrer Rückkehr oft in seiner Gesellschaft gewesen war, hatte sich die Aufregung ziemlich gelegt; die Aufregungen der ehemaligen Zuneigung vollständig. Sie hatte sogar gelernt, in jener Sanftheit, die sie zuerst entzückt hatte, eine erkünstelte und eintönige Verstellung zu erkennen, die Ekel und Überdruss erregte. In seinem gegenwärtigen Betragen ihr gegenüber hatte sie überdies einen neuen Grund zum Missvergnügen; denn die Neigung, die er bald bekundete, jene Aufmerksamkeiten zu erneuern, die den ersten Teil ihrer Bekanntschaft gekennzeichnet hatten, konnte nach allem, was seither geschehen war, nur dazu dienen, sie zu reizen. Jede Teilnahme an ihm verlor sie, als sie sich so zum Gegenstand solcher eitlen und frivolen Galanterie ausersehen fand; und während sie es standhaft unterdrückte, konnte sie doch den Tadel nicht verkennen, der darin lag, dass er glaubte, ihre Eitelkeit werde, wie lange auch immer und aus welchem Grunde auch immer, seine Aufmerksamkeiten zurückgezogen gewesen sein, durch deren Erneuerung jederzeit befriedigt und ihre Vorliebe gesichert werden.

Am allerletzten Tag des Verbleibens des Regiments in Meryton speiste er, mit anderen Offizieren, in Longbourn; und so wenig war Elizabeth geneigt, in gutem Einvernehmen von ihm zu scheiden, dass sie, als er eine Erkundigung über die Art, wie sie ihre Zeit in Hunsford verbracht habe, einwarf, erwähnte, dass sowohl Oberst Fitzwilliam als auch Mr. Darcy drei Wochen in Rosings zugebracht hätten, und ihn fragte, ob er den ersteren kenne.

Er sah überrascht, ungehalten, bestürzt aus; doch mit einem Augenblick der Besinnung und einem wiederkehrenden Lächeln erwiderte er, er habe ihn früher oft gesehen; und nachdem er bemerkt hatte, dass er ein sehr vornehmer Mann sei, fragte er sie, wie sie ihn habe leiden können. Ihre Antwort fiel warm zu seinen Gunsten aus. Mit einer Miene der Gleichgültigkeit fügte er bald darauf hinzu: „Wie lange sagten Sie, dass er in Rosings war?"

„Beinahe drei Wochen."

„Und Sie sahen ihn häufig?"

„Ja, beinahe jeden Tag."

„Seine Manieren sind sehr verschieden von denen seines Vetters."

„Ja, sehr verschieden; aber ich denke, Mr. Darcy gewinnt bei näherer Bekanntschaft."

„Wirklich!" rief Wickham, mit einem Blick, der ihr nicht entging. „Und darf ich wohl fragen –" doch sich unterbrechend, fügte er in heiterem Tone hinzu: „Ist es im Benehmen, dass er gewinnt? Hat er geruht, seiner gewöhnlichen Art etwas an Höflichkeit hinzuzufügen? Denn ich wage nicht zu hoffen," fuhr er in einem leiseren und ernsteren Ton fort, „dass er im Wesentlichen gebessert ist."

„O nein!" sagte Elizabeth. „Im Wesentlichen ist er, glaube ich, noch ganz der, der er immer war."

Während sie sprach, sah Wickham aus, als wisse er kaum, ob er sich über ihre Worte freuen oder ihrem Sinn misstrauen solle. Es lag etwas in ihrem Gesicht, das ihn mit besorgter und ängstlicher Aufmerksamkeit zuhören ließ, während sie hinzufügte:

„Wenn ich sagte, er gewinne bei näherer Bekanntschaft, so meinte ich nicht, dass sein Geist oder seine Manieren in einem Zustand der Besserung seien; sondern dass man, indem man ihn besser kenne, seinen Charakter besser verstehe."

Wickhams Bestürzung zeigte sich nun in erhöhter Röte und verstörtem Blick; einige Minuten lang war er still; bis er, seine Verlegenheit abschüttelnd, sich wieder zu ihr wandte und in dem sanftesten Tonfall sagte:

„Sie, die Sie meine Gefühle gegen Mr. Darcy so gut kennen, werden leicht begreifen, wie aufrichtig ich mich freuen muss, dass er klug genug ist, auch nur den Schein des Rechten anzunehmen. Sein Stolz mag in dieser Richtung von Nutzen sein, wenn nicht für ihn selbst, so für viele andere, denn er muss ihn von so schändlichem Fehltritt abhalten, wie ich ihn erduldet habe. Ich fürchte nur, dass die Art von Vorsicht, auf die Sie, wie ich mir vorstelle, angespielt haben, nur bei seinen Besuchen bei seiner Tante angenommen wird, deren guter Meinung und Urteil er sehr viel Achtung zollt. Seine Furcht vor ihr hat, wie ich weiß, stets gewirkt, wenn sie beisammen waren; und es ist viel seiner Absicht zuzuschreiben, die Heirat mit Miss de Bourgh zu fördern, die ihm, dessen bin ich gewiss, sehr am Herzen liegt."

Elizabeth konnte sich eines Lächelns hierüber nicht erwehren, aber sie antwortete nur mit einer leichten Neigung des Kopfes. Sie sah, dass er sie auf das alte Thema seiner Beschwerden bringen wollte, und sie war nicht in der Stimmung, ihm darin zu Willen zu sein. Der Rest des Abends verlief, ihm gegenüber, unter dem Anschein gewöhnlicher Heiterkeit, aber ohne weiteren Versuch, Elizabeth auszuzeichnen; und sie trennten sich endlich mit gegenseitiger Höflichkeit und vielleicht mit gegenseitigem Wunsch, sich nie wiederzusehen.

Als die Gesellschaft sich auflöste, kehrte Lydia mit Mrs. Forster nach Meryton zurück, von wo sie am nächsten Morgen früh aufbrechen sollten. Die Trennung zwischen ihr und ihrer Familie war eher geräuschvoll als rührend. Kitty war die einzige, die Tränen vergoss; doch sie weinte aus Ärger und Neid. Mrs. Bennet war weitschweifig in ihren guten Wünschen für das Glück ihrer Tochter und eindringlich in ihren Mahnungen, sie solle die Gelegenheit, sich so viel wie möglich zu amüsieren, nicht versäumen – ein Rat, von dem alle Ursache war anzunehmen, dass er befolgt werden würde; und in dem lärmenden Glück Lydias selbst beim Abschied ging der sanftere Abschied ihrer Schwestern ungehört unter.

EINUNDSIEBZIGSTES KAPITEL.

Hätte Elizabeths Meinung sich lediglich auf ihre eigene Familie gestützt, so hätte sie kein sehr erfreuliches Bild ehelichen Glücks oder häuslicher Zufriedenheit entwerfen können. Ihr Vater, gefesselt durch Jugend und Schönheit und durch jenen Anschein guter Laune, den Jugend und Schönheit gemeinhin verleihen, hatte eine Frau geheiratet, deren schwacher Verstand und engherziger Geist sehr früh in ihrer Ehe aller wahren Zuneigung zu ihr ein Ende bereitet hatten. Achtung, Wertschätzung und Vertrauen waren auf immer verschwunden; und alle seine Aussichten auf häusliches Glück waren zunichtegemacht. Aber Mr. Bennet war nicht der Art, Trost für die Enttäuschung, die seine eigene Unbesonnenheit über ihn gebracht hatte, in jenen Vergnügungen zu suchen, die allzu oft den Unglücklichen für ihre Torheit oder ihr Laster entschädigen. Er liebte das Land und die Bücher; und aus diesen Neigungen waren seine hauptsächlichen Freuden erwachsen. Seiner Frau gegenüber war er ihr im Grunde nur insoweit verpflichtet, als ihre Unwissenheit und Torheit zu seinem Zeitvertreib beigetragen hatten. Das ist nicht die Art von Glück, die ein Mann im Allgemeinen seiner Frau schulden möchte; aber wo andere Quellen der Unterhaltung fehlen, wird der wahre Philosoph aus den gegebenen Nutzen ziehen.

Elizabeth jedoch hatte die Unsittlichkeit im Betragen ihres Vaters als Gatten nie aus den Augen verloren. Sie hatte es stets mit Schmerz gesehen; aber da sie seine Fähigkeiten achtete und ihm für seine zärtliche Behandlung ihrer selbst dankbar war, suchte sie zu vergessen, was sie nicht übersehen konnte, und aus ihren Gedanken zu verbannen jenen fortwährenden Bruch ehelicher Pflicht und Sitte, der, indem er seine Frau der Verachtung ihrer eigenen Kinder aussetzte, so überaus tadelnswert war. Doch nie hatte sie so stark wie jetzt die Nachteile empfunden, die den Kindern einer so unpassenden Ehe notwendigerweise anhaften mussten, noch sich jemals so vollständig der Übel bewusst gewesen, die aus einer so schlecht beurteilten Richtung der Talente entspringen – Talente, die, recht angewandt, wenigstens die Achtbarkeit seiner Töchter hätten bewahren können, auch wenn sie unfähig waren, den Geist seiner Frau zu erweitern.

Nachdem Elizabeth sich über Wickhams Weggang gefreut hatte, bot der Verlust des Regiments ihr wenig sonstige Ursache zur Zufriedenheit. Die gesellschaftlichen Zusammenkünfte in der Umgebung waren weniger abwechslungsreich als zuvor; und zu Hause hatte sie eine Mutter und eine Schwester, deren unaufhörliches Klagen über die Langweiligkeit alles um sie her einen wirklichen Schatten über ihren häuslichen Kreis warf; und obgleich Kitty mit der Zeit vielleicht ihren natürlichen Grad von Verstand wiedererlangen mochte, da die Störer ihres Gehirns entfernt waren, so war doch ihre andere Schwester, von deren Anlage größeres Übel zu befürchten war, wahrscheinlich in all ihrer Torheit und Dreistigkeit durch eine Lage von so doppelter Gefahr wie ein Badeort und ein Lager noch zu verhärten. Im Ganzen fand sie also, was bisweilen schon früher gefunden worden ist: dass ein Ereignis, dem sie mit ungeduldigem Verlangen entgegengesehen hatte, bei seinem Eintreten nicht alle Befriedigung brachte, die sie sich davon versprochen hatte. Folglich war es nötig, irgendeine andere Zeit für den Beginn des eigentlichen Glücks zu bestimmen; irgendeinen anderen Punkt zu haben, auf den ihre Wünsche und Hoffnungen sich richten konnten, und durch erneutes Genießen der Vorfreude sich für die Gegenwart zu trösten und auf eine neue Enttäuschung vorzubereiten. Ihre Reise nach den Seen war nun der Gegenstand ihrer glücklichsten Gedanken: es war ihr bester Trost für all die unbehaglichen Stunden, welche die Unzufriedenheit ihrer Mutter und Kitty unvermeidlich machte; und hätte sie Jane in den Plan einschließen können, so wäre jeder Teil davon vollkommen gewesen.

„Aber es ist ein Glück," dachte sie, „dass ich etwas zu wünschen habe. Wäre die ganze Veranstaltung vollendet, so wäre meine Enttäuschung gewiß. Doch hier, indem ich mit mir eine unablässige Quelle des Kummers in der Abwesenheit meiner Schwester trage, darf ich mit Grund hoffen, alle meine Erwartungen auf Vergnügen erfüllt zu sehen. Ein Plan, dessen jeder Teil Vergnügen verspricht, kann nie erfolgreich sein; und die allgemeine Enttäuschung wird nur durch den Schutz einer kleinen besonderen Verdrießlichkeit abgewehrt."

Als Lydia fortging, versprach sie, sehr oft und sehr ausführlich an ihre Mutter und Kitty zu schreiben; aber ihre Briefe wurden stets mit Sehnsucht erwartet und waren stets sehr kurz. Die an ihre Mutter enthielten kaum etwas anderes, als dass sie eben aus der Bibliothek zurückgekommen seien, wo die und die Offiziere sie begleitet hätten, und wo sie so schöne Verzierungen gesehen habe, die sie ganz verrückt machten; dass sie ein neues Kleid habe oder einen neuen Sonnenschirm, den sie ausführlicher beschrieben haben würde, aber in großer Eile abbrechen müsse, da Mrs. Forster sie rufe und sie ins Lager gehen wollten; und aus ihrer Korrespondenz mit ihrer Schwester war noch weniger zu erfahren, denn ihre Briefe an Kitty, obwohl etwas länger, waren viel zu voll von Strichen unter den Worten, um der Öffentlichkeit preisgegeben werden zu können.

Nach den ersten vierzehn Tagen oder drei Wochen ihrer Abwesenheit begannen Gesundheit, gute Laune und Heiterkeit in Longbourn wieder einzukehren. Alles nahm eine heiterere Miene an. Die Familien, die den Winter über in der Stadt gewesen waren, kamen zurück, und sommerlicher Putz und sommerliche Verabredungen tauchten auf. Mrs. Bennet war zu ihrer gewöhnlichen mürrischen Gelassenheit zurückgeführt; und Mitte Juni war Kitty so weit genesen, dass sie Meryton ohne Tränen betreten konnte – ein Ereignis von so glückverheißender Bedeutung, dass Elizabeth hoffen durfte, bis zum folgenden Weihnachtsfest werde sie so leidlich vernünftig sein, nicht öfter als einmal am Tag einen Offizier zu erwähnen, es sei denn, durch irgendeine grausame und boswillige Verfügung des Kriegsministeriums würde ein anderes Regiment in Meryton einquartiert.

Die für den Beginn ihrer Nordreise festgesetzte Zeit rückte nun schnell heran; und es fehlten nur noch vierzehn Tage dazu, als ein Brief von Mrs. Gardiner eintraf, der sogleich den Anfang verzögerte und den Umfang beschnitt. Mr. Gardiner würde durch Geschäfte verhindert werden, erst vierzehn Tage später im Juli aufzubrechen, und müsse schon innerhalb eines Monats wieder in London sein; und da dies eine zu kurze Zeit ließ, um so weit zu gehen und so viel zu sehen, wie sie vorgehabt hatten, oder es wenigstens mit der Muße und Bequemlichkeit zu sehen, auf die sie gerechnet hatten, waren sie gezwungen, die Seen aufzugeben und eine beschränktere Reise an deren Stelle zu setzen; und dem jetzigen Plan zufolge sollten sie nicht weiter nördlich gehen als bis nach Derbyshire. In jener Grafschaft gab es genug zu sehen, um den größten Teil ihrer drei Wochen auszufüllen; und für Mrs. Gardiner hatte es einen ganz besonderen Reiz. Die Stadt, in der sie früher einige Jahre ihres Lebens verbracht hatte und wo sie nun einige Tage zubringen sollten, war wahrscheinlich ebenso sehr ein Gegenstand ihrer Neugier wie all die berühmten Schönheiten von Matlock, Chatsworth, Dovedale oder dem Peak.

Elizabeth war über die Maßen enttäuscht: sie hatte ihr Herz darauf gesetzt, die Seen zu sehen; und noch immer meinte sie, es hätte genug Zeit sein können. Aber es gehörte zu ihrer Pflicht, zufrieden zu sein – und gewiss zu ihrer Art, glücklich zu sein; und bald war wieder alles in Ordnung.

Mit der Erwähnung von Derbyshire waren viele Vorstellungen verknüpft. Es war ihr unmöglich, das Wort zu sehen, ohne an Pemberley und seinen Besitzer zu denken. „Aber sicherlich," sagte sie, „darf ich seine Grafschaft ungestraft betreten und ihr ein paar versteinerte Sterne rauben, ohne dass er mich bemerkt."

Die Zeit der Erwartung war nun verdoppelt. Vier Wochen mussten noch verstreichen, bevor ihrer Tante und ihres Onkels Ankunft bevorstand. Aber sie vergingen doch, und Mr. und Mrs. Gardiner mit ihren vier Kindern erschienen endlich in Longbourn. Die Kinder, zwei Mädchen von sechs und acht Jahren und zwei jüngere Knaben, sollten unter der besonderen Obhut ihrer Kusine Jane bleiben, die der allgemeine Liebling war und deren beständiger Verstand und Sanftmut des Temperaments sie genau geeignet machten, sich ihrer in jeder Weise anzunehmen – sie zu unterrichten, mit ihnen zu spielen und sie liebzuhaben.

Die Gardiners blieben nur eine Nacht in Longbourn und brachen am nächsten Morgen mit Elizabeth auf, auf der Suche nach Neuem und Vergnügen. Ein Genuss war gewiss – der der gegenseitigen Eignung als Reisegefährten; eine Eignung, die Gesundheit und Laune umfasste, um Unbequemlichkeiten zu ertragen – Fröhlichkeit, um jede Freude zu erhöhen – und Zuneigung und Verstand, die untereinander Ersatz bieten konnten, falls es draußen Enttäuschungen gab.

Es ist nicht der Zweck dieses Werkes, Derbyshire zu beschreiben, noch einen jener bemerkenswerten Orte, durch welche ihre Reise dorthin führte – Oxford, Blenheim, Warwick, Kenilworth, Birmingham und so weiter sind hinlänglich bekannt. Ein kleiner Teil Derbyshires allein ist hier von Belang. Nach dem kleinen Städtchen Lambton, dem Schauplatz von Mrs. Gardiners früherem Aufenthalt, wo sie unlängst erfahren hatte, dass noch einige Bekannte dort lebten, lenkten sie ihre Schritte, nachdem sie alle Hauptsehenswürdigkeiten der Gegend besichtigt hatten; und kaum fünf Meilen von Lambton erfuhr Elizabeth von ihrer Tante, dass Pemberley in der Nähe liege. Es lag nicht an ihrem direkten Wege, doch nicht mehr als ein, zwei Meilen abseits. Beim Erörtern ihrer Route am vorhergehenden Abend hatte Mrs. Gardiner den Wunsch geäußert, den Ort noch einmal zu sehen. Mr. Gardiner erklärte sich bereit, und Elizabeth wurde um ihre Zustimmung gebeten.

„Meine Liebe, möchtest du nicht gern einen Ort sehen, von dem du so viel gehört hast?", sagte ihre Tante. „Einen Ort überdies, mit dem so mancher deiner Bekannten verbunden ist. Wickham hat dort seine ganze Jugend verlebt, wie du weißt."

Elizabeth war in Verlegenheit. Sie fühlte, dass sie in Pemberley nichts zu schaffen hatte, und musste eine Abneigung dagegen vorgeben, es zu besichtigen. Sie musste eingestehen, dass sie der großen Häuser überdrüssig sei: nachdem sie so viele gesehen, bereite ihr weder feiner Teppich noch seidene Gardine wirkliches Vergnügen.

Mrs. Gardiner schalt sie töricht. „Wäre es bloß ein schönes, reich ausgestattetes Haus", sagte sie, „würde ich selbst mir nichts daraus machen; aber die Anlagen sind entzückend. Sie besitzen einige der schönsten Wälder der ganzen Gegend."

Elizabeth erwiderte nichts; doch ihr Inneres wollte sich nicht fügen. Die Möglichkeit, Mr. Darcy bei der Besichtigung des Ortes zu begegnen, kam ihr sogleich in den Sinn. Es wäre entsetzlich! Sie errötete schon bei dem Gedanken; und sie fand es besser, offen mit ihrer Tante zu sprechen, als ein solches Wagnis einzugehen. Doch dagegen standen ihr Bedenken entgegen; so fasste sie schließlich den Entschluss, dies als letzten Ausweg zu betrachten, falls ihre heimlichen Erkundigungen über die Abwesenheit der Familie ungünstig ausfielen.

Dementsprechend fragte sie noch am selben Abend, als sie sich zur Ruhe begeben wollte, das Zimmermädchen, ob Pemberley nicht ein sehr schöner Ort sei, wie sein Besitzer heiße, und – nicht ohne einiges Bangen – ob die Familie zum Sommer dort sei? Auf die letzte Frage folgte die höchst willkommene Verneinung; und da ihre Befürchtungen nun zerstreut waren, durfte sie einer lebhaften Neugier Raum geben, das Haus selbst zu sehen; und als man am nächsten Morgen das Thema erneut anschnitt und abermals an sie gewandte, konnte sie ohne weiteres und mit dem Anschein geziemender Gleichgültigkeit antworten, dass sie gegen das Vorhaben eigentlich nichts einzuwenden habe.

Nach Pemberley also sollten sie sich begeben.

DREIUNDVIERZIGSTES KAPITEL.

Elizabeth, während sie dahinfuhren, spähte mit einigem Ungestüm nach den ersten Wipfeln des Pemberley-Waldes aus; und als sie endlich beim Pförtnerhaus einbogen, flatterten ihre Gedanken aufs äußerste.

Der Park war sehr weitläufig und wies mannigfaltige Geländeformen auf. Sie betraten ihn an einer seiner tiefsten Stellen und fuhren geraume Zeit durch einen herrlichen Wald, der sich weit ausdehnte.

Elizabeths Sinn war zu erfüllt, um zu reden, doch sie sah und bewunderte jeden bemerkenswerten Fleck und Aussichtspunkt. Allmählich stiegen sie etwa eine halbe Meile bergan und befanden sich dann auf der Höhe einer ansehnlichen Anhöhe, wo der Wald endete und das Auge sofort von Pemberley House gefangen genommen wurde, das jenseits des Tales lag, in welches der Weg mit einiger Schroffheit hinabführte. Es war ein großer, stattlicher Bau aus Stein, vornehm auf ansteigendem Grund gelegen, im Rücken von einer Reihe hoher, waldiger Hügel geschützt; und vor ihm dehnte sich ein Bach von einiger natürlicher Bedeutung zu größerer Breite, doch ohne jede erkünstelte Wirkung. Seine Ufer waren weder steif noch auf geschmacklose Weise geziert. Elizabeth war entzückt. Nie hatte sie einen Ort gesehen, an welchem die Natur mehr getan hatte oder wo die natürliche Schönheit so wenig durch verfehlten Geschmack beeinträchtigt worden war. Sie waren allesamt voll warmer Bewunderung; und in diesem Augenblick empfand sie, dass es etwas Bedeutendes sein könnte, die Herrin von Pemberley zu sein!

Sie stiegen den Hügel hinab, überquerten die Brücke und fuhren bis vor die Tür; und während sie die nähere Ansicht des Hauses betrachteten, kehrte all ihre Angst zurück, seinem Besitzer zu begegnen. Sie fürchtete, das Zimmermädchen könne sich geirrt haben. Als man eintrat, wurden sie in die Halle geführt; und Elizabeth, während sie auf die Hausverwalterin warteten, hatte Muße, sich zu verwundern, dass sie wirklich hier war.

Die Hausverwalterin kam; eine achtbar wirkende ältere Frau, weit weniger geputzt und weit höflicher, als sie es sich hätte vorstellen können. Man folgte ihr ins Speisezimmer. Es war ein großer, wohl proportionierter Raum, geschmackvoll eingerichtet. Elizabeth, nachdem sie flüchtig umhergeblickt, trat an ein Fenster, um die Aussicht zu genießen. Der Hügel, mit Wald bekrönt, von dem sie herabgestiegen, gewann durch die Entfernung noch an Schroffheit und bot einen herrlichen Anblick. Jede Geländeform war vortrefflich disponiert; und sie überschaute die ganze Szene – den Fluss, die an seinen Ufern verstreuten Bäume, die Windungen des Tales, soweit ihr Blick folgen konnte – mit Entzücken. Beim Eintritt in die übrigen Zimmer wechselten diese Objekte ihre Stellung; doch aus jedem Fenster boten sich Schönheiten dar. Die Räume waren hoch und stattlich, und ihre Einrichtung entsprach dem Vermögen des Besitzers; doch Elizabeth sah mit Bewunderung für seinen Geschmack, dass sie weder prunkvoll noch überflüssig verschwenderisch war – weniger Pracht, dafür mehr wirkliche Eleganz als die Einrichtung von Rosings.

„Und dies hier", dachte sie, „hätte mein Haus sein können! Mit diesen Zimmern hätte ich nun vertraut sein können! Statt sie wie eine Fremde zu besichtigen, hätte ich mich ihrer als mein Eigenes erfreuen und meine Tante und meinen Onkel als Gäste darin willkommen heißen können. Aber nein", besann sie sich, „das hätte nie sein können; Onkel und Tante wären mir verloren gewesen; man hätte mir nicht erlaubt, sie einzuladen."

Dies war eine glückliche Besinnung – sie bewahrte sie vor etwas wie Bedauern.

Sie hätte die Hausverwalterin gern gefragt, ob ihr Herr wirklich abwesend sei, brachte aber den Mut dazu nicht auf. Endlich jedoch wurde die Frage von ihrem Onkel gestellt; und sie wandte sich voll Bestürzung ab, während Mrs. Reynolds antwortete, ja, er sei es; und fügte hinzu: „Aber wir erwarten ihn morgen mit einer großen Gesellschaft von Freunden." Wie froh war Elizabeth, dass ihre eigene Reise durch keinerlei Umstand auch nur um einen Tag verzögert worden war!

Ihre Tante rief sie nun an ein Bild. Sie trat näher und erblickte das Porträt Mr. Wickhams, das zwischen mehreren anderen Miniaturen über dem Kaminsims hing. Ihre Tante fragte sie lächelnd, wie es ihr gefalle. Die Hausverwalterin trat vor und teilte ihnen mit, es sei das Bild eines jungen Herrn, des Sohnes des verstorbenen Verwalter ihres Herrn, den dieser auf eigene Kosten habe aufziehen lassen. „Er ist nun zur Armee gegangen", fügte sie hinzu; „doch fürchte ich, er ist sehr ungeraten."

Mrs. Gardiner sah ihre Nichte mit einem Lächeln an, doch Elizabeth konnte es nicht erwidern.

„Und das", sagte Mrs. Reynolds, auf eine der anderen Miniaturen weisend, „ist mein Herr – und sehr ähnlich. Es wurde zur selben Zeit angefertigt wie das andere – vor ungefähr acht Jahren."

„Ich habe viel von der stattlichen Erscheinung Ihres Herrn gehört", sagte Mrs. Gardiner, das Bild betrachtend; „es ist ein hübsches Gesicht. Aber, Lizzy, du kannst uns sagen, ob es ähnlich ist oder nicht."

Mrs. Reynolds' Achtung vor Elizabeth schien durch diese Andeutung, dass sie ihren Herrn kenne, zu wachsen.

„Kennt diese junge Dame Mr. Darcy?"

Elizabeth errötete und sagte: „Flüchtig."

„Und finden Sie ihn nicht für einen sehr stattlichen Herrn, Ma'am?"

„Ja, sehr stattlich."

„Ich kenne sicherlich keinen so stattlichen; aber in der Galerie oben werden Sie ein schöneres, größeres Bild von ihm sehen als dieses. Dieses Zimmer war das Lieblingszimmer meines verstorbenen Herrn, und diese Miniaturen sind ganz so, wie sie damals waren. Er hatte sie sehr gern."

Dies erklärte Elizabeth, weshalb Mr. Wickham sich darunter befand.

Mrs. Reynolds lenkte sodann ihre Aufmerksamkeit auf eines von Miss Darcy, gemalt, als sie erst acht Jahre alt war.

„Ist Miss Darcy ebenso hübsch wie ihr Bruder?", fragte Mr. Gardiner.

„Oh, ja – die hübscheste junge Dame, die je gesehen wurde; und so vollendet! Sie spielt und singt den ganzen Tag. Im nächsten Zimmer steht ein neues Instrument, das eigens für sie angekommen ist – ein Geschenk meines Herrn: sie kommt morgen mit ihm hierher."

Mr. Gardiner, dessen Wesen leutselig und angenehm war, ermutigte sie durch seine Fragen und Bemerkungen zu weiterer Mitteilung; Mrs. Reynolds hatte, sei es aus Stolz oder aus Zuneigung, offenbar großes Vergnügen daran, von ihrem Herrn und seiner Schwester zu sprechen.

„Hält sich Ihr Herr viel im Laufe des Jahres in Pemberley auf?"

„Nicht so viel, wie ich es wünschte, Sir; aber ich wage zu sagen, er verbringt wohl die Hälfte seiner Zeit hier; und Miss Darcy ist stets während der Sommermonate hier."

„Außer", dachte Elizabeth, „wenn sie nach Ramsgate geht."

„Wenn Ihr Herr heiraten würde, könnten Sie mehr von ihm sehen."

„Ja, Sir; aber ich weiß nicht, wann das geschehen soll. Ich weiß nicht, wer gut genug für ihn wäre."

Mr. und Mrs. Gardiner lächelten. Elizabeth konnte nicht umhin zu sagen: „Es gereicht ihm gewiss sehr zur Ehre, dass Sie so denken."

„Ich sage nichts als die Wahrheit, und was jedermann sagen wird, der ihn kennt", erwiderte die andere. Elizabeth fand, dies gehe nun ziemlich weit; und sie hörte mit wachsendem Erstaunen zu, als die Hausverwalterin hinzufügte: „Ich habe in meinem ganzen Leben kein unfreundliches Wort von ihm gehört, und ich kenne ihn, seit er vier Jahre alt war."

Dies war ein Lob, das wie kein andres ihr Erstaunen erregte, so sehr widersprach es allem, was sie je gedacht. Dass er kein gutmütiger Mensch sei, war ihre festeste Überzeugung gewesen. Ihre gespannteste Aufmerksamkeit war geweckt: sie hätte noch mehr hören mögen; und sie war ihrem Onkel dankbar, als er sagte: –

„Es gibt nur sehr wenige Menschen, von denen man so viel sagen kann. Sie sind glücklich, einen solchen Herrn zu haben."

„Ja, Sir, ich weiß, dass ich es bin. Wenn ich die Welt durchqueren wollte, ich könnte keinen besseren finden. Doch habe ich stets bemerkt: wer als Kind gutmütig ist, ist es auch, wenn er erwachsen ist; und er war immer der sanftmütigste, großherzigste Knabe von der Welt."

Elizabeth starrte sie fast an. „Kann dies Mr. Darcy sein?", dachte sie.

„Sein Vater war ein vortrefflicher Mann", sagte Mrs. Gardiner.

„Ja, Ma'am, das war er in der Tat; und sein Sohn wird ihm ganz gleichen – ebenso leutselig gegen die Armen."

Elizabeth hörte zu, staunte, zweifelte und verlangte ungeduldig nach mehr. Mrs. Reynolds konnte sie auf keinem anderen Punkt interessieren. Die Gegenstände der Bilder, die Maße der Zimmer und den Preis der Möbel teilte sie vergebens mit. Mr. Gardiner, der seine übermäßige Lobpreisung des Herrn mit jener Art Familienvorliebe, die er amüsant fand, erklärte, lenkte das Gespräch bald wieder auf das frühere Thema; und sie sprach mit Nachdruck von seinen vielen Vorzügen, während sie gemeinsam die große Treppe hinaufgingen.

„Er ist der beste Gutsherr und der beste Herr", sagte sie, „der je gelebt hat. Nicht wie die wilden jungen Männer heutzutage, die an nichts als an sich selbst denken. Es gibt nicht einen seiner Pächter oder Dienstboten, der ihm nicht ein gutes Zeugnis ausstellen würde. Manche Leute nennen ihn stolz; aber ich habe, ich weiß es sicher, nie dergleichen an ihm bemerkt. Meiner Meinung nach kommt es nur daher, weil er nicht so unbesonnen daherplaudert wie andere junge Männer."

„In welch liebenswürdigem Licht erscheint er hier!", dachte Elizabeth.

„Dieser schöne Bericht von ihm", flüsterte ihre Tante, während sie weitergingen, „stimmt nicht ganz mit seinem Verhalten gegen unseren armen Freund überein."

„Vielleicht haben wir uns täuschen lassen."

„Das ist nicht sehr wahrscheinlich; unsere Quelle war zu gut."

Auf dem geräumigen Vorplatz oben angelangt, wurden sie in ein sehr hübsches Wohnzimmer geführt, das neuerdings mit größerer Eleganz und Helligkeit eingerichtet worden war als die Zimmer unten; und man erfuhr, es sei eben erst nach Miss Darcys Geschmack hergerichtet worden, da sie bei ihrem letzten Aufenthalt in Pemberley an diesem Zimmer Gefallen gefunden habe.

„Er ist gewiss ein guter Bruder", sagte Elizabeth, als sie auf eines der Fenster zuging.

Mrs. Reynolds erfreute sich im Voraus an Miss Darcys Entzücken, wenn sie das Zimmer betreten würde. „Und so ist es immer bei ihm", fügte sie hinzu. „Was immer seiner Schwester Freude machen kann, wird im Augenblick getan. Es gibt nichts, was er nicht für sie tun würde."

Die Bildergalerie und zwei oder drei der wichtigsten Schlafzimmer waren alles, was noch zu zeigen blieb. In der ersteren hingen viele gute Gemälde: doch Elizabeth verstand nichts von der Kunst; und von denen, die schon unten zu sehen gewesen, wandte sie sich gern zu einigen Kreidezeichnungen Miss Darcys, deren Gegenstände gewöhnlich interessanter und auch verständlicher waren.

In der Galerie gab es viele Familienporträts, doch sie boten einem Fremden wenig, was die Aufmerksamkeit hätte fesseln können. Elizabeth ging weiter, auf der Suche nach dem einzigen Antlitz, dessen Züge ihr bekannt wären. Endlich hielt es sie fest – und sie erblickte eine auffallende Ähnlichkeit mit Mr. Darcy, mit einem solchen Lächeln über dem Gesicht, wie sie es manchmal gesehen zu haben sich erinnerte, wenn er sie ansah. Sie stand mehrere Minuten lang vor dem Bilde, in ernster Betrachtung, und kehrte zu ihm zurück, noch ehe sie die Galerie verließen. Mrs. Reynolds teilte ihnen mit, es sei zu Lebzeiten seines Vaters gemalt worden.

Es regte sich gewiss in diesem Augenblick in Elizabeths Innern ein sanfteres Gefühl gegen das Urbild, als sie es je auf der Höhe ihrer Bekanntschaft empfunden hatte. Das Lob, das Mrs. Reynolds ihm spendete, war durchaus nicht geringfügig. Welcher Beifall ist wertvoller als der einer verständigen Dienerin? Als Bruder, Gutsherr, Herr dachte sie daran, wie vieler Menschen Glück in seiner Obhut lag! Wie viel Lust oder Leid in seiner Macht stand zu vergeben! Wie viel Gutes oder Böses durch ihn geschehen musste! Jede Bemerkung, die die Hausverwalterin vorgebracht, gereichte seinem Charakter zum Vorteil; und als sie vor der Leinwand stand, auf der er dargestellt war, und seine Augen auf die ihren gerichtet sah, dachte sie an seine Neigung mit tieferer Empfindung der Dankbarkeit, als sie jemals zuvor geweckt hatte: sie erinnerte sich seiner Wärme und milderte das Ungeziemende seines Ausdrucks.

Als alles im Hause, was der allgemeinen Besichtigung offenstand, gesehen worden war, kehrten sie die Treppe hinab; und nachdem sie von der Hausverwalterin Abschied genommen, wurden sie dem Gärtner übergeben, der ihnen an der Halle entgegenkam.

Als sie über den Rasen dem Flusse zugingen, wandte Elizabeth sich um, noch einmal zurückzublicken; ihr Onkel und ihre Tante hielten ebenfalls an; und während der erstere über das Alter des Bauwerks mutmaßte, trat sein Besitzer selbst plötzlich von der Straße hervor, die hinter dem Hause zu den Ställen führte.

Sie waren kaum zwanzig Schritt voneinander entfernt; und so unvermutet war sein Erscheinen, dass es unmöglich war, seinem Blick auszuweichen. Ihre Augen trafen sich augenblicklich, und die Wangen beider überzog die tiefste Röte. Er fuhr sichtlich zusammen und schien einen Augenblick vor Überraschung wie angewurzelt; doch bald sich fassend, trat er auf die Gesellschaft zu und sprach Elizabeth an – wenn auch nicht mit vollkommener Fassung, so doch mit vollkommener Höflichkeit.

Sie hatte sich unwillkürlich abgewandt; doch als er herannahte, blieb sie stehen und empfing seine Begrüßung mit einer Verlegenheit, die unüberwindlich schien. Hätten sein erstes Erscheinen oder seine Ähnlichkeit mit dem Bilde, das sie eben betrachtet, den beiden anderen nicht hinlänglich kundgetan, dass sie nun Mr. Darcy erblickten – der Ausdruck des Erstaunens auf des Gärtners Antlitz beim Anblick seines Herrn hätte es ihnen sogleich verraten müssen. Sie standen ein wenig abseits, während er mit ihrer Nichte sprach, die, bestürzt und verwirrt, kaum die Augen zu seinem Antlitz aufzuheben wagte und nicht wusste, was sie auf seine höflichen Fragen nach ihrer Familie antwortete. Erstaunt über die Veränderung in seinem Wesen seit ihrem letzten Beisammensein, steigerte jeder Satz, den er äußerte, ihre Verwirrung; und jeder Gedanke an die Unschicklichkeit, hier angetroffen zu werden, der ihr in den Sinn kam, machte ihr die wenigen Minuten, die sie beieinander weilten, zu einigen der unbehaglichsten ihres Lebens. Auch er schien nicht viel weniger befangen; wenn er sprach, hatte seine Stimme nichts von der gewohnten Gelassenheit; und er wiederholte seine Fragen nach der Zeit ihrer Abreise aus Longbourn und nach der Dauer ihres Aufenthalts in Derbyshire so oft und so hastig, dass es deutlich die Verwirrung seiner Gedanken verriet.

Endlich schienen ihm alle Worte auszugehen; und nachdem er einige Augenblicke schweigend gestanden, besann er sich plötzlich und nahm Abschied.

Die anderen traten nun zu ihr und äußerten ihre Bewunderung über seine Erscheinung; doch Elizabeth hörte kein Wort, gänzlich von ihren eigenen Empfindungen erfüllt, und folgte ihnen schweigend. Sie wurde von Scham und Verdruss überwältigt. Ihr Kommen hier war das Unglücklichste, das Törichteste von der Welt! Wie seltsam musste es ihm erscheinen! In welch unwürdiges Licht mochte es einen so eitlen Mann bringen! Es konnte scheinen, als habe sie sich absichtlich wieder in seinen Weg geworfen! Ach! Warum war sie gekommen? Oder, warum kam er einen Tag früher als erwartet? Wären sie nur zehn Minuten früher dagewesen, sie wären außerhalb der Reichweite seiner Beobachtung gewesen; denn es war offenbar, dass er in diesem Augenblick erst angekommen war, in diesem Augenblick vom Pferd oder aus der Kutsche gestiegen. Sie errötete immer wieder aufs neue über die Widersinnigkeit dieser Begegnung. Und sein so auffallend verändertes Betragen – was konnte es bedeuten? Dass er sie überhaupt anredete, war erstaunlich! – doch gar mit solcher Höflichkeit zu sprechen, nach ihrer Familie zu fragen! Nie in ihrem Leben hatte sie seine Manieren so wenig würdevoll gesehen, nie hatte er mit solcher Sanftheit gesprochen wie bei dieser unerwarteten Begegnung. Welch einen Gegensatz bot dies zu seiner letzten Ansprache im Rosings-Park, als er ihr den Brief in die Hand drückte! Sie wusste nicht, was sie denken, wie sie es sich erklären sollte.

Sie hatten nun einen herrlichen Weg am Ufer des Wassers betreten, und jeder Schritt brachte einen edleren Abfall des Geländes oder eine schönere Waldpartie näher, der sie sich näherten; doch es dauerte einige Zeit, bis Elizabeth etwas davon gewahr wurde; und obwohl sie mechanisch auf die wiederholten Zurückrufe ihres Onkels und ihrer Tante antwortete und den Blick scheinbar auf die Gegenstände richtete, die sie ihr zeigten, unterschied sie doch keinen Teil der Szene. Ihre Gedanken weilten alle an dem einen Punkt von Pemberley House, wo auch immer es sein mochte, an dem Mr. Darcy sich gerade aufhielt. Sie hätte zu wissen gewünscht, was in diesem Augenblick in seinem Innern vorging; auf welche Weise er ihrer gedachte, und ob sie ihm, allem zum Trotz, noch teuer sei. Vielleicht war er nur höflich gewesen, weil er sich unbefangen fühlte; und doch war etwas in seiner Stimme gewesen, das nicht wie Unbefangenheit klang. Ob er beim Anblick ihrer mehr Schmerz oder mehr Freude empfunden, konnte sie nicht sagen, doch sicherlich hatte er sie nicht mit Fassung gesehen.

Endlich jedoch rissen sie die Bemerkungen ihrer Begleiter über ihre Geistesabwesenheit auf, und sie fühlte die Notwendigkeit, wieder mehr sie selbst zu erscheinen.

Sie betraten den Wald und verließen für eine Weile den Fluss, um auf einige der höher gelegenen Punkte hinaufzusteigen; von wo aus, an Stellen, die der Blick frei durch die Bäume schweifen konnte, sich viele reizende Aussichten über das Tal eröffneten, über die gegenüberliegenden Hügel mit dem langgestreckten Waldgürtel, der viele davon überzog, und bisweilen auch über einen Teil des Stromes. Mr. Gardiner äußerte den Wunsch, den ganzen Park zu umrunden, fürchtete jedoch, dies sei für einen Spaziergang zu weit. Mit einem triumphierenden Lächeln erfuhren sie, dass der Umfang zehn Meilen betrage. Damit war die Sache abgetan, und sie folgten dem üblichen Rundweg, der sie nach einiger Zeit auf einem Abstieg zwischen hängenden Wäldern wieder ans Ufer des Wassers und zu einer seiner engsten Stellen führte. Sie überschritten es auf einer schlichten Brücke, die zum allgemeinen Charakter der Gegend passte: es war ein weniger ausgeschmückter Ort als alle, die sie bisher besucht hatten, und das Tal, das sich hier zu einer Schlucht verengte, ließ nur Raum für den Strom und einen schmalen Pfad durch das rauhe Unterholz, das ihn säumte. Elizabeth sehnte sich danach, seinen Windungen zu folgen; doch als sie die Brücke überquert hatten und die Entfernung zum Hause sahen, konnte Mrs. Gardiner, die keine große Wanderin war, nicht weitergehen und dachte nur daran, so schnell wie möglich zur Kutsche zurückzukehren. Ihre Nichte musste sich daher fügen, und sie nahmen ihren Weg auf der gegenüberliegenden Flussseite in der kürzesten Richtung zum Haus; doch ihr Fortkommen war langsam, denn Mr. Gardiner, obwohl er dieser Neigung nur selten frönen konnte, war ein leidenschaftlicher Angler und so sehr damit beschäftigt, das gelegentliche Auftauchen von Forellen im Wasser zu beobachten und mit dem Mann darüber zu sprechen, dass er kaum vorwärtskam. Während sie auf diese Weise langsam dahinwanderten, wurden sie abermals überrascht, und Elizabeths Erstaunen war nicht geringer als beim ersten Mal, als sie Mr. Darcy auf sich zukommen sahen, und zwar aus nicht großer Entfernung. Da der Weg hier weniger geschützt war als auf der anderen Seite, konnten sie ihn sehen, bevor sie einander begegneten. Elizabeth war, wie erstaunt auch immer, nun doch wenigstens besser auf eine Begegnung vorbereitet als zuvor und nahm sich vor, mit Fassung zu erscheinen und zu sprechen, falls er wirklich die Absicht hatte, ihnen zu begegnen. Einen Augenblick lang freilich glaubte sie, er werde wohl in einen anderen Pfad einbiegen. Dieser Gedanke währte so lange, wie eine Biegung des Weges ihn ihren Blicken entzog; dann, als die Biegung vorbei war, stand er plötzlich vor ihnen. Mit einem Blick sah sie, dass er nichts von seiner jüngsten Höflichkeit verloren hatte; und, um ihm seine Gefälligkeit nachzuahmen, begann sie bei ihrem Zusammentreffen, die Schönheit der Gegend zu rühmen; doch sie war mit den Worten „entzückend" und „reizend" nicht weit gekommen, als ihr einige unglückselige Erinnerungen in den Sinn kamen, und sie bildete sich ein, Lob für Pemberley aus ihrem Munde könnte böswillig ausgelegt werden. Ihre Farbe wechselte, und sie schwieg.

Mrs. Gardiner stand ein wenig hinter ihnen; und als sie innehielt, bat er sie, ihm die Ehre zu erweisen, ihn ihren Freunden vorzustellen. Dies war ein Höflichkeitsbeweis, auf den sie ganz und gar nicht vorbereitet war; und sie konnte kaum ein Lächeln unterdrücken bei dem Gedanken, dass er nun die Bekanntschaft einiger genau jener Leute suchte, gegen die sich sein Stolz bei seinem Antrag an sie selbst aufgelehnt hatte. „Was wird er für ein erstauntes Gesicht machen", dachte sie, „wenn er erfährt, wer sie sind! Er hält sie jetzt für Leute von Stand."

Die Vorstellung erfolgte indessen unverzüglich; und während sie ihre Verwandtschaft mit sich selbst nannte, warf sie ihm einen verstohlenen Blick zu, um zu sehen, wie er es aufnahm; und sie rechnete fast damit, dass er so schnell wie möglich vor so schändlichen Begleitern Reißaus nehmen würde. Dass ihn die Verbindung überraschte, war offensichtlich: doch er trug es mit Fassung; und weit davon entfernt, sich zu entfernen, kehrte er mit ihnen um und knüpfte mit Mr. Gardiner ein Gespräch an. Elizabeth konnte nicht umhin, erfreut zu sein, konnte nicht umhin, zu triumphieren. Es war ein Trost, dass er wusste, sie habe Verwandte, deretwegen man nicht erröten musste. Sie hörte äußerst aufmerksam auf alles, was zwischen ihnen gesprochen wurde, und war stolz auf jedes Wort, jeden Ausdruck ihres Onkels, der seinen Verstand, seinen Geschmack oder seine guten Manieren bekundete.

Das Gespräch kam bald auf das Angeln; und sie hörte, wie Mr. Darcy ihn mit der größten Höflichkeit einlud, hier zu angeln, so oft er wolle, solange er in der Nachbarschaft weile, wobei er ihm gleichzeitig Angelgerät anzubieten und auf jene Stellen des Flusses hinzuweisen geruhte, wo für gewöhnlich der meiste Fang zu machen war. Mrs. Gardiner, die Arm in Arm mit Elizabeth ging, warf ihr einen Blick zu, der ihr Staunen ausdrückte. Elizabeth sagte nichts, aber es schmeichelte ihr über die Maßen; das Kompliment konnte nur ihr allein gelten. Ihr Erstaunen freilich war außerordentlich; und immer wieder fragte sie sich: „Warum ist er so verändert? Woher mag das kommen? Es kann nicht meinetwegen sein, es kann nicht um meinetwillen sein, dass sein Benehmen so gemildert ist. Meine Vorhaltungen in Hunsford konnten eine solche Wandlung nicht bewirken. Es ist unmöglich, dass er mich noch liebt."

Nachdem sie einige Zeit so gegangen waren, die beiden Damen voraus, die beiden Herren dahinter, ergab sich beim Wiedereinnehmen ihrer Plätze, nachdem sie zum besseren Betrachten einer merkwürdigen Wasserpflanze ans Flussufer hinabgestiegen waren, zufällig eine kleine Veränderung. Sie hatte ihren Ursprung bei Mrs. Gardiner, die, von der Anstrengung des Morgens ermüdet, Elizabeths Arm als Stütze unzureichend fand und daher den ihres Gatten vorzog. Mr. Darcy nahm ihren Platz neben ihrer Nichte ein, und sie gingen zusammen weiter. Nach kurzem Schweigen ergriff die Dame zuerst das Wort. Sie wollte, dass er wisse, sie habe sich vor ihrer Ankunft hier seiner Abwesenheit versichert, und begann daher mit der Bemerkung, seine Ankunft sei sehr unerwartet gewesen – „denn Ihre Haushälterin", fügte sie hinzu, „hatte uns gesagt, Sie würden ganz gewiss nicht vor morgen hier sein; und tatsächlich erfuhren wir, bevor wir Bakewell verließen, dass Sie nicht so bald auf dem Lande erwartet würden." Er bestätigte die Richtigkeit all dessen und sagte, dass Geschäfte mit seinem Verwalter seinen Aufbruch um einige Stunden vor dem übrigen Reisegefolge, mit dem er unterwegs gewesen sei, veranlasst hätten. „Sie werden mich morgen früh erreichen", fuhr er fort, „und unter ihnen sind einige, die eine Bekanntschaft mit Ihnen geltend machen werden – Mr. Bingley und seine Schwestern."

Elizabeth antwortete nur mit einer leichten Verbeugung. Ihre Gedanken wurden augenblicklich auf jenen Tag zurückgelenkt, an dem der Name Mr. Bingley zuletzt zwischen ihnen gefallen war; und wenn sie nach seiner Miene urteilen durfte, war auch sein Geist nicht sehr anders beschäftigt.

„Es ist auch noch eine andere Person in unserer Gesellschaft", fuhr er nach einer Pause fort, „die ganz besonders wünscht, Ihnen bekannt zu werden. Gestatten Sie mir, oder fordere ich zu viel, wenn ich Ihnen meine Schwester während Ihres Aufenthalts in Lambton vorstelle?"

Die Überraschung über eine solche Bitte war wahrlich groß; sie war zu groß, als dass sie gewusst hätte, in welcher Weise sie zusagte. Sie empfand sogleich, dass ein Wunsch Miss Darcys, sie kennenzulernen, das Werk ihres Bruders sein müsse, und ohne weiter zu forschen, war es ihr befriedigend; es war erfreulich zu wissen, dass sein Groll ihn nicht wirklich schlecht von ihr denken ließ.

Sie gingen nun schweigend weiter; jeder von ihnen tief in Gedanken versunken. Elizabeth fühlte sich nicht wohl dabei; das war unmöglich; doch fühlte sie sich geschmeichelt und erfreut. Sein Wunsch, ihr seine Schwester vorzustellen, war ein Kompliment der höchsten Art. Bald hatten sie die anderen hinter sich gelassen; und als sie die Kutsche erreichten, waren Mr. und Mrs. Gardiner eine halbe Viertelmeile zurück.

Er bat sie daraufhin, ins Haus einzutreten – doch sie erklärte, nicht müde zu sein, und so standen sie zusammen auf dem Rasen. Bei einer solchen Gelegenheit hätte vieles gesagt werden können, und das Schweigen war überaus peinlich. Sie wünschte zu sprechen, doch schien jedes Thema mit einem Bann belegt. Schließlich fiel ihr ein, dass sie gereist war, und sie sprachen mit ausdauernder Beharrlichkeit von Matlock und Dovedale. Doch die Zeit und ihre Tante vergingen nur langsam – und ihre Geduld wie ihre Gedanken waren nahezu erschöpft, bevor das Gespräch unter vier Augen sein Ende fand.

Als Mr. und Mrs. Gardiner herankamen, drängten sie alle, ins Haus zu treten und sich zu erfrischen; doch dies wurde abgelehnt, und sie nahmen voneinander Abschied mit der größten Höflichkeit. Mr. Darcy geleitete die Damen zur Kutsche; und als diese abfuhr, sah Elizabeth, wie er langsam dem Hause zuging.

Die Bemerkungen ihres Onkels und ihrer Tante begannen nun; und jeder von ihnen erklärte ihn für unendlich überlegen allem, was sie erwartet hatten.

„Er ist überaus wohlerzogen, höflich und bescheiden", sagte ihr Onkel.

„Es liegt freilich etwas leicht Hoheitsvolles in ihm", erwiderte ihre Tante; „doch es beschränkt sich auf seine Haltung und steht ihm nicht übel. Nun kann ich mit der Haushälterin sagen, dass, obwohl manche Leute ihn stolz nennen mögen, ich nichts davon bemerkt habe."

„Nie war ich mehr erstaunt als über sein Verhalten uns gegenüber. Es war mehr als höflich; es war geradezu aufmerksam; und solche Aufmerksamkeit war gar nicht nötig. Seine Bekanntschaft mit Elizabeth war äußerst oberflächlich."

„Gewiss, Lizzy", sagte ihre Tante, „er ist nicht so hübsch wie Wickham; oder vielmehr, er hat nicht Wickhams Gesicht, denn seine Züge sind durchaus regelmäßig. Aber wie kamst du dazu, uns zu sagen, er sei so unangenehm?"

Elizabeth entschuldigte sich, so gut sie konnte; sagte, sie habe ihn bei ihrer Begegnung in Kent lieber gemocht als zuvor, und sie habe ihn nie so angenehm gesehen wie an diesem Morgen.

„Aber vielleicht ist er ein wenig launisch in seinen Höflichkeiten", erwiderte ihr Onkel. „Große Herren sind das oft; und daher werde ich ihn beim Wort nehmen, was das Angeln betrifft – er könnte eines anderen Tages seine Meinung ändern und mich von seinem Grund und Boden verweisen."

Elizabeth fühlte, dass sie seinen Charakter gänzlich verkannt hatten, sagte aber nichts.

„Nach dem, was wir von ihm gesehen haben", fuhr Mrs. Gardiner fort, „hätte ich wirklich nicht gedacht, dass er sich so grausam gegen irgendjemand hätte benehmen können, wie er es gegen den armen Wickham getan hat. Er hat keinen bösen Blick. Im Gegenteil, es liegt etwas Gefälliges um seinen Mund, wenn er spricht. Und es liegt etwas Würdevolles in seiner Miene, das keine ungünstige Vorstellung von seinem Herzen erwecken würde. Aber freilich, die brave Dame, die uns das Haus zeigte, hat ihm ein überaus glänzendes Zeugnis ausgestellt! Ich konnte manchmal kaum umhin, laut aufzulachen. Doch er ist wohl ein freigebiger Herr, und das, in den Augen eines Dieners, schließt jede Tugend in sich."

Elizabeth fühlte sich hier aufgerufen, etwas zur Verteidigung seines Verhaltens gegen Wickham zu sagen; und gab ihnen daher, so behutsam sie konnte, zu verstehen, dass nach dem, was sie von seinen Verwandten in Kent gehört habe, sein Handlungen eine sehr andere Deutung zuließen; und dass sein Charakter bei weitem nicht so fehlerhaft, und Wickhams keineswegs so liebenswert sei, wie man es in Hertfordshire angenommen hatte. Zur Bestätigung dessen berichtete sie die Einzelheiten all der Geldgeschäfte, in denen sie miteinander verwickelt gewesen waren, ohne ihre Quelle eigentlich beim Namen zu nennen, jedoch mit dem Bemerken, es sei eine solche, auf die man sich verlassen könne.

Mrs. Gardiner war erstaunt und betroffen; doch da sie sich nun der Stätte ihrer früheren Freuden näherten, wich jeder Gedanke dem Zauber der Erinnerung; und sie war zu sehr damit beschäftigt, ihrem Gatten alle interessanten Punkte in der Umgebung zu zeigen, als dass sie an etwas anderes hätte denken können. Obwohl sie vom Morgenspaziergang ermüdet war, brach sie, kaum dass sie zu Mittag gegessen hatten, wieder auf, um ihre früheren Bekanntschaften aufzusuchen, und der Abend wurde in der Befriedigung eines nach mehrjähriger Unterbrechung erneuerten Umgangs verbracht.

Die Ereignisse des Tages waren zu reich an Interesse, als dass Elizabeth ihren neuen Freundinnen viel Aufmerksamkeit hätte schenken können; und sie konnte nichts tun, als zu denken und mit Verwunderung an Mr. Darcys Höflichkeit zu denken, und vor allem an seinen Wunsch, sie mit seiner Schwester bekannt zu machen.

VIERUNDVIERZIGSTES KAPITEL.

Elizabeth hatte sich darauf verlassen, dass Mr. Darcy seine Schwester schon am Tag nach ihrer Ankunft in Pemberley zu Besuch bringen werde; und war folglich entschlossen, den ganzen Morgen das Gasthaus nicht aus den Augen zu verlieren. Doch ihre Vermutung täuschte sie; denn schon am Morgen nach ihrer eigenen Ankunft in Lambton erschienen diese Besucher. Sie waren mit einigen ihrer neuen Bekannten in der Gegend umhergewandert und eben ins Gasthaus zurückgekehrt, um sich zum Mittagessen bei derselben Familie umzukleiden, als das Geräusch einer Kutsche sie ans Fenster lockte, und sie sahen einen Herrn und eine Dame in einem Kurierwagen die Straße herauffahren. Elizabeth erkannte sofort die Livree, erriet, was es zu bedeuten habe, und versetzte ihre Verwandten in nicht geringes Erstaunen, indem sie ihnen die Ehre ankündigte, die ihr bevorstand. Ihr Onkel und ihre Tante gerieten außer sich vor Verwunderung; und die Verlegenheit, die sich in ihrem Wesen beim Sprechen zeigte, im Verein mit dem Umstand selbst sowie vielen der Umstände des vorangegangenen Tages, eröffneten ihnen einen neuen Gedanken über die Sache. Nichts hatte sie zuvor darauf gebracht, doch nun hatten sie das Gefühl, dass es keine andere Erklärung für solche Aufmerksamkeiten von solcher Seite gebe, als eine Neigung für ihre Nichte anzunehmen. Während diese neu geborenen Vorstellungen ihnen durch den Kopf gingen, stieg Elizabeths innere Verwirrung von Augenblick zu Augenblick. Sie war über ihre eigene Fassungslosigkeit ganz verblüfft; doch unter anderen Ursachen der Beunruhigung fürchtete sie, die Zuneigung des Bruders möchte allzu viel zu ihren Gunsten gesagt haben; und, mehr als gewöhnlich bestrebt, zu gefallen, argwöhnte sie naturgemäß, dass ihr jede Fähigkeit zu gefallen fehlen werde.

Sie trat vom Fenster zurück, aus Furcht, gesehen zu werden; und während sie im Zimmer auf und ab ging und sich zu beruhigen suchte, sah sie in den Augen ihres Onkels und ihrer Tante solche Blicke forschender Verwunderung, dass alles nur schlimmer wurde.

Miss Darcy und ihr Bruder erschienen, und die furchteinflößende Vorstellung fand statt. Mit Erstaunen bemerkte Elizabeth, dass ihre neue Bekannte mindestens ebenso verlegen war wie sie selbst. Seit ihrer Ankunft in Lambton hatte sie gehört, dass Miss Darcy überaus stolz sei; doch die Beobachtung von wenigen Minuten überzeugte sie, dass sie nur überaus schüchtern war. Sie fand es schwer, auch nur ein Wort mehr als eine Silbe aus ihr herauszubringen.

Miss Darcy war groß und von größerem Wuchs als Elizabeth; und obwohl sie wenig mehr als sechzehn war, war ihre Gestalt schon ausgereift und ihre Erscheinung fraulich und anmutig. Sie war weniger hübsch als ihr Bruder, doch lag Verstand und gute Laune in ihrem Gesicht, und ihre Manieren waren durchaus ungekünstelt und sanft. Elizabeth, die erwartet hatte, in ihr eine ebenso scharfe und ungezwungene Beobachterin zu finden, wie Mr. Darcy es je gewesen war, war sehr erleichtert, als sie so ganz andere Empfindungen wahrnahm.

Sie waren noch nicht lange beieinander, als Darcy ihr sagte, dass auch Bingley im Begriff stehe, ihr seinen Besuch abzustatten; und sie hatte kaum Zeit, ihre Freude darüber auszudrücken und sich auf einen solchen Besucher vorzubereiten, als man Bingleys raschen Schritt auf der Treppe hörte, und im nächsten Augenblick trat er ins Zimmer. All Elizabeths Groll gegen ihn war längst verflogen; doch hätte sie noch irgendwelchen gehegt, er hätte schwerlich bestehen können gegen die ungekünstelte Herzlichkeit, mit der er bei seinem Wiedersehen mit ihr sprach. Er erkundigte sich auf freundliche, wenn auch allgemeine Weise nach ihrer Familie, und sah und sprach mit derselben guten Laune und Ungezwungenheit wie je.

Für Mr. und Mrs. Gardiner war er kaum eine weniger interessante Person als für sie selbst. Sie hatten ihn längst einmal sehen wollen. Die ganze Gesellschaft vor ihnen erregte freilich eine lebhafte Aufmerksamkeit. Die Vermutungen, die soeben hinsichtlich Mr. Darcys und ihrer Nichte in ihnen aufgestiegen waren, lenkten ihre Beobachtung auf jeden mit ernstem, wenngleich vorsichtigem Forschen; und sie gewannen bald aus diesen Forschungen die volle Überzeugung, dass wenigstens einer von ihnen wisse, was Lieben sei. Über die Empfindungen der Dame blieben sie ein wenig im Zweifel; doch dass der Herr von Bewunderung überfloss, war deutlich genug.

Elizabeth ihrerseits hatte viel zu tun. Sie wollte die Gefühle jedes ihrer Besucher erkunden, sie wollte die eigenen ordnen und sich allen angenehm machen; und bei diesem letzten Vorhaben, wo sie am meisten zu fehlen fürchtete, war sie ihres Erfolges am sichersten, denn diejenigen, denen sie gefallen wollte, waren bereits für sie eingenommen. Bingley war bereit, Georgiana war begierig, und Darcy war entschlossen, zufrieden zu sein.

Bei Bingleys Anblick flogen ihre Gedanken naturgemäß zu ihrer Schwester; und oh! wie sehnlich wünschte sie zu wissen, ob irgendeiner seiner Gedanken in ähnlicher Weise gerichtet sei. Manchmal konnte sie sich einbilden, er spreche weniger als bei früheren Gelegenheiten, und ein- oder zweimal schmeichelte sie sich mit dem Gedanken, er suche, wenn er sie anschaue, in ihren Zügen eine Ähnlichkeit zu entdecken. Doch obwohl dies Einbildung sein mochte, konnte sie sich hinsichtlich seines Benehmens Miss Darcy gegenüber nicht täuschen, die man Jane als Rivalin hatte entgegenstellen wollen. Auf keiner Seite zeigte sich ein Blick, der besondere Zuneigung verriet. Es geschah nichts zwischen ihnen, das die Hoffnungen seiner Schwester hätte rechtfertigen können. In diesem Punkt war sie bald beruhigt; und zwei oder drei kleine Umstände ereigneten sich, bevor sie schieden, die ihr, in ihrer ängstlichen Auslegung, eine Erinnerung an Jane verrieten, nicht ungetrübt von Zartheit, und einen Wunsch, mehr zu sagen, das auf deren Erwähnung hätte führen können, hätte er sich getraut. Er bemerkte ihr gegenüber, in einem Augenblick, als die anderen miteinander sprachen, und in einem Ton, der etwas von wirklichem Bedauern hatte, es sei „eine sehr lange Zeit her, seit er das Vergnügen gehabt habe, sie zu sehen"; und ehe sie antworten konnte, fügte er hinzu: „Es sind mehr als acht Monate. Wir sind uns seit dem 26. November nicht begegnet, als wir zusammen in Netherfield tanzten."

Elizabeth freute sich, sein Gedächtnis so genau zu finden; und er fand später, als niemand von den Übrigen aufmerkte, die Gelegenheit, sie zu fragen, ob alle ihre Schwestern in Longbourn seien. Es lag nicht viel in der Frage, noch in der vorangehenden Bemerkung; doch lag ein Blick und ein Ton darin, die ihnen Bedeutung verliehen.

Nicht oft konnte sie ihre Augen auf Mr. Darcy selbst richten; doch wenn sie ihn erblickte, sah sie einen Ausdruck allgemeiner Gefälligkeit, und in allem, was er sagte, hörte sie einen Ton, der so weit entfernt war von Hochmut oder Verachtung seiner Begleiter, dass es sie überzeugte, die Besserung seines Wesens, die sie gestern beobachtet hatte, mochte auch noch so vorübergehend sein, habe wenigstens einen Tag überdauert. Wenn sie sah, wie er hier die Bekanntschaft suchte und die Gunst von Leuten zu gewinnen trachtete, mit denen jeder Umgang vor wenigen Monaten noch eine Schande gewesen wäre; wenn sie sah, wie er nicht nur ihr gegenüber, sondern auch gegen die Verwandten, die er offen verachtet hatte, so höflich war, und sie sich an ihre letzte lebhafte Szene im Pfarrhaus zu Hunsford erinnerte, so war der Unterschied, der Wandel so groß und drückte sich so nachdrücklich ihrem Geiste auf, dass sie ihr Erstaunen kaum daran hindern konnte, sichtbar zu werden. Niemals, selbst nicht in der Gesellschaft seiner lieben Freunde in Netherfield oder seiner würdevollen Verwandten in Rosings, hatte sie ihn so begierig gesehen, zu gefallen, so frei von Eigendünkel und unbiegsamer Zurückhaltung, wie jetzt, da aus dem Gelingen seiner Bemühungen keinerlei Wichtigkeit entspringen konnte, und da selbst die Bekanntschaft derer, an die seine Aufmerksamkeiten gerichtet waren, Spott und Tadel der Damen sowohl von Netherfield als auch von Rosings auf ihn herabgezogen hätte.

Ihre Besucher blieben über eine halbe Stunde bei ihnen; und als sie sich zum Aufbruch erhoben, forderte Mr. Darcy seine Schwester auf, sich ihm anzuschließen, um Mr. und Mrs. Gardiner sowie Miss Bennet vor ihrer Abreise aus der Gegend zum Essen in Pemberley einzuladen. Miss Darcy gehorchte willig, wenn auch mit einer Schüchternheit, die zeigte, dass sie es nicht gewohnt war, Einladungen auszusprechen. Mrs. Gardiner sah ihre Nichte an, begierig zu erfahren, wie diese, die die Einladung am meisten betraf, darüber dachte, doch Elizabeth hatte den Kopf abgewendet. Da sie indessen in dieser offenbar absichtlichen Vermeidung eher ein augenblickliches Unbehagen als eine Abneigung gegen den Vorschlag zu erkennen glaubte, und da sie in ihrem Gatten, der die Geselligkeit liebte, eine vollkommene Bereitwilligkeit zur Annahme sah, wagte sie es, für deren Zusage zu bürgen, und der überübernächste Tag wurde festgesetzt.

Bingley äußerte große Freude bei der Gewissheit, Elizabeth wiederzusehen, da er ihr noch viel zu sagen und nach allen ihren Hertfordshire-Freundinnen und -Freunden viel zu fragen hatte. Elizabeth, die dies alles als Wunsch deutete, sie über ihre Schwester sprechen zu hören, war erfreut; und aus diesem Grund sowie aus einigen anderen fand sie sich, als ihre Besucher sie verließen, imstande, die letzte halbe Stunde mit einiger Befriedigung zu betrachten, obwohl die Freude daran während ihres Verlaufs nur gering gewesen war. Ungeduldig, allein zu sein, und besorgt vor Fragen oder Andeutungen vonseiten ihres Onkels und ihrer Tante, blieb sie nur gerade lange genug bei ihnen, um ihr günstiges Urteil über Bingley zu hören, und eilte sich dann anzukleiden.

Doch sie hatte keinen Grund, die Neugier von Mr. und Mrs. Gardiner zu fürchten; es war nicht ihr Wunsch, ihr Vertrauen zu erzwingen. Es lag offen zutage, dass sie mit Mr. Darcy weit besser bekannt war, als sie vorher auch nur geahnt hatten; es lag offen zutage, dass er sehr verliebt in sie war. Sie sahen vieles, was sie interessierte, aber nichts, was eine Nachfrage gerechtfertigt hätte.

Was Mr. Darcy betraf, so war es nun ein Anliegen, gut von ihm zu denken; und soweit ihre Bekanntschaft reichte, gab es keinen Fehler an ihm zu finden. Sie konnten sich seiner Höflichkeit nicht verschließen; und hätten sie seinen Charakter aus ihren eigenen Empfindungen und dem Bericht seines Dieners gezeichnet, ohne auf irgendeine andere Schilderung Bezug zu nehmen, so hätte der Kreis in Hertfordshire, in dem er bekannt war, ihn nicht als Mr. Darcy wiedererkannt. Es lag nun indessen ein Interesse darin, der Haushälterin Glauben zu schenken; und sie wurden bald gewahr, dass die Autorität eines Dieners, der ihn kannte, seit er vier Jahre alt war, und dessen eigenes Benehmen Achtbarkeit verriet, nicht voreilig zu verwerfen sei. Auch war in den Nachrichten ihrer Lambtoner Freunde nichts vorgekommen, was deren Gewicht wesentlich hätte verringern können. Sie hatten ihm nichts vorzuwerfen als Stolz; Stolz besaß er wahrscheinlich, und wenn nicht, würde er ihm von den Einwohnern eines kleinen Marktfleckens, den die Familie nicht besuchte, gewiss zugeschrieben werden. Man räumte indessen ein, dass er ein freigebiger Mann sei und viel Gutes unter den Armen tue.

Was Wickham betraf, so fanden die Reisenden bald, dass er dort nicht in sonderlicher Achtung stand; denn obgleich der Hauptpunkt seiner Angelegenheiten mit dem Sohn seines Gönners nur unvollkommen verstanden wurde, war es doch eine bekannte Tatsache, dass er beim Verlassen Derbyshires viele Schulden hinterlassen hatte, die Mr. Darcy später beglich.

Was Elizabeth anging, so waren ihre Gedanken an diesem Abend mehr als am letzten in Pemberley; und der Abend, obwohl er, solange er dauerte, lang erschien, war nicht lang genug, um ihre Gefühle gegenüber dem einen in jenem Herrenhause zu bestimmen; und sie lag zwei volle Stunden wach und mühte sich, sie zu ergründen. Sie hasste ihn gewiss nicht. Nein; Hass war längst verschwunden, und sie schämte sich fast ebenso lange jemals einer Abneigung gegen ihn gefrönt zu haben, die so genannt werden konnte. Die Achtung, die durch die Überzeugung von seinen wertvollen Eigenschaften geweckt wurde, hatte, wenn auch anfangs widerwillig zugestanden, seit einiger Zeit aufgehört, ihrem Empfinden zuwider zu sein; und sie wurde nun durch die so sehr zu seinen Gunsten sprechende und sein Wesen in so günstigem Licht zeigende Aussage, die der gestrige Tag hervorgebracht hatte, zu etwas Freundlicherem erhoben. Vor allem aber, vor aller Achtung und Wertschätzung, gab es ein Motiv in ihr von Wohlwollen, das nicht übersehen werden konnte. Es war Dankbarkeit; – Dankbarkeit, nicht nur dafür, dass er sie einmal geliebt hatte, sondern dafür, dass er sie immer noch genug liebte, um all die Gereiztheit und Schärfe ihrer Art bei der Zurückweisung zu vergeben und all die ungerechten Anschuldigungen, die ihre Zurückweisung begleiteten. Er, von dem sie überzeugt worden war, dass er sie als seinen größten Feind meiden würde, schien bei diesem zufälligen Wiedersehen äußerst begierig, die Bekanntschaft aufrechtzuerhalten; und ohne jede taktlose Zurschaustellung von Zuneigung oder jede Besonderheit im Betragen, wo nur sie beide allein in Betracht kamen, war er bemüht, die gute Meinung ihrer Freunde zu erlangen, und darauf bedacht, sie seiner Schwester bekannt zu machen. Eine solche Wandlung bei einem so stolzen Mann erregte nicht nur Erstaunen, sondern Dankbarkeit – denn man musste sie seiner Liebe zuschreiben, einer glühenden Liebe; und als solche war ihr Eindruck auf sie von einer Art, die zu ermutigen, keineswegs unangenehm war, obwohl er sich nicht genau bestimmen ließ. Sie achtete ihn, sie schätzte ihn, sie war ihm dankbar, sie nahm aufrichtigen Anteil an seinem Wohl; und sie wünschte nur zu wissen, inwieweit sie wünschte, dass dieses Wohl von ihr abhängen möge, und inwieweit es zum Glück beider beitragen würde, wenn sie die Macht, die, wie ihre Einbildungskraft ihr sagte, sie noch besaß, anwenden und die Erneuerung seiner Werbung herbeiführen würde.

Man hatte am Abend zwischen der Tante und der Nichte festgelegt, dass eine so auffallende Höflichkeit wie die Miss Darcys, am Tag ihrer Ankunft in Pemberley zu ihnen zu kommen – denn sie hatte es erst zu einem späten Frühstück erreicht – durch eine höfliche Gegenleistung ihrerseits nachgeahmt, wenn auch nicht übertroffen werden müsse; und dass es folglich höchst ratsam sei, sie am folgenden Morgen in Pemberley zu besuchen. Sie würden also hingehen. Elizabeth war erfreut; obwohl sie sich, als sie sich nach dem Grund fragte, sehr wenig darauf zu antworten wusste.

Mr. Gardiner verließ sie bald nach dem Frühstück. Der Angelplan war am Tag zuvor erneuert worden, und man hatte sich fest verpflichtet, dass er einige Herren um die Mittagszeit in Pemberley treffen werde.

FÜNFUNDVIERZIGSTES KAPITEL.

Da Elizabeth nun überzeugt war, dass Miss Bingleys Abneigung gegen sie in Eifersucht ihren Ursprung gehabt hatte, konnte sie nicht umhin zu empfinden, wie überaus unwillkommen ihr Erscheinen in Pemberley ihr sein müsse, und war begierig zu erfahren, mit wie viel Höflichkeit ihrerseits die Bekanntschaft nun erneuert werden würde.

Bei ihrer Ankunft im Hause wurden sie durch die Halle in den Salon geführt, dessen Lage nach Norden ihn für den Sommer entzückend machte. Seine bis zum Boden reichenden Fenster gewährten einen überaus erfrischenden Blick auf die hohen waldigen Hügel hinter dem Haus und auf die schönen Eichen und Kastanien, die über den dazwischenliegenden Rasen verstreut standen.

In diesem Zimmer wurden sie von Miss Darcy empfangen, die dort mit Mrs. Hurst und Miss Bingley saß, sowie mit der Dame, bei der sie in London lebte. Georgianas Empfang von ihnen war sehr höflich, doch von all der Verlegenheit begleitet, die, obwohl sie aus Schüchternheit und der Furcht, etwas falsch zu machen, herrührte, bei denen, die sich unterlegen fühlten, leicht den Eindruck erwecken konnte, sie sei stolz und zurückhaltend. Mrs. Gardiner und ihre Nichte taten ihr indessen Gerechtigkeit und hatten Mitleid mit ihr.

Von Mrs. Hurst und Miss Bingley wurden sie nur mit einem Knicks beachtet; und als sie Platz genommen hatten, folgte ein Schweigen, so peinlich, wie ein solches Schweigen immer sein muss, für einige Augenblicke. Es wurde zuerst von Mrs. Annesley gebrochen, einer vornehm und angenehm aussehenden Frau, deren Bemühen, eine Art Gespräch in Gang zu bringen, bewies, dass sie wirklich besser erzogen war als die beiden anderen; und zwischen ihr und Mrs. Gardiner, mit gelegentlicher Hilfe von Elizabeth, wurde die Unterhaltung geführt. Miss Darcy sah aus, als wünschte sie sich Mut genug, sich einzuschalten; und manchmal wagte sie einen kurzen Satz, wenn am wenigsten Gefahr bestand, dass er gehört wurde.

Elizabeth bemerkte bald, dass sie selbst von Miss Bingley scharf beobachtet wurde, und dass sie kein Wort, besonders nicht zu Miss Darcy, sprechen konnte, ohne deren Aufmerksamkeit zu erregen. Diese Beobachtung hätte sie nicht abgehalten, mit der Letzteren zu reden, hätten sie nicht in unbequemer Entfernung voneinander gesessen; doch es war ihr nicht leid, der Notwendigkeit enthoben zu sein, viel sagen zu müssen: ihre eigenen Gedanken beschäftigten sie. Sie erwartete jeden Augenblick, dass einige der Herren ins Zimmer treten würden; sie wünschte, sie fürchtete, dass der Herr des Hauses unter ihnen sein möge; und ob sie es mehr wünschte oder mehr fürchtete, konnte sie kaum entscheiden. Nachdem sie eine Viertelstunde so gesessen hatten, ohne Miss Bingleys Stimme zu hören, wurde Elizabeth aufgerüttelt, indem sie von ihr eine kühle Frage nach dem Befinden ihrer Familie erhielt. Sie antwortete mit gleicher Gleichgültigkeit und Kürze, und die andere sagte nichts weiter.

Die nächste Abwechslung, die ihr Besuch bot, trat durch das Eintreten von Dienern mit kaltem Fleisch, Kuchen und einer Auswahl der feinsten Früchte der Saison ein; doch dies geschah erst, nachdem Mrs. Annesley Miss Darcy viele bedeutsame Blicke und Lächeln hatte zukommen lassen, um sie an ihre Pflicht zu erinnern. Nun gab es Beschäftigung für die ganze Gesellschaft; denn obwohl nicht alle reden konnten, konnten doch alle essen; und die wunderschönen Pyramiden aus Weintrauben, Nektarinen und Pfirsichen sammelten sie bald um den Tisch.

Während sie so beschäftigt war, hatte Elizabeth eine günstige Gelegenheit, zu entscheiden, ob sie das Erscheinen von Mr. Darcy mehr fürchtete oder wünschte, und zwar durch die Gefühle, die bei seinem Eintritt ins Zimmer vorherrschten; und obgleich sie nur einen Augenblick zuvor geglaubt hatte, dass ihre Wünsche überwogen, begann sie nun zu bedauern, dass er kam.

Er war einige Zeit mit Mr. Gardiner zusammen gewesen, der sich, mit zwei oder drei anderen Herren aus dem Hause, am Fluss aufgehalten hatte; und hatte ihn erst verlassen, als er erfuhr, dass die Damen der Familie an diesem Morgen Georgiana einen Besuch zugedacht hatten. Sobald er erschien, fasste Elizabeth klugerweise den Entschluss, vollkommen unbefangen und ungeniert zu sein; – ein Entschluss, der umso nötiger zu fassen war, vielleicht aber nicht umso leichter einzuhalten, weil sie sah, dass die Befürchtungen der ganzen Gesellschaft gegen sie geweckt waren, und dass es kaum ein Auge gab, das nicht sein Betragen beobachtete, als er zuerst ins Zimmer kam. In keinem Gesicht war aufmerksame Neugier so deutlich gezeichnet wie in dem von Miss Bingley, ungeachtet der Lächeln, die sich über ihr Gesicht ausbreiteten, sobald sie zu einem der beiden sprach; denn die Eifersucht hatte sie noch nicht verzweifelt gemacht, und ihre Aufmerksamkeiten auf Mr. Darcy waren keineswegs vorbei. Miss Darcy gab sich beim Eintritt ihres Bruders weit mehr Mühe zu sprechen; und Elizabeth sah, dass er darauf bedacht war, dass seine Schwester und sie miteinander bekannt würden, und förderte jeden Versuch zur Unterhaltung von beiden Seiten, soweit es ging. Miss Bingley sah all dies ebenfalls; und in der Unbesonnenheit ihres Zorns ergriff sie die erste Gelegenheit, mit höhnischer Höflichkeit zu sagen: –

„Sagen Sie, Miss Eliza, ist die ----shire-Miliz nicht mehr aus Meryton abgezogen? Sie muss für Ihre Familie ein großer Verlust sein.“

In Darcys Gegenwart wagte sie nicht, Wickhams Namen zu erwähnen: doch Elizabeth begriff augenblicklich, dass er ihr vornehmlich im Sinn war; und die verschiedenen Erinnerungen, die sich an ihn knüpften, versetzten sie für einen Augenblick in Verlegenheit; doch indem sie sich energisch zusammennahm, um den boshaften Angriff abzuwehren, antwortete sie alsbald in einem ziemlich unbefangenen Ton. Während sie sprach, zeigte ihr ein unwillkürlicher Blick, dass Darcy mit erhöhter Gesichtsfarbe sie aufmerksam ansah, und seine Schwester von Verwirrung überwältigt war und die Augen nicht aufzuschlagen vermochte. Hätte Miss Bingley gewusst, welchen Schmerz sie ihrer geliebten Freundin in diesem Augenblick zufügte, so hätte sie sich zweifellos der Anspielung enthalten; doch sie hatte lediglich beabsichtigt, Elizabeth aus der Fassung zu bringen, indem sie den Gedanken an einen Mann zur Sprache brachte, für den sie, wie sie glaubte, eine Neigung hegte, um sie eine Empfindlichkeit verraten zu lassen, die sie in Darcys Urteil herabsetzen mochte, und vielleicht, um den Letzteren an all die Torheiten und Ungereimtheiten zu erinnern, durch die ein Teil ihrer Familie mit jenem Korps verbunden war. Keine Silbe war je zu ihr von Miss Darcys geplanter Flucht gedrungen. Keinem Geschöpf war sie offenbart worden, wo Geheimhaltung möglich war, außer Elizabeth; und vor allen Verbindungen Bingleys trachtete ihr Bruder besonders danach, sie zu verbergen, gerade aus jenem Wunsch, den Elizabeth ihm längst zugeschrieben hatte, dass sie künftig die ihrigen werden möchten. Er hatte sicher einen solchen Plan gefasst; und ohne dass diese Absicht sein Bemühen beeinflussen sollte, ihn von Miss Bennet zu trennen, ist es wahrscheinlich, dass sie seiner lebhaften Sorge um das Wohl seines Freundes noch etwas hinzufügen mochte.

Elizabeth gefasstes Benehmen beruhigte indessen bald seine Erregung; und da Miss Bingley, verärgert und enttäuscht, sich nicht näher an Wickham heranzuwagen wagte, erholte sich auch Georgiana mit der Zeit, wenn auch nicht genug, um wieder sprechen zu können. Ihr Bruder, dessen Blick zu begegnen sie fürchtete, erinnerte sich kaum noch ihres Anteils an der Sache; und gerade der Umstand, der dazu bestimmt gewesen war, seine Gedanken von Elizabeth abzulenken, schien sie nur immer fester und freudiger auf sie zu richten.

Ihr Besuch währte nicht lange nach der oben erwähnten Frage und Antwort; und während Mr. Darcy sie zu ihrer Kutsche begleitete, machte Miss Bingley ihrem Ärger in Kritiken an Elizabeths Person, Betragen und Kleidung Luft. Doch Georgiana wollte sich ihr nicht anschließen. Die Empfehlung ihres Bruders genügte, um ihr Wohlwollen zu sichern: sein Urteil konnte nicht irren; und er hatte in solchen Worten von Elizabeth gesprochen, dass es Georgiana unmöglich war, sie anders als liebenswürdig und gewinnend zu finden. Als Darcy in den Salon zurückkehrte, konnte Miss Bingley nicht umhin, ihm einen Teil dessen zu wiederholen, was sie zu seiner Schwester gesagt hatte.

„Wie schlecht Eliza Bennet heute Morgen aussieht, Mr. Darcy“, rief sie, „ich habe in meinem Leben noch niemanden so verändert gesehen wie sie seit dem Winter. Sie ist so braun und grob geworden! Louisa und ich waren uns einig, dass wir sie nicht wiedererkannt hätten.“

So wenig Mr. Darcy eine solche Anrede auch schätzen mochte, begnügte er sich doch kühl zu erwidern, dass er keine andere Veränderung wahrnehme, als dass sie etwas gebräunt sei, – keine wunderbare Folge des Reisens im Sommer.

„Was mich betrifft“, versetzte sie, „so muss ich gestehen, dass ich nie irgendeine Schönheit an ihr habe finden können. Ihr Gesicht ist zu schmal; ihr Teint hat keinen Glanz; und ihre Züge sind durchaus nicht hübsch. Ihre Nase hat keinen Ausdruck; in ihren Linien ist nichts Charakteristisches. Ihre Zähne sind leidlich, aber nichts Besonderes; und was ihre Augen angeht, die man bisweilen so schön genannt hat, so habe ich nie etwas Außergewöhnliches an ihnen entdecken können. Sie haben einen scharfen, zänkischen Blick, der mir ganz und gar nicht gefällt; und in ihrem ganzen Wesen liegt eine Selbstgefälligkeit ohne Eleganz, die unerträglich ist.“

Obwohl Miss Bingley überzeugt war, dass Darcy Elizabeth bewunderte, war dies nicht die beste Art, sich selbst zu empfehlen; aber zornige Leute sind nicht immer klug; und als sie ihn endlich etwas verärgert blicken sah, hatte sie allen Erfolg, den sie erwartet hatte. Er beharrte indessen im Schweigen; und in der Absicht, ihn zum Reden zu bringen, fuhr sie fort: –

„Ich erinnere mich, als wir sie in Hertfordshire zuerst kennenlernten, wie erstaunt wir alle waren, als wir erfuhren, dass sie als Schönheit galt; und ich erinnere mich insbesondere, dass du eines Abends, nachdem sie in Netherfield zu Abend gegessen hatten, sagtest: ‚Sie eine Schönheit! Ich könnte ebensogut ihre Mutter eine geistreiche Frau nennen‘. Aber späterhin schienst du milder gegen sie zu werden, und ich glaube, du hieltest sie eine Zeitlang für ziemlich hübsch.“

„Ja“, erwiderte Darcy, der sich nicht länger zurückhalten konnte, „aber das war nur, als ich sie zuerst kennenlernte; denn es sind viele Monate her, dass ich sie als eine der schönsten Frauen meines Bekanntenkreises betrachte.“

Dann ging er weg, und Miss Bingley blieb bei all der Genugtuung, ihn gezwungen zu haben, etwas zu sagen, was niemandem Schmerz bereitete als ihr selbst.

Mrs. Gardiner und Elizabeth sprachen auf der Rückkehr über alles, was sich bei ihrem Besuch ereignet hatte, ausgenommen das, was sie beide besonders interessierte. Die Blicke und das Betragen aller, die sie gesehen hatten, wurden erörtert, nur nicht die der Person, die ihre Aufmerksamkeit am meisten gefesselt hatte. Sie sprachen über seine Schwester, seine Freunde, sein Haus, seine Früchte, über alles, nur nicht über ihn selbst; dennoch sehnte Elizabeth sich zu wissen, was Mrs. Gardiner von ihm dachte, und Mrs. Gardiner wäre durch den Beginn des Themas vonseiten ihrer Nichte überaus erfreut worden.

Sechsundvierzigstes Kapitel.

Elizabeth war ziemlich enttäuscht gewesen, bei ihrer ersten Ankunft in Lambton keinen Brief von Jane vorzufinden; und diese Enttäuschung hatte sich an jedem der Morgen, die man dort nun verbracht hatte, erneuert; doch am dritten war ihr Klagen vorbei, und ihre Schwester gerechtfertigt, durch den Empfang zweier Briefe von ihr auf einmal, von denen der eine die Aufschrift trug, dass er anderweitig fehlgeleitet worden sei. Elizabeth wunderte sich nicht darüber, denn Jane hatte die Adresse bemerkenswert schlecht geschrieben.

Sie hatten sich gerade zum Spaziergang fertig gemacht, als die Briefe eintrafen; und ihr Onkel und ihre Tante, die sie sie in Ruhe genießen ließen, machten sich allein auf den Weg. Der eine fehlgeleitete musste zuerst beachtet werden; er war vor fünf Tagen geschrieben worden. Der Anfang enthielt einen Bericht über alle ihre kleinen Gesellschaften und Verabredungen, mit den Neuigkeiten, die das Land hergab; doch die zweite Hälfte, die einen Tag später datiert und in offenkundiger Aufregung geschrieben war, brachte wichtigere Nachrichten. Sie lauteten folgendermaßen: –

„Seit ich das Obige schrieb, liebste Lizzy, ist etwas von höchst unerwarteter und ernster Art geschehen; doch ich fürchte, dich zu beunruhigen – sei versichert, dass wir alle wohlauf sind. Was ich mitzuteilen habe, betrifft die arme Lydia. Um Mitternacht kam, gerade als wir alle zu Bett gegangen waren, ein Eilbrief von Colonel Forster, um uns mitzuteilen, dass sie mit einem seiner Offiziere nach Schottland durchgegangen sei; um die Wahrheit zu gestehen, mit Wickham! Stelle dir unser Erstaunen vor. Für Kitty indessen scheint es nicht ganz so unerwartet zu sein. Es tut mir sehr, sehr leid. So unbesonnene Verbindung auf beiden Seiten! Doch ich will das Beste hoffen, und dass sein Charakter missverstanden worden ist. Unbedacht und unklug kann ich ihn leicht glauben, aber dieser Schritt (und darüber wollen wir uns freuen) zeugt von nichts Schlechtem im Herzen. Seine Wahl ist wenigstens uneigennützig, denn er muss wissen, dass mein Vater ihr nichts geben kann. Unsere arme Mutter ist tief betrübt. Mein Vater trägt es besser. Wie dankbar bin ich, dass wir sie nie haben wissen lassen, was gegen ihn vorgebracht worden ist; wir müssen es selbst vergessen. Sie brachen Samstagnacht gegen zwölf auf, wie vermutet wird, wurden aber erst gestern Morgen um acht vermisst. Der Eilbote wurde sogleich abgeschickt. Meine liebe Lizzy, sie müssen innerhalb von zehn Meilen an uns vorbeigekommen sein. Colonel Forster gibt uns Grund, ihn hier bald zu erwarten. Lydia hinterließ einige Zeilen für seine Frau, die sie von ihrer Absicht unterrichteten. Ich muss schließen, denn ich kann nicht lange von meiner armen Mutter wegbleiben. Ich fürchte, du wirst es nicht alles entziffern können, aber ich weiß kaum, was ich geschrieben habe."

Ohne sich Zeit zur Überlegung zu gönnen und kaum wissend, was sie empfand, ergriff Elizabeth nach Beendigung dieses Briefes sogleich den anderen und las, ihn mit äußerster Ungeduld öffnend, wie folgt: er war einen Tag später als der Schluss des ersten geschrieben worden.

„Bis dahin, meine liebste Schwester, hast du meinen eiligen Brief erhalten; ich wünschte, dieser hier wäre verständlicher, aber obwohl mir die Zeit nicht fehlt, ist mein Kopf so verwirrt, dass ich nicht für Zusammenhalt einstehen kann. Liebste Lizzy, ich weiß kaum, was ich schreiben soll, aber ich habe schlimme Neuigkeiten für dich, und es kann nicht länger gewartet werden. So unbesonnen eine Heirat zwischen Mr. Wickham und unserer armen Lydia auch wäre, so sehnen wir uns jetzt doch danach, die Gewissheit zu haben, dass sie stattgefunden hat, denn es gibt nur zu viel Grund zu der Befürchtung, dass sie nicht nach Schottland gegangen sind. Oberst Forster kam gestern, nachdem er Brighton am Tag zuvor verlassen hatte, wenige Stunden nach dem Eilboten. Lydias kurzer Brief an Mrs. F. gab ihnen zwar zu verstehen, dass sie nach Gretna Green reisten, doch fiel eine Bemerkung von Denny, der seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass W. nie die Absicht gehabt habe, dorthin zu gehen oder Lydia überhaupt zu heiraten, was Oberst F. zugetragen wurde, der, sofort in Alarm versetzt, von B. aufbrach, um ihre Route ausfindig zu machen. Er folgte ihnen ohne Mühe bis nach Clapham, doch nicht weiter; denn bei der Einfahrt dorthin wechselten sie in eine Mietkutsche und entließen die Chaise, die sie von Epsom gebracht hatte. Alles, was man danach weiß, ist, dass man sie auf der Londoner Straße weiterfahren sah. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Nachdem er auf dieser Seite Londons jede mögliche Nachfrage angestellt hatte, reiste Oberst F. weiter nach Hertfordshire, erneuerte dort besorgt seine Suchanfragen an allen Mautstellen sowie in den Gasthäusern von Barnet und Hatfield, jedoch ohne jeden Erfolg – keine solchen Leute waren dort durchgesehen. Mit der freundlichsten Anteilnahme kam er nach Longbourn und eröffnete uns seine Befürchtungen auf eine Weise, die seinem Herzen höchste Ehre macht. Es ist mir aufrichtig leid um ihn und Mrs. F.; aber niemand kann ihnen einen Vorwurf machen. Unser Kummer, meine liebe Lizzy, ist sehr groß. Mein Vater und meine Mutter glauben das Schlimmste, doch ich kann nicht so schlecht von ihm denken. Viele Umstände könnten es ratsamer erscheinen lassen, dass sie heimlich in der Stadt heiraten, statt ihren ersten Plan zu verfolgen; und selbst wenn er einen solchen Plan gegen ein junges Mädchen von Lydias Verbindungen fassen könnte, was unwahrscheinlich ist – kann ich annehmen, sie sei so allem abhanden gekommen? Unmöglich! Es schmerzt mich jedoch zu erfahren, dass Oberst F. nicht geneigt ist, sich auf ihre Heirat zu verlassen: Er schüttelte den Kopf, als ich meine Hoffnungen äußerte, und sagte, er fürchte, W. sei kein Mann, dem man vertrauen könne. Meine arme Mutter ist wirklich krank und hält sich in ihrem Zimmer auf. Könnte sie sich zusammenreißen, wäre es besser, doch ist das nicht zu erwarten; und was meinen Vater betrifft, so habe ich ihn in meinem Leben nie so erschüttert gesehen. Die arme Kitty ist wütend, dass man ihr die Neigung verheimlicht hat; doch da es eine Sache des Vertrauens war, kann man sich nicht wundern. Ich bin von Herzen froh, liebste Lizzy, dass dir wenigstens ein Teil dieser erschütternden Szenen erspart geblieben ist; doch nun, da der erste Schock vorüber ist – soll ich gestehen, dass ich mich nach deiner Rückkehr sehne? Ich bin indessen nicht so selbstsüchtig, darauf zu drängen, falls es dir unbequem ist. Leb wohl! Ich greife erneut zur Feder, um zu tun, was ich soeben versprochen habe nicht zu tun; doch die Umstände sind solcher Art, dass ich euch alle nur inständig bitten kann, so bald wie möglich hierherzukommen. Ich kenne meinen lieben Onkel und meine liebe Tante gut genug, um diese Bitte nicht zu scheuen, obwohl ich den ersteren noch um etwas Weiteres angehen muss. Mein Vater wird mit Oberst Forster unverzüglich nach London aufbrechen, um zu versuchen, sie aufzufinden. Was er zu tun gedenkt, weiß ich wahrlich nicht; doch seine maßlose Bestürzung wird ihm nicht erlauben, auf die beste und sicherste Weise vorzugehen, und Oberst Forster muss morgen Abend bereits wieder in Brighton sein. In einer solchen Notlage wären Rat und Beistand meines Onkels alles in der Welt; er wird augenblicklich verstehen, was ich empfinden muss, und ich verlasse mich auf seine Güte."

„Oh! wo, wo ist mein Onkel?", rief Elizabeth, von ihrem Stuhl aufspringend, als sie den Brief zu Ende gelesen hatte, in ihrem Eifer, ihm zu folgen, ohne einen Augenblick der so kostbaren Zeit zu verlieren; doch als sie die Tür erreichte, wurde diese von einem Diener geöffnet, und Mr. Darcy erschien. Ihr bleiches Gesicht und ihr ungestümes Wesen ließen ihn zusammenfahren, und ehe er sich so weit fassen konnte, um zu sprechen, rief sie, in deren Sinn jeder Gedanke von Lydias Lage verdrängt wurde, hastig: „Ich bitte um Verzeihung, aber ich muss Sie verlassen. Ich muss Mr. Gardiner sogleich in einer Angelegenheit finden, die keinen Aufschub duldet; ich habe keine Sekunde zu verlieren."

„Guter Gott! Was ist geschehen?", rief er, mit mehr Gefühl als Höflichkeit; dann sich besinnend: „Ich werde Sie nicht eine Minute länger aufhalten; aber erlauben Sie mir oder dem Diener, Mr. und Mrs. Gardiner nachzueilen. Sie sind nicht wohl genug; Sie können nicht selbst gehen."

Elizabeth zögerte; doch ihre Knie zitterten unter ihr, und sie fühlte, wie wenig es ihr nützen würde, ihnen nachzueilen. Daher rief sie den Diener zurück und trug ihm auf, wenngleich mit so atemloser Stimme, dass sie fast unverständlich war, sein Herr und seine Herrin unverzüglich heimzuholen.

Als er den Raum verließ, sank sie nieder, unfähig, sich aufrecht zu halten, und sah so elend aus, dass es Darcy unmöglich war, sie zu verlassen oder sich zu enthalten, in einem Ton sanfter Teilnahme zu sagen: „Darf ich nach Ihrem Mädchen klingeln? Gibt es nichts, das Sie zur augenblicklichen Linderung nehmen könnten? Ein Glas Wein; soll ich Ihnen eines holen? Sie sind sehr krank."

„Nein, ich danke Ihnen", erwiderte sie, sich bemühend, sich zu fassen. „Es fehlt mir nichts. Es geht mir ganz gut, ich bin nur erschüttert von einigen furchtbaren Nachrichten, die ich soeben aus Longbourn erhalten habe."

Sie brach bei dieser Anspielung in Tränen aus und konnte einige Minuten lang kein weiteres Wort hervorbringen. Darcy, in qualvoller Ungewissheit, konnte nur etwas Undeutliches von seiner

Besorgnis murmeln und sie in mitleidigem Schweigen beobachten. Endlich sprach sie wieder. „Ich habe soeben einen Brief von Jane erhalten, mit so furchtbaren Nachrichten. Es kann vor niemandem verborgen werden. Meine jüngste Schwester hat alle ihre Freunde verlassen – ist entwichen; hat sich in die Gewalt von – von Mr. Wickham begeben. Sie sind zusammen von Brighton davongereist. Sie kennen ihn zu gut, als dass Sie am Rest zweifeln müssten. Sie hat kein Geld, keine Verbindungen, nichts, was ihn reizen könnte – sie ist auf immer verloren."

Darcy war vor Bestürzung wie erstarrt.

„Wenn ich bedenke", fügte sie mit noch mehr erregter Stimme hinzu, „dass ich es hätte verhindern können! Ich, die wusste, was er ist. Hätte ich nur irgendeinen Teil davon – irgendeinen Teil dessen, was ich erfuhr, meiner Familie mitgeteilt! Wäre sein Charakter bekannt gewesen, so hätte dies nicht geschehen können. Doch nun ist es alles, alles zu spät."

„Ich bin in Wahrheit betrübt", rief Darcy: „betrübt – erschüttert. Aber ist es gewiss, völlig gewiss?"

„Oh, ja! Sie verließen Brighton am Sonntagabend zusammen und wurden fast bis London verfolgt, aber nicht weiter: Sie sind gewiss nicht nach Schottland gegangen."

„Und was ist geschehen, was wurde unternommen, um sie zurückzuholen?"

„Mein Vater ist nach London gereist, und Jane hat geschrieben, um die sofortige Hilfe meines Onkels zu erbitten, und wir werden, so hoffe ich, in einer halben Stunde aufbrechen. Doch nichts kann getan werden; ich weiß sehr wohl, dass nichts getan werden kann. Wie soll man auf einen solchen Mann einwirken? Wie soll man sie überhaupt ausfindig machen? Ich habe nicht die geringste Hoffnung. Es ist in jeder Hinsicht entsetzlich!"

Darcy schüttelte in stummem Einverständnis den Kopf.

„Als mir die Augen über seinen wahren Charakter geöffnet wurden, oh! hätte ich nur gewusst, was ich tun sollte, was ich zu tun wagte! Doch ich wusste nicht – ich fürchtete, zu viel zu tun. Elender, elender Irrtum!"

Darcy gab keine Antwort. Er schien sie kaum zu hören und ging im Zimmer auf und nieder in ernstem Sinnen; seine Stirn war gerunzelt, seine Miene düster. Elizabeth bemerkte es sogleich und verstand es augenblicklich. Ihr Einfluss schwand; alles musste unter einem solchen Beweis von Familien-Schwäche versinken, unter einer solchen Gewissheit der tiefsten Schande. Sie konnte sich weder wundern noch verurteilen; doch der Glaube an seinen selbsterrungenen Sieg gewährte ihrem Herzen keinen Trost, keine Linderung ihres Schmerzes. Er war im Gegenteil genau dazu angetan, sie ihre eigenen Wünsche verstehen zu lassen; und nie hatte sie so aufrichtig empfunden, dass sie ihn hätte lieben können, wie jetzt, da jede Liebe vergeblich sein musste.

Doch das Ich, obwohl es sich eindrängen wollte, konnte sie nicht ganz gefangen nehmen. Lydia – die Demütigung, das Elend, das sie über sie alle brachte – verschlang bald jede private Sorge; und ihr Gesicht mit dem Taschentuch bedeckend, war Elizabeth bald für alles andere verloren; und nach einer Pause von mehreren Minuten wurde sie erst wieder zum Bewusstsein ihrer Lage zurückgerufen durch die Stimme ihres Begleiters, der in einer Weise, die zwar Mitgefühl, aber auch Zurückhaltung ausdrückte, sagte: –

„Ich fürchte, Sie haben längst meine Abreise gewünscht, und ich habe nichts zu meiner Entschuldigung vorzubringen als aufrichtige, wenngleich vergebliche Teilnahme. Wollte der Himmel, dass irgendetwas von meiner Seite gesagt oder getan werden könnte, das solchen Schmerz zu lindern vermöchte! Doch ich will Sie nicht mit eitlen Wünschen quälen, die nur dazu angetan scheinen, Ihren Dank zu heischen. Dieser unglückselige Vorfall wird, fürchte ich, verhindern, dass meine Schwester heute das Vergnügen hat, Sie in Pemberley zu sehen."

„Oh, ja! Seien Sie so gut, uns bei Miss Darcy zu entschuldigen. Sagen Sie, dringende Geschäfte riefen uns sofort nach Hause. Verbergen Sie die unglückliche Wahrheit, solange es möglich ist. Ich weiß, es kann nicht lange sein."

Er versicherte ihr sogleich sein Stillschweigen, sprach erneut sein Bedauern über ihren Kummer aus, wünschte ihr einen glücklicheren Ausgang, als nach derzeitigem Stand zu hoffen war, und entfernte sich, mit nur einem ernsten Abschiedsblick und seinen Empfehlungen an ihre Verwandten.

Als er den Raum verließ, empfand Elizabeth, wie unwahrscheinlich es war, dass sie einander je wieder in so herzlichen Verhältnissen begegnen würden, wie ihre verschiedenen Begegnungen in Derbyshire gekennzeichnet hatten; und als sie einen rückblickenden Blick über den Gang ihrer ganzen Bekanntschaft warf, so voll von Widersprüchen und Wechselfällen, seufzte sie über die verkehrte Eigenart jener Gefühle, die nun deren Fortdauer gefördert hätten und früher deren Ende willkommen geheißen hätten.

Wenn Dankbarkeit und Achtung gute Grundlagen der Zuneigung sind, wird Elisabeths Sinneswandel weder unwahrscheinlich noch tadelhaft sein. Wenn aber nicht, wenn die aus solchen Quellen entspringende Empfindung unvernünftig oder unnatürlich ist im Vergleich zu dem, was so oft als entstehend bei einer ersten Begegnung mit seinem Gegenstand beschrieben wird, und sogar bevor zwei Worte gewechselt sind, so lässt sich zu ihrer Verteidigung nichts sagen, außer dass sie der letzteren Methode in ihrer Vorliebe für Wickham bereits eine gewisse Prüfung zuteil werden ließ und dass deren schlimmer Ausgang sie vielleicht berechtigen mochte, die andere, weniger reizvolle Art der Bindung zu suchen. Wie dem auch sei, sie sah ihn mit Bedauern gehen; und in diesem frühen Beispiel dessen, was Lydias Schande hervorbringen musste, fand sie zusätzlichen Schmerz, da sie über jenes elende Geschäft nachsann. Seit der Lektüre von Janes zweitem Brief hatte sie nie eine Hoffnung auf Wickhams Heiratsabsicht gehegt. Niemand als Jane, so dachte sie, konnte sich mit einer solchen Erwartung schmeicheln. Überraschung war das geringste aller ihrer Gefühle bei dieser Entwicklung. Solange der Inhalt des ersten Briefes in ihrem Gedächtnis lebendig war, war sie ganz Überraschung, ganz Erstaunen, dass Wickham ein Mädchen heiraten sollte, das er unmöglich um des Geldes willen heiraten konnte; und wie Lydia ihn jemals hätte fesseln können, erschien ihr unbegreiflich. Doch nun war es nur zu natürlich. Für eine solche Anziehung wie diese mochte sie hinreichende Reize besitzen; und obwohl sie nicht annahm, dass Lydia mit Bedacht eine Entführung ohne Heiratsabsicht einging, so fiel es ihr doch nicht schwer zu glauben, dass weder ihre Tugend noch ihre Einsicht sie davor bewahren würden, eine leichte Beute zu werden.

Sie hatte nie, solange das Regiment in Hertfordshire lag, bemerkt, dass Lydia irgendeine Vorliebe für ihn hegte; doch war sie überzeugt, dass es bei Lydia nur der Ermunterung bedurft hätte, um sich an irgendjemanden zu hängen. Bald dieser Offizier, bald jener war ihr Günstling gewesen, wenn ihre Aufmerksamkeiten sie in ihrer Meinung hoben. Ihre Neigungen hatten beständig geschwankt, doch nie ohne einen Gegenstand. Das Verderbliche der Vernachlässigung und des fehlgeleiteten Nachsehens bei einem solchen Mädchen – oh! wie schmerzhaft empfand sie dies nun!

Sie sehnte sich wild danach, zu Hause zu sein – zu hören, zu sehen, vor Ort zu sein, um mit Jane die Sorgen zu teilen, die nun in einer so zerrütteten Familie ganz auf ihr allein lasten mussten; ein Vater abwesend, eine Mutter zu jeder Anstrengung unfähig und beständiger Pflege bedürftig; und obwohl sie beinahe überzeugt war, dass für Lydia nichts getan werden könne, schien ihr die Einmischung ihres Onkels von äußerster Wichtigkeit, und bis er eintrat, war die Qual ihrer Ungeduld heftig. Mr. und Mrs. Gardiner waren in Alarm eilig zurückgekehrt, da sie nach des Dieners Bericht vermuteten, ihre Nichte sei plötzlich erkrankt; doch sogleich in diesem Punkt beruhigt, teilte sie ihnen eifrig den Grund ihrer Rücksendung mit, las ihnen die beiden Briefe laut vor und verweilte bei der Nachschrift des letzten mit zitterndem Nachdruck. Obwohl Lydia bei ihnen nie in Gunst gestanden hatte, konnten Mr. und Mrs. Gardiner doch nicht tieferschüttert sein. Nicht Lydia allein, alle waren davon betroffen; und nach den ersten Ausrufen des Erstaunens und Entsetzens versprach Mr. Gardiner bereitwillig jede Hilfe in seiner Macht. Elizabeth, obwohl sie nicht weniger erwartet hatte, dankte ihm mit Tränen der Dankbarkeit; und alle drei von einem Geist beseelt, wurde alles, was ihre Reise betraf, rasch geordnet. Sie sollten sobald wie möglich aufbrechen. „Aber was soll wegen Pemberley geschehen?", rief Mrs. Gardiner. „John sagte uns, Mr. Darcy sei hier gewesen, als du nach uns sandtest; – war es so?"

„Ja; und ich sagte ihm, dass wir unser Versprechen nicht würden halten können. Das ist alles abgemacht."

„Was ist alles abgemacht?", wiederholte die andere, als sie in ihr Zimmer lief, um sich fertig zu machen. „Und stehen sie so miteinander, dass sie ihm die wahre Ursache anvertrauen konnte? Oh, dass ich wüsste, wie es steht!"

Doch Wünsche waren vergeblich; oder konnten im besten Fall nur dazu dienen, ihr in der Hast und Verwirrung der folgenden Stunde zur Zerstreuung zu gereichen. Hätte Elizabeth Muße gehabt, müßig zu sein, so wäre sie gewiss geblieben, dass jede Tätigkeit einem so Elenden wie ihr unmöglich sei; doch sie hatte ihren Teil an Geschäften ebenso wie ihre Tante, und unter anderem waren an alle ihre Bekannten in Lambton Briefe zu schreiben mit erfundenen Entschuldigungen für ihre plötzliche Abreise. Eine Stunde indessen sah das Ganze vollendet; und Mr. Gardiner, der indessen seine Rechnung im Gasthof beglichen hatte, blieb nichts weiter zu tun, als aufzubrechen; und Elizabeth fand sich nach all dem Jammer des Morgens, in kürzerer Zeit, als sie hätte glauben können, in der Kutsche sitzend und auf der Straße nach Longbourn.

KAPITEL XLVII.

„Ich habe die Sache nochmals überdacht, Elizabeth", sagte ihr Onkel, als sie aus der Stadt hinausfuhren; „und bei ernsterer Überlegung neige ich weit mehr als zuvor dazu, wie deine älteste Schwester über die Angelegenheit zu urteilen. Es erscheint mir so höchst unwahrscheinlich, dass ein junger Mann einen solchen Plan gegen ein Mädchen fassen sollte, das keineswegs unbeschützt oder freundlos ist und das sich tatsächlich in der Familie seines Obersten aufhielt, dass ich stark zur besten Hoffnung neige. Könnte er erwarten, dass ihre Freunde nicht einschreiten würden? Könnte er erwarten, nach einer solchen Kränkung Oberst Forsters vom Regiment noch weiter beachtet zu werden? Seine Versuchung steht nicht im Verhältnis zum Risiko."

„Denkst du das wirklich?", rief Elizabeth, für einen Augenblick aufleuchtend.

„Auf mein Wort", sagte Mrs. Gardiner, „ich beginne, deines Onkels Meinung zu teilen. Es wäre wirklich eine zu große Verletzung des Anstands, der Ehre und des eigenen Vorteils, als dass er sich deren schuldig machen könnte. Ich kann nicht so schlecht von Wickham denken. Kannst du selbst, Lizzie, ihn so ganz aufgeben, dass du ihn einer solchen Tat für fähig hältst?"

„Wohl nicht der Vernachlässigung seines eigenen Vorteils. Aber jeder anderen Vernachlässigung kann ich ihn wohl für fähig halten. Wenn es nämlich wirklich so sein sollte! Doch ich wage nicht, es zu hoffen. Warum sollten sie nicht nach Schottland weiterreisen, wenn dies der Fall gewesen wäre?"

„Erstens", erwiderte Mr. Gardiner, „gibt es keinen unumstößlichen Beweis, dass sie nicht nach Schottland gegangen sind."

„Oh, aber der Umstand, dass sie aus der Chaise in eine Mietkutsche umgestiegen sind, ist eine so starke Vermutung! Und außerdem waren auf der Straße nach Barnet keine Spuren von ihnen zu finden."

„Nun denn – gesetzt, sie wären in London – sie mögen dort sein, wenn auch zum Zweck der Verheimlichung, nicht zu einem noch tadelnswerteren Zweck. Es ist nicht wahrscheinlich, dass auf einer Seite viel Geld vorhanden sein sollte; und es konnte ihnen einfallen, dass sie in London sparsamer, wenn auch weniger rasch, heiraten könnten als in Schottland."

„Aber warum all diese Heimlichkeit? Warum jede Furcht vor Entdeckung? Warum muss ihre Heirat geheim sein? Oh, nein, nein – das ist nicht wahrscheinlich. Sein engster Freund, siehst du aus Janes Bericht, war überzeugt, dass er nie die Absicht hatte, sie zu heiraten. Wickham wird nie eine Frau ohne einiges Geld heiraten. Er kann es sich nicht leisten. Und was hat Lydia für Ansprüche, welche Reize besitzt sie über Jugend, Gesundheit und gute Laune hinaus, die ihn bewegen könnten, ihretwegen jede Aussicht auf eine vorteilhafte Partie aufzugeben? Was die Rücksicht auf die Schande im Regiment bei einer unehrenhaften Entführung mit ihr betrifft, vermag ich nicht zu urteilen; denn ich kenne die Folgen nicht, die ein solcher Schritt haben könnte. Aber was deinen anderen Einwand betrifft, so fürchte ich, wird er kaum standhalten. Lydia hat keine Brüder, die einschreiten könnten; und er mochte sich aus meines Vaters Verhalten, aus seiner Trägheit und der geringen Aufmerksamkeit, die er dem, was in seiner Familie vorging, je zu schenken schien, einbilden, dass er in einer solchen Sache ebenso wenig tun und ebenso wenig denken würde, wie es irgendein Vater tun könnte."

„Aber kannst du glauben, dass Lydia so aller Scham und Tugend bar ist, dass sie unter anderen Bedingungen als der Ehe mit ihm leben wollte?"

„Es scheint zwar, und es ist in der Tat höchst schockierend", erwiderte Elizabeth mit Tränen in den Augen, „dass der Anstands- und Tugendsinn einer Schwester in einem solchen Punkt überhaupt in Zweifel gezogen werden kann. Aber wirklich, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Vielleicht tue ich ihr Unrecht. Doch sie ist sehr jung: man hat sie nie gelehrt, über ernste Dinge nachzudenken; und seit dem letzten halben Jahr, ja, seit einem ganzen Jahr, hat sie sich nur dem Vergnügen und der Eitelkeit hingegeben. Man hat ihr gestattet, ihre Zeit in der müßigsten und oberflächlichsten Weise zu verbringen und jede Meinung anzunehmen, die ihr in den Weg kam. Seit die ----shires zuerst in Meryton ihr Quartier nahmen, ging ihr nichts als Liebe, Flirt und Offiziere im Kopf. Sie hat mit allen Kräften, durch Denken und Reden über diesen Gegenstand, dahin gewirkt, ihren Gefühlen – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll – eine größere Empfänglichkeit zu verleihen; die ohnehin lebhaft genug sind. Und wir alle wissen, dass Wickham jeden Reiz der Person und der Rede besitzt, die eine Frau bezaubern können."

„Aber du siehst, dass Jane", sagte ihre Tante, „nicht so schlecht von Wickham denkt, um ihn einer solchen Tat für fähig zu halten."

„Von wem denkt Jane je schlecht? Und wer wäre, wie immer sein früheres Betragen gewesen sein mag, den sie einer solchen Tat für fähig hielte, bevor er ihm bewiesen wäre? Aber Jane weiß ebensogut wie ich, was Wickham in Wahrheit ist. Wir wissen beide, dass er in jeder Bedeutung des Wortes liederlich gewesen ist; dass er weder Rechtschaffenheit noch Ehre besitzt; dass er ebenso falsch und trügerisch ist, wie er einschmeichelnd zu sein versteht."

„Und weißt du das alles wirklich?", rief Mrs. Gardiner, deren Neugier über die Art ihrer Kunde rege geworden war.

„Ja, gewiss", erwiderte Elizabeth, errötend. „Ich habe dir neulich von seinem schändlichen Verhalten gegen Mr. Darcy erzählt; und du selbst hast, als du zuletzt in Longbourn warst, gehört, in welcher Weise er von dem Manne sprach, der sich ihm gegenüber so nachsichtig und großmütig gezeigt hatte. Und es gibt noch andere Umstände, die ich nicht erzählen darf – die nicht der Mühe wert sind, erzählt zu werden; doch seine Lügen über die ganze Familie Pemberley sind endlos. Nach dem, was er von Miss Darcy sagte, war ich vollends auf ein stolzes, zurückhaltendes, unangenehmes Mädchen gefasst. Und doch wusste er es selbst besser. Er muss wissen, dass sie so liebenswürdig und anspruchslos ist, wie wir sie vorgefunden haben."

„Aber weiß Lydia nichts davon? Kann sie ahnungslos sein über das, was du und Jane so gut zu verstehen scheint?“

„O ja! – das, das ist das Schlimmste von allem. Bis ich in Kent war und so viel von Mr. Darcy und seinem Verwandten, Oberst Fitzwilliam, sah, war ich selbst noch unwissend über die Wahrheit. Und als ich nach Hause kam, sollte das ----shire in einer Woche oder vierzehn Tagen aus Meryton abreisen. Da das so war, hielten weder Jane, der ich alles erzählte, noch ich es für nötig, unser Wissen öffentlich zu machen; denn was hätte es offensichtlich nützen sollen, wenn die gute Meinung, die die ganze Nachbarschaft von ihm hatte, dann zunichtegemacht würde? Und selbst als es feststand, dass Lydia mit Mrs. Forster gehen sollte, kam mir nicht der Gedanke, ihr die Augen über seinen Charakter zu öffnen. Dass sie durch die Täuschung in irgendeine Gefahr geraten könnte, kam mir nicht in den Sinn. Dass eine solche Folge wie diese eintreten würde, glaubst du mir gern, war meinem Denken vollkommen fern.“

„Als sie also alle nach Brighton aufbrachen, hattet ihr, denke ich, keinen Grund zu glauben, dass sie einander zugeneigt waren?“

„Nicht den geringsten. Ich kann keinerlei Zeichen von Zuneigung auf beiden Seiten bemerken; und hätte etwas dergleichen bemerkt werden können, so musst du wissen, dass die unsere keine Familie ist, bei der man so etwas unbeachtet lassen könnte. Als er zuerst zum Korps stieß, war sie nur zu bereit, ihn zu bewundern; aber das waren wir alle. Jedes Mädchen in und um Meryton war die ersten zwei Monate völlig vernarrt in ihn: doch er hat sie nie durch besondere Aufmerksamkeit ausgezeichnet; und folglich legte sich nach einer mäßigen Zeit maßloser und wilder Bewunderung ihre Vorliebe für ihn, und andere vom Regiment, die sie mit mehr Auszeichnung behandelten, wurden wieder ihre Lieblinge.“

Man glaubt es leicht, dass, so wenig auch von Neuigkeit ihren Befürchtungen, Hoffnungen und Vermutungen über diesen interessanten Gegenstand durch dessen wiederholte Erörterung hinzugefügt werden konnte, sie doch nichts anderes lange von ihm ablenken konnte, die ganze Reise hindurch. Von Elizabeths Gedanken war er nie abwesend. Dort festgeheftet durch den bittersten aller Schmerzen, Selbstvorwürfe, konnte sie kein Nachlassen oder Vergessen finden.

Sie reisten so schnell wie möglich; und da sie eine Nacht unterwegs schliefen, langten sie am nächsten Tag zur Mittagszeit in Longbourn an. Es war ein Trost für Elizabeth, sich zu sagen, dass Jane nicht durch langes Warten erschöpft sein konnte.

Die kleinen Gardiner, angelockt durch den Anblick einer Kutsche, standen auf den Stufen des Hauses, als sie in die Koppel einbogen; und als der Wagen vor die Tür fuhr, war die freudige Überraschung, die ihre Gesichter erleuchtete und sich über ihre ganzen Körper in allerlei Bocksprüngen und Tänzeln zeigte, das erste erfreuliche Vorzeichen ihrer Willkommensgrüße.

Elizabeth sprang heraus; und nachdem sie jedem hastig einen Kuss gegeben hatte, eilte sie ins Vestibül, wo Jane, die ihrer Mutter Zimmer heruntergelaufen kam, ihr sogleich begegnete.

Elizabeth, die sie zärtlich umarmte, während Tränen beiden die Augen füllten, verlor keinen Augenblick mit der Frage, ob etwas von den Flüchtigen gehört worden sei.

„Noch nicht,“ erwiderte Jane. „Aber jetzt, da mein lieber Onkel gekommen ist, hoffe ich, wird alles gut gehen.“

„Ist mein Vater in der Stadt?“

„Ja, er ging am Dienstag hin, wie ich dir geschrieben habe.“

„Und hast du oft von ihm gehört?“

„Wir haben nur einmal gehört. Er schrieb mir am Mittwoch einige Zeilen, um zu sagen, dass er glücklich angekommen sei, und um mir seine Anweisungen zu geben, worum ich ihn besonders bat. Er fügte nur hinzu, dass er nicht wieder schreiben werde, bis er etwas Wichtiges mitzuteilen habe.“

„Und meine Mutter – wie geht es ihr? Wie geht es euch allen?“

„Meiner Mutter geht es leidlich, vertraue ich; obwohl ihre Nerven sehr erschüttert sind. Sie ist oben und wird große Freude haben, euch alle zu sehen. Sie verlässt ihr Ankleidezimmer noch nicht. Mary und Kitty sind, Gott sei Dank, ganz wohl.“

„Aber du – wie geht es dir?“ rief Elizabeth. „Du siehst blass aus. Wie viel musst du durchgemacht haben!“

Ihre Schwester jedoch versicherte ihr, dass sie sich vollkommen wohl fühle; und ihr Gespräch, das geführt worden war, während Mr. und Mrs. Gardiner mit ihren Kindern beschäftigt waren, wurde nun durch die Ankunft der ganzen Gesellschaft beendet. Jane lief zu ihrem Onkel und ihrer Tante, begrüßte und dankte beiden, mit abwechselndem Lächeln und Tränen.

Als sie alle im Wohnzimmer waren, wurden die Fragen, die Elizabeth schon gestellt hatte, von den anderen natürlich wiederholt, und sie fanden bald, dass Jane keine Nachricht mitzuteilen hatte. Die zuversichtliche Hoffnung auf Gutes jedoch, die ihr gütiges Herz eingab, hatte sie noch nicht verlassen; sie erwartete immer noch, dass es alles gut enden werde, und dass jeder Morgen irgendeinen Brief bringen würde, entweder von Lydia oder ihrem Vater, um ihr Vorgehen zu erklären und vielleicht die Heirat anzukündigen.

Mrs. Bennet, in deren Zimmer sie sich alle nach einigen Minuten gemeinsamen Gesprächs begaben, empfing sie ganz wie zu erwarten war; mit Tränen und Klageliedern des Bedauerns, Schmähungen gegen Wickhams schurkisches Betragen und Klagen über ihr eigenes Leiden und ihre schlechte Behandlung; sie tadelte jeden außer der Person, deren schlechtem, nachsichtigem Gewährenlassen die Fehler ihrer Tochter hauptsächlich zuzuschreiben seien.

„Wenn ich meinen Willen hätte durchsetzen können,“ sagte sie, „und mit meiner ganzen Familie nach Brighton gefahren wäre, so wäre dies nicht geschehen: aber die arme, liebe Lydia hatte niemand, der auf sie acht gab. Warum haben die Forsters sie nur je aus den Augen gelassen? Ich bin sicher, es war irgendein großes Versäumnis von ihrer Seite, denn sie ist nicht das Mädchen, das so etwas täte, wenn man gut auf sie aufgepasst hätte. Ich habe immer gedacht, dass sie ganz ungeeignet waren, die Aufsicht über sie zu haben; aber ich wurde überstimmt, wie immer. Armes, liebes Kind! Und nun ist Mr. Bennet fortgegangen, und ich weiß, er wird Wickham zum Kampf stellen, wo er ihn trifft, und dann wird er getötet werden, und was soll aus uns allen werden? Die Collins werden uns hinauswerfen, ehe er kalt im Grabe liegt; und wenn du nicht freundlich zu uns bist, Bruder, weiß ich nicht, was wir anfangen sollen.“

Sie riefen alle gegen solche schrecklichen Vorstellungen auf; und Mr. Gardiner, nachdem er allgemein seine Zuneigung zu ihr und ihrer ganzen Familie versichert hatte, sagte ihr, dass er bereits am nächsten Tag in London sein und Mr. Bennet in jedem Bemühen um Lydias Wiedererlangung beistehen werde.

„Gib dich nicht unnötiger Bangigkeit hin,“ fügte er hinzu: „obwohl es richtig ist, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, so ist doch kein Grund, es als gewiss anzusehen. Es ist noch keine Woche her, dass sie Brighton verlassen haben. In wenigen Tagen mögen wir Nachricht von ihnen erhalten; und bis wir wissen, dass sie nicht verheiratet sind und keine Absicht haben zu heiraten, wollen wir die Sache nicht als verloren aufgeben. Sobald ich in der Stadt bin, will ich zu meinem Bruder gehen und ihn mit nach Gracechurch Street nehmen, und dann können wir uns zusammen beraten, was zu tun ist."

„O mein lieber Bruder,“ erwiderte Mrs. Bennet, „genau das ist es, was ich am meisten wünsche. Und nun tu es, wenn du in der Stadt bist, finde sie auf, wo immer sie auch sein mögen; und wenn sie nicht schon verheiratet sind, lass sie heiraten. Und was die Hochzeitskleider betrifft, lass sie deswegen nicht warten, sondern sag Lydia, sie solle so viel Geld haben, wie sie nur will, um sie zu kaufen, nachdem sie verheiratet sind. Und vor allem halte Mr. Bennet vom Kampf ab. Sag ihm, in welch entsetzlichem Zustand ich bin – dass ich vor Angst halb von Sinnen bin; und solches Zittern, solches Flattern am ganzen Leib habe, solche Krämpfe in der Seite und Schmerzen im Kopf und solches Herzklopfen, dass ich weder bei Nacht noch bei Tag Ruhe finden kann. Und sag meiner lieben Lydia, sie solle keinerlei Anordnungen wegen ihrer Kleider treffen, bis sie mich gesehen hat, denn sie kennt die besten Warenhäuser nicht. O Bruder, wie gütig du bist! Ich weiß, du wirst alles einrichten."

Aber Mr. Gardiner, obwohl er ihr aufs Neue seine ernsten Bemühungen in dieser Sache versicherte, konnte nicht umhin, ihr Mäßigung zu empfehlen, sowohl in ihren Hoffnungen wie in ihren Befürchtungen; und nachdem er in dieser Weise mit ihr gesprochen hatte, bis das Essen auf dem Tisch war, ließen sie sie, alle ihre Gefühle bei der Haushälterin auszuschütten, die in Abwesenheit ihrer Töchter bei ihr wachte.

Obwohl ihr Bruder und ihre Schwester überzeugt waren, dass kein wirklicher Grund für ein solches Sichzurückziehen von der Familie vorlag, versuchten sie nicht, es zu verhindern; denn sie wussten, dass sie nicht klug genug war, vor den Dienstboten den Mund zu halten, während diese bei Tisch aufwarteten, und hielten es für besser, dass nur eine aus dem Hausstand und zwar diejenige, der man am meisten vertrauen könne, all ihre Befürchtungen und Sorgen in dieser Angelegenheit verstehe.

Im Speisezimmer schlossen sich ihnen bald Mary und Kitty an, die in ihren eigenen Zimmern zu sehr beschäftigt gewesen waren, um früher zu erscheinen. Die eine kam von ihren Büchern, die andere von ihrer Toilette. Die Gesichter beider jedoch waren ziemlich ruhig; und an keiner war eine Veränderung sichtbar, außer dass der Verlust ihrer Lieblingsschwester, oder der Ärger, den sie selbst in der Sache erregt hatte, Kittys Ton etwas mehr Gereiztheit als gewöhnlich verlieh. Mary hingegen besaß genug Selbstbeherrschung, um, kurz nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, mit einem Gesicht ernster Betrachtung Elizabeth zuzuflüstern:—

„Das ist eine höchst unglückliche Angelegenheit, und es wird wahrscheinlich viel davon geredet werden. Aber wir müssen der Flut der Bosheit Einhalt gebieten und in die verwundeten Busen einander den Balsam schwesterlichen Trostes gießen."

Da sie bemerkte, dass Elizabeth keine Lust zu antworten hatte, fügte sie hinzu: „So unglücklich das Ereignis für Lydia auch sein muss, so können wir doch diese nützliche Lehre daraus ziehen: – dass der Verlust der Tugend bei einem Mädchen unwiederbringlich ist, dass ein falscher Schritt es in endloses Verderben stürzt, dass sein Ruf nicht weniger zerbrechlich als schön ist, und dass es nicht zu vorsichtig in seinem Betragen gegenüber dem Unwürdigen des anderen Geschlechts sein kann."

Elizabeth hob die Augen in Erstaunen, war aber zu sehr bedrückt, um eine Antwort zu geben. Mary jedoch tröstete sich weiterhin mit solchen moralischen Betrachtungen über das vor ihnen liegende Übel.

Am Nachmittag waren die beiden älteren Miss Bennets eine halbe Stunde lang für sich allein; und Elizabeth benutzte sofort die Gelegenheit, alle Erkundigungen einzuziehen, die Jane gleich eifrig zu befriedigen suchte. Nachdem sie sich allgemein in Klagen über die schrecklichen Folgen dieses Ereignisses ergangen hatten, die Elizabeth als so gut wie gewiss ansah und Miss Bennet nicht als völlig unmöglich behaupten konnte, fuhr erstere fort: „Aber erzähle mir alles und jedes darüber, was ich noch nicht gehört habe. Gib mir weitere Einzelheiten. Was sagte Oberst Forster? Hatten sie keine Ahnung von irgendetwas, bevor die Flucht stattfand? Sie müssen sie doch beständig zusammen gesehen haben."

„Oberst Forster gab zu, dass er oft eine gewisse Zuneigung vermutet hatte, besonders auf Lydias Seite, aber nichts, was ihm hätte Anlass zur Besorgnis geben können. Es tut mir so leid für ihn. Sein Betragen war überaus aufmerksam und gütig. Er war zu uns gekommen, um uns seiner Anteilnahme zu versichern, bevor er auch nur ahnte, dass sie nicht nach Schottland gegangen seien: als diese Befürchtung erst einmal ruchbar wurde, beschleunigte er seine Reise."

„Und war Denny überzeugt, dass Wickham nicht heiraten würde? Wusste er von ihrer Absicht, durchzugehen? Hatte Oberst Forster Denny selbst gesehen?"

„Ja; aber als er von ihm befragt wurde, leugnete Denny, irgendetwas von ihrem Plan zu wissen, und wollte seine wahre Meinung darüber nicht äußern. Er wiederholte seine Überzeugung, dass sie nicht heiraten würden, nicht, und das lässt mich hoffen, dass er vorher vielleicht missverstanden worden ist."

„Und bis Oberst Forster selbst kam, hegte, wie ich vermute, keiner von euch einen Zweifel, dass sie wirklich verheiratet seien?"

„Wie wäre es möglich gewesen, dass ein solcher Gedanke in unsere Köpfe gekommen wäre? Ich fühlte ein wenig Unbehagen – ein wenig Furcht um das Glück meiner Schwester mit ihm in der Ehe, weil ich wusste, dass sein Betragen nicht immer ganz recht gewesen war. Mein Vater und meine Mutter wussten nichts davon; sie empfanden nur, wie unbedacht diese Verbindung sein müsse. Kitty gestand dann, mit einem sehr natürlichen Triumph, mehr zu wissen als wir übrigen, dass sie Lydias letzter Brief auf einen solchen Schritt vorbereitet hatte. Sie hatte, wie sich zeigte, seit vielen Wochen gewusst, dass die beiden ineinander verliebt waren."

„Aber nicht, bevor sie nach Brighton gingen?"

„Nein, ich glaube nicht."

„Und schien Oberst Forster selbst schlecht von Wickham zu denken? Kennt er seinen wahren Charakter?"

„Ich muss gestehen, dass er nicht so gut von Wickham sprach wie früher. Er hielt ihn für unbedacht und verschwenderisch; und seit diese traurige Sache sich ereignet hat, heißt es, dass er Meryton in großen Schulden verlassen hat: aber ich hoffe, das ist falsch."

„O Jane, wären wir weniger verschwiegen gewesen, hätten wir erzählt, was wir von ihm wussten, so hätte dies nicht geschehen können!"

„Vielleicht wäre es besser gewesen," erwiderte ihre Schwester.

„Aber die früheren Fehler irgendeiner Person aufzudecken, ohne zu wissen, was ihre gegenwärtigen Empfindungen waren, schien nicht zu rechtfertigen."

„Wir handelten mit den besten Absichten."

„Konnte Oberst Forster die Einzelheiten von Lydias Brief an seine Frau wiederholen?"

„Er hat ihn mitgebracht, damit wir ihn sehen."

Jane nahm ihn dann aus ihrem Taschenbuch und gab ihn Elizabeth. Dies war sein Inhalt:—

„Meine liebe Harriet,

du wirst lachen, wenn du erfährst, wohin ich gegangen bin, und ich kann mir selbst das Lachen nicht verbeißen bei deinem Erstaunen morgen früh, sobald ich vermisst werde. Ich gehe nach Gretna Green, und wenn du nicht erraten kannst, mit wem, werde ich dich für eine Einfaltspinselin halten, denn es gibt nur einen Mann auf der Welt, den ich liebe, und er ist ein Engel. Ohne ihn könnte ich nie glücklich sein, also halte es nicht für unrecht, davonzulaufen. Du brauchst ihnen in Longbourn nicht zu sagen, dass ich gehe, wenn du nicht willst, denn die Überraschung wird nur größer, wenn ich ihnen schreibe und meinen Namen Lydia Wickham unterschreibe. Was für ein guter Witz das wird! Ich kann kaum schreiben vor Lachen. Bitte entschuldige mich bei Pratt, dass ich meine Verabredung nicht eingehalten und heute Abend nicht mit ihm tanze. Sag ihm, ich hoffe, er wird mich entschuldigen, wenn er alles erfährt, und sag ihm, ich werde mit großem Vergnügen mit ihm auf dem nächsten Ball tanzen, bei dem wir uns begegnen. Ich werde nach meinen Kleidern schicken, wenn ich in Longbourn bin; aber ich möchte, dass du Sally sagst, sie soll einen großen Schlitz in meinem bestickten Musselinkleid flicken, bevor es eingepackt wird. Lebe wohl. Grüße Oberst Forster von mir. Ich hoffe, du wirst auf unsere gute Reise trinken.

Deine ergebene Freundin,

LYDIA BENNET."

„O gedankenlose, gedankenlose Lydia!" rief Elizabeth, als sie geendet hatte. „Was für ein Brief ist das, geschrieben in einem solchen Augenblick! Aber wenigstens zeigt er, dass es ihr mit dem Zweck ihrer Reise ernst war. Was immer er sie danach überredet haben mag, von ihrer Seite war es kein ruchloser Plan. Mein armer Vater! Wie muss er es empfunden haben!"

„Ich habe nie jemand so erschüttert gesehen. Zehn volle Minuten lang konnte er kein Wort sprechen. Meine Mutter wurde augenblicklich krank, und das ganze Haus in solcher Verwirrung!"

„O Jane," rief Elizabeth, „gab es einen Dienstboten im Hause, der nicht vor Ende des Tages die ganze Geschichte wusste?"

„Ich weiß es nicht: ich hoffe, nein. Aber sich in solcher Zeit zu hüten, ist sehr schwer. Meine Mutter war in hysterischen Anfällen; und obwohl ich mich bemühte, ihr jede Hilfe zu leisten, die in meiner Macht stand, fürchte ich, dass ich nicht so viel tat, wie ich hätte tun können. Aber der Schrecken dessen, was möglicherweise geschehen könnte, raubte mir beinahe meine Fassung."

„Deine Pflege bei ihr war zu viel für dich. Du siehst nicht gut aus. O wäre ich bei dir gewesen! Du hast alle Sorge und Angst ganz allein getragen."

„Mary und Kitty sind sehr liebenswürdig gewesen und hätten gewiss an jeder Mühsal teilgenommen, aber ich hielt es für nicht recht, eine von ihnen heranzuziehen. Kitty ist schmächtig und zart, und Mary studiert so viel, dass ihre Stunden der Ruhe nicht unterbrochen werden sollten. Meine Tante Philips kam am Dienstag nach Longbourn, nachdem mein Vater fortgegangen war; und war so gut, bis Donnerstag bei mir zu bleiben. Sie war uns allen von großem Nutzen und Trost, und Lady Lucas ist sehr freundlich gewesen: sie kam am Mittwochmorgen hierher, um uns zu kondolieren, und bot ihre Dienste oder die ihrer Töchter an, falls sie uns nützlich sein könnten."

„Sie hätte besser zu Hause bleiben sollen," rief Elizabeth: „vielleicht meinte sie es gut, aber bei einem solchen Unglück kann man von seinen Nachbarn nicht genug sehen. Hilfe ist unmöglich; Beileid unerträglich. Sollen sie in der Ferne über uns triumphieren und zufrieden sein."

Sie erkundigte sich dann nach den Maßnahmen, die ihr Vater in der Stadt zur Wiedererlangung seiner Tochter zu ergreifen gedachte.

„Er wollte, glaube ich," erwiderte Jane, „nach Epsom gehen, an den Ort, wo sie zuletzt die Pferde wechselten, die Postillione sehen und versuchen, ob von ihnen etwas zu erfahren sei. Sein Hauptziel musste sein, die Nummer der Mietskutsche herauszufinden, die sie von Clapham mitgenommen hatte. Sie war mit einem Fahrgast aus London gekommen; und da er dachte, der Umstand, dass ein Herr und eine Dame aus einem Wagen in den anderen umstiegen, könne aufgefallen sein, wollte er in Clapham Erkundigungen einziehen. Wenn er irgendwie entdecken könnte, an welchem Haus der Kutscher zuvor seinen Fahrgast abgesetzt hatte, gedachte er dort Nachforschungen anzustellen und hoffte, es könne nicht unmöglich sein, den Stand und die Nummer der Kutsche herauszufinden. Von anderen Plänen, die er gefasst hatte, weiß ich nichts; aber er war in solcher Eile fortzugehen, und seine Stimmung war so sehr verstört, dass ich Mühe hatte, auch nur so viel wie dies von ihm zu erfahren."

XLVIII. KAPITEL.

Die ganze Gesellschaft hoffte am nächsten Morgen auf einen Brief von Mr. Bennet, aber die Post kam, ohne eine einzige Zeile von ihm zu bringen. Seine Familie wusste, dass er bei allen gewöhnlichen Gelegenheiten ein höchst nachlässiger und säumiger Briefschreiber war; aber bei einem solchen Anlass hatten sie Anstrengung erhofft. Sie mussten schließen, dass er keine erfreuliche Nachricht zu senden habe; aber selbst dessen wären sie gern sicher gewesen. Mr. Gardiner hatte nur auf die Briefe gewartet, bevor er abreiste.

Als er fort war, waren sie wenigstens gewiss, beständige Nachrichten zu erhalten, was vorging; und ihr Onkel versprach beim Abschied, auf Mr. Bennet einzuwirken, so bald wie möglich nach Longbourn zurückzukehren, zum großen Trost seiner Schwester, die dies als die einzige Sicherheit ansah, dass ihr Mann nicht in einem Duell getötet werde.

Mrs. Gardiner und die Kinder sollten noch einige Tage länger in Hertfordshire bleiben, da erstere glaubte, ihre Anwesenheit könne ihren Nichten von Nutzen sein. Sie beteiligte sich an ihrer Pflege für Mrs. Bennet und war ihnen in ihren freien Stunden ein großer Trost. Ihre andere Tante besuchte sie ebenfalls häufig und, wie sie sagte, stets in der Absicht, sie zu erheitern und aufzumuntern – obwohl sie, da sie nie kam, ohne irgendeinen neuen Fall von Wickhams Verschwendung oder Unregelmäßigkeit zu berichten, selten ging, ohne sie niedergeschlagener zu lassen, als sie sie gefunden hatte.

Ganz Meryton schien sich bemühen zu wollen, den Mann zu verdunkeln, der noch vor drei Monaten beinahe ein Engel des Lichts gewesen war. Es wurde erklärt, er stehe bei jedem Kaufmann am Ort in der Schuld, und seine Ränke, die alle mit dem Titel Verführung geehrt wurden, hätten sich in jede Kaufmannsfamilie erstreckt. Jedermann erklärte, er sei der lasterhafteste junge Mann auf der Welt; und jedermann begann zu entdecken, dass man dem Schein seiner Tugend von jeher misstraut habe. Elizabeth, obwohl sie nicht mehr als die Hälfte von dem, was gesagt wurde, für bare Münze nahm, glaubte genug, um ihre vormalige Gewissheit vom Untergang ihrer Schwester noch gewisser zu machen; und selbst Jane, die noch weniger davon glaubte, wurde beinahe hoffnungslos, zumal nun die Zeit gekommen war, in der sie, wären sie nach Schottland gegangen – was sie zuvor nie ganz aufgegeben hatte –, aller Wahrscheinlichkeit nach irgendeine Nachricht von ihnen hätten erhalten müssen.

Mr. Gardiner verließ Longbourn am Sonntag; am Dienstag erhielt seine Frau einen Brief von ihm: er meldete ihnen, dass er bei seiner Ankunft sogleich seinen Bruder ausfindig gemacht und ihn überredet habe, nach Gracechurch Street zu kommen. Dass Mr. Bennet vor seiner Ankunft in Epsom und Clapham gewesen sei, doch ohne befriedigende Auskunft zu erlangen; und dass er nun entschlossen sei, in allen vornehmen Hotels der Stadt nachzufragen, da Mr. Bennet es für möglich hielt, sie könnten bei ihrer ersten Ankunft in London, ehe sie eine Wohnung genommen, in einem solchen abgestiegen sein. Mr. Gardiner selbst versprach sich von diesem Schritt keinen Erfolg; doch da sein Bruder es eifrig betrieb, gedachte er ihn bei der Verfolgung zu unterstützen. Er fügte hinzu, dass Mr. Bennet gegenwärtig ganz und gar nicht geneigt scheine, London zu verlassen, und versprach, sehr bald wieder zu schreiben. Dem Brief war auch eine Nachschrift folgenden Inhalts angefügt:

„Ich habe an Oberst Forster geschrieben, um ihn zu bitten, womöglich von einem der jungen Vertrauten des Mannes im Regiment zu erfahren, ob Wickham Verwandte oder Bekannte hat, die vermutlich wissen könnten, in welchem Teil der Stadt er sich jetzt verborgen hält. Gäbe es jemanden, an den man sich mit einiger Aussicht wenden könnte, eine solche Spur zu erhalten, so könnte es von wesentlicher Bedeutung sein. Gegenwärtig haben wir nichts, das uns leiten könnte. Oberst Forster wird, ich darf es wohl sagen, alles in seiner Macht tun, uns in diesem Punkt zu befriedigen. Doch beim zweiten Nachdenken könnte vielleicht Lizzy uns besser als irgendeine andere Person sagen, welche Verwandte er jetzt noch hat."

Elizabeth brauchte nicht lange, um zu erraten, woher diese Ehrerbietung vor ihrer Autorität rührte; doch es lag nicht in ihrer Macht, irgendeine Auskunft von so befriedigender Art zu geben, wie das Kompliment sie verdiente.

Sie hatte nie gehört, dass er Verwandte gehabt hätte, außer einem Vater und einer Mutter, die beide seit vielen Jahren tot waren. Es war indessen möglich, dass einige seiner Kameraden in der Grafschaft ----shire bessere Auskunft geben könnten; und obwohl sie nicht sehr zuversichtlich war, es zu erwarten, war die Nachfrage doch etwas, worauf man vorausblicken konnte.

Jeder Tag in Longbourn war nun ein Tag der Angst; doch der angstvollste Teil eines jeden war der, wenn die Post erwartet wurde. Die Ankunft der Briefe war das erste große Ziel der morgendlichen Ungeduld. Durch Briefe würde alles, was es an Gutem oder Schlechtem zu berichten gab, mitgeteilt werden; und jeder folgende Tag wurde erwartet, irgendeine wichtige Nachricht zu bringen.

Doch bevor sie wieder von Mr. Gardiner hörten, traf ein Brief für ihren Vater aus einer anderen Gegend ein, von Mr. Collins; den, da Jane die Weisung hatte, alle für ihn in seiner Abwesenheit eingehenden zu öffnen, sie demgemäß las; und Elizabeth, die wusste, was für Seltsamkeiten seine Briefe stets enthielten, blickte ihr über die Schulter und las ihn ebenfalls. Er lautete wie folgt:

/* „Mein lieber Herr,

„Ich fühle mich durch unsere Verwandtschaft und meine Lebensstellung berufen, Ihnen zu dem schweren Leiden, das Sie nun erdulden, mein Beileid zu bezeugen, von dem wir gestern durch einen Brief aus Hertfordshire unterrichtet wurden. Seien Sie versichert, mein lieber Herr, dass Mrs. Collins und ich aufrichtig mit Ihnen und Ihrer ganzen achtbaren Familie in Ihrem jetzigen Kummer empfinden, der wohl von der bittersten Art sein muss, da er aus einer Ursache hervorgeht, die keine Zeit beseitigen kann. Keine Gründe sollen meinerseits fehlen, die ein so hartes Unglück mildern oder Sie in einem Umstand trösten könnten, der einem Elternherz von allen am meisten schmerzlich sein muss. Der Tod Ihrer Tochter wäre im Vergleich hierzu ein Segen gewesen. Und es ist umso mehr zu beklagen, weil Grund zu der Vermutung besteht, wie mir meine liebe Charlotte mitteilt, dass diese Zügellosigkeit im Betragen Ihrer

]

Tochter aus einem fehlerhaften Maß an Nachsicht hervorgegangen ist; obwohl ich mich zugleich, zum Trost für Sie und Mrs. Bennet, geneigt fühle zu glauben, dass ihr eigener Charakter von Natur aus schlecht sein muss, oder sie hätte sich in so zartem Alter eines solchen Frevels nicht schuldig machen können. Wie dem auch sei, Sie sind schwerlich zu bedauern; welcher Meinung mich nicht nur Mrs. Collins anschließt, sondern gleichermaßen Lady Catherine und ihre Tochter, denen ich den Vorfall berichtet habe. Sie stimmen mit mir in der Besorgnis überein, dass dieser Fehltritt einer Tochter den Aussichten aller anderen zum Schaden gereichen werde: denn wer, wie Lady Catherine selbst gnädigst bemerkt, wird sich mit einer solchen Familie verbinden? Und diese Überlegung lässt mich überdies mit erhöhter Zufriedenheit auf ein gewisses Ereignis im letzten November zurückblicken; denn wäre es anders gewesen, wäre ich in all Ihren Kummer und Ihre Schande verstrickt worden. Erlauben Sie mir also, Ihnen, mein lieber Herr, zuzuraten, sich so gut als möglich zu trösten, Ihr unwürdiges Kind auf ewig aus Ihrer Zuneigung zu verbannen und ihr zu überlassen, die Früchte ihrer eigenen ruchlosen Tat zu ernten.

„Ich bin, lieber Herr, usw., usw."

Mr. Gardiner schrieb nicht wieder, bis er eine Antwort von Oberst Forster erhalten hatte; und dann hatte er nichts Angenehmes zu senden. Es war nicht bekannt, dass Wickham einen einzigen Verwandten hatte, mit dem er in Verbindung blieb, und es stand fest, dass er keinen nahen Verwandten am Leben hatte. Seine früheren Bekanntschaften waren zahlreich gewesen; doch seit er bei der Miliz war, schien er mit keinem von ihnen in besonderer Freundschaft zu stehen. Es gab also niemanden, den man als wahrscheinlich hätte bezeichnen können, irgendeine Nachricht von ihm zu geben. Und bei seinem elenden Zustand in Geldsachen gab es, außer seiner Furcht vor Entdeckung durch Lydias Verwandte, einen sehr mächtigen Beweggrund zur Geheimhaltung; denn es war eben bekannt geworden, dass er beträchtliche Spielschulden zurückgelassen hatte. Oberst Forster glaubte, dass mehr als tausend Pfund nötig sein würden, um seine Auslagen in Brighton zu tilgen. Er schuldete der Stadt eine gute Summe, doch seine Ehrenschulden waren noch gewaltiger. Mr. Gardiner versuchte nicht, diese Einzelheiten der Familie in Longbourn zu verbergen; Jane hörte sie mit Entsetzen. „Ein Spieler!" rief sie. „Das ist völlig unerwartet; ich hatte keine Ahnung davon."

Mr. Gardiner fügte in seinem Brief hinzu, dass sie ihren Vater am folgenden Tag, der ein Samstag war, zu Hause erwarten dürften. Durch den Misserfolg all seiner Bemühungen mutlos geworden, hatte er der Bitte seines Schwagers nachgegeben, zu seiner Familie zurückzukehren und es ihm zu überlassen, zu tun, was die Lage jeweils als ratsam erscheinen lasse, um die Nachforschung fortzusetzen. Als man Mrs. Bennet dies mitteilte, äußerte sie nicht so viel Zufriedenheit, als ihre Kinder erwartet hatten, in Anbetracht dessen, wie ängstlich sie zuvor um sein Leben besorgt gewesen war.

„Was! Er kommt heim, und ohne die arme Lydia?" rief sie. „Er wird London doch nicht verlassen, ehe er sie gefunden hat. Wer soll gegen Wickham kämpfen und ihn zwingen, sie zu heiraten, wenn er weggeht?"

Da Mrs. Gardiner nun selbst wünschte, zu Hause zu sein, wurde verabredet, dass sie und ihre Kinder nach London reisen sollten zu derselben Zeit, in der Mr. Bennet von dort kam. Die Kutsche trug sie also die erste Etappe ihrer Reise und brachte ihren Herrn nach Longbourn zurück.

Mrs. Gardiner reiste in all der Verwirrung über Elizabeth und ihren Freund aus Derbyshire ab, die sie seit jenem Landesteil begleitet hatte. Sein Name war von ihrer Nichte vor ihnen nie freiwillig erwähnt worden; und die Art von halber Erwartung, die Mrs. Gardiner gebildet hatte, sie könnten durch einen Brief von ihm verfolgt werden, war in nichts zerronnen. Elizabeth hatte seit ihrer Rückkehr keinen erhalten, der aus Pemberley kommen konnte.

Der gegenwärtige unglückliche Zustand der Familie machte jeden anderen Vorwand für die Niedergeschlagenheit ihres Wesens überflüssig; nichts also konnte mit Fug daraus geschlossen werden –, obwohl Elizabeth, die inzwischen mit ihren eigenen Gefühlen leidlich gut bekannt war, sich vollkommen bewusst war, dass sie, hätte sie nichts von Darcy gewusst, die Furcht vor Lydias Schande um einiges besser hätte ertragen können. Es hätte ihr, dachte sie, von zwei schlaflosen Nächten eine erspart.

Als Mr. Bennet ankam, hatte er ganz das Aussehen seiner gewöhnlichen philosophischen Gelassenheit. Er sagte so wenig, als er je in der Gewohnheit gehabt hatte zu sagen; erwähnte das Geschäft nicht, das ihn weggeführt hatte; und es dauerte einige Zeit, ehe seine Töchter den Mut hatten, davon zu sprechen.

Erst am Nachmittag, als er sich zu ihnen zum Tee gesellte, wagte Elizabeth das Thema anzuregen; und als sie da kurz ihr Bedauern über das ausdrückte, was er hatte ausstehen müssen, erwiderte er: „Sprich nicht davon. Wer sollte denn leiden als ich? Es ist mein eigenes Verschulden, und ich muss es empfinden."

„Du darfst nicht zu streng mit dir selbst sein", erwiderte Elizabeth.

„Du magst mich wohl vor einem solchen Übel warnen. Die menschliche Natur ist so geneigt, darin zu fallen! Nein, Lizzy, lass mich einmal im Leben fühlen, wie sehr ich selbst Schuld trage. Ich fürchte mich nicht, von dem Eindruck überwältigt zu werden. Er wird bald genug vorübergehen."

„Glaubst du, sie sind in London?"

„Ja; wo sonst könnten sie so gut verborgen sein?"

„Und Lydia wollte immer schon nach London", fügte Kitty hinzu.

„So ist sie also glücklich", sagte ihr Vater trocken; „und ihr Aufenthalt dort wird wahrscheinlich von einiger Dauer sein."

Dann fuhr er nach kurzem Schweigen fort: „Lizzy, ich trage dir nichts nach, dass du mit deinem Rat an mich im letzten Mai recht behalten hast, was, den Ausgang bedacht, eine gewisse Größe der Gesinnung zeigt."

Sie wurden durch Miss Bennet unterbrochen, die kam, um den Tee ihrer Mutter zu holen.

„Das ist ein Aufzug", rief er, „der einem wohltut; er verleiht dem Unglück solche Eleganz! Einen anderen Tag will ich dasselbe tun; ich will in meiner Bibliothek sitzen, in meiner Nachtmütze und meinem Pudermantel, und so viel Umstände machen, als ich kann –, oder vielleicht verschiebe ich es, bis Kitty durchgeht."

„Ich habe nicht vor durchzugehen, Papa", sagte Kitty verdrießlich. „Wenn ich je nach Brighton sollte, würde ich mich besser aufführen als Lydia."

„Du nach Brighton! Ich würde dir für fünfzig Pfund nicht so weit trauen als bis Eastbourne! Nein, Kitty, ich habe wenigstens gelernt, vorsichtig zu sein, und du wirst die Folgen davon spüren. Kein Offizier soll je wieder mein Haus betreten, ja nicht einmal durch das Dorf gehen. Bälle werden schlechterdings verboten, wenn du nicht mit einer deiner Schwestern tanzt. Und du rührst dich nicht aus dem Haus, bis du beweisen kannst, dass du zehn Minuten jeden Tag in vernünftiger Weise verbracht hast."

Kitty, die alle diese Drohungen ernst nahm, begann zu weinen.

„Nun, nun", sagte er, „mach dich nicht unglücklich. Wenn du die nächsten zehn Jahre ein gutes Mädchen bist, will ich dich am Ende zu einer Parade mitnehmen."

NEUNUNDVIERZIGSTES KAPITEL.

Zwei Tage nach Mr. Bennets Rückkehr sahen Jane und Elizabeth, als sie zusammen im Boskett hinter dem Hause gingen, die Haushälterin auf sich zukommen, und da sie schlossen, sie komme, um sie zur Mutter zu rufen, gingen sie ihr entgegen; doch statt des erwarteten Befehls sagte sie, als sie näher kamen, zu Miss Bennet: „Ich bitte um Verzeihung, gnädige Frau, dass ich Sie unterbreche, aber ich hoffte, Sie könnten vielleicht gute Nachrichten aus der Stadt haben, deshalb so habe ich mir die Freiheit genommen zu fragen."

„Was meinst du, Hill? Wir haben nichts aus der Stadt gehört."

„Ach, gnädige Frau", rief Mrs. Hill in großem Erstaunen, „wissen Sie denn nicht, dass ein Eilbote für den Herrn von Mr. Gardiner gekommen ist? Er ist schon eine halbe Stunde hier, und der Herr hat einen Brief bekommen."

Davon liefen die Mädchen, zu begierig, hineinzukommen, um sich Zeit zum Reden zu nehmen. Sie liefen durch die Vorhalle in das Frühstückszimmer; von da in die Bibliothek; – ihr Vater war in keinem von beiden; und sie waren im Begriff, ihn oben bei ihrer Mutter zu suchen, als ihnen der Butler entgegenkam, der sagte:

„Wenn Sie meinen Herrn suchen, gnädige Frau, so geht er nach dem kleinen Gehölz."

Auf diese Auskunft gingen sie sogleich noch einmal durch die Halle und liefen über den Rasen ihrem Vater nach, der gemächlich seines Weges nach einem kleinen Wäldchen auf einer Seite der Koppel weiterging.

Jane, die nicht so leicht und nicht so im Laufen geübt war wie Elizabeth, blieb bald zurück, während ihre Schwester, nach Atem ringend, ihn einholte und eifrig ausrief:

„Oh, Papa, was für Nachrichten? Was für Nachrichten? Hast du von meinem Onkel gehört?"

„Ja, ich habe einen Brief von ihm durch Eilboten."

„Nun, und was für Nachrichten bringt er – gute oder schlechte?"

„Was Gutes wäre da zu erwarten?" sagte er und zog den Brief aus der Tasche; „vielleicht aber möchtest du ihn lesen."

Elizabeth ergriff ihn ungeduldig aus seiner Hand. Jane kam nun herbei.

„Lies ihn laut vor", sagte ihr Vater, „denn ich weiß selbst kaum, worum es sich handelt."

/* RECHTS „Gracechurch Street, Montag, den 2. August.

„Mein lieber Bruder,

„Endlich bin ich imstande, dir einige Nachrichten von meiner Nichte zu schicken, und solche, die, alles in allem, wie ich hoffe, dir Genugtuung geben werden. Bald nachdem du mich am Sonnabend verlassen hattest, hatte ich das Glück, ausfindig zu machen, in welchem Teil Londons sie sich befinden. Die Einzelheiten behalte ich bis zu unserem Wiedersehen. Es genüge zu wissen, dass sie entdeckt sind: ich habe sie beide gesehen----"

]

„Dann ist es, wie ich immer gehofft habe", rief Jane: „sie sind verheiratet!"

Elizabeth las weiter: „Ich habe sie beide gesehen. Sie sind nicht verheiratet, noch kann ich finden, dass irgendeine Absicht dazu bestand; aber wenn du bereit bist, die Verpflichtungen zu erfüllen, die ich in deinem Namen einzugehen mich erkühnt habe, so hoffe ich, wird es nicht lange dauern, bis sie es sind. Alles, was von dir verlangt wird, ist, deiner Tochter durch einen Vergleich ihren gleichen Anteil an den fünftausend Pfunden zuzusichern, die nach deinem und meiner Schwester Tode unter euren Kindern gesichert sind; und ferner dich zu verpflichten, ihr während deines Lebens hundert Pfund jährlich auszusetzen. Das sind Bedingungen, die, alles erwogen, ich ohne Bedenken erfüllte, soweit ich mich dazu für dich befugt hielt. Ich werde dies durch Eilboten senden, damit keine Zeit verloren geht, mir deine Antwort zu bringen. Du wirst leicht aus diesen Einzelheiten ersehen, dass Mr. Wickhams Verhältnisse nicht so hoffnungslos sind, als man allgemein glaubt. Die Welt hat sich in dieser Hinsicht getäuscht; und ich bin erfreut zu sagen, es wird auch, nachdem alle seine Schulden getilgt sind, noch ein kleiner Betrag übrig bleiben, um ihn auf meiner Nichte, zu ihrem eigenen Vermögen hinzu, sicherzustellen. Wenn du mir, wie ich als sicher annehme, volle Vollmacht sendest, in deinem Namen die ganze Sache zu führen, werde ich sogleich Haggerston Anweisung geben, einen geeigneten Vergleich aufzusetzen. Es wird nicht der geringste Anlass bestehen, dass du nochmals in die Stadt kommst; bleib also ruhig in Longbourn und verlass dich auf meinen Fleiß und meine Sorgfalt. Sende deine Antwort zurück, so bald du kannst, und bemühe dich, klar und deutlich zu schreiben. Wir haben es für das Beste gehalten, dass meine Nichte von diesem Hause aus heiratet, wozu du hoffentlich deine Einwilligung gibst. Sie kommt heute zu uns. Ich werde wieder schreiben, sobald etwas weiteres bestimmt ist. Dein usw.

„EDW. GARDINER."

„Ist es möglich?" rief Elizabeth, als sie geendet hatte. „Kann es möglich sein, dass er sie heiraten wird?"

„Wickham ist also nicht so unwürdig, als wir gedacht haben", sagte ihre Schwester. „Mein lieber Vater, ich beglückwünsche dich."

„Und hast du den Brief beantwortet?" sagte Elizabeth.

„Nein; aber es muss bald geschehen."

Auf das Eindringlichste bat sie ihn dann, keine weitere Zeit zu verlieren, ehe er schriebe.

„Oh! mein lieber Vater", rief sie, „komm zurück und schreib sogleich. Bedenke, wie wichtig jeder Augenblick in einem solchen Fall ist."

„Lass mich für dich schreiben", sagte Jane, „wenn dir die Mühe selbst zuwider ist."

„Sie ist mir sehr zuwider", erwiderte er; „aber es muss getan sein."

Und damit wandte er sich mit ihnen um und ging dem Hause zu.

„Und – darf ich fragen?" sagte Elizabeth; „aber die Bedingungen, denke ich, müssen erfüllt werden."

„Erfüllt werden! Ich schäme mich nur, dass er so wenig verlangt hat."

„Und sie müssen heiraten! Und doch ist er ein solcher Mensch."

„Ja, ja, sie müssen heiraten. Es bleibt nichts anderes zu tun übrig. Aber zwei Dinge möchte ich gar gern wissen: das eine ist, wie viel Geld dein Onkel vorgeschossen hat, um es dahin zu bringen; und das andere, wie ich es ihm je zurückzahlen soll."

„Geld! Mein Onkel!" rief Jane, „was meinst du, Sir?"

„Ich meine, dass kein Mensch bei klarem Verstand Lydia heiraten würde um so geringer Versuchung willen, als hundert Pfund jährlich während meines Lebens sind, und fünfzig, wenn ich tot bin."

„Das ist sehr wahr", sagte Elizabeth; „wiewohl es mir nicht zuvor eingefallen ist. Seine Schulden getilgt, und noch etwas übrig! Oh, es muss des Onkels Tun sein! Großmütiger, guter Mensch, ich fürchte, er hat sich selbst in Verlegenheit gebracht. Eine kleine Summe konnte das alles nicht tun."

„Nein", sagte ihr Vater. „Wickham wäre ein Tor, wenn er sie mit einem Pfennig weniger als zehntausend Pfund nähme: es sollte mir leid sein, so übel von ihm zu denken, gleich am Anfang unseres Verhältnisses."

„Zehntausend Pfund! Der Himmel verhüte! Wie ist die Hälfte einer solchen Summe zurückzuzahlen?"

Mr. Bennet gab keine Antwort; und ein jedes, in tiefes Nachdenken versunken, schwieg still, bis sie das Haus erreichten. Ihr Vater ging dann in die Bibliothek, um zu schreiben, und die Mädchen wandten sich in das Frühstückszimmer.

„Und sie sollen wirklich heiraten!" rief Elizabeth, sobald sie allein waren. „Wie seltsam das ist! Und dafür sollen wir dankbar sein. Dass sie heiraten sollen, so gering auch ihre Aussicht auf Glück ist, und so nichtswürdig er ist, zwingen wir uns zu freuen! Oh, Lydia!"

„Ich tröste mich mit dem Gedanken", erwiderte Jane, „dass er Lydia gewiss nicht heiraten würde, wenn er nicht wirkliche Zuneigung für sie empfände. Obgleich unser lieber Onkel einiges zu seiner Entlastung getan hat, kann ich nicht glauben, dass zehntausend Pfund, oder irgendetwas dem Ähnliches, vorgeschossen worden sind. Er hat eigene Kinder und kann weitere bekommen. Wie hätte er die Hälfte von zehntausend Pfunden entbehren können?"

„Wenn wir je erfahren können, wie groß Wickhams Schulden gewesen sind", sagte Elizabeth, „und wie viel auf seiner Seite für unsere Schwester ausgesetzt wird, werden wir genau wissen, was Mr. Gardiner für sie getan hat, denn Wickham besitzt keinen Sechser eigenes Geld. Die Güte meines Onkels und meiner Tante lässt sich nie aufwiegen. Dass sie sie zu sich nehmen und ihr ihren persönlichen Schutz und ihre Achtung gewähren, ist ein so großes Opfer zu ihrem Vorteil, dass Jahre des Dankes nicht hinreichen, es anzuerkennen. Um diese Zeit ist sie schon bei ihnen! Wenn solche Güte sie jetzt nicht unglücklich macht, so verdient sie nie, glücklich zu werden! Welch eine Begegnung für sie, wenn sie zuerst meine Tante erblickt!"

„Wir müssen uns bemühen, alles zu vergessen, was auf einer wie auf der anderen Seite vorgefallen ist", sagte Jane: „Ich hoffe und vertraue, sie werden noch glücklich werden. Dass er in die Heirat einwilligt, ist mir, ich will es glauben, ein Beweis, dass er zu einer richtigeren Denkungsart gekommen ist. Ihre gegenseitige Zuneigung wird sie festigen; und ich schmeichle mir, sie werden sich so ruhig einrichten und so verständig leben, dass mit der Zeit ihr früherer Leichtsinn vergessen sein wird."

„Ihr Betragen ist ein solches gewesen", erwiderte Elizabeth, „das weder du noch ich noch irgendjemand je vergessen kann. Es ist nutzlos, davon zu reden."

Jetzt fiel es den Mädchen ein, daß ihre Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Vorgefallenen ganz und gar nichts wußte. Sie begaben sich also in die Bibliothek und fragten ihren Vater, ob er nicht wünsche, daß sie es ihr mitteilten. Er schrieb, und ohne den Kopf zu erheben, gab er kühl zur Antwort:--

„Wie ihr wollt."

„Dürfen wir den Brief meines Onkels nehmen und ihr vorlesen?"

„Nehmt, was ihr wollt, und laßt mich in Ruhe."

Elizabeth nahm den Brief von seinem Schreibtisch, und sie gingen zusammen hinauf. Mary und Kitty waren beide bei Mrs. Bennet: eine Mitteilung würde also für alle genügen. Nach einer kurzen Vorbereitung auf gute Nachrichten wurde der Brief laut vorgelesen. Mrs. Bennet konnte sich kaum fassen. Sobald Jane Mr. Gardiners Hoffnung ausgesprochen hatte, daß Lydia bald verheiratet sein werde, brach ihre Freude hervor, und jeder folgende Satz steigerte ihre Ausgelassenheit. Sie befand sich jetzt in einer Aufregung, die ebenso heftig vor Entzücken wie je vor Unruhe und Verdruß war. Zu wissen, daß ihre Tochter verheiratet werden sollte, war ihr genug. Keine Furcht um Lydias Glück trübte sie, keine Erinnerung an Lydias Fehltritt demütigte sie.

„Meine liebe, teure Lydia!" rief sie: „das ist in der Tat entzückend! Sie wird verheiratet! Ich werde sie wiedersehen! Sie wird mit sechzehn Jahren heiraten! Mein guter, lieber Bruder! Ich wußte, wie es ablaufen würde -- ich wußte, daß er alles einrichten würde. Wie sehnlich wünsche ich, sie zu sehen! Und auch den lieben Wickham! Aber die Kleider, die Hochzeitskleider! Ich werde sogleich an meine Schwester Gardiner wegen ihnen schreiben. Lizzy, meine Liebe, lauf zu deinem Vater hinunter und frag ihn, wieviel er ihr geben will. Wartet, wartet, ich will selbst gehen. Klingle, Kitty, nach Hill. Ich will mich im Augenblick ankleiden. Meine liebe, teure Lydia! Wie vergnügt werden wir zusammen sein, wenn wir uns wiedersehen!"

Ihre älteste Tochter versuchte der Heftigkeit dieser Ausbrüche ein wenig Einhalt zu tun, indem sie ihre Gedanken auf die Verpflichtungen lenkte, welche Mr. Gardiners Betragen ihnen allen auferlegte.

„Denn wir müssen diesen glücklichen Ausgang," fügte sie hinzu, „zu einem großen Teil seiner Güte zuschreiben. Wir sind überzeugt, daß er sich mit Bürgschaft für Wickham verbürgt hat."

„Nun," rief ihre Mutter, „es ist alles ganz recht; wer sollte es tun als ihr eigener Onkel? Hätte er keine eigene Familie gehabt, ich und meine Kinder hätten all sein Geld haben müssen, das wißt ihr; und es ist das erste Mal, daß wir jemals etwas von ihm bekommen, ein paar Geschenke ausgenommen. Nun! ich bin so glücklich. In kurzer Zeit werde ich eine Tochter verheiratet haben. Mrs. Wickham! Wie gut das klingt! Und sie wurde doch erst im letzten Juni sechzehn. Liebe Jane, ich bin in solcher Aufregung, daß ich sicher nicht schreiben kann; darum will ich diktieren und du schreibst für mich. Wir werden uns mit deinem Vater wegen des Geldes nachher auseinandersetzen; aber die Sachen müssen sogleich bestellt werden."

Sie ging nun auf alle Einzelheiten von Kattun, Musselin und Batist über und hätte in kurzem recht reichliche Bestellungen diktiert, hätte Jane sie nicht, wenn auch mit einiger Mühe, überredet, damit zu warten, bis ihr Vater Zeit hätte, befragt zu werden. Ein Tag Aufschub, bemerkte sie, werde von geringer Bedeutung sein; und ihre Mutter war zu glücklich, um ganz so eigensinnig zu sein wie gewöhnlich. Andere Pläne kamen ihr auch in den Sinn.

„Ich will nach Meryton gehen," sagte sie, „sobald ich angekleidet bin, und meiner Schwester Philips die gute, gute Nachricht erzählen. Und auf dem Rückweg kann ich bei Lady Lucas und Mrs. Long vorsprechen. Kitty, lauf hinunter und bestelle die Kutsche. Eine Spazierfahrt würde mir gewiß sehr guttun. Mädchen, kann ich etwas für euch in Meryton besorgen? Oh! da kommt Hill. Liebe Hill, haben Sie die gute Nachricht gehört? Miss Lydia wird heiraten; und Sie alle sollen eine Bowle Punsch bekommen, um bei ihrer Hochzeit fröhlich zu sein."

Mrs. Hill begann sogleich ihre Freude zu bezeugen. Elizabeth empfing ihre Glückwünsche wie die übrigen, und da sie dieses Treibens überdrüssig war, suchte sie ihr Zimmer auf, um ungestört nachdenken zu können. Lydias Lage mußte im besten Falle schlimm genug sein; daß sie aber nicht schlimmer war, dafür hatte sie Grund, dankbar zu sein. Sie fühlte dies auch; und obwohl, wenn sie in die Zukunft blickte, weder vernünftiges Glück noch weltliches Wohlergehen für ihre Schwester mit Recht zu erwarten war, so fühlte sie doch, wenn sie auf das zurückblickte, was sie noch vor zwei Stunden gefürchtet hatten, alle Vorteile dessen, was sie gewonnen hatten.

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FÜNFZIGSTES KAPITEL.

Mr. Bennet hatte vor diesem Zeitpunkt seines Lebens sehr oft gewünscht, daß er, statt sein ganzes Einkommen zu verbrauchen, eine jährliche Summe zurückgelegt hätte zur besseren Versorgung seiner Kinder und seiner Frau, falls sie ihn überlebte. Jetzt wünschte er es mehr als je. Hätte er in dieser Hinsicht seine Pflicht getan, so hätte Lydia nicht bei ihrem Onkel für alles dasjenige verschuldet sein müssen, was ihr jetzt an Ehre und Ansehen verschafft werden konnte. Die Genugtuung, einen der nichtswürdigsten jungen Männer in ganz Großbritannien dazu zu bewegen, ihr Gatte zu werden, hätte dann ihren rechten Platz behaupten können.

Es bekümmerte ihn ernstlich, daß eine so wenig vorteilhafte Sache für jedermann auf alleinige Kosten seines Schwagers betrieben werden sollte; und er entschloß sich, womöglich die Größe seiner Beihilfe zu erfahren und die Schuld sobald als möglich abzutragen.

Als Mr. Bennet zuerst heiratete, hielt man Sparsamkeit für völlig überflüssig; denn natürlich sollten sie einen Sohn bekommen. Dieser Sohn sollte, sobald er mündig wäre, mit dazu beitragen, das Fideikommiß aufzuheben, und so wären die Witwe und die jüngeren Kinder versorgt. Fünf Töchter kamen nacheinander zur Welt, aber der Sohn sollte noch kommen; und Mrs. Bennet war viele Jahre nach Lydias Geburt gewiß, daß er kommen werde. Endlich hatte man diese Hoffnung aufgegeben, aber da war es zu spät zum Sparen. Mrs. Bennet hatte keinen Sinn für Sparsamkeit; und ihres Mannes Liebe zur Unabhängigkeit hatte allein verhindert, daß sie ihr Einkommen überschritten.

Fünftausend Pfund waren durch den Ehevertrag Mrs. Bennet und den Kindern ausgesetzt. Aber in welchen Verhältnissen sie unter den letzteren verteilt werden sollten, hing von dem Willen der Eltern ab. Dies war wenigstens in bezug auf Lydia ein Punkt, der jetzt festgesetzt werden mußte, und Mr. Bennet konnte nicht einen Augenblick zögern, dem vorliegenden Vorschlag beizustimmen. In Worten, die, wenn auch sehr kurz, doch voller dankbarer Anerkennung für die Güte seines Bruders waren, gab er schriftlich seine volle Billigung alles Geschehenen und seine Bereitwilligkeit, die für ihn eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Er hatte nie zuvor angenommen, daß, falls Wickham zur Heirat mit seiner Tochter bewogen werden könnte, dies mit so geringer Unbequemlichkeit für ihn selbst geschehen würde wie durch die jetzige Vereinbarung. Er würde kaum zehn Pfund im Jahr verlieren bei den hundert, die ihnen ausgezahlt werden sollten; denn wenn man ihren Tisch und ihr Taschengeld und die fortwährenden Geldgeschenke in Anschlag brachte, die durch die Hände ihrer Mutter an sie gelangten, so hatten sich Lydias Auslagen immer nur wenig unter dieser Summe gehalten.

Daß es überdies mit so geringer Mühe seinerseits geschehen würde, war eine andere sehr willkommene Überraschung; denn sein Hauptwunsch war jetzt, in dieser Angelegenheit möglichst wenig Mühe zu haben. Als der erste Ausbruch der Wut, der ihn in seinem Suchen nach ihr tätig gemacht hatte, vorüber war, kehrte er natürlich zu seiner ganzen früheren Trägheit zurück. Sein Brief war bald abgesandt; denn wenn er auch in der Übernahme von Geschäften säumig war, war er doch in deren Ausführung rasch. Er bat um nähere Einzelheiten dessen, was er seinem Bruder schuldig sei; aber er war zu ärgerlich auf Lydia, um ihr irgendeine Botschaft zu schicken.

Die gute Nachricht verbreitete sich schnell durch das Haus und mit verhältnismäßiger Geschwindigkeit durch die Nachbarschaft. In der letzteren wurde sie mit anständiger Fassung aufgenommen. Freilich, es wäre für den Unterhalt der Unterhaltung vorteilhafter gewesen, wenn Miss Lydia Bennet in die Stadt gekommen wäre, oder, als glücklichste Möglichkeit, in einem entfernten Bauernhaus von der Welt abgesondert worden wäre. Aber über ihre Verheiratung gab es viel zu reden; und die gutmütigen Wünsche für ihr Wohlergehen, die vorher von allen boshaften alten Damen in Meryton ausgegangen waren, verloren bei dieser veränderten Sachlage nur wenig von ihrer Lebhaftigkeit, denn mit einem solchen Manne hielt man ihr Elend für gewiß.

Es war vierzehn Tage her, daß Mrs. Bennet nicht zu ebener Erde gewesen war, aber an diesem glücklichen Tage nahm sie wieder ihren Platz am oberen Ende ihres Tisches ein, und zwar in einer beklemmend übermütigen Stimmung. Kein Schamgefühl dämpfte ihren Triumph. Die Verheiratung einer Tochter, die seit Janes sechzehntem Jahre der erste Gegenstand ihrer Wünsche gewesen war, stand nun dicht vor der Erfüllung, und ihre Gedanken und Worte beschäftigten sich ausschließlich mit den Begleitumständen eleganter Hochzeiten, feinen Musselinen, neuen Wagen und Dienern. Sie war eifrig damit beschäftigt, in der Nachbarschaft nach einer passenden Stellung für ihre Tochter zu suchen, und ohne zu wissen oder zu bedenken, was deren Einkünfte sein möchten, wies sie viele als zu klein und unbedeutend zurück.

„Haye Park könnte gehen," sagte sie, „wenn die Gouldings auszögen, oder das große Haus in Stoke, wenn das Empfangszimmer größer wäre; aber Ashworth ist zu weit ab. Ich könnte es nicht ertragen, sie zehn Meilen von mir zu haben; und was Purvis Lodge betrifft, so sind die Dachkammern entsetzlich."

Ihr Mann ließ sie ohne Unterbrechung weiterreden, solange die Diener anwesend waren. Als diese sich aber entfernt hatten, sagte er zu ihr: „Mrs. Bennet, bevor Sie irgendeines oder alle diese Häuser für Ihren Sohn und Ihre Tochter nehmen, wollen wir uns über eines vollständig verständigen. In kein Haus in dieser Nachbarschaft sollen sie Zutritt erhalten. Ich werde die Unvernunft von beiden nicht dadurch unterstützen, daß ich sie in Longbourn aufnehme."

Dieser Erklärung folgte ein langer Streit; aber Mr. Bennet blieb fest: er führte bald zu einem anderen; und Mrs. Bennet fand mit Erstaunen und Entsetzen, daß ihr Mann keinen Guineen vorrücken wollte, um seiner Tochter Kleider zu kaufen. Er erklärte, sie solle bei dieser Gelegenheit keinerlei Beweis seiner Zuneigung von ihm empfangen. Mrs. Bennet konnte es kaum begreifen. Daß sein Zorn sich zu einem so unfaßbaren Grade unmöglicher Erbitterung steigern könnte, daß er seiner Tochter ein Vorrecht verweigerte, ohne welches ihre Heirat kaum gültig erscheinen würde, ging über alles, was sie für möglich halten konnte. Sie war mehr für die Schmach empfänglich, welche der Mangel neuer Kleider auf die Hochzeit ihrer Tochter werfen mußte, als für jedes Schamgefühl über das Entlaufen und vierzehntägige Zusammenleben mit Wickham vor der Trauung.

Elizabeth tat es jetzt von Herzen leid, daß sie aus Bestürzung über den Augenblick Mr. Darcy mit ihren Befürchtungen um ihre Schwester bekannt gemacht hatte; denn da ihre Heirat so bald der Entführung ein anständiges Ende setzen werde, konnten sie hoffen, ihren unglücklichen Anfang allen denjenigen zu verbergen, die nicht unmittelbar dabei waren.

Sie fürchtete nicht, daß es sich durch ihn weiter verbreiten werde. Es gab wenige Menschen, auf deren Verschwiegenheit sie sich sicherer verlassen hätte; aber zugleich gab es niemand, dessen Kenntnis von der Schwachheit einer Schwester sie so tief geschmerzt hätte. Nicht etwa aus Furcht, daß es ihr selbst zum Nachteil gereichen könnte; denn auf jeden Fall schien eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen zu bestehen. Selbst wenn Lydias Heirat unter den ehrenvollsten Bedingungen zustande gekommen wäre, war nicht anzunehmen, daß Mr. Darcy sich mit einer Familie verbinden würde, wo zu jedem anderen Einwand nun noch eine Verbindung und Verwandtschaft nächster Art mit dem Manne hinzukommen würde, den er mit so gutem Recht verachtete.

Über ein solches Bündnis konnte sie sich nicht wundern, daß er davor zurückschreckte. Der Wunsch, ihre Zuneigung zu gewinnen, von dem sie sich in Derbyshire überzeugt hatte, daß er es fühle, konnte bei vernünftiger Erwartung einen solchen Schlag nicht überleben. Sie war gedemütigt, sie war betrübt; sie bereute, obwohl sie kaum wußte was. Sie wurde eifersüchtig auf seine Achtung, da sie nicht mehr hoffen konnte, Nutzen daraus zu ziehen. Sie wünschte von ihm zu hören, wo nur die geringste Aussicht war, Nachricht zu bekommen. Sie war überzeugt, daß sie mit ihm hätte glücklich sein können, als es nicht mehr wahrscheinlich war, daß sie sich treffen würden.

Was für ein Triumph für ihn, dachte sie oft, wenn er wüßte, daß die Anträge, die sie vor kaum vier Monaten stolz zurückgewiesen hatte, jetzt mit Freuden und Dankbarkeit angenommen worden wären! Er war, zweifelte sie nicht, so freigebig wie der Freigebigste seines Geschlechts. Aber solange er sterblich war, mußte es einen Triumph geben.

Sie begann jetzt einzusehen, daß er genau der Mann war, der ihr nach Gemütsart und Talenten am meisten zugesagt hätte. Seine Einsicht und sein Temperament, obwohl anders als die ihrigen, hätten allen ihren Wünschen entsprochen. Es wäre eine Verbindung zum Vorteil für beide gewesen: durch ihre Leichtigkeit und Lebhaftigkeit hätte sein Geist gemildert, sein Benehmen hätte verfeinert werden können; und von seinem Urteil, seinen Kenntnissen und seiner Weltkenntnis hätte sie Vorteile von größerer Bedeutung empfangen müssen.

Aber keine so glückliche Heirat konnte nun der bewundernden Menge zeigen, was eheliche Glückseligkeit eigentlich sei. Ein Bund von anderer Art, der die Möglichkeit des anderen ausschloß, sollte bald in ihrer Familie geschlossen werden.

Wie Wickham und Lydia in erträglicher Selbständigkeit erhalten werden sollten, konnte sie sich nicht vorstellen. Aber wie wenig von bleibendem Glück einem Paare beschieden sein konnte, das nur zusammengeführt worden war, weil seine Leidenschaften stärker waren als seine Tugend, konnte sie leicht erraten.

Mr. Gardiner schrieb bald wieder an seinen Bruder. Auf Mr. Bennets Danksagungen erwiderte er kurz mit Versicherungen seines eifrigen Wunsches, das Wohl irgendeines seiner Familie zu fördern; und schloß mit der Bitte, daß der Gegenstand ihm nie wieder erwähnt werden möchte. Der Hauptinhalt seines Briefes war die Mitteilung, daß Mr. Wickham entschlossen sei, die Miliz zu verlassen.

„Es war sehr mein Wunsch," fügte er hinzu, „daß er dies tun sollte, sobald seine Heirat feststand. Und ich denke, Sie werden mir beipflichten, wenn ich eine Entfernung von jenem Korps für höchst ratsam halte, sowohl seines eigenen als auch meiner Nichte wegen. Mr. Wickham hat die Absicht, in die Linientruppen zu gehen; und unter seinen früheren Freunden sind noch einige, die fähig und willens sind, ihm in der Armee behilflich zu sein. Er hat die Zusage einer Fähnrichsstelle in dem Regiment des Generals ----, das jetzt im Norden liegt. Es ist ein Vorteil, sie so weit von diesem Teil des Königreichs entfernt zu haben. Er verspricht Besserung; und ich hoffe, daß sie unter anderen Leuten, wo jeder einen Ruf zu wahren hat, beide verständiger handeln werden. Ich habe an Oberst Forster geschrieben, um ihn von unseren jetzigen Vereinbarungen zu unterrichten und ihn zu bitten, die verschiedenen Gläubiger des Mr. Wickham in und bei Brighton der baldigen Bezahlung zu versichern, wofür ich mich verbürgt habe. Und wollen Sie sich die Mühe geben, ähnliche Versicherungen an seine Gläubiger in Meryton zu übermitteln, deren Verzeichnis ich nach seiner Angabe beifügen werde? Er hat alle seine Schulden angegeben; ich hoffe wenigstens, er hat uns nicht getäuscht. Haggerston hat unsere Weisungen, und alles wird in einer Woche erledigt sein. Sie werden sich dann zu seinem Regiment begeben, wenn sie nicht vorher nach Longbourn eingeladen werden; und ich verstehe von Mrs. Gardiner, daß meine Niece sehr wünscht, Sie alle zu sehen, bevor sie nach dem Süden abreist. Sie ist wohl und läßt sich ehrerbietig Ihnen und ihrer Mutter empfehlen.--Ihr etc.

„E. GARDINER."

Mr. Bennet und seine Töchter sahen alle Vorteile von Wickhams Entfernung aus der ----Grafschaft so klar wie Mr. Gardiner selbst. Aber Mrs. Bennet war nicht so damit zufrieden. Daß Lydia im Norden ihren Wohnsitz nehmen sollte, gerade wo sie das meiste Vergnügen und den größten Stolz in ihrer Gesellschaft erwartet hatte -- denn sie hatte ihren Plan, daß sie in Hertfordshire wohnen sollten, keineswegs aufgegeben --, war eine schwere Enttäuschung; und überdies war es so schade, daß Lydia von einem Regiment fortgenommen werden sollte, wo sie jedermann kannte und so viele Gönner hatte.

„Sie ist so gut mit Mrs. Forster," sagte sie, „es wird ganz schrecklich sein, sie wegzuschicken! Und es sind auch mehrere von den jungen Männern, die sie sehr gern hat. Die Offiziere in dem Regiment des Generals ---- mögen vielleicht nicht so angenehm sein."

Die Bitte seiner Tochter, die als solche angesehen werden konnte, vor ihrer Abreise nach dem Norden wieder in ihre Familie aufgenommen zu werden, erhielt zuerst eine entschiedene Absage. Aber Jane und Elizabeth, die übereinstimmend wünschten, daß um ihrer Schwester Gefühle und Ansehen willen sie bei ihrer Verheiratung von ihren Eltern beachtet werden möchte, setzten ihm so eindringlich, und doch so vernünftig und so sanft, zu, Lydia und ihren Mann in Longbourn zu empfangen, sobald sie verheiratet wären, daß er bewogen wurde, ebenso zu denken und zu handeln, wie sie wünschten. Und ihre Mutter hatte die Genugtuung zu wissen, daß sie ihre verheiratete Tochter in der Nachbarschaft zeigen könnte, bevor diese nach dem Norden verbannt wurde. Als Mr. Bennet daher wieder an seinen Bruder schrieb, sandte er seine Erlaubnis, daß sie kommen dürften; und es wurde festgesetzt, daß sie, sobald die Trauung vollzogen wäre, sich nach Longbourn begeben sollten. Elizabeth wunderte sich indessen, daß Wickham einem solchen Plane zustimmen sollte; und hätte sie nur ihre eigene Neigung befragt, so wäre jede Begegnung mit ihm der letzte Gegenstand ihrer Wünsche gewesen.

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EINUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL.

Der Hochzeitstag ihrer Schwester kam heran; und Jane und Elizabeth empfanden für sie wahrscheinlich mehr, als sie selbst empfand. Die Kutsche wurde ihnen nach ---- entgegengeschickt, und sie sollten zur Mittagszeit damit zurückkehren. Ihre Ankunft wurde von den älteren Miss Bennets gefürchtet -- und von Jane besonders, die in Lydia die Gefühle empfand, die sie selbst gehabt hätte, wenn sie die Schuldige gewesen wäre, und unglücklich war bei dem Gedanken, was ihre Schwester ausstehen müßte.

Sie kamen. Die Familie war im Frühstückszimmer versammelt, um sie zu empfangen. Mrs. Bennet bedeckte ihr Antlitz mit Lächeln, als die Kutsche vor das Haus fuhr; ihr Mann sah undurchdringlich ernst aus; ihre Töchter waren unruhig, besorgt, verlegen.

Lydias Stimme wurde im Vorhof gehört; die Tür wurde aufgerissen, und sie stürzte ins Zimmer. Ihre Mutter trat vor, umarmte sie und hieß sie mit Entzücken willkommen; reichte mit einem herzlichen Lächeln Wickham die Hand, der seiner Dame folgte; und wünschte ihnen beiden Glück mit einer Munterkeit, die keinen Zweifel an ihrem Glücke aufkommen ließ.

Der Empfang von seiten Mr. Bennets, an den sie sich nun wandten, war nicht ganz so herzlich. Seine Miene gewann eher an Strenge; und er öffnete kaum den Mund. Die ungenierte Sicherheit des jungen Paares war in der Tat geeignet, ihn zu reizen.

Elizabeth war empört, und selbst Miss Bennet war empfindlich getroffen. Lydia war noch immer die alte Lydia: ungebärdig, ungeniert, wild, lärmend, furchtlos. Sie wandte sich von einer Schwester zur anderen und verlangte ihre Glückwünsche; und als sie sich endlich alle gesetzt hatten, blickte sie eifrig im Zimmer umher, bemerkte einige kleine Veränderungen darin und rief lachend aus, es sei eine gar lange Zeit, daß sie nicht hier gewesen sei.

Wickham war durchaus nicht mehr verlegen als sie selbst; aber seine Manieren waren stets so einnehmend, daß, wenn sein Charakter und seine Heirat genau das gewesen wären, was sie sein sollten, seine lächelnde Miene und sein leichtes Benehmen, während er ihre Verwandtschaft beanspruchte, ihnen allen Vergnügen gemacht haben würden. Elizabeth hatte vorher nicht geglaubt, daß er einer solchen Frechheit fähig sei; aber sie setzte sich hin und nahm sich vor, in Zukunft der Unverschämtheit eines unverschämten Mannes keine Grenzen mehr zu setzen. Sie errötete, und Jane errötete; aber die Wangen der beiden, die ihre Verlegenheit verursachten, änderten ihre Farbe nicht.

Es fehlte nicht an Gesprächsstoff. Die Braut und ihre Mutter konnten keine von beiden schnell genug reden; und Wickham, der zufällig neben Elizabeth saß, begann nach seinen Bekannten in der Nachbarschaft zu fragen, mit einer gutgelaunten Ungezwungenheit, der sie in ihren Antworten sich durchaus nicht gewachsen fühlte. Jeder von beiden schien die glücklichsten Erinnerungen der Welt zu haben. Nichts aus der Vergangenheit wurde schmerzlich ins Gedächtnis zurückgerufen; und Lydia lenkte freiwillig auf Gegenstände über, die ihre Schwestern um alles in der Welt nicht berührt hätten.

„Denkt nur," rief sie, „es sind jetzt drei Monate, seit ich fortging: es kommt mir vor wie vierzehn Tage, beim Himmel; und doch ist in der Zeit genug vorgefallen. Du meine Güte! als ich fortging, hatte ich sicher keine Idee, daß ich heiraten würde, bis ich wiederkäme! obwohl ich dachte, es würde ein großer Spaß sein, wenn ich es täte."

Ihr Vater hob die Augen auf, Jane war betrübt, Elizabeth blickte bedeutungsvoll auf Lydia; doch diese, die nie etwas hörte noch sah, wovon sie nicht durchaus unempfindlich sein wollte, fuhr munter fort:—

„O Mama, wissen die Leute hier in der Gegend, daß ich heute geheiratet habe? Ich fürchtete, sie möchten es nicht wissen; und wir holten William Goulding in seinem Kabriolett ein, da war ich entschlossen, daß er es erfahren sollte, und so ließ ich das Seitenglas neben ihm nieder, zog den Handschuh aus und ließ meine Hand nur auf dem Fensterrahmen ruhen, so daß er den Ring sehen konnte, und dann nickte ich und lächelte, ganz wie etwas."

Elizabeth konnte es nicht länger ertragen. Sie stand auf und lief aus dem Zimmer; und kam nicht wieder, bis sie hörte, daß sie durch die Halle nach dem Eßzimmer gingen. Sie schloß sich dann bald genug an, um Lydia mit ängstlichem Gepränge an die rechte Hand ihrer Mutter treten und zu ihrer ältesten Schwester sagen zu sehen:—

„Ach, Jane, ich nehme jetzt deinen Platz ein, und du mußt weiter hinunter, weil ich eine verheiratete Frau bin."

Man konnte nicht erwarten, daß die Zeit Lydia jene Verlegenheit geben würde, deren sie beim ersten so völlig bar gewesen war. Ihre Unbefangenheit und gute Laune nahmen zu. Sie sehnte sich, Mrs. Philips, die Lucases und alle ihre übrigen Nachbarn zu sehen und sich von jeder „Mrs. Wickham" nennen zu hören; und inzwischen ging sie nach dem Essen hin, um Mrs. Hill und den beiden Hausmädchen ihren Ring zu zeigen und sich ihrer Heirat zu rühmen.

„Nun, Mama," sagte sie, als sie alle wieder in das Frühstückszimmer zurückgekehrt waren, „und was denkst du von meinem Manne? Ist er nicht ein reizender Mann? Ich bin sicher, meine Schwestern müssen mich alle beneiden. Ich wünsche nur, sie möchten die Hälfte meines Glückes haben. Sie müssen alle nach Brighton gehen. Das ist der Ort, um Männer zu bekommen. Was für ein Jammer ist es, Mama, daß wir nicht alle gingen!"

„Sehr wahr; und wenn es nach mir ginge, sollten wir. Aber, meine liebe Lydia, ich mag durchaus nicht, daß du so weit weggehst. Muß es denn sein?"

„O, du lieber Himmel, ja; das macht gar nichts. Es wird mir über alles gefallen. Du und Papa und meine Schwestern müßt herunterkommen und uns besuchen. Wir werden den ganzen Winter in Newcastle sein, und ich wette, es werden einige Bälle sein, und ich will dafür sorgen, daß sie alle gute Tänzer bekommen."

„Es sollte mir über alles gefallen!" sagte ihre Mutter.

„Und wenn ihr dann weggeht, könnt ihr eine oder zwei meiner Schwestern bei mir lassen; und ich wette, ich werde für sie Männer bekommen, ehe der Winter um ist."

„Ich danke dir für meinen Anteil an der Gunst," sagte Elizabeth; „aber ich mag deine Art, Männer zu bekommen, gerade nicht sonderlich."

Ihre Gäste sollten nicht länger als zehn Tage bei ihnen bleiben. Mr. Wickham hatte seine Bestallung erhalten, ehe er London verließ, und sollte sich am Ende einer zweiten Woche bei seinem Regimente einfinden.

Niemand als Mrs. Bennet bedauerte, daß ihr Aufenthalt so kurz sein würde; und sie nutzte die Zeit aufs beste, indem sie mit ihrer Tochter überall Besuche machte und zu Hause sehr häufig Gesellschaften gab. Diese Gesellschaften waren allen angenehm; einem häuslichen Kreise zu entgehen war selbst denen, die wirklich dachten, noch erwünschter als denen, die nicht dachten.

Wickhams Zärtlichkeit für Lydia war gerade das, was Elizabeth erwartet hatte zu finden: nicht so groß wie Lydias für ihn. Sie hatte kaum ihrer gegenwärtigen Beobachtung bedurft, um aus der Natur der Dinge zu der Überzeugung zu gelangen, daß ihre Entführung mehr durch die Stärke ihrer Liebe als durch die seinige veranlaßt worden war; und sie würde sich gewundert haben, warum er, ohne heftig für sie zu empfinden, sich überhaupt entschloß, mit ihr zu entfliehen, hätte sie nicht mit Gewißheit gefühlt, daß seine Flucht durch mißliche Umstände notwendig gemacht wurde; und wenn das der Fall war, so war er nicht der junge Mann, der einer Gelegenheit, sich einen Gefährten zu verschaffen, widerstehen würde.

Lydia war über die Maßen in ihn verliebt. Er war ihr lieber Wickham bei jeder Gelegenheit; niemand durfte mit ihm verglichen werden. Er tat alles auf der Welt am besten; und sie war sicher, er würde am ersten September mehr Vögel schießen als irgend jemand sonst im Lande.

Eines Morgens, bald nach ihrer Ankunft, als sie mit ihren beiden älteren Schwestern zusammen saß, sagte sie zu Elizabeth:—

„Lizzy, ich habe dir, glaube ich, nie einen Bericht von meiner Hochrück gegeben. Du warst nicht dabei, als ich Mama und den übrigen alles erzählte. Bist du nicht neugierig zu hören, wie es dabei zuging?"

„Nein, wahrhaftig," erwiderte Elizabeth; „ich meine, es kann nicht zu wenig darüber gesagt werden."

„Ei! Du bist so wunderlich! Aber ich muß dir erzählen, wie es ablief. Wir wurden getraut, weißt du, in der St. Clement-Kirche, weil Wickhams Logis in dem Kirchspiel lag. Und es war so ausgemacht, daß wir alle um elf Uhr dort sein sollten. Mein Onkel und meine Tante und ich sollten zusammen hinfahren; die anderen wollten uns in der Kirche treffen.

„Nun, am Montag Morgen kam es heran, und ich war in solcher Angst! Ich fürchtete so, weißt du, es könnte etwas dazwischenkommen, um es zu verschieben, und ich wäre ganz rasend geworden. Und da war meine Tante, die ganze Zeit, daß ich mich ankleidete, und predigte und schwatze einfach fort, gerade als ob sie eine Predigt läse. Doch ich hörte kaum jedes zehnte Wort, denn ich dachte, wie du dir denken kannst, an meinen lieben Wickham. Ich sehnte mich zu wissen, ob er in seinem blauen Rock getraut werden würde.

„Nun, und so frühstückten wir um zehn wie gewöhnlich: ich dachte, es würde nie zu Ende gehen; denn, beiläufig bemerkt, du mußt verstehen, mein Onkel und meine Tante waren abscheulich unangenehm die ganze Zeit, daß ich bei ihnen war. Wenn du es mir glauben willst, ich setzte nicht einen Fuß vor die Tür, obgleich ich vierzehn Tage dort war. Nicht eine Gesellschaft, kein Stelldichein, nichts! Allerdings, London war ziemlich leer, aber doch, das Kleine Theater war offen.

„Nun, und so, gerade als der Wagen vor die Tür kam, wurde mein Onkel in Geschäften zu jenem abscheulichen Manne, Mr. Stone, abgerufen. Und dann, weißt du, wenn sie einmal beisammen sind, so ist es kein Ende. Nun, ich erschrak so, daß ich nicht wußte, was ich tun sollte, denn mein Onkel sollte mich weggeben; und wenn wir über die Stunde kamen, so konnten wir den ganzen Tag nicht getraut werden. Aber zum Glück kam er in zehn Minuten wieder, und dann fuhren wir alle ab. Jedoch besann ich mich hinterher, daß, wenn er am Fortgehen verhindert worden wäre, die Hochrück nicht hätte verschoben werden müssen, denn Mr. Darcy hätte ebensogut einspringen können."

„Mr. Darcy!" wiederholte Elizabeth in sprachlosem Erstaunen.

„O ja! er sollte mit Wickham dorthin kommen, weißt du. Aber, du mein Gott! ich habe es ganz vergessen! Ich hätte kein Wort davon sagen sollen. Ich hatte es ihnen so treulich versprochen! Was wird Wickham sagen? Es sollte ein so großes Geheimnis sein!"

„Wenn es ein Geheimnis sein sollte," sagte Jane, „so sag kein weiteres Wort darüber. Du kannst dich darauf verlassen, daß ich nicht weiter nachfrage."

„O freilich," sagte Elizabeth, obwohl sie vor Neugier brannte; „wir werden dich keine Fragen darüber fragen."

„Danke," sagte Lydia; „denn wenn ihr es tätest, so würde ich euch gewiß alles erzählen, und dann würde Wickham so zornig werden."

Bei einer solchen Aufforderung zum Fragen war Elizabeth genötigt, es sich unmöglich zu machen, indem sie fortlief.

Aber in Unwissenheit über einen solchen Punkt zu leben war unmöglich; oder wenigstens war es unmöglich, nicht nach Aufschluß zu trachten. Mr. Darcy war bei der Hochrück ihrer Schwester gewesen. Es war ebenfalls eine Szene und genau unter Leuten, wo er offenbar am wenigsten zu tun und am wenigsten Verlockung zum Gehen hatte. Vermutungen über die Bedeutung davon, rasche und wilde, schossen ihr durch den Kopf; aber keine befriedigte sie. Diejenigen, die ihr am meisten zusagten, indem sie sein Betragen in das edelste Licht stellten, schienen ihr am unwahrscheinlichsten. Sie konnte eine solche Ungewißheit nicht ertragen; und schnell ein Blatt Papier ergreifend, schrieb sie einen kurzen Brief an ihre Tante, um eine Erklärung über das zu erbitten, was Lydia hatte fallen lassen, wenn es mit der Verschwiegenheit, die beabsichtigt worden war, vereinbar sei.

„Du kannst," fügte sie hinzu, „leicht begreifen, wie groß meine Neugier sein muß, zu erfahren, wie eine mit keinem von uns in Verbindung stehende und, vergleichsweise zu reden, unserer Familie fremde Person in einem solchen Augenblick unter euch gewesen ist. Bitte, schreibe sogleich und laß mich es verstehen — wenn es nicht aus sehr triftigen Gründen in der Verschwiegenheit verharren muß, welche Lydia für nötig zu halten scheint; und dann muß ich mich bemühen, mit Unwissenheit zufrieden zu sein."

„Nicht daß ich es sein werde, übrigens," setzte sie für sich hinzu, als sie den Brief beendigte; „und, meine liebe Tante, wenn du es mir nicht auf ehrenhafte Weise sagst, so werde ich gewiß auf Kunstgriffe und Listen reduziert sein, um es herauszubringen.

Janes zartes Ehrgefühl erlaubte ihr nicht, mit Elizabeth insgeheim über das zu sprechen, was Lydia hatte fallen lassen; Elizabeth war dessen froh: — bis es sich zeigte, ob ihre Nachforschungen irgend welche Befriedigung erhalten würden, wollte sie lieber ohne Vertraute sein.

FÜNFZIGSTES KAPITEL.

Elizabeth hatte die Befriedigung, eine Antwort auf ihren Brief zu erhalten, sobald sie es nur irgend haben konnte. Kaum war sie im Besitz derselben, als sie in das kleine Gehölz eilte, wo sie am wenigsten gestört zu werden hoffen durfte, sich auf eine der Bänke setzte und sich anschickte, glücklich zu sein; denn die Länge des Briefes überzeugte sie, daß er keine Verweigerung enthielt.

/* RECHTS „Gracechurch Street, 6. September.

„Meine liebe Nichte,

„ich empfing soeben deinen Brief und werde diesen ganzen Morgen der Beantwortung desselben widmen, da ich voraussehe, daß ein kleines Schreiben nicht umfassen wird, was ich dir mitzuteilen habe. Ich muß dir bekennen, daß ich über dein Ansuchen erstaunt bin; ich erwartete es nicht von dir. Halte mich nicht für böse, jedoch, denn ich will dich nur wissen lassen, daß ich solche Nachfragen von deiner Seite nicht für nötig gehalten hatte. Wenn du mich nicht verstehen willst, so vergib meine Unbescheidenheit. Dein Onkel ist ebensosehr erstaunt wie ich; und nichts als der Glaube, daß du selbst dabei beteiligt seist, hätte ihn vermocht, so zu handeln, wie er getan hat. Bist du aber wirklich unschuldig und unwissend, so muß ich deutlicher sein. An demselben Tage meiner Heimkunft von Longbourn empfing dein Onkel einen ganz unerwarteten Besuch. Mr. Darcy meldete sich und war mehrere Stunden lang mit ihm eingeschlossen. Es war alles vorüber, ehe ich ankam; so wurde meine Neugier nicht so entsetzlich auf die Folter gespannt, wie die deinige es gewesen zu sein scheint. Er kam, um Mr. Gardiner zu sagen, daß er ausfindig gemacht habe, wo deine Schwester und Mr. Wickham wären, und daß er beide gesehen und mit beiden gesprochen habe — mit Wickham wiederholt, mit Lydia einmal. Aus dem, was ich zusammenbringen kann, verließ er Derbyshire nur einen Tag nach uns und kam in die Stadt mit dem Entschlusse, ihnen nachzuspüren. Das angegebene Motiv war seine Überzeugung, daß es ihm selbst zuzuschreiben sei, wenn Wickhams Wertlosigkeit nicht so gut bekannt gewesen wäre, um es einer jungen Frau von Charakter unmöglich zu machen, ihn zu lieben oder ihm zu vertrauen. Er schrieb das Ganze großmütig seinem irrigen Stolze zu und gestand, daß er es vordem unter seiner Würde gehalten habe, seine Privatverhältnisse vor der Welt bloßzulegen. Sein Charakter sollte für sich selbst sprechen. Daher, sagte er, sei es seine Pflicht, vorzutreten und ein Übel zu heben zu suchen, welches er selbst verschuldet habe. Hatte er noch ein anderes Motiv, so bin ich sicher, es könnte ihn nie beschimpfen. Er war einige Tage in der Stadt, ehe er sie ausfindig machen konnte; aber er hatte etwas, was seine Nachforschungen leiten konnte, was mehr war, als wir hatten; und das Bewußtsein davon war ein weiterer Grund für seinen Entschluß, uns zu folgen. Es gibt, wie es scheint, eine Dame, eine Mrs. Younge, die vor einiger Zeit Gouvernante bei Miss Darcy gewesen und aus ihrer Stelle aus irgend einer Ursache des Mißfallens entlassen worden war, obgleich er nicht sagte, welcher. Sie mietete hierauf ein großes Haus in der Edward Street und hat sich seitdem durch Vermieten von Logis unterhalten. Diese Mrs. Younge kannte er, wie er wußte, genau, und er begab sich zu ihr, um von ihr Nachrichten über ihn einzuziehen, sobald er in die Stadt kam. Aber es dauerte zwei bis drei Tage, ehe er von ihr erhalten konnte, was er wünschte. Sie wollte ihr Vertrauen nicht verraten, denke ich, ohne Bestechung und Verführung, denn sie wußte wirklich, wo ihr Freund zu finden war. Wickham hatte sich allerdings gleich nach ihrer ersten Ankunft in London zu ihr begeben; und hätte sie sie in ihrem Hause aufnehmen können, so würden sie ihre Wohnung bei ihr genommen haben. Endlich jedoch brachte unser gütiger Freund die erwünschte Auskunft zuwege. Sie waren in ---- Street. Er sah Wickham und bestand hierauf darauf, Lydia zu sehen. Sein erster Zweck bei ihr, gestand er, war gewesen, sie zu bereden, ihre gegenwärtige schändliche Lage aufzugeben und zu ihren Freunden zurückzukehren, sobald man sie nur bewegen könnte, sie aufzunehmen, indem er seine Beihilfe anbot, soweit es gehen wollte. Aber er fand Lydia durchaus entschlossen, da zu bleiben, wo sie war. Sie kümmerte sich um keinen ihrer Freunde; sie wollte seine Hülfe nicht; sie wollte von einem Verlassen Wickhams nichts hören. Sie war sicher, sie würden früher oder später doch getraut werden, und es machte nicht viel aus, wann. Da dies ihre Gesinnungen waren, so blieb, dachte er, nur übrig, eine Heirat zu sichern und zu beschleunigen, die, wie er bei seinem allerersten Gespräch mit Wickham leicht erfuhr, nie in dessen Absicht gelegen hatte. Dieser bekannte, sich bei seinem Regimente melden zu müssen wegen einiger Ehrenpflichten, die sehr dringend seien, und scheute sich nicht, alle üblen Folgen von Lydias Entführung allein auf ihre eigene Torheit zu schieben. Er gedachte seine Bestallung sofort niederzulegen; und was seine künftige Lage betreffe, so könne er sich darüber nur sehr wenig Vermutungen hingeben. Er müsse irgendwohin gehen, aber er wisse nicht, wohin, und er wisse, daß er nichts zu leben haben werde. Mr. Darcy fragte ihn, warum er deine Schwester nicht sogleich heirate. Obgleich Mr. Bennet nicht für sehr reich gehalten werde, so würde er doch etwas für ihn tun können, und seine Lage müsse durch die Heirat verbessert werden. Aber er erfuhr zur Antwort auf diese Frage, daß Wickham noch immer die Hoffnung hege, sein Glück auf wirksamere Weise durch eine Heirat in irgendeinem anderen Lande zu machen. Unter solchen Umständen jedoch war er wahrscheinlich nicht unempfänglich für die Versuchung einer augenblicklichen Hülfe. Sie trafen mehrere Male zusammen, denn vieles war zu besprechen. Wickham wollte natürlich mehr, als er erlangen konnte; aber endlich wurde er zur Vernunft gebracht. Nachdem alles unter ihnen geordnet war, war Mr. Darcys nächster Schritt, deinen Onkel damit bekannt zu machen, und er kam zuerst am Abend vor meiner Heimkunft nach Gracechurch Street. Aber Mr. Gardiner war nicht zu sprechen; und Mr. Darcy erfuhr bei weiterer Nachfrage, daß dein Vater noch bei ihm sei, aber am nächsten Morgen die Stadt verlassen werde. Er hielt deinen Vater nicht für eine Person, die er so schicklich um Rat fragen könne wie deinen Onkel, und schob daher das Zusammentreffen mit ihm leicht bis nach der Abreise des ersteren auf. Er hinterließ seinen Namen nicht, und bis zum nächsten Tage wußte man nur, daß ein Herr in Geschäften dagewesen sei. Am Sonnabend kam er wieder. Dein Vater war fort, dein Onkel zu Hause, und sie hatten, wie ich vorhin sagte, ein langes Gespräch miteinander. Sie trafen am Sonntag wieder zusammen, und da sah ich ihn auch. Es war nicht alles vor Montag geordnet: sowie es geordnet war, wurde der Eilbote nach Longbourn abgefertigt. Aber unser Besucher war sehr eigensinnig. Ich denke, Lizzy, daß Eigensinn nach allem der wirkliche Fehler seines Charakters ist. Man hat ihn zu verschiedenen Zeiten vieler Fehler beschuldigt; aber das ist der wahre. Nichts sollte getan werden, was er nicht selbst täte; obgleich ich sicher bin (und ich sage es nicht, um gedankt zu werden, also schweige davon), daß dein Onkel überaus bereit gewesen wäre, das Ganze zu ordnen. Sie kämpften lange darüber miteinander, was mehr war, als sowohl der Herr als die Dame, die dabei beteiligt waren, verdienten. Aber zuletzt mußte dein Onkel nachgeben, und statt daß ihm gestattet wurde, seiner Nichte nützlich zu sein, mußte er sich bloß mit dem wahrscheinlichen Verdienste dabei begnügen, was ihm schwer gegen den Strich ging; und ich glaube wirklich, daß dein Brief heute morgen ihm große Freude gemacht hat, weil er eine Erklärung nötig machte, die ihn seiner geborgten Federn berauben und das Lob dem zuerkennen würde, dem es gebührte. Aber, Lizzy, das darf nicht weiter gehen als bis zu dir oder höchstens Jane. Du weißt wohl, wie ich vermute, was für die jungen Leute getan worden ist. Seine Schulden sollen bezahlt werden, die sich, wie ich glaube, auf beträchtlich mehr als tausend Pfund belaufen, noch tausend Pfund außerdem auf ihre eigene Rechnung ausgesetzt werden, und seine Bestallung soll gekauft werden. Der Grund, warum dies alles von ihm allein getan werden sollte, war ein solcher, wie ich oben angegeben habe. Es war ihm, seiner Verschlossenheit und dem Mangel an gehöriger Rücksicht zuzuschreiben, daß Wickhams Charakter so mißverstanden und daß er demgemäß aufgenommen und beachtet worden war, wie er aufgenommen und beachtet worden war. Vielleicht war etwas Wahres daran; obgleich ich bezweifle, ob seine oder jemandes Verschlossenheit für den Ausgang verantwortlich gemacht werden kann. Aber trotz aller dieser schönen Reden, meine liebe Lizzy, kannst du dich vollkommen darauf verlassen, daß dein Onkel nie nachgegeben haben würde, hätten wir ihm nicht ein anderes Interesse an der Sache zugetraut. Als dies alles beschlossen war, kehrte er wieder zu seinen Freunden zurück, die noch in Pemberley waren; aber es wurde verabredet, daß er nochmals in London sein sollte, wenn die Hochrück stattfand, und alle Geldangelegenheiten sollten dann ihren letzten Schliff erhalten. Ich glaube, ich habe dir nun alles erzählt. Es ist ein Bericht, von dem du mir sagst, daß er dir großes Erstaunen verursachen wird; ich hoffe wenigstens, er wird dir kein Mißfallen erregen. Lydia kam zu uns, und Wickham hatte beständig Zutritt in das Haus. Er war genau das, was er gewesen war, als ich ihn in Hertfordshire kannte; aber ich würde dir nicht sagen wollen, wie wenig ich mit ihrem Betragen zufrieden war, als sie bei uns war, wenn ich nicht aus Janes Brief am letzten Mittwoch ersehen hätte, daß ihr Verfahren bei der Heimkehr genau mit dem im Einklang steht, und daß daher, was ich dir jetzt erzähle, dir keinen neuen Schmerz verursachen kann. Ich sprach wiederholt auf die ernsteste Weise mit ihr, stellte ihr das Böse ihrer Handlungsweise und alles Unglück vor, das sie über ihre Familie gebracht hatte. Wenn sie mich hörte, so war es glücklicher Zufall, denn ich bin sicher, sie hörte nicht zu. Ich war manchmal ganz aufgebracht; aber dann besann ich mich wieder auf meine liebe Elizabeth und Jane und hatte um ihretwillen Geduld mit ihr. Mr. Darcy kam pünktlich zurück und, wie wie Lydia dir sagte, wohnte der Hochrück bei. Er speiste am folgenden Tage bei uns und gedachte die Stadt am Mittwoch oder Donnerstag wieder zu verlassen. Wirst du sehr böse mit mir sein, meine liebe Lizzy, wenn ich diese Gelegenheit ergreife, zu sagen (was ich nie den Mut hatte, vorher zu sagen), wie lieb er mir ist? Sein Betragen gegen uns ist in jeder Hinsicht so angenehm gewesen wie damals, als wir in Derbyshire waren. Sein Verstand und seine Ansichten gefallen mir alle; ihm fehlt nur ein wenig mehr Lebhaftigkeit, und die, wenn er klug heiratet, kann ihm seine Frau lehren. Ich fand ihn sehr verschmitzt; er erwähnte deinen Namens fast nie. Aber Verschmitztheit scheint die Mode. Bitte, vergib mir, wenn ich sehr vermessen gewesen bin, oder bestrafe mich wenigstens nicht so weit, mich von P. auszuschließen. Ich werde nie ganz glücklich sein, bis ich den ganzen Park umfahren habe. Ein niedriges Phaeton mit einem netten kleinen Pony-Pärchen wäre gerade das Rechte. Aber ich darf nicht mehr schreiben. Die Kinder verlangen seit einer halben Stunde nach mir.

„Deine, aufrichtigst ergebene

„M. GARDINER."

Der Inhalt dieses Briefes versetzte Elizabeth in eine solche Unruhe der Gefühle, daß es schwer zu entscheiden war, ob Freude oder Schmerz den größeren Anteil daran hatten. Die vagen und unbestimmten Befürchtungen, welche die Ungewißheit in ihr erzeugt hatte — was Mr. Darcy wohl zur Förderung der Verbindung ihrer Schwester getan haben möchte, Befürchtungen, die zu ermuteln sie gefürchtet hatte, da eine solche Güte zu groß gewesen wäre, um wahrscheinlich zu sein, und die sie zugleich als berechtigt zu fürchten schien, wegen des Schmerzes der Verpflichtung —, erwiesen sich über ihr größtes Maß hinaus als wahr! Er war ihnen eigens nach London gefolgt, er hatte alle Mühe und Kränkung auf sich genommen, welche eine solche Nachforschung mit sich brachte; wobei er bei einer Frau, die er verabscheuen und verachten mußte, um Gnade bitten mußte, und sich dazu bequemte, den Mann, dem er am liebsten aus dem Weg ging und dessen Namen auszusprechen ihm schon Strafe war, immer wieder zu treffen, mit ihm zu vernünftigen, ihn zu überreden und ihn schließlich zu bestechen. Er hatte dies alles getan für ein Mädchen, das er weder achten noch schätzen konnte. Ihr Herz flüsterte ihr zwar zu, daß er es um ihretwillen getan habe. Doch wurde diese Hoffnung bald durch andere Überlegungen gedämpft; und sie fühlte bald, daß selbst ihre Eitelkeit nicht hinreiche, um, wenn es auf seine Zuneigung zu ihr ankam, bei einer Frau, die ihn bereits abgewiesen hatte, das Gefühl zu überwinden, das so natürlich war wie der Abscheu vor einer Verschwägerung mit Wickham. Wickhams Schwager! Jeder Stolz müßte sich vor einer solchen Verbindung empören. Er hatte allerdings viel getan. Es beschämte sie, wenn sie bedachte, wieviel. Aber er hatte einen Grund für sein Eingreifen angegeben, der keine außerordentliche Glaubenskraft erforderte. Es war verständlich, daß er das Gefühl haben konnte, im Unrecht gewesen zu sein; er besaß Großzügigkeit und die Mittel, sie zu betätigen; und wenn sie sich auch nicht als seinen hauptsächlichen Beweggrund hinstellen wollte, so konnte sie vielleicht glauben, daß eine verbliebene Vorliebe für sie sein Bemühen in einer Sache unterstützen mochte, bei der ihr Seelenfrieden wesentlich auf dem Spiele stand. Es war schmerzhaft, überaus schmerzhaft, zu wissen, daß sie einem Menschen verpflichtet waren, dem man nie etwas zurückgeben konnte. Die Wiederherstellung Lydias, ihren Ruf, alles verdankten sie ihm. O, wie sehr bereute sie jede unfreundliche Regung, die sie je gehegt, jede kecke Rede, die sie je gegen ihn gerichtet hatte! Ihr selbst gegenüber war sie gedemütigt; aber sie war stolz auf ihn — stolz, daß er in einer Sache des Mitleids und der Ehre seiner selbst Herr hatte werden können. Sie las ihrer Tante Lobpreisung seiner immer wieder. Es war kaum genug; aber es freute sie. Sie empfand sogar einige Genugtuung, wenn auch mit Bedauern gemischt, als sie erkannte, wie standhaft sowohl sie selbst als auch ihr Onkel davon überzeugt gewesen waren, daß zwischen Mr. Darcy und ihr Zuneigung und Vertrauen bestünden.

Sie wurde von ihrem Sitz und ihren Gedanken aufgeschreckt, als sich jemand näherte; und ehe sie auf einen anderen Weg einbiegen konnte, wurde sie von Wickham eingeholt.

„Ich fürchte, ich störe deinen einsamen Spaziergang, meine liebe Schwester?“ sagte er, indem er zu ihr trat.

„Das tust du allerdings“, erwiderte sie mit einem Lächeln; „aber daraus folgt nicht, daß die Störung unwillkommen sein muß.“

„Es täte mir leid, wenn sie es wäre. Wir waren immer gute Freunde, und jetzt sind wir es in noch höherem Maße.“

„Das ist wahr. Kommen die anderen auch heraus?“

„Ich weiß nicht. Mrs. Bennet und Lydia fahren in der Kutsche nach Meryton. Und so, meine liebe Schwester, erfahre ich denn von unserem Onkel und unserer Tante, daß du tatsächlich Pemberley gesehen hast.“

Sie bejahte es.

„Ich beneide dich fast um das Vergnügen, und doch glaube ich, es wäre zuviel für mich, sonst könnte ich es auf meinem Weg nach Newcastle mitnehmen. Und du hast die alte Haushälterin getroffen, nehme ich an? Die arme Reynolds, sie hatte mich immer sehr gern. Aber natürlich hat sie meinen Namen dir gegenüber nicht erwähnt?“

„Doch, das hat sie.“

„Und was sagte sie?“

„Daß du zur Armee gegangen seist und sie befürchte, du hättest — dich nicht gut gemacht. Bei einer solchen Entfernung, weißt du, werden die Dinge seltsam entstellt.“

„Gewiß“, erwiderte er, sich auf die Lippen beißend. Elizabeth hoffte, sie habe ihn zum Schweigen gebracht; doch sagte er kurz darauf:

„Ich war überrascht, Darcy letzten Monat in der Stadt zu sehen. Wir sind uns mehrere Male begegnet. Ich wundere mich, was er dort wohl zu schaffen hat.“

„Vielleicht bereitet er seine Heirat mit Miss de Bourgh vor“, sagte Elizabeth. „Es muß etwas Besonderes sein, das ihn um diese Jahreszeit dorthin führt.“

„Ohne Zweifel. Hast du ihn gesehen, als du in Lambton warst? Ich glaubte, aus den Gardiners zu verstehen, daß du ihn gesehen habest.“

„Ja; er stellte uns seiner Schwester vor.“

„Und gefällt sie dir?“

„Sehr gut sogar.“

„Ich habe allerdings gehört, daß sie sich in dem letzten Jahr oder zwei ungewöhnlich verändert hat. Als ich sie zuletzt sah, war sie nicht sehr vielversprechend. Es freut mich sehr, daß sie dir gefällt. Ich hoffe, sie wird sich gut machen.“

„Ich wage es zu behaupten; sie hat das schwierigste Alter überstanden.“

„Kamst du durch das Dorf Kympton?“

„Ich erinnere mich nicht, daß wir es passierten.“

„Ich erwähne es, weil es die Pfründe ist, die ich hätte bekommen sollen. Ein überaus reizender Ort! Ein vortreffliches Pfarrhaus! Es hätte mir in jeder Hinsicht zugesagt.“

„Wie hätte dir das Predigen gefallen?“

„Überaus gut. Ich hätte es als Teil meiner Pflicht betrachtet, und die Anstrengung wäre bald selbstverständlich gewesen. Man soll nicht murren; aber, freilich, es wäre ein solches Glück für mich gewesen! Die Ruhe, die Zurückgezogenheit eines solchen Lebens hätte allen meinen Vorstellungen von Glück entsprochen! Aber es sollte nicht sein. Hast du je Darcy die Sache erwähnen hören, als du in Kent warst?“

„Ich habe aus einer Quelle, die mir ebenso glaubwürdig schien, gehört, daß sie dir nur bedingt und nach dem Willen des jetzigen Patrons zugesprochen war.“

„So! Ja, es war etwas dabei; ich habe es dir von Anfang an gesagt, du erinnerst dich vielleicht.“

„Ich habe auch gehört, daß es eine Zeit gab, da dir das Predigen nicht so bekömmlich war, wie es dir jetzt scheint; daß du tatsächlich den Enthusißtentschluß erklärt hast, niemals die Weihen zu nehmen, und daß die Angelegenheit dementsprechend beigelegt wurde.“

„Das hast du! Und es war nicht ganz ohne Grund. Du erinnerst dich vielleicht, was ich dir darüber sagte, als wir zum ersten Mal davon sprachen.“

Sie waren nun fast an der Haustür angelangt, denn sie war rasch gegangen, um ihn loszuwerden; und da sie um ihrer Schwester willen keinen Streit mit ihm vom Zaun brechen wollte, sagte sie nur mit heiterem Lächeln zur Antwort:

„Komm, Mr. Wickham, wir sind Bruder und Schwester, wie du weißt. Laß uns nicht über die Vergangenheit streiten. In Zukunft, hoffe ich, werden wir immer eines Sinnes sein.“

Sie reichte ihm die Hand; er küßte sie mit zärtlicher Ritterlichkeit, obwohl er kaum wußte, wohin er blicken sollte, und so traten sie ins Haus.

DREIUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL.

Mr. Wickham war mit diesem Gespräch so vollauf zufrieden, daß er sich nie wieder quälte und seine teure Schwester Elizabeth nie wieder durch ein erneutes Ansprechen dieses Themas reizte; und sie war froh, daß sie genug gesagt hatte, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Der Tag seiner und Lydias Abreise kam bald; und Mrs. Bennet mußte sich in eine Trennung fügen, die, da ihr Gatte sich keineswegs in ihren Plan fügte, alle miteinander nach Newcastle zu gehen, voraussichtlich mindestens ein Jahr dauern würde.

„Ach, meine liebe Lydia“, rief sie, „wann sehen wir uns wieder?“

„Ach, du meine Güte! Ich weiß nicht. Vielleicht in zwei oder drei Jahren nicht.“

„Schreib mir recht oft, meine Liebe.“

„So oft ich kann. Aber du weißt, verheiratete Frauen haben nie viel Zeit zum Schreiben. Meine Schwestern können mir schreiben. Die haben sonst nichts zu tun.“——

Mr. Wickhams Abschied war viel herzlicher als der seiner Frau. Er lächelte, sah stattlich aus und sagte viele schöne Dinge.

„Er ist ein so prächtiger Bursche“, sagte Mr. Bennet, sobald sie aus dem Hause waren, „wie ich je einen gesehen habe. Er grimassiert und schmunzelt und macht uns allen den Hof. Ich bin über die Maßen stolz auf ihn. Ich fordere selbst Sir William Lucas heraus, einen besseren Schwiegersohn hervorzubringen.“——

Der Verlust ihrer Tochter machte Mrs. Bennet für mehrere Tage sehr still.

„Ich denke oft“, sagte sie, „daß es nichts Schlimmeres gibt, als sich von seinen Freunden zu trennen. Man kommt sich so verlassen vor ohne sie.“——

„Das, sehen Sie, Madam, ist die Folge davon, daß man eine Tochter verheiratet“, sagte Elizabeth. „Es muß Sie zufriedener machen, daß Ihre anderen vier noch ledig sind.“——

„Das ist es keineswegs. Lydia verläßt mich nicht, weil sie verheiratet ist; sondern nur, weil das Regiment ihres Mannes zufällig so weit weg ist. Wäre es näher, wäre sie nicht so bald gegangen.“——

Doch die kraftlose Niedergeschlagenheit, in die sie dieses Ereignis gestürzt hatte, wurde bald gelindert, und ihr Sinn öffnete sich wieder der Erregung der Hoffnung durch eine Neuigkeit, die damals zu kursieren begann. Die Haushälterin von Netherfield hatte Befehl erhalten, für die Ankunft ihres Herrn alles vorzubereiten, der in einem oder zwei Tagen kommen werde, um dort mehrere Wochen zur Jagd zu gehen. Mrs. Bennet war ganz und gar in Aufregung. Sie blickte Jane an, lächelte und schüttelte den Kopf, abwechselnd.

„Nun, nun, und so kommt Mr. Bingley also herunter, Schwester“, (denn Mrs. Philips hatte ihr zuerst die Neuigkeit gebracht). „Nun, desto besser. Nicht daß mir etwas daran läge, obwohl. Er bedeutet uns nichts, weißt du, und ich versichere dir, ich will ihn auch nie wiedersehen. Aber, immerhin, er ist uns herzlich willkommen, wenn er nach Netherfield kommen will. Und wer weiß, was geschehen kann? Aber das geht uns nichts an. Du weißt, Schwester, wir haben längst ausgemacht, nie ein Wort darüber zu reden. Und so, ist es ganz gewiß, daß er kommt?“

„Du kannst dich darauf verlassen“, erwiderte die andere, „denn Mrs. Nichols war gestern abend in Meryton: ich sah sie vorbeigehen und ging selbst hinaus, um mich nach der Wahrheit zu erkundigen; und sie sagte mir, es sei ganz gewiß wahr. Er kommt spätestens am Donnerstag, sehr wahrscheinlich am Mittwoch. Sie ging zum Fleischer, sagte sie, eigens um für Mittwoch Fleisch zu bestellen, und sie hat drei Paar Enten, die sich gerade zum Schlachten eignen.“——

Miss Bennet hatte von seinem Kommen hören können, ohne die Farbe zu wechseln. Es waren viele Monate verstrichen, seit sie seinen Namen Elizabeth gegenüber erwähnt hatte; doch nun, sobald sie allein waren, sagte sie:——

„Ich sah dich heute ansehen, Lizzy, als unsere Tante uns von dem Gerücht erzählte; und ich weiß, daß ich betroffen schien; aber bilde dir nicht ein, es sei wegen einer albernen Ursache gewesen. Ich war nur im Augenblick verlegen, weil ich fühlte, daß man mich ansehen würde. Ich versichere dir, die Nachricht berührt mich weder mit Freude noch mit Schmerz. Über eines bin ich froh, daß er allein kommt; denn dann werden wir weniger von ihm zu sehen bekommen. Nicht daß ich mich selbst fürchte, aber ich fürchte die Bemerkungen anderer Leute.“——

Elizabeth wußte nicht, was sie daraus machen sollte. Hätte sie ihn nicht in Derbyshire gesehen, so hätte sie annehmen können, er sei fähig, dorthin zu kommen, ohne anderen Zweck als den eingestandenen; aber sie glaubte noch immer, daß er Jane zugetan sei, und sie schwankte, ob es wahrscheinlicher sei, daß er mit Erlaubnis seines Freundes komme oder keck genug sei, ohne diese zu kommen.——

„Und doch ist es hart“, dachte sie bisweilen, „daß dieser arme Mann nicht in ein Haus kommen kann, das er rechtmäßig gemietet hat, ohne all diese Vermutungen zu erregen! Ich will ihn sich selbst überlassen.“——

Trotz der Erklärungen ihrer Schwester und was sie wirklich für ihre Gefühle hielt, konnte Elizabeth leicht erkennen, daß ihre Stimmung dadurch beeinflußt war. Sie waren unruhiger, ungleichmäßiger, als sie sie oft gesehen hatte.

Der Gegenstand, der vor ungefähr einem Jahr so eifrig zwischen ihren Eltern erörtert worden war, wurde nun wieder vorgebracht.——

„Sobald Mr. Bingley kommt, mein Liebes“, sagte Mrs. Bennet, „wirst du ihm natürlich deinen Besuch machen.“——

„Nein, nein. Du hast mich im vorigen Jahr gezwungen, ihn zu besuchen, und versprochen, wenn ich ihn besuche, solle er eine meiner Töchter heiraten. Aber es lief auf nichts hinaus, und ich werde mich nicht noch einmal zum Narren schicken lassen.“——

Seine Frau stellte ihm vor, wie unbedingt nötig eine solche Aufmerksamkeit von allen Herren der Nachbarschaft sei, wenn er nach Netherfield zurückkehre.——

„Es ist eine Etikette, die ich verachte“, sagte er. „Wenn er unsere Gesellschaft wünscht, mag er sie suchen. Er weiß, wo wir wohnen. Ich werde nicht meine Stunden damit verbringen, meinen Nachbarn nachzulaufen, sooft sie weggehen und wiederkommen.“——

„Nun, ich weiß nur, daß es abscheulich unhöflich wäre, wenn du ihm nicht deinen Besuch machst. Aber, immerhin, das soll mich nicht hindern, ihn zum Essen einzuladen, das ist mein Entschluß. Wir müssen Mrs. Long und die Gouldings bald einladen. Das macht mit uns selbst dreizehn, so daß gerade Platz für ihn bei Tisch ist.“——

Durch diesen Entschluß getröstet, konnte sie die Unhöflichkeit ihres Mannes leichter ertragen; obwohl es sehr kränkend war zu wissen, daß ihre Nachbarn alle Mr. Bingley infolgedessen sehen könnten, ehe sie es taten. Als der Tag seiner Ankunft näher rückte,——

„Es beginnt mir leid zu tun, daß er überhaupt kommt“, sagte Jane zu ihrer Schwester. „Es wäre nichts; ich könnte ihn mit vollkommener Gleichgültigkeit sehen; aber ich kann es kaum ertragen, es so unaufhörlich besprochen zu hören. Meine Mutter meint es gut; aber sie weiß nicht, niemand kann wissen, wie sehr ich unter dem leide, was sie sagt. Glücklich werde ich sein, wenn sein Aufenthalt in Netherfield vorüber ist.“——

„Ich wünschte, ich könnte dir irgend etwas zum Trost sagen“, erwiderte Elizabeth; „aber es steht völlig außer meiner Macht. Du mußt es fühlen; und die übliche Genugtuung, einer Leidenden Geduld zu predigen, ist mir versagt, weil du stets so viel davon hast.“——

Mr. Bingley traf ein. Mrs. Bennet hatte es durch die Hilfe der Dienstboten so eingerichtet, daß sie die früheste Kunde davon erhielt, damit die Zeit der Ungeduld und Ängstlichkeit auf ihrer Seite so lang als möglich währe. Sie zählte die Tage, die verstreichen mußten, bevor ihre Einladung abgeschickt werden konnte — ohne Hoffnung, ihn früher zu sehen. Aber am dritten Morgen nach seiner Ankunft in Hertfordshire sah sie von ihrem Ankleidezimmer aus, wie er in die Koppel einritt und dem Hause zustrebte.

Ihre Töchter wurden eifrig gerufen, an ihrer Freude teilzuhaben. Jane blieb beharrlich an ihrem Platz am Tisch sitzen; aber Elizabeth ging, ihrer Mutter zu Gefallen, zum Fenster — sie blickte hin — sie sah Mr. Darcy bei ihm, und setzte sich wieder neben ihre Schwester.——

„Es ist ein Herr bei ihm, Mama“, sagte Kitty; „wer kann das sein?“——

„Irgendein Bekannter oder sonst jemand, mein Liebes, denke ich; ich bin sicher, ich weiß es nicht.“——

„Ei“, erwiderte Kitty, „er sieht ja ganz wie der Mann aus, der sonst bei ihm war. Mr. Wie heißt er — der große, stolze Mann.“——

„Du lieber Himmel! Mr. Darcy! — und so sieht er aus, ich schwöre es. Nun, jeder Freund von Mr. Bingley ist uns hier natürlich jederzeit willkommen; aber sonst muß ich sagen, daß ich schon den bloßen Anblick von ihm hasse.“——

Jane blickte Elizabeth mit Erstaunen und Besorgnis an. Sie wußte nur wenig von ihrer Begegnung in Derbyshire und empfand daher für die Verlegenheit, der ihre Schwester ausgesetzt sein mußte, wenn sie ihn fast zum ersten Mal sah, nachdem sie seinen Erklärungsbrief erhalten hatte. Beide Schwestern waren unbehaglich genug. Jede fühlte mit der anderen, und natürlich mit sich selbst; und ihre Mutter redete weiter von ihrer Abneigung gegen Mr. Darcy und von ihrem Entschluß, nur als Mr. Bingleys Freund höflich gegen ihn zu sein, ohne daß eine von ihnen zuhörte. Aber Elizabeth hatte Quellen der Unruhe, die von Jane noch nicht vermutet werden konnten, da sie noch nicht den Mut gehabt hatte, ihr Mrs. Gardiners Brief zu zeigen oder ihr von ihrer eigenen Sinnesänderung ihm gegenüber zu berichten. Für Jane konnte er nur ein Mann sein, dessen Antrag sie abgewiesen und dessen Vorzüge sie unterschätzt hatte; aber nach ihrer eigenen umfassenderen Kenntnis war er die Person, der die ganze Familie für das erste der Wohltaten verpflichtet war, und den sie selbst mit einem Interesse betrachtete, wenn auch nicht ganz so zart, so doch ebenso vernünftig und gerecht, wie das, was Jane für Bingley empfand. Ihr Erstaunen über sein Kommen — daß er nach Netherfield kam, nach Longbourn, und von sich aus sie wieder aufsuchte — war fast ebenso groß wie das, was sie bei der ersten Beobachtung seines veränderten Benehmens in Derbyshire empfunden hatte.

Die Farbe, die aus ihrem Gesicht gewichen war, kehrte für eine halbe Minute mit zusätzlichem Glanz zurück, und ein Lächeln der Freude verlieh ihren Augen neuen Schimmer, als sie für diese kurze Zeitspanne dachte, daß seine Zuneigung und Wünsche noch unerschüttert sein müßten; aber sie wollte sich nicht sicher fühlen.——

„Laßt mich erst sehen, wie er sich beträgt“, sagte sie; „es wird dann früh genug für Erwartungen sein.“——

Sie saß angestrengt bei der Arbeit und suchte sich zu fassen, ohne die Augen zu erheben, bis ängstliche Neugier sie zum Antlitz ihrer Schwester trug, als der Diener sich der Türe näherte. Jane sah ein wenig bleicher aus als gewöhnlich, aber gefaßter, als Elizabeth erwartet hatte. Als die Herren erschienen, stieg ihre Farbe; doch empfing sie sie mit erträglicher Fassung und einer Angemessenheit des Benehmens, die gleich frei war von jeder Spur von Groll und jeder unnötigen Höflichkeit.

Elizabeth sagte so wenig zu einem von beiden, als die Höflichkeit erlaubte, und setzte sich wieder an ihre Arbeit, mit einem Eifer, den sie nicht oft aufbot. Sie hatte nur einen einzigen Blick auf Darcy gewagt. Er sah ernst aus wie gewöhnlich; und, so dachte sie, mehr so, wie er in Hertfordshire auszusehen pflegte, als wie sie ihn in Pemberley gesehen hatte. Aber vielleicht konnte er in Gegenwart ihrer Mutter nicht das sein, was er vor ihrem Onkel und ihrer Tante gewesen war. Es war eine schmerzliche, wenn auch nicht unwahrscheinliche Vermutung.——

Bingley hatte sie gleichfalls einen Augenblick gesehen, und in dieser kurzen Zeit sah sie ihn sowohl erfreut als auch verlegen aussehen. Er wurde von Mrs. Bennet mit einer Höflichkeit empfangen, die ihre beiden Töchter beschämte, besonders wenn man sie mit der kalten und zeremoniellen Höflichkeit verglich, mit der ihr Gatte den Freund begrüßte und ansprach.——

Elizabeth besonders, die wußte, daß ihre Mutter diesem letzteren die Erhaltung ihrer Lieblingstochter vor unwiederbringlichem Schimpf verdankte, wurde durch eine so schlecht angebrachte Unterscheidung aufs schmerzlichste verletzt und bekümmert.——

Darcy sagte, nachdem er sich erkundigt hatte, wie es Mr. und Mrs. Gardiner gehe — eine Frage, die sie nicht ohne Verwirrung beantworten konnte —, kaum etwas. Er saß nicht neben ihr: vielleicht war das der Grund seines Schweigens; aber in Derbyshire war es nicht so gewesen. Dort hatte er mit ihren Freunden gesprochen, wenn er nicht mit ihr selbst sprechen konnte. Aber jetzt verstrichen mehrere Minuten, ohne daß seine Stimme zu hören war; und wenn sie dann und wann, unfähig, dem Impuls der Neugier zu widerstehen, die Augen zu seinem Antlitz erhob, fand sie ihn ebenso oft Jane ansehen wie sich selbst, und häufig auf keinen Gegenstand als den Boden. Mehr Nachdenklichkeit und weniger Bemühen zu gefallen, als bei ihrem letzten Begegnen, waren deutlich ausgedrückt. Sie war enttäuscht und ärgerte sich über sich selbst, daß sie es war.——

„Konnte ich erwarten, daß es anders sein würde?“ sagte sie. „Und doch, warum kam er?“——

Sie war nicht zu einem Gespräch mit jemand anderem als ihm aufgelegt; und zu ihm hatte sie kaum den Mut zu sprechen.——

Sie erkundigte sich nach seiner Schwester, konnte aber nicht mehr tun.——

„Es ist lange her, Mr. Bingley, seit Sie weggegangen sind“, sagte Mrs. Bennet.——

Er stimmte bereitwillig zu.——

„Ich begann zu fürchten, Sie würden nie wiederkommen. Die Leute sagten allerdings, Sie gedächten, den Ort zu Michaelmas ganz aufzugeben; aber, immerhin, ich hoffe, es ist nicht wahr. Es sind viele Veränderungen in der Nachbarschaft vorgefallen, seit Sie fortgingen. Miss Lucas ist verheiratet und versorgt: und eine meiner Töchter. Ich nehme an, Sie haben davon gehört; in der Tat, Sie müssen es in den Zeitungen gesehen haben. Es stand im ‚Times' und im ‚Courier', ich weiß; obwohl es nicht so eingerückt war, wie es hätte sein sollen. Es hieß nur: ‚Vor kurzem, George Wickham, Esq., mit Miss Lydia Bennet', ohne daß ein Sterbenswörtchen von ihrem Vater gesagt war, oder von dem Ort, wo sie wohnte, oder von irgend etwas. Es war meines Bruders Gardiner Aufsatz, und ich wundere mich, wie er es anfing, eine so ungeschickte Sache daraus zu machen. Haben Sie es gesehen?“——

Bingley antwortete, daß er es gesehen habe, und sprach seine Glückwünsche aus. Elizabeth wagte nicht, die Augen zu erheben. Wie Mr. Darcy aussah, konnte sie daher nicht erkennen.

„Es ist in der Tat eine entzückende Sache, eine Tochter wohl vermählt zu sehen,“ fuhr ihre Mutter fort; „aber zugleich, Mr. Bingley, ist es gar hart, sie mir wegzunehmen. Sie sind nach Newcastle abgereist, einen Ort, wie es scheint, weit im Norden, und dort werden sie bleiben, ich weiß nicht, wie lange. Sein Regiment liegt dort; denn ich nehme an, Sie haben gehört, daß er die ----shire verlassen hat und zu den Linientruppen übergegangen ist. Gott sei Dank! er hat indessen einige Freunde, wenn auch vielleicht nicht so viele, als er verdient.“ Elizabeth, welche wußte, daß dies auf Mr. Darcy gemünzt war, empfand ein solches Maß von Scham und Qual, daß sie sich kaum auf ihrem Stuhle zu halten vermochte. Es entlockte ihr jedoch die Anstrengung, zu sprechen, was sonst nichts so wirksam vermocht hatte; und sie fragte Bingley, ob er vorhabe, für jetzt noch einige Zeit auf dem Lande zu verweilen. Einige Wochen, glaubte er.

„Wenn Sie alle Ihre eigenen Vögel erlegt haben, Mr. Bingley,“ sagte ihre Mutter, „so kommen Sie herüber und schießen, so viele Sie wollen, auf Mr. Bennets Besitzung. Ich bin sicher, er wird mit dem größten Vergnügen Ihnen zu Gefallen handeln und wird die besten Ketten für Sie aufheben.“ Elisabeths Qual vermehrte sich bei einer so unnötigen, so aufdringlichen Aufmerksamkeit! Würde dieselbe schöne Aussicht jetzt erstehen, die ihnen vor einem Jahre geschmeichelt hatte, so war sie überzeugt, alles würde zu demselben verdrießlichen Ende eilen. In dem Augenblicke fühlte sie, daß Jahre des Glücks Jane oder sie selbst nicht entschädigen könnten für Augenblicke solcher peinlichen Verwirrung.

„Der erste Wunsch meines Herzens,“ sprach sie zu sich selbst, „ist, nie wieder mit einem von ihnen in Gesellschaft zu kommen. Ihr Umgang kann kein Vergnügen gewähren, welches solchen Jammer aufwiegt! Laßt mich nie wieder einen von ihnen sehen!“ Und doch ward das Unglück, wofür Jahre des Glückes keinen Ersatz bieten sollten, bald darauf einigermaßen gemildert, als sie bemerkte, wie sehr die Schönheit ihrer Schwester die Bewunderung ihres ehemaligen Liebhabers von neuem entflammte. Als er zuerst eintrat, hatte er nur wenig mit ihr gesprochen, aber alle fünf Minuten schien er ihr mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er fand sie ebenso schön, wie sie im vorigen Jahre gewesen war; ebenso gutmütig und ebenso ungekünstelt, obgleich nicht ganz so gesprächig. Jane war besorgt, daß man in ihrem Betragen keinen Unterschied bemerken möge, und war in der Tat überzeugt, daß sie ebensoviel sprach wie jemals; aber ihr Geist war so lebhaft beschäftigt, daß sie nicht immer wußte, wenn sie schwieg.

Als die Herren sich erhoben, um fortzugehen, erinnerte sich Mrs. Bennet der zugedachten Höflichkeit, und sie wurden eingeladen und verpflichteten sich, in wenigen Tagen in Longbourn zu speisen.

„Sie stehen ganz in meiner Schuld als Besucher, Mr. Bingley,“ fügte sie hinzu; „denn als Sie im letzten Winter nach London gingen, versprachen Sie, sobald Sie zurückkehrten, ein Familiendiner bei uns einzunehmen. Ich habe es nicht vergessen, wie Sie sehen; und ich versichere Ihnen, ich war sehr enttäuscht, daß Sie nicht zurückkamen und Ihr Versprechen hielten.“ Bingley sah bei diesem Vorwurf ein wenig verlegen aus und sagte etwas über sein Bedauern, durch Geschäfte verhindert worden zu sein. Dann gingen sie fort.

Mrs. Bennet war sehr geneigt gewesen, sie zu bitten, gleich heute dazubleiben und zu speisen; aber obgleich sie immer einen sehr guten Tisch führte, glaubte sie doch, nichts Geringeres als zwei Gänge sei gut genug für einen Mann, auf den sie so eifrige Pläne hatte, oder könnte den Appetit und den Stolz dessen befriedigen, der zehntausend Pfund im Jahre besaß.

Vierundfünfzigstes Kapitel.

Sobald sie fort waren, ging Elisabeth hinaus, um sich zu erholen; oder, mit anderen Worten, um sich ohne Unterbrechung den Gegenständen hinzugeben, die sie nur noch mehr abtöten mußten. Mr. Darcys Betragen setzte sie in Erstaunen und verdroß sie.

„Nun, wenn er nur kam, um stumm, ernst und gleichgültig zu sein,“ sagte sie, „warum kam er überhaupt?“

Sie konnte es auf keine Weise zu ihrer Zufriedenheit deuten.

„Er konnte gegen meinen Oheim und meine Tante noch immer leutselig und gefällig sein, als er in der Stadt war; und warum nicht gegen mich? Wenn er mich fürchtet, warum kommt er hierher? Wenn er nichts mehr für mich fühlt, warum schweigt er? Ein neckender, neckender Mann! Ich will nicht mehr an ihn denken.“ Ihr Vorsatz wurde jedoch für kurze Zeit unfreiwillig aufrechterhalten durch das Herankommen ihrer Schwester, welche mit heiterer Miene zu ihr trat, die zeigte, daß sie mit ihren Besuchern besser zufrieden war als Elisabeth.

„Nun,“ sagte sie, „da diese erste Begegnung vorüber ist, fühle ich mich völlig ruhig. Ich kenne meine eigene Stärke, und ich werde nie wieder durch sein Kommen verlegen werden. Ich bin froh, daß er Dienstag hier speist. Es wird dann öffentlich gesehen werden, daß wir uns auf beiden Seiten nur als gewöhnliche und gleichgültige Bekannte treffen.“ „Ja, sehr gleichgültig, in der Tat,“ sagte Elisabeth lachend. „O Jane! nimm dich in acht.“ „Meine liebe Lizzy, du kannst mich nicht für so schwach halten, daß ich jetzt in Gefahr wäre.“ „Ich glaube, du bist in sehr großer Gefahr, ihn ebenso in dich verliebt zu machen wie je.“ Sie sahen die Herren nicht wieder bis Dienstag; und Mrs. Bennet gab sich inzwischen allen den frohen Plänen hin, welche die gute Laune und gewöhnliche Höflichkeit Bingleys bei einem halbstündigen Besuche wieder ins Leben gerufen hatten.

Am Dienstag war eine große Gesellschaft in Longbourn versammelt; und die zwei, welche man am sehnsüchtigsten erwartete, kamen, zu Ehren ihrer Pünktlichkeit als Jäger, in sehr guter Zeit. Als sie ins Speisezimmer gingen, beobachtete Elisabeth aufmerksam, ob Bingley den Platz einnehmen würde, der bei allen früheren Gesellschaften ihm, neben ihrer Schwester, gehört hatte. Ihre kluge Mutter, von denselben Gedanken erfüllt, enthielt sich, ihn zu sich einzuladen. Beim Eintritt schien er zu schwanken; doch Jane wandte sich zufällig um und lächelte zufällig: es war entschieden. Er setzte sich neben sie.

Elisabeth blickte mit einem Gefühl des Triumphes nach seinem Freunde. Er ertrug es mit edler Gleichgültigkeit; und sie hätte geglaubt, Bingley habe von ihm die Erlaubnis zum Glücklichsein erhalten, hätte sie nicht gesehen, wie seine Augen sich gleichfalls mit einem Ausdruck halb lachenden Erschreckens nach Mr. Darcy wandten.

Sein Betragen gegen ihre Schwester war während des Diners so beschaffen, daß es eine Bewunderung für sie verriet, welche, obgleich behutsamer als sonst, Elisabeth überzeugte, daß, wenn man Jane ganz ihm selbst überließe, ihr Glück und das seinige bald entschieden sein würden. Obgleich sie sich auf den Erfolg nicht verlassen wollte, empfing sie doch Vergnügen, als sie sein Benehmen beobachtete. Es gab ihr all die Lebhaftigkeit, deren ihr Geist fähig war; denn sie war in keiner heiteren Stimmung. Mr. Darcy saß von ihr so weit entfernt, als es der Tisch nur zuließ. Er befand sich an der einen Seite ihrer Mutter. Sie wußte, wie wenig eine solche Lage einem von beiden Vergnügen gewähren oder einem von beiden zur Geltung verhelfen konnte. Sie war nicht nahe genug, um etwas von ihrem Gespräch zu hören; aber sie sehen konnte, wie selten sie miteinander sprachen, und wie förmlich und kalt ihr Betragen war, wenn sie es taten. Die Unfreundlichkeit ihrer Mutter machte ihr das Bewußtsein dessen, was sie ihm schuldeten, noch schmerzlicher; und sie hätte zuzeiten alles darum gegeben, ihm sagen zu dürfen, daß seine Güte von der ganzen Familie weder unbekannt noch unempfunden geblieben sei.

Sie hoffte, der Abend werde einige Gelegenheit bieten, sie zusammenzubringen; daß der ganze Besuch nicht verstreichen solle, ohne ihnen zu etwas mehr Unterhaltung zu verhelfen als dem bloßen feierlichen Gruße bei seinem Eintritt. Ängstlich und unruhig, war die Zeit, welche vor dem Erscheinen der Herren im Salon verstrich, ihr in einem Grade langweilig und öde, daß sie fast unhöflich wurde. Sie sah ihrem Erscheinen entgegen als dem Punkte, von dem all ihr Genuß für den Abend abhängen müsse.

„Wenn er nicht zu mir kommt,“ sagte sie, „so gebe ich ihn für immer auf.“ Die Herren kamen; und sie dachte, er sehe aus, als wolle er ihre Hoffnung erfüllen; aber, ach! die Damen hatten sich um den Tisch gedrängt, wo Miss Bennet den Tee machte und Elisabeth den Kaffee einschenkte, in so enger Verschwörung, daß sich nicht ein einziger leerer Platz bei ihr befand, der einen Stuhl zugelassen hätte. Und als die Herren herantraten, rückte eines der Mädchen noch näher als zuvor zu ihr und flüsterte: „Die Männer sollen nicht kommen und uns trennen, das ist mein Entschluß. Wir wollen nichts von ihnen; nicht wahr?“

Darcy war nach einem anderen Teile des Zimmers weggegangen. Sie folgte ihm mit den Augen, beneidete jeden, mit dem er sprach, hatte kaum Geduld genug, jemandem den Kaffee zu reichen, und war dann über sich selbst erzürnt, daß sie so albern war!

„Ein Mann, der schon einmal abgewiesen worden ist! Wie konnte ich je so töricht sein, eine Erneuerung seiner Liebe zu erwarten? Gibt es einen unter dem männlichen Geschlechte, der nicht gegen eine solche Schwäche protestieren würde, wie ein zweiter Antrag bei demselben Weibe es wäre? Es gibt keine Schmach, die ihren Gefühlen so verhaßt wäre.“ Sie wurde indessen ein wenig belebt, als er seine Kaffeetasse selbst zurückbrachte; und sie ergriff die Gelegenheit zu sagen: „Ist Ihre Schwester noch in Pemberley?“ „Ja; sie wird dort bis Weihnachten bleiben.“ „Und ganz allein? Haben sie alle ihre Freunde verlassen?“ „Mrs. Annesley ist bei ihr. Die übrigen sind seit drei Wochen nach Scarborough abgereist.“ Sie konnte nichts mehr ersinnen; wenn er aber mit ihr sprechen wollte, so hätte er mehr Glück haben können. Er stand indessen einige Minuten lang schweigend neben ihr; und als endlich die junge Dame Elisabeth wieder zuflüsterte, ging er fort.

Als das Teegeschirr abgeräumt und die Spieltische aufgestellt waren, erhoben sich die Damen alle; und Elisabeth hoffte nun, bald von ihm aufgesucht zu werden, als alle ihre Erwartungen umgestürzt wurden, indem sie ihn zum Opfer der Whistspielsucht ihrer Mutter werden und in wenigen Augenblicken mit dem übrigen Teile der Gesellschaft am Spieltische sitzen sah. Sie verlor nun jede Aussicht auf Vergnügen. Sie waren für den Abend an verschiedene Tische gebannt; und sie hatte nichts mehr zu hoffen, als daß seine Augen sich so oft nach ihrer Seite des Zimmers wenden möchten, um ihn ebenso unglücklich spielen zu lassen wie sich selbst.

Mrs. Bennet hatte die Absicht gehabt, die beiden Herren von Netherfield zum Souper dazubehalten; aber ihr Wagen war unglücklicherweise vor allen anderen bestellt, und sie hatte keine Gelegenheit, sie zurückzuhalten.

„Nun, Mädchen,“ sagte sie, sobald sie sich selbst überlassen waren, „was sagt ihr zu dem Tage? Ich denke, alles ist außerordentlich gut abgelaufen, das versichere ich euch. Das Diner war so gut angerichtet wie ich je eines gesehen habe. Das Wildbret war auf den Punkt gebraten — und jedermann sagte, man habe nie einen so fetten Schlegel gesehen. Die Suppe war fünfzigmal besser als die, welche wir vorige Woche bei den Lucases hatten; und selbst Mr. Darcy gestand, daß die Rebhühner vortrefflich zubereitet seien; und ich nehme an, er hat wenigstens zwei oder drei französische Köche. Und, meine liebe Jane, ich sah dich nie in größerer Schönheit. Mrs. Long sagte es auch, denn ich fragte sie, ob du es nicht tätest. Und was glaubt ihr, sagte sie noch? ‚Ach! Mrs. Bennet, wir werden sie zuletzt in Netherfield haben!‘ Ja, wirklich. Ich denke, Mrs. Long ist so gut wie je eine gelebt hat — und ihre Nichten sind sehr artige Mädchen, und durchaus nicht hübsch: ich mag sie ausnehmend gut leiden.“ Mrs. Bennet war, mit einem Worte, in sehr vortrefflicher Laune: sie hatte von Bingleys Betragen gegen Jane genug gesehen, um überzeugt zu sein, daß sie ihn zuletzt doch bekommen würde; und ihre Erwartungen von Vorteil für ihre Familie, wenn sie glücklich aufgelegt war, gingen so weit über die Vernunft hinaus, daß sie ganz enttäuscht war, ihn am folgenden Tage nicht wieder dort zu sehen, um seinen Antrag zu machen.

„Es ist ein sehr angenehmer Tag gewesen,“ sagte Miss Bennet zu Elisabeth. „Die Gesellschaft schien so gut ausgewählt, so zueinander passend. Ich hoffe, wir werden uns öfter wiedersehen.“ Elisabeth lächelte. „Lizzy, du mußt nicht so tun. Du darfst nichts Arges von mir denken. Es kränkt mich. Ich versichere dir, ich habe es jetzt gelernt, seine Unterhaltung als die eines angenehmen und vernünftigen jungen Mannes zu genießen, ohne einen Wunsch darüber hinaus zu hegen. Ich bin vollkommen zufrieden, nach seinem jetzigen Betragen, daß er nie die Absicht gehabt hat, meine Zuneigung zu gewinnen. Er ist nur mit einer größeren Anmut des Benehmens und einem stärkeren Wunsche, im allgemeinen zu gefallen, beglückt als irgend ein anderer Mann.“ „Du bist sehr grausam,“ sagte ihre Schwester, „du willst mich nicht lächeln lassen und reizt mich jeden Augenblick dazu.“ „Wie schwer es in manchen Fällen ist, Glauben zu finden! Und wie unmöglich in anderen! Aber warum willst du mich überreden, daß ich mehr fühle, als ich eingestehe?“ „Das ist eine Frage, die ich kaum zu beantworten weiß. Wir lieben alle zu belehren, obgleich wir nur dasjenige lehren können, was nicht wissenswert ist. Vergib mir; und wenn du bei deiner Gleichgültigkeit verharrst, so mache mich nicht zu deiner Vertrauten.“

Fünfundfünfzigstes Kapitel.

Einige Tage nach diesem Besuche kam Mr. Bingley wieder, und allein. Sein Freund hatte ihn am Morgen nach London verlassen, sollte aber in zehn Tagen wieder zurückkehren. Er saß über eine Stunde bei ihnen und war in auffallend guter Laune. Mrs. Bennet lud ihn zum Mittagessen ein; aber mit vielen Ausdrücken des Bedauerns gestand er, anderweitig verhindert zu sein. „Wenn Sie das nächstemal kommen,“ sagte sie, „hoffe ich, sollen wir glücklicher sein.“ Er werde sich zu jeder Zeit besonders glücklich schätzen, usw., usw.; und wenn sie es ihm erlaube, werde er eine frühe Gelegenheit ergreifen, ihnen aufzuwarten. „Können Sie morgen kommen?“ Ja, er habe morgen durchaus keine Verpflichtung; und ihre Einladung wurde mit Freuden angenommen. Er kam, und in so sehr guter Zeit, daß die Damen noch keine von ihnen angekleidet waren. Herein stürzte Mrs. Bennet, im Morgenkleide und mit halbgekämmtem Haare, in das Zimmer ihrer Töchter und rief: „Meine liebe Jane, beeile dich und komm herunter. Er ist da — Mr. Bingley ist da. Er ist es wirklich. Beeile dich, beeile dich. Hier, Sarah, komm sogleich zu Miss Bennet und hilf ihr in das Kleid. Kümmere dich nicht um Miss Lizzys Haar." „Wir werden herunterkommen, sobald wir können," sagte Jane; „aber ich wette, Kitty ist uns beiden voraus, denn sie ging schon vor einer halben Stunde hinauf." „Ach! zum Henker mit Kitty! was hat sie damit zu schaffen? Komm, sei geschwind, sei geschwind! wo ist die Schärpe, mein Liebes?" Aber als ihre Mutter fortgegangen war, ließ sich Jane nicht bereden, ohne eine ihrer Schwestern hinunterzugehen.

Dieselbe Absicht, sie untereinander zu bringen, zeigte sich abends wieder. Nach dem Tee begab sich Mr. Bennet, wie es seine Gewohnheit war, in die Bibliothek, und Mary ging hinauf zu ihrem Instrumente. So waren zwei Hindernisse von den fünf aus dem Wege geräumt, und Mrs. Bennet saß da und blickte und zwinkerte Elisabeth und Katharina eine beträchtliche Zeit lang an, ohne Eindruck auf sie zu machen. Elisabeth wollte sie nicht beachten; und als endlich Kitty es doch tat, sagte diese sehr naiv: „Was ist dir, Mama? Warum zwinkerst du mir immer zu? Was soll ich tun?" „Nichts, Kind, nichts. Ich habe dir nicht zugezwinkert." Dann saß sie noch fünf Minuten still; aber unfähig, einen so köstlichen Augenblick ungenutzt zu lassen, sprang sie plötzlich auf und sagte zu Kitty: „Komm her, mein Liebchen, ich habe etwas mit dir zu sprechen," und führte sie aus dem Zimmer. Jane warf sogleich einen Blick auf Elisabeth, der ihr Mißfallen über eine solche vorher ausgedachte Absicht aussprach und sie bat, nicht nachzugeben. In wenigen Augenblicken öffnete Mrs. Bennet halb die Tür und rief hinaus: „Lizzy, mein Schatz, ich möchte dich sprechen." Elisabeth mußte gehen. „Wir können sie ebensogut allein lassen, weißt du," sagte ihre Mutter, sobald sie in der Halle war. „Kitty und ich gehen hinauf in mein Ankleidezimmer." Elisabeth machte keinen Versuch, mit ihrer Mutter zu vernünfteln, sondern blieb ruhig in der Halle, bis sie und Kitty außer Sicht waren, und kehrte dann in den Salon zurück.

Mrs. Bennets Anschläge für diesen Tag waren ohne Erfolg. Bingley war alles, was reizend war, ausgenommen der erklärte Liebhaber ihrer Tochter. Seine unbefangene Heiterkeit machte ihn zu einer sehr angenehmen Bereicherung ihrer Abendgesellschaft; und er ertrug die übelangebrachte Zudringlichkeit der Mutter und hörte alle ihre albernen Bemerkungen mit einer Geduld und Fassung, die für die Tochter besonders dankbar waren.

Er bedurfte kaum einer Einladung, zum Souper dazubleiben; und ehe er fortging, wurde, hauptsächlich durch seine eigene und Mrs. Bennets Vermittlung, eine Verabredung getroffen, daß er am folgenden Morgen mit ihrem Manne auf die Jagd gehen solle.

Nach diesem Tage sprach Jane nicht weiter von ihrer Gleichgültigkeit. Kein Wort fiel zwischen den Schwestern über Bingley; aber Elisabeth ging zu Bett in dem glücklichen Glauben, daß alles sich bald endigen müsse, wenn nur Mr. Darcy nicht innerhalb der bestimmten Zeit zurückkehrte. Ernstlich jedoch fühlte sie sich ziemlich überzeugt, daß all dieses nur mit Einwilligung jenes Herrn geschehen sein könne.

Bingley war bei der Verabredung pünktlich; und er und Mr. Bennet brachten, wie verabredet war, den Morgen miteinander zu. Der letztere war viel angenehmer, als sein Begleiter erwartet hatte. Es war nichts Anmaßendes oder Törichtes an Bingley, das seinen Spott hätte erregen oder ihn zum Schweigen hätte bringen können; und er war mitteilsamer und weniger eigentümlich, als der andere ihn je gesehen hatte. Bingley kehrte natürlich mit ihm zum Mittagessen zurück; und am Abend war Mrs. Bennets Erfindungskraft wieder an dem Werk, um jedermann von ihm und ihrer Tochter wegzubringen. Elisabeth, die einen Brief zu schreiben hatte, ging gleich nach dem Tee zu diesem Zwecke in das Frühstückszimmer; denn da die übrigen sich alle zum Kartenspiel setzen wollten, konnte man ihrer nicht bedürfen, um die Pläne ihrer Mutter zu vereiteln. Als sie aber, nachdem der Brief beendigt war, in den Salon zurückkehrte, sah sie, zu ihrer unendlichen Verwunderung, Grund zu fürchten, daß ihre Mutter zu erfinderisch für sie gewesen sei. Beim Öffnen der Tür bemerkte sie ihre Schwester und Bingley zusammen am Kamine stehen, als ob sie in eifrigem Gespräche begriffen wären; und hätte dies nicht Verdacht erregt, so würden die Mienen beider, als sie sich hastig umwandten und voneinander entfernten, alles verraten haben. Ihre Lage war peinlich genug; aber die ihrige, dachte sie, war noch schlimmer. Keine Silbe wurde von einer von ihnen gesprochen; und Elisabeth war im Begriffe, wieder fortzugehen, als Bingley, der so gut wie die andere sich gesetzt hatte, plötzlich aufstand und, indem er ihrer Schwester einige Worte zuflüsterte, aus dem Zimmer lief. Jane konnte gegen Elisabeth keine Zurückhaltung beobachten, wo Vertrauen Freude gewähren würde; und sogleich umarmte sie Elisabeth und bekannte, mit der lebhaftesten Bewegung, daß sie das glücklichste Geschöpf auf der Welt sei.

„Es ist zu viel!" fügte sie hinzu, „bei weitem zu viel. Ich verdiene es nicht. O, warum ist nicht jedermann so glücklich?" Elisabeths Glückwünsche wurden mit einer Aufrichtigkeit, einer Wärme, einer Freude gegeben, die Worte nur schwach ausdrücken konnten. Jeder Satz von Freundschaft war eine neue Quelle des Glückes für Jane. Aber sie wollte sich nicht erlauben, bei ihrer Schwester zu bleiben oder alles zu sagen, was noch zu sagen übrig war, für jetzt. „Ich muß sogleich zu meiner Mutter," rief sie. „Ich möchte um keinen Preis mit ihrer liebevollen Sorgfalt Scherz treiben oder ihr erlauben, es von jemand anderem als von mir selbst zu hören. Er ist schon zu meinem Vater gegangen. O, Lizzy, zu wissen, daß das, was ich zu berichten habe, meiner ganzen teuren Familie so viel Freude machen wird! wie soll ich ein solches Glück ertragen?" Dann eilte sie fort zu ihrer Mutter, welche die Kartenpartie mit Vorbedacht aufgehoben hatte und oben mit Kitty saß. Elisabeth, die sich allein gelassen sah, lächelte nun über die Schnelligkeit und Leichtigkeit, mit welcher eine Sache endlich entschieden war, die ihnen so viele vorhergegangene Monate von Bangigkeit und Verdruß verursacht hatte.

„Und dies," sprach sie, „ist das Ende von all seines Freundes ängstlicher Vorsicht! von all seiner Schwester Falschheit und Künstelei! das glücklichste, weiseste und vernünftigste Ende!" In wenigen Augenblicken wurde sie von Bingley eingeholt, dessen Unterredung mit ihrem Vater kurz und zweckdienlich gewesen war.

„Wo ist Ihre Schwester?" sagte er eilig, als er die Tür öffnete. „Bei meiner Mutter oben. Sie wird in einem Augenblick herunterkommen, vermutlich."

Alsdann schloß er die Tür, kam auf sie zu und forderte die guten Wünsche und die Zuneigung einer Schwester. Elizabeth gab aufrichtig und herzlich ihre Freude über die Aussicht auf ihr Verwandtschaftsverhältnis zu erkennen. Sie reichten einander die Hände mit großer Herzlichkeit; und bis ihre Schwester herunterkam, mußte sie allem zuhören, was er von seinem Glück und von Janes Vollkommenheiten zu sagen hatte; und obwohl er ein Verliebter war, glaubte Elizabeth doch, daß alle seine Erwartungen von Glückseligkeit vernünftig begründet seien, weil sie den vortrefflichen Verstand und den überaus vortrefflichen Charakter Janes zur Grundlage hatten, sowie eine allgemeine Übereinstimmung der Gefühle und des Geschmacks zwischen ihr und ihm.

Es war ein Abend von ungewöhnlicher Freude für sie alle; die Befriedigung von Miß Bennets Gemüt verlieh ihrem Antlitz einen so frohen und lieblichen Glanz, daß sie schöner als je aussah. Kitty lächelte verschämt und hoffte, die Reihe werde bald auch an sie kommen. Frau Bennet konnte in Worten, die warm genug gewesen wären, ihre Gefühle zu befriedigen, weder ihre Einwilligung geben noch ihre Billigung aussprechen, obgleich sie eine halbe Stunde lang mit Bingley von nichts anderem sprach; und als Herr Bennet beim Abendessen zu ihnen trat, zeigten Stimme und Benehmen deutlich, wie aufrichtig glücklich er war.

Er ließ indessen kein Wort fallen, das darauf anspielte, bis ihr Besucher sich für die Nacht verabschiedete; sobald dieser aber gegangen war, wandte er sich an seine Tochter und sprach:—

„Jane, ich beglückwünsche dich. Du wirst eine sehr glückliche Frau werden."

Jane eilte sogleich zu ihm, küßte ihn und dankte ihm für seine Güte.

„Du bist ein gutes Mädchen," erwiderte er, „und es gewährt mir große Freude, zu denken, daß du so glücklich versorgt sein wirst. Ich zweifle nicht, daß ihr euch sehr gut miteinander verstehen werdet. Eure Gemüter sind einander keineswegs unähnlich. Ihr seid beide so nachgiebig, daß nie etwas entschieden werden wird; so leicht zufriedenzustellen, daß euch jeder Dienstbote betrügen wird; und so großmütig, daß ihr stets über eure Verhältnisse leben werdet."

„Ich hoffe nicht, daß dem so sein wird. Unklugheit oder Gedankenlosigkeit in Geldangelegenheiten wäre bei mir unentschuldbar."

„Über ihre Verhältnisse leben! Mein lieber Herr Bennet," rief seine Frau, „wovon reden Sie? Er hat ja viertausend oder fünftausend Pfund im Jahr, und sehr wahrscheinlich noch mehr." Dann wandte sie sich an ihre Tochter: „Ach, meine liebe, teure Jane, ich bin so glücklich! Ich werde sicher die ganze Nacht kein Auge zutun. Ich wußte, wie es kommen würde. Ich habe immer gesagt, es muß einmal so enden. Ich war gewiß, daß du nicht umsonst so schön sein könntest! Ich erinnere mich, sobald ich ihn zum erstenmal sah, als er voriges Jahr nach Hertfordshire kam, dachte ich, wie wahrscheinlich es sei, daß ihr zueinander finden würdet. Ach, er ist der schönste junge Mann, den es je gegeben hat!"

Wickham, Lydia, alles war vergessen. Jane war ohne Wettbewerb ihr Lieblingskind. In diesem Augenblicke kümmerte sie sich um kein anderes. Die jüngeren Schwestern begannen alsbald bei ihr für Gegenstände des Glückes zu werben, die sie in Zukunft vielleicht würde spenden können.

Mary erbat sich die Benutzung der Bibliothek in Netherfield; und Kitty bat sehr eindringlich um einige Bälle dort in jedem Winter.

Bingley war von dieser Zeit an natürlich ein täglicher Besucher in Longbourn; er kam häufig vor dem Frühstück und blieb stets bis nach dem Abendessen; ausgenommen, wenn irgend ein barbarischer Nachbar, den man nicht genug verabscheuen konnte, ihn zu Tische geladen hatte, und er glaubte, die Einladung annehmen zu müssen.

Elizabeth hatte nun nur wenig Zeit zur Unterhaltung mit ihrer Schwester; denn solange er zugegen war, hatte Jane niemandem sonst Aufmerksamkeit zu schenken: sie fand sich indessen beiden in den Stunden der Trennung, die zuweilen eintreten mußten, erheblich nützlich. In Janes Abwesenheit schloß er sich stets an Elizabeth an, um das Vergnügen zu haben, von ihr zu sprechen; und wenn Bingley gegangen war, suchte Jane beständig dasselbe Mittel der Erleichterung.

„Er hat mich so glücklich gemacht," sagte sie eines Abends, „indem er mir erzählte, daß er gar nicht gewußt habe, daß ich im vorigen Frühling in der Stadt gewesen sei! Ich hätte es nicht für möglich gehalten."

„Ich habe so etwas vermutet," erwiderte Elizabeth. „Aber wie erklärte er es sich?"

„Es muß das Werk seiner Schwestern gewesen sein. Sie waren gewiß keine Freundinnen seiner Bekanntschaft mit mir, was mich nicht wundernehmen kann, da er in vieler Hinsicht weit vorteilhafter hätte wählen können. Wenn sie aber sehen, wie ich vertraue, daß sie es tun werden, daß ihr Bruder mit mir glücklich ist, werden sie zufrieden zu sein lernen, und wir werden wieder gut miteinander stehen: obgleich wir einander nie wieder das sein können, was wir uns früher waren."

„Das ist die unversöhnlichste Rede," sagte Elizabeth, „die ich je aus deinem Munde gehört habe. Brave Jane! Es würde mich in der Tat betrüben, wenn ich dich abermals das Opfer von Miß Bingleys geheuchelter Zuneigung werden sähe."

„Würdest du es glauben, Lizzy, daß er, als er im vorigen November nach der Stadt ging, mich wirklich liebte, und daß nichts als die Überzeugung von meiner Gleichgültigkeit ihn abgehalten hätte, wieder herunterzukommen?"

„Er hat sich ein wenig geirrt, freilich; aber das gereicht seiner Bescheidenheit zur Ehre."

Dies führte natürlich eine Lobrede von Jane auf seine Schüchternheit herbei und auf den geringen Wert, den er auf seine eigenen guten Eigenschaften lege.

Elizabeth war erfreut zu vernehmen, daß er die Einmischung seines Freundes nicht verraten hatte; denn obgleich Jane das großmütigste und nachsichtigste Herz von der Welt besaß, wußte sie doch, daß es ein Umstand war, der sie gegen ihn einnehmen mußte.

„Ich bin gewiß das glücklichste Geschöpf, das je existiert hat!" rief Jane. „Ach, Lizzy, warum werde ich so aus meiner Familie herausgehoben und über sie alle beglückt? Wenn ich dich nur ebenso glücklich sähe! Wenn es nur einen ebensolchen Mann für dich gäbe!"

„Wenn du mir auch vierzig solcher Männer gäbest, könnte ich doch nie so glücklich sein wie du. Bis ich deine Sinnesart, deine Güte habe, kann ich nie dein Glück haben. Nein, nein, laß mich für mich selbst sorgen; und vielleicht, wenn ich großes Glück habe, mag ich mit der Zeit einen anderen Herrn Collins finden."

Der Stand der Dinge in der Familie Longbourn konnte nicht lange ein Geheimnis bleiben. Frau Bennet hatte das Vorrecht, es der Frau Philips zuzuflüstern, und sie wagte es, ohne alle Erlaubnis, bei allen ihren Nachbarn in Meryton dasselbe zu tun.

Die Bennets wurden alsbald für die glücklichste Familie in der Welt erklärt; obgleich man nur wenige Wochen vorher, als Lydia zuerst entlaufen war, allgemein bewiesen hatte, daß sie für das Unglück bestimmt seien.

FÜNFUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL.

Eines Morgens, ungefähr eine Woche, nachdem Bingleys Verlobung mit Jane zustande gekommen war, als er und die weiblichen Glieder der Familie im Speisezimmer beisammensaßen, wurde ihre Aufmerksamkeit plötzlich durch das Geräusch einer Kutsche an das Fenster gezogen; und sie erblickten eine Chaise mit vier Pferden, die über den Rasen heranfuhr. Es war zu früh am Morgen für Besuche; und überdies entsprach das Gefährt keinem einzigen ihrer Nachbarn. Die Pferde waren Postpferde; und weder der Wagen noch die Livree des Dieners, der ihm voraufging, waren ihnen bekannt. Da es indessen gewiß war, daß jemand komme, bewog Bingley sogleich Miß Bennet, sich der Peinlichkeit eines solchen Eindringens zu entziehen und mit ihm in das Gebüsch zu gehen. Sie brachen beide auf; und die Vermutungen der übrigen drei dauerten, wenn auch mit geringer Befriedigung, fort, bis die Tür aufgeworfen wurde und ihr Besucher eintrat. Es war Lady Catherine de Bourgh.

Sie waren natürlich alle gewillt, überrascht zu sein: aber ihr Erstaunen übertraf ihre Erwartung; und bei Frau Bennet und Kitty, obgleich sie ihr völlig unbekannt war, blieb es sogar hinter dem zurück, was Elizabeth empfand.

Sie trat mit einer mehr als gewöhnlich unfreundlichen Miene in das Zimmer, erwiderte auf Elizabeths Gruß nichts als eine leichte Neigung des Kopfes und setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen, nieder. Elizabeth hatte bei dem Eintritt ihrer Ladyschaft ihrer Mutter deren Namen genannt, obgleich keine Aufforderung zur Vorstellung erfolgt war.

Frau Bennet, ganz erstaunt, obgleich geschmeichelt, eine so hochgestellte Gastgeberin zu haben, empfing sie mit der äußersten Höflichkeit. Nachdem sie einen Augenblick in Stillschweigen dagesessen hatte, sagte sie sehr steif zu Elizabeth:—

„Ich hoffe, Sie sind wohlauf, Miß Bennet. Jene Dame, wie ich vermute, ist Ihre Mutter?"

Elizabeth antwortete sehr kurz, daß sie es sei.

„Und jene, wie ich vermute, ist eine Ihrer Schwestern?"

„Ja, gnädige Frau," sagte Frau Bennet, entzückt, mit einer Lady Catherine sprechen zu können. „Sie ist meine zweitjüngste Tochter. Meine jüngste ist kürzlich verheiratet worden, und meine älteste ist irgendwo auf dem Boden, geht mit einem jungen Manne spazieren, der, wie ich glaube, bald ein Glied der Familie werden wird."

„Sie haben hier einen sehr kleinen Park," versetzte Lady Catherine nach einem kurzen Stillschweigen.

„Er ist nichts im Vergleich mit Rosings, gnädige Frau, das wage ich wohl zu sagen; aber, ich versichere Sie, er ist viel größer als der von Sir William Lucas."

„Dies muß ein höchst unbequemes Wohnzimmer für den Sommerabend sein: die Fenster liegen ganz nach Westen."

Frau Bennet versicherte ihr, daß sie sich dort nach dem Essen niemals aufhielten; und fügte dann hinzu:—

„Darf ich mir die Freiheit nehmen, Eure Ladyschaft zu fragen, ob Sie Herrn und Frau Collins wohlauf gelassen haben?"

„Ja, sehr wohl. Ich sah sie vorgestern abend."

Elizabeth erwartete nun, daß sie einen Brief für sie von Charlotte hervorziehen werde, da dies der einzige wahrscheinliche Beweggrund ihres Besuches zu sein schien. Es erschien aber kein Brief, und sie war völlig ratlos.

Frau Bennet bat mit großer Höflichkeit Eure Ladyschaft, etwas Erfrischung zu sich zu nehmen; aber Lady Catherine schlug, sehr entschieden und nicht sehr höflich, jede Nahrung aus; und dann, sich erhebend, sprach sie zu Elizabeth:—

„Miß Bennet, es schien eine artige Art von kleiner Wildnis auf der einen Seite Ihres Rasens zu sein. Ich würde mir gern dort ein wenig umsehen, wenn Sie mir mit Ihrer Begleitungung gefällig sein wollen."

„Geh, meine Liebe," rief ihre Mutter, „und führe Eure Ladyschaft in den verschiedenen Gängen herum. Ich denke, die Einsiedelei wird ihr gefallen."

Elizabeth gehorchte; und, in ihr Zimmer laufend, um ihren Sonnenschirm zu holen, begleitete sie ihre edle Gästin die Treppe hinunter. Als sie durch die Halle gingen, öffnete Lady Catherine die Türen in das Eßzimmer und das Wohnzimmer, und sie nach kurzer Musterung für anständig aussehende Zimmer erklärend, ging sie weiter.

Ihre Kutsche blieb am Tore stehen, und Elizabeth sah, daß ihre Kammerfrau darin war. Sie gingen schweigend den Kiesweg hin, der zu dem Gehölze führte; Elizabeth war entschlossen, keine Mühe zur Unterhaltung mit einer Frau aufzuwenden, die jetzt mehr als gewöhnlich anmaßend und unangenehm war.

]

„Wie konnte ich jemals glauben, sie gleiche ihrem Neffen?" sagte sie, indem sie ihr ins Gesicht blickte.

Sobald sie in das Gehölz traten, begann Lady Catherine in folgender Weise:—

„Sie können nicht im Zweifel sein, Miß Bennet, den Grund meiner Reise hierher zu verstehen. Ihr eigenes Herz, Ihr eigenes Gewissen muß Ihnen sagen, warum ich komme."

Elizabeth blickte mit unverstelltem Erstaunen.

„Wirklich, Sie irren, gnädige Frau; ich habe mir die Ehre, Sie hier zu sehen, durchaus nicht zu erklären vermocht."

„Miß Bennet," versetzte ihre Ladyschaft in einem erzürnten Tone, „Sie sollten wissen, daß ich nicht zum besten gehalten zu werden pflege. Aber wie aufrichtig Sie auch sein mögen, Sie sollen mich nicht so finden. Mein Charakter ist stets wegen seiner Aufrichtigkeit und Offenheit gerühmt worden; und in einer Sache von solcher Wichtigkeit wie diese werde ich gewiß nicht davon abgehen. Eine Nachricht von der alarmierendsten Art erreichte mich vor zwei Tagen. Man sagte mir, daß nicht nur Ihre Schwester im Begriff stehe, auf das vorteilhafteste zu heiraten, sondern daß Sie—daß Miß Elizabeth Bennet aller Wahrscheinlichkeit nach bald darauf mit meinem Neffen—meinem eigenen Neffen, Herrn Darcy, vereinigt werden würden. Obgleich ich weiß, daß es eine skandalöse Lüge sein muß, obgleich ich ihn nicht so sehr kränken möchte, um die Möglichkeit der Wahrheit derselben vorauszusetzen, faßte ich sogleich den Entschluß, hierherzureisen, um Ihnen meine Gesinnungen kundzutun."

„Wenn Sie glaubten, es sei unmöglich, daß es wahr sei," sagte Elizabeth, vor Erstaunen und Verachtung errötend, „so wundere ich mich, daß Sie sich die Mühe gaben, so weit zu kommen. Was konnte Eure Ladyschaft damit bezwecken?"

„Augenblicklich darauf zu bestehen, daß ein solches Gerücht allgemein widerrufen werde."

„Ihr Kommen nach Longbourn, um mich und meine Familie zu sehen," sagte Elizabeth kühl, „wird vielmehr eine Bestätigung desselben sein—wenn anders ein solches Gerücht im Umlauf ist."

„Wenn! Wollen Sie da vorgeben, nichts davon zu wissen? Ist es nicht eifrig von Ihnen selbst verbreitet worden? Wissen Sie nicht, daß ein solches Gerücht ausgesprengt ist?"

„Ich habe nie gehört, daß es so sei."

„Und können Sie gleichfalls erklären, daß keine Grundlage dafür vorhanden ist?"

„Ich bilde mir nicht ein, gleichen Freimut wie Eure Ladyschaft zu besitzen. Sie können Fragen stellen, die ich nicht zu beantworten gedenke."

„Dies ist nicht zu ertragen. Miß Bennet, ich bestehe darauf, befriedigt zu werden. Hat er, hat mein Neffe, Ihnen einen Heiratsantrag gemacht?"

„Eure Ladyschaft haben es für unmöglich erklärt."

„Es sollte unmöglich sein; es muß unmöglich sein, solange er den Gebrauch seiner Vernunft behält. Aber Ihre Künste und Verlockungen mögen ihn in einem Augenblicke der Verblendung haben vergessen lassen, was er sich selbst und seiner ganzen Familie schuldig ist. Sie mögen ihn eingewickelt haben."

„Wenn ich es getan habe, so werde ich die letzte sein, es zu bekennen."

„Miß Bennet, wissen Sie, wer ich bin? Ich bin nicht an solche Sprache gewöhnt worden. Ich bin beinahe die nächste Verwandte, die er in der Welt hat, und bin berechtigt, alle seine teuersten Angelegenheiten zu kennen."

„Aber Sie sind nicht berechtigt, die meinigen zu kennen; und ein solches Benehmen wird mich nie bewegen, mich deutlich zu erklären."

„Lassen Sie mich recht verstanden sein. Diese Verbindung, zu der Sie die Anmaßung haben, emporzustreben, kann niemals stattfinden. Nein, niemals. Herrn Darcy ist mit meiner Tochter verlobt. Nun, was haben Sie darauf zu erwidern?"

„Nur dieses,—wenn er es ist, so können Sie keinen Grund haben zu vermuten, daß er mir einen Antrag machen werde."

Lady Catherine besann sich einen Augenblick und erwiderte dann:—

„Die Verlobung zwischen ihnen ist von eigener Art. Von ihrer Kindheit an sind sie für einander bestimmt gewesen. Es war der Lieblingswunsch seiner Mutter sowohl als der ihrigen. Schon in ihren Wiegen planten wir die Vereinigung; und nun, in dem Augenblicke, wo der Wunsch beider Schwestern erfüllt werden würde, soll ihre Heirat durch ein junges Frauenzimmer von geringerer Herkunft, von keiner Bedeutung in der Welt und ohne alle Familienverbindung verhindert werden? Achten Sie die Wünsche seiner Freunde nicht—sein stillschweigendes Versprechen mit Miß de Bourgh? Sind Sie taub gegen jedes Gefühl von Anstand und Zartgefühl? Haben Sie mich nicht sagen hören, daß er von seinen frühesten Stunden an für seine Cousine bestimmt war?"

„Ja; und ich hatte es früher gehört. Aber was geht das mich an? Wenn es keinen anderen Einwand gegen meine Verheiratung mit Ihrem Neffen gibt, werde ich gewiß nicht dadurch davon abgehalten werden, daß ich weiß, seine Mutter und Tante hätten gewünscht, daß er Miß de Bourgh heiraten solle. Sie beide haben getan, was Sie konnten, um die Heirat einzuleiten. Ihre Vollendung hing von anderen ab. Wenn Herrn Darcy weder durch Ehrenpflicht noch durch Neigung an seine Cousine gebunden ist, warum soll er nicht eine andere Wahl treffen? Und wenn ich diese Wahl bin, warum soll ich ihn nicht annehmen dürfen?"

„Weil Ehre, Anstand, Klugheit—ja, Vorteil—es verbieten. Ja, Miß Bennet, Vorteil; denn erwarten Sie nicht, von seiner Familie oder seinen Freunden beachtet zu werden, wenn Sie wissentlich gegen die Neigungen aller handeln. Sie werden von jedermann, der mit ihm verbunden ist, getadelt, geringgeschätzt und verachtet werden. Ihre Verbindung wird eine Schande sein; Ihren Namen wird keiner von uns jemals auch nur nennen."

„Das sind schwere Unglücksfälle," erwiderte Elizabeth. „Aber die Frau des Herrn Darcy muß so außerordentliche Quellen des Glücks notwendig mit ihrer Stellung verbunden haben, daß sie im ganzen keinen Grund haben würde, sich zu beklagen."

„Halsstarriges, eigensinniges Mädchen! Ich schäme mich deiner! Ist dies dein Dank für meine Aufmerksamkeiten gegen dich im vorigen Frühling? Ist mir dafür gar nichts gebührend? Laß uns niedersitzen. Sie haben zu verstehen, Miß Bennet, daß ich mit dem entschiedenen Vorsatze hierhergekommen bin, meinen Zweck durchzusetzen; und ich werde mich davon nicht abbringen lassen. Ich bin nicht gewohnt, den Launen irgend jemand nachzugeben. Ich bin nicht gewohnt, eine Enttäuschung hinzunehmen."

„Das wird Eure Ladyschaft gegenwärtige Lage nur bemitleidenswerter machen; aber auf mich wird es keinen Einfluß haben."

„Ich will nicht unterbrochen werden! Hören Sie mich in Stille. Meine Tochter und mein Neffe sind für einander geschaffen. Sie stammen auf mütterlicher Seite von demselben edlen Geschlechte ab, und auf väterlicher Seite von angesehenen, ehrenwerten und alten, wenn auch nicht adeligen Familien. Ihr Vermögen ist auf beiden Seiten glänzend. Sie sind für einander bestimmt durch die Stimme jedes Gliedes ihrer beiderseitigen Häuser; und was soll sie trennen?—die emporgekommenen Anmaßungen eines jungen Frauenzimmers ohne Familie, ohne Verbindungen, ohne Vermögen! Soll dies ertragen werden? Aber es darf nicht, es soll nicht sein! Wenn Sie Ihres eigenen Besten eingedenk wären, würden Sie nicht wünschen, die Sphäre zu verlassen, in der Sie erzogen worden sind."

„Indem ich Ihren Neffen heirate, würde ich mich nicht als die Sphäre verlassend betrachten, in der ich erzogen worden bin. Er ist ein Edelmann; ich bin die Tochter eines Edelmannes; so weit sind wir gleich."

„Wahr. Sie sind die Tochter eines Edelmannes. Aber wer war Ihre Mutter? Wer sind Ihre Onkel und Tanten? Bilden Sie sich nicht ein, daß mir ihr Stand unbekannt sei."

„Was auch immer meine Verbindungen sein mögen," sagte Elizabeth, „wenn Ihr Neffe kein Bedenken dagegen trägt, so können sie Eure Ladyschaft gleichgültig sein."

„Sagen Sie mir, ein für allemal, sind Sie mit ihm verlobt?"

Obgleich Elizabeth nicht um der bloßen Gefälligkeit gegen Lady Catherine willen diese Frage beantwortet haben würde, konnte sie doch nach kurzer Überlegung nicht umhin, zu sagen:—

„Ich bin es nicht."

Lady Catherine schien erfreut.

„Und wollen Sie mir versprechen, niemals in eine solche Verlobung einzutreten?"

„Ich werde kein Versprechen der Art geben."

„Miß Bennet, ich bin erschrocken und erstaunt. Ich erwartete, ein vernünftigeres junges Mädchen zu finden. Aber täuschen Sie sich nicht in den Glauben, daß ich jemals weichen werde. Ich werde nicht eher fortgehen, bis Sie mir die Versicherung gegeben haben, die ich fordere."

„Und ich werde sie gewiß niemals geben. Ich lasse mich nicht zu etwas so völlig Unvernünftigem einschüchtern. Eure Ladyschaft wünschen, daß Herr Darcy Ihre Tochter heirate; aber würde mein Versprechen, das Sie wünschen, ihre Heirat im geringsten wahrscheinlicher machen? Angenommen, er sei mir zugetan, würde meine Weigerung, seine Hand anzunehmen, ihn bewegen, sie seiner Cousine zu reichen? Erlauben Sie mir, Lady Catherine, zu sagen, daß die Gründe, mit denen Sie diese außerordentliche Zumutung unterstützt haben, so nichtig gewesen sind wie die Zumutung selbst übel überlegt war. Sie haben meinen Charakter weit verkannt, wenn Sie glauben, daß ich durch solche Überredungen bearbeitet werden kann. Wie weit Ihr Neffe Ihre Einmischung in seine Angelegenheiten billigen würde, kann ich nicht sagen; aber Sie haben gewiß kein Recht, sich in die meinigen zu mischen. Ich muß Sie daher bitten, mich fernerhin in diesem Punkte nicht weiter zu behelligen."

„Nicht so eilig, wenn ich bitten darf. Ich bin bei weitem noch nicht zu Ende. Allen Einwendungen, die ich bereits vorgebracht habe, habe ich noch eine andere hinzuzufügen. Die Einzelheiten der schimpflichen Entführung Ihrer jüngsten Schwester sind mir kein Geheimnis. Ich weiß alles; daß die Heirat des jungen Mannes mit ihr eine zusammengeflickte Sache war, auf Kosten Ihres Vaters und Oheims. Und soll ein solches Mädchen die Schwester meines Neffen sein? Soll ihr Mann, der der Sohn des verstorbenen Verwalters seines Vaters ist, sein Bruder sein? Himmel und Erde!—woran denken Sie? Sollen die Schatten von Pemberley so entweiht werden?"

„Sie haben jetzt weiter nichts mehr zu sagen," versetzte sie erbittert. „Sie haben mich in jeder erdenklichen Weise beleidigt. Ich muß bitten, in das Haus zurückkehren zu dürfen."

Und sie stand auf, wie sie sprach. Lady Catherine stand ebenfalls auf, und sie kehrten um. Ihre Ladyschaft war aufs höchste erzürnt.

„Sie haben also keine Achtung vor der Ehre und dem Ansehen meines Neffen! Gefühlloses, selbstsüchtiges Mädchen! Bedenken Sie nicht, daß eine Verbindung mit Sie ihn in den Augen aller Leute entehren muß?"

„Lady Catherine, ich habe nichts weiter zu sagen. Sie kennen meine Gesinnungen."

„Sie sind also entschlossen, ihn zu haben?"

„Ich habe nichts dergleichen gesagt. Ich bin nur entschlossen, in der Weise zu handeln, die nach meiner eigenen Meinung mein Glück begründen wird, ohne Rücksicht auf Sie oder irgendeine Person, die so völlig ohne Verbindung mit mir ist."

„Es ist gut. Sie weigern sich also, mir gefällig zu sein. Sie weigern sich, den Forderungen der Pflicht, der Ehre und der Dankbarkeit zu gehorchen. Sie sind entschlossen, ihn in der Meinung aller seiner Freunde zu Grunde zu richten und ihn zum Gespött der Welt zu machen."

„Weder Pflicht noch Ehre noch Dankbarkeit,“ erwiderte Elizabeth, „kann in diesem Fall irgendeinen möglichen Anspruch an mich erheben. Kein Grundsatz von einem von beiden würde durch meine Heirat mit Mr. Darcy verletzt. Und was den Groll seiner Familie betrifft oder die Empörung der Welt: wenn jener durch seine Heirat mit mir erregt würde, so würde es mir nicht einen Augenblick Kummer bereiten — und die Welt im allgemeinen hätte zu viel Verstand, um in den Spott einzustimmen.“

„Und das ist Ihre wahre Meinung! Das ist Ihr endgültiger Entschluss! Sehr wohl. Ich werde nun wissen, wie ich zu handeln habe. Bilden Sie sich nicht ein, Miss Bennet, dass Ihre Ehrsucht jemals Befriedigung finden wird. Ich kam, um Sie zu prüfen. Ich hoffte, Sie vernünftig zu finden; aber verlassen Sie sich darauf, ich werde meinen Willen durchsetzen.“

Auf diese Weise fuhr Lady Catherine fort, bis sie an der Wagentür angelangt waren; da wandte sie sich hastig um und fügte hinzu:

„Ich nehme nicht Abschied von Ihnen, Miss Bennet. Ich bestelle keine Grüße an Ihre Mutter. Sie verdienen solche Aufmerksamkeit nicht. Ich bin aufs Ernstlichste ungehalten.“

Elizabeth gab keine Antwort; und ohne zu versuchen, ihre Ladyschaft zum Wiedereintritt ins Haus zu bewegen, ging sie selbst ruhig hinein. Sie hörte die Kutsche abfahren, als sie die Treppe hinaufging. Ihre Mutter kam ihr ungeduldig an der Tür ihres Ankleidezimmers entgegen, um zu fragen, warum Lady Catherine nicht wieder hereinkommen und sich ausruhen wolle.

„Sie wollte es nicht,“ sagte ihre Tochter; „sie wollte gehen.“

„Sie ist eine sehr gut aussehende Frau! Und ihr Besuch hier war überaus höflich! Denn sie kam, denke ich, nur, um uns zu sagen, dass die Collinses wohlauf sind. Sie ist irgendwo auf der Reise, wage ich zu behaupten; und so dachte sie auf dem Durchweg durch Meryton, sie könne ebenso gut bei Ihnen vorsprechen. Ich vermute, sie hatte Ihnen nichts Besonderes zu sagen, Lizzy?“

Elizabeth sah sich hier gezwungen, zu einer kleinen Unwahrheit ihre Zuflucht zu nehmen; denn den Inhalt ihrer Unterredung einzugestehen, war unmöglich.

FÜNFUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL.

Die Gemütsverstimmung, in die Elizabeth dieser außerordentliche Besuch versetzte, konnte nicht leicht überwunden werden; noch konnte sie sich viele Stunden lang abfinden, weniger als unablässig daran zu denken. Lady Catherine, so schien es, hatte sich tatsächlich die Mühe dieser Reise von Rosings allein zu dem Zweck gemacht, ihre vermeintliche Verlobung mit Mr. Darcy aufzulösen. Es war ein vernünftiger Plan, zugegeben! Aber woher das Gerücht von ihrer Verlobung entstanden sein könnte, darüber konnte sich Elizabeth keinen Reim machen; bis sie sich besann, dass sein vertrauter Freundschaft mit Bingley und ihrer Schwesterliebe zu Jane genügten, um in einer Zeit, da die Erwartung der einen Hochzeit alle Welt begierig nach einer anderen machte, jenen Gedanken hervorzurufen. Sie selbst hatte nicht vergessen, zu fühlen, dass die Heirat ihrer Schwester sie notwendig öfter zusammenführen müsse. Und ihre Nachbarn in Lucas Lodge also, (denn durch deren Verbindung mit den Collinses, so schloss sie, war das Gerücht zu Lady Catherine gedrungen,) hatten nur für fast gewiss und unmittelbar bevorstehend angesetzt, was sie selbst als zu irgendeiner künftigen Zeit möglich ins Auge gefasst hatte.

Beim Überdenken von Lady Catherines Äußerungen jedoch konnte sie umhin sein, einige Unruhe über die möglichen Folgen ihres Beharrens in dieser Einmischung zu empfinden. Nach dem, was diese über ihren Entschluss, die Heirat zu verhindern, gesagt hatte, kam es Elizabeth vor, dass sie eine Vorstellung bei ihrem Neffen müsse ins Werk setzen wollen; und wie er eine ähnliche Darstellung der Übel aufnehmen möchte, die mit einer Verbindung mit ihr verbunden seien, wagte sie nicht zu sagen. Sie kannte nicht genau den Grad seiner Zuneigung zu seiner Tante oder seiner Abhängigkeit von ihrem Urteil, doch war es natürlich vorauszusetzen, dass er weit höher von ihrer Ladyschaft dachte, als sie selbst es vermochte; und es war gewiss, dass sie beim Aufzählen der Leiden einer Heirat mit einer, deren nächste Verwandte so ungleich den seinen seien, ihn an seiner schwächsten Seite angreifen würde. Bei seinen Begriffen von Würde würde er wahrscheinlich empfinden, dass die Gründe, die Elizabeth schwach und lächerlich erschienen waren, viel guten Sinn und triftige Beweisführung enthielten.

Wenn er vorher, was oftmals wahrscheinlich geschienen hatte, geschwankt hatte, was er tun solle, so mochten Rat und Bitte einer so nahen Verwandten jeden Zweifel beheben und ihn sogleich bestimmen, so glücklich zu werden, wie ungetrübte Würde es zu bewirken vermochte. In diesem Falle würde er nicht wiederkommen. Lady Catherine mochte ihn auf ihrer Durchreise durch die Stadt sehen; und seine Bingley gegebene Zusage, wieder nach Netherfield zu kommen, musste zurückstehen.

„Wenn daher,“ fügte sie hinzu, „innerhalb weniger Tage eine Entschuldigung für die Nichteinhaltung seines Versprechens zu seinem Freunde gelangt, werde ich zu verstehen wissen, was das zu bedeuten hat. Ich werde dann jede Erwartung, jeden Wunsch nach seiner Beständigkeit aufgeben. Wenn er sich damit begnügt, mich nur zu bedauern, da er doch meine Zuneigung und meine Hand hätte erlangen können, werde ich bald aufhören, ihn überhaupt zu bedauern.“

Das Erstaunen der übrigen Familie, als sie hörte, wer ihr Besucher gewesen war, war sehr groß: doch sie halfen sich gefällig mit derselben Art von Vermutung darüber hinweg, die Mrs. Bennets Neugier beschwichtigt hatte; und so wurde Elizabeth vieles Necken über diesen Gegenstand erspart.

Am nächsten Morgen, als sie die Treppe hinunterging, kam ihr ihr Vater entgegen, der mit einem Briefe in der Hand aus seiner Bibliothek trat.

„Lizzy,“ sagte er, „ich wollte dich eben suchen: komm in mein Zimmer herein.“

Sie folgte ihm dorthin; und ihre Neugier zu erfahren, was er ihr mitzuteilen habe, wurde noch durch die Vermutung erhöht, dass es in irgendeiner Weise mit dem Briefe, den er in der Hand hielt, zusammenhänge. Plötzlich kam ihr der Gedanke, es könne von Lady Catherine sein, und sie sah mit Schrecken allen sich daraus ergebenden Erklärungen entgegen.

Sie folgte ihrem Vater zum Kamin, und sie setzten sich beide nieder. Dann sagte er:

„Ich habe heute morgen einen Brief erhalten, der mich aufs höchste in Erstaunen gesetzt hat. Da er hauptsächlich dich betrifft, solltest du seinen Inhalt kennen. Ich wusste bisher nicht, dass ich zwei Töchter am Rande des Ehestandes habe. Lass mich dir zu einer überaus wichtigen Eroberung Glück wünschen.“

Die Röte schoss nun in Elizabeths Wangen bei der augenblicklichen Überzeugung, dass es ein Brief vom Neffen sei, nicht von der Tante; und sie war ungewiss, ob sie sich mehr darüber freuen sollte, dass er sich überhaupt erklärte, oder darüber verletzt sein sollte, dass sein Brief nicht vielmehr an sie selbst gerichtet sei, als ihr Vater fortfuhr:

„Du siehst aus, als wüsstest du Bescheid. Junge Damen haben großen Scharfsinn in solchen Dingen; aber ich denke, ich darf es wagen, selbst deinem Spürsinn zu trotzen und den Namen deines Bewunderers zu erraten. Dieser Brief ist von Mr. Collins.“

„Von Mr. Collins! Und was kann er zu sagen haben?“

„Etwas, das natürlich sehr zur Sache gehört. Er beginnt mit Glückwünschen zur bevorstehenden Vermählung meiner ältesten Tochter, wovon er, wie sich zeigt, von einigen der gutmütigen, klatschsüchtigen Lucases in Kenntnis gesetzt worden ist. Ich will nicht mit deiner Ungeduld spielen, indem ich vorlese, was er darüber sagt. Was dich selbst angeht, lautet es folgendermaßen: ‚Nachdem ich Ihnen hiermit die aufrichtigen Glückwünsche von Mrs. Collins und mir zu diesem glücklichen Ereignis dargebracht habe, lassen Sie mich nun eine kurze Andeutung in betreff eines anderen hinzufügen, von dem uns dieselbe Quelle Kunde gegeben hat. Es wird vermutet, dass Ihre Tochter Elizabeth den Namen Bennet nicht mehr lange tragen wird, sobald ihre älteste Schwester ihn abgelegt hat; und der Auserwählte ihres Geschicks darf billigerweise als eine der angesehensten Personen dieses Landes angesehen werden.‘ Kannst du wohl raten, Lizzy, wer damit gemeint ist? ‚Dieser junge Herr ist in eigentümlicher Weise mit allem gesegnet, was das Herz eines Sterblichen am meisten begehren kann — glänzendem Besitz, edler Verwandtschaft und weitreichendem Einfluss. Doch ungeachtet all dieser Verlockungen lassen Sie mich meine Cousine Elizabeth und Sie selbst warnen, welchen Übeln Sie sich durch eine übereilte Annahme der Anträge dieses Herrn aussetzen möchten, wozu Sie natürlich ohne weiteres geneigt sein werden.‘ Hast du irgendeine Ahnung, Lizzy, wer dieser Herr ist? Aber nun kommt es heraus. ‚Mein Beweggrund, Sie zu warnen, ist folgender: Wir haben Grund zu der Annahme, dass seine Tante, Lady Catherine de Bourgh, der Verbindung nicht mit freundlichen Augen zusieht.‘ Mr. Darcy, siehst du, ist der Mann! Nun, Lizzy, ich glaube, ich habe dich überrascht. Hätten er oder die Lucases aus dem Kreise unserer Bekanntschaft irgendeinen Mann herausgreifen können, dessen Name augenfälliger dem widersprochen hätte, was sie berichteten? Mr. Darcy, der nie eine Frau ansieht, ohne einen Fehler an ihr zu entdecken, und der dich wahrscheinlich sein Lebtag nicht eines Blickes gewürdigt hat! Es ist bewundernswert!“

Elizabeth versuchte, in den Scherz ihres Vaters einzustimmen, vermochte aber nur ein höchst widerwilliges Lächeln hervorzubringen. Nie war sein Witz auf eine Weise gekehrt worden, die ihr so wenig angenehm war.

„Bist du nicht belustigt?“

„O ja. Bitte lies weiter.“

‚‚Nachdem ich Ihrer Ladyship gestern abend die Wahrscheinlichkeit dieser Heirat erwähnt hatte, sprach sie unverzüglich, in ihrer gewohnten Herablassung, aus, was sie bei dieser Gelegenheit empfand; als es offenbar wurde, dass sie wegen gewisser familiärer Bedenklichkeiten vonseiten meiner Cousine niemals ihre Einwilligung zu dem geben würde, was sie eine so schimpfliche Verbindung nannte. Ich hielt es für meine Pflicht, meiner Cousine auf dem schnellsten Wege hiervon Kenntnis zu geben, damit sie und ihr edler Verehrer wissen, was sie vorhaben, und nicht unbesonnen in eine Heirat hineinrennen, die nicht in gehöriger Weise gebilligt worden ist.“ Mr. Collins fügt außerdem hinzu: ‚Ich bin aufrichtig erfreut, dass die unglückselige Geschichte meiner Cousine Lydia so wohl verheimlicht worden ist, und bin nur darüber bekümmert, dass ihr Zusammenleben vor Eingehung der Ehe so allgemein bekannt geworden ist. Ich darf indessen die Pflichten meines Standes nicht vernachlässigen oder es mir versagen, mein Erstaunen darüber auszudrücken, dass Sie das junge Paar in Ihr Haus aufnahmen, sobald sie verheiratet waren. Es war eine Begünstigung des Lasters; und wäre ich der Pfarrer von Longbourn gewesen, so hätte ich mich mit aller Entschiedenheit widersetzt. Verzeihen müssen Sie ihnen gewiss als ein Christ; aber niemals in Ihre Nähe lassen, noch dulden, dass ihre Namen in Ihrer Gegenwart erwähnt werden.` Das ist seine Vorstellung von christlicher Vergebung! Der Rest seines Briefes handelt nur von seiner teuren Charlottes Lage und seiner Erwartung eines jungen Ölzweigs. Aber, Lizzy, du siehst aus, als machte es dir kein Vergnügen. Du wirst doch nicht geziert tun, hoffe ich, und so tun, als wärst du über ein nichtiges Gericht beleidigt. Wozu sind wir denn auf der Welt, als um unseren Nachbarn Unterhaltung zu bereiten und sie unsererseits zu belachen?“

„O,“ rief Elizabeth, „ich bin überaus belustigt. Aber es ist so seltsam!“

„Ja, das ist es ja gerade, was es so ergötzlich macht. Hätten sie irgendeinen anderen Mann ausersehen, so wäre es nichts gewesen; aber seine vollkommene Gleichgültigkeit und deine ausgesprochene Abneigung machen es so entzückend abgeschmackt! So sehr ich das Schreiben verabscheue, ich möchte Mr. Collins' Briefwechsel um keinen Preis missen. Ja, wenn ich einen seiner Briefe lese, kann ich nicht umhin, ihm sogar vor Wickham den Vorzug zu geben, so hoch ich auch die Unverschämtheit und Heuchelei meines Schwiegersohnes schätze. Und sage mir, Lizzy, was hat Lady Catherine zu diesem Gerücht gesagt? Kam sie her, um ihre Einwilligung zu verweigern?“

Auf diese Frage erwiderte seine Tochter nur mit einem Lachen; und da es ohne das geringste Argwohn gefragt worden war, war es ihr nicht peinlich, dass er es wiederholte. Elizabeth war nie mehr in Verlegenheit gewesen, ihre Gefühle erscheinen zu lassen, was sie nicht waren. Es war nötig zu lachen, wo sie lieber geweint hätte. Ihr Vater hatte sie auf das grausamste durch das, was er von Mr. Darcys Gleichgültigkeit sagte, beschämt; und sie konnte nichts tun, als sich über eine solche Kurzsichtigkeit zu wundern, oder zu fürchten, dass sie vielleicht, statt dass er zu wenig sähe, selbst zu viel vermutet habe.

SECH UNDFÜNFZIGSTES KAPITEL.

Statt irgendeinen solchen Entschuldigungsbrief von seinem Freunde zu erhalten, wie Elizabeth halb und halb von Mr. Bingley erwartet hatte, war dieser imstande, Darcy mit sich nach Longbourn zu bringen, ehe noch viele Tage nach Lady Catherines Besuch verstrichen waren. Die Herren langten früh an; und ehe Mrs. Bennet Zeit gehabt hatte, ihm zu erzählen, dass sie dessen Tante gesehen hätten — was ihre Tochter in steter Angst befürchtete — schlug Bingley, der mit Jane allein zu sein wünschte, vor, dass sie alle zusammen ausgehen möchten. Man einigte sich. Mrs. Bennet pflegte nicht zu Spaziergängen auszugehen, Mary konnte niemals Zeit erübrigen, doch machten sich die übrigen fünf zusammen auf den Weg. Bingley und Jane jedoch ließen bald die anderen hinter sich zurück. Sie blieben zurück, während Elizabeth, Kitty und Darcy einander unterhalten sollten. Es wurde von keinem viel gesagt; Kitty fürchtete sich zu sehr vor ihm, um zu sprechen; Elizabeth sann insgeheim über einen kühnen Entschluss nach; und vielleicht tat er das gleiche.

Sie gingen auf die Lucases zu, da Kitty Maria besuchen wollte; und da Elizabeth keinen Anlass sah, daraus eine allgemeine Angelegenheit zu machen, ging sie, als Kitty sie verließ, kühn mit ihm allein weiter. Jetzt war der Augenblick gekommen, ihren Entschluss auszuführen; und solange ihr Mut noch hoch stand, sagte sie sogleich:

„Mr. Darcy, ich bin ein sehr selbstsüchtiges Geschöpf, und um meinen eigenen Gefühlen Erleichterung zu verschaffen, frage ich nicht danach, wie sehr ich die Ihrigen verletzen möchte. Ich kann nicht länger umhin, Ihnen für Ihre beispiellose Güte gegen meine arme Schwester zu danken. Seit ich davon erfahren habe, bin ich aufs lebhafteste begierig gewesen, Ihnen gegenüber zu bekennen, wie dankbar ich dafür empfinde. Wäre es der übrigen Familie bekannt, so hätte ich nicht bloß meinen eigenen Dank auszudrücken.“

„Es tut mir leid, außerordentlich leid,“ erwiderte Darcy in einem Tone der Überraschung und Bewegung, „dass Sie jemals von dem in Kenntnis gesetzt worden sind, was Ihnen, in einem irrtümlichen Lichte gesehen, Unruhe verursacht haben mag. Ich hätte nicht gedacht, dass Mrs. Gardiner so wenig zuverlässig sei.“

„Sie dürfen meine Tante nicht tadeln. Lythens Gedankenlosigkeit verriet mir zuerst, dass Sie dabei beteiligt gewesen waren; und natürlich konnte ich nicht ruhen, bis ich die Einzelheiten kannte. Lassen Sie mich Ihnen im Namen meiner ganzen Familie nochmals und nochmals danken für das großmütige Mitgefühl, das Sie bewog, soviel Mühe auf sich zu nehmen und so viele Kränkungen zu erdulden, um sie ausfindig zu machen.“

„Wenn Sie mir danken wollen,“ erwiderte er, „so lassen Sie es für sich allein sein. Dass der Wunsch, Ihnen Glück zu bereiten, den übrigen Beweggründen, die mich leiteten, Nachdruck verleihen mochte, will ich nicht in Abrede stellen. Aber Ihre Familie schuldet mir nichts. So hoch ich sie achte, ich glaube, ich dachte nur an Sie allein.“

Elizabeth war viel zu verlegen, um ein Wort hervorzubringen. Nach einer kurzen Pause fügte ihr Begleiter hinzu: „Sie sind zu großmütig, um mit mir zu spielen. Wenn Ihre Gefühle noch dieselben sind wie im vorigen April, so sagen Sie es mir sogleich. Meine Zuneigung und meine Wünsche sind unverändert; aber ein Wort von Ihnen wird mich für immer über diesen Gegenstand zum Schweigen bringen.“

Elizabeth, die mehr als die gewöhnliche Verlegenheit und Bangigkeit seiner Lage fühlte, zwang sich jetzt zu sprechen; und sofort, wenn auch nicht gerade sehr fließend, gab sie ihm zu verstehen, dass ihre Empfindungen seit dem Zeitpunkte, auf den er anspielte, eine so wesentliche Wandlung erfahren hätten, dass sie mit Dankbarkeit und Freude seine gegenwärtigen Versicherungen entgegennehme. Das Glück, das diese Antwort hervorrief, war ein solches, wie er es wahrscheinlich nie zuvor empfunden hatte; und er drückte sich bei dieser Gelegenheit so verständig und so warm aus, wie ein Mann, der heftig verliebt ist, es nur tun kann. Hätte Elizabeth seinen Augen standhalten können, so hätte sie gesehen, wie gut der Ausdruck innigster Wonne, der sich über sein Gesicht verbreitete, ihm stand; aber obgleich sie nicht hinsehen konnte, so konnte sie doch zuhören; und er sagte ihr von Empfindungen, die, indem sie bewiesen, wie viel er an ihr gelegen sei, seine Zuneigung jeden Augenblick wertvoller machten.

Sie gingen weiter, ohne zu wissen, in welcher Richtung. Es war zu vieles zu denken, zu fühlen und zu sagen vorhanden, als dass sie auf andere Gegenstände hätten achten können. Sie erfuhr bald, dass sie ihr gegenwärtiges gutes Einvernehmen den Bemühungen seiner Tante verdankten, die ihn auf ihrer Rückreise durch London wirklich aufsuchte und ihm dort ihre Fahrt nach Longbourn, deren Beweggrund und den wesentlichen Inhalt ihrer Unterredung mit Elizabeth erzählte; wobei sie nachdrücklich bei jeder Äußerung der letzteren verweilte, die, nach ihrer Ladyships Auffassung, in besonderer Weise deren Eigensinn und Keckheit bezeichnete, in dem Glauben, dass eine solche Schilderung ihr Vorhaben unterstützen müsse, von ihrem Neffen jenes Versprechen zu erlangen, das sie selbst zu geben sich geweigert hatte. Aber unglücklicherweise für ihre Ladyship war die Wirkung genau die entgegengesetzte gewesen.

„Es lehrte mich hoffen,“ sagte er, „wie ich mir kaum je zuvor erlaubt hatte zu hoffen. Ich kannte Ihre Gemütsart genug, um gewiss zu sein, dass Sie, hätten Sie sich unbedingt und unwiderruflich gegen mich entschieden, dies Lady Catherine offen und unverhohlen eingestanden haben würden.“

Elizabeth errötete und lachte, als sie erwiderte: „Ja, Sie kennen meine Offenheit gut genug, um mich dessen für fähig zu halten. Nachdem ich Sie so abscheulich ins Gesicht hinein gescholten hatte, würde ich kein Bedenken getragen haben, Sie bei allen Ihren Verwandten zu verleumden.“

„Was haben Sie von mir gesagt, das ich nicht verdient hätte? Denn wenn auch Ihre Beschuldigungen unhaltbar waren und auf irrigen Voraussetzungen beruhten, so hatte doch mein Benehmen gegen Sie zu jener Zeit die strengste Rüge verdient. Es war unverzeihlich. Ich kann nicht daran denken, ohne Abscheu zu empfinden.“

„Wir wollen uns nicht streiten, wer den größeren Anteil an der Schuld jenes Abends trägt,“ sagte Elizabeth. „Das Verhalten keines von uns, wenn man es streng prüft, wird tadellos sein; aber seitdem sind wir, hoffe ich, beide an Höflichkeit fortgeschritten.“

„Ich kann mich mit mir selbst nicht so leicht aussöhnen. Die Erinnerung an das, was ich damals sagte, an mein Betragen, meine Manieren, meine Reden während des ganzen Abends, ist mir jetzt und ist mir schon seit vielen Monaten unaussprechlich peinlich. Ihren so wohl angebrachten Verweis werde ich nie vergessen: ‚Hätten Sie sich in einer mehr gentlemanmäßigen Weise betragen.` Das waren Ihre Worte. Sie wissen nicht, Sie können sich kaum vorstellen, wie sie mich gequält haben; obwohl es, ich gestehe es, einige Zeit dauerte, ehe ich vernünftig genug war, ihre Gerechtigkeit einzusehen.“

„Ich war gewiss weit davon entfernt, zu erwarten, dass sie einen so tiefen Eindruck machen würden. Ich hatte nicht die mindeste Ahnung davon, dass sie je in solcher Weise empfunden werden könnten.“

„Ich kann es mir leicht vorstellen. Sie dachten damals gewiss, dass ich jedes rechten Gefühls bar sei. Der Ausdruck Ihres Gesichts wird mir unvergeesslich sein, als Sie sagten, ich hätte Sie unmöglich in irgendeiner Weise ansprechen können, die Sie bewegen könnte, mich anzunehmen.“

„O, wiederholen Sie nicht, was ich damals sagte. Diese Erinnerungen taugen gar nichts. Ich versichere Ihnen, dass es mich schon lange aufs innigste gereut hat und beschämt hat, mein Lebtag nicht eines Blickes gewürdigt zu haben! Es ist bewundernswert!“

Darcy erwähnte seinen Brief. „Hat er,“ sagte er, — „hat er Sie bald besser von mir denken lassen? Haben Sie ihm beim Lesen irgendeinen Glauben beigemessen?“

Sie erklärte ihm, welche Wirkung er auf sie ausgeübt hatte, und wie nach und nach alle ihre früheren Vorurteile beseitigt worden seien.

„Ich wusste,“ sagte er, „was ich schrieb, musste Ihnen Schmerz verursachen, aber es war notwendig. Ich hoffe, Sie haben den Brief vernichtet. Es war besonders ein Teil, sein Anfang, weshalb ich fürchten müsste, dass Sie die Macht hätten, ihn wieder zu lesen. Ich kann mich einiger Ausdrücke erinnern, die mich mit Recht bei Ihnen verhasst machen könnten. Ihr Tadel, so wohl angebracht, wird mir unvergeesslich sein: ‚Hätten Sie sich in einer mehr gentlemanmäßigen Weise betragen.` Das waren Ihre Worte. Sie wissen nicht, Sie können sich kaum vorstellen, wie sie mich gequält haben; obwohl es, ich gestehe es, einige Zeit dauerte, ehe ich vernünftig genug war, ihre Gerechtigkeit einzusehen.

„Ich war gewiss weit davon entfernt, zu erwarten, dass sie einen so tiefen Eindruck machen würden. Ich hatte nicht die mindeste Ahnung davon, dass sie je in solcher Weise empfunden werden könnten.

„Ich kann es mir leicht vorstellen. Sie dachten damals gewiss, dass ich jedes rechten Gefühls bar sei. Der Ausdruck Ihres Gesichts wird mir unvergeesslich sein, als Sie sagten, ich hätte Sie unmöglich in irgendeiner Weise ansprechen können, die Sie bewegen könnte, mich anzunehmen.

„O, wiederholen Sie nicht, was ich damals sagte. Diese Erinnerungen taugen gar nichts. Ich versichere Ihnen, dass es mich schon lange aufs innigste gereut hat.

Darcy erwähnte seinen Brief. „Hat er,“ sagte er, — „hat er Sie bald besser von mir denken lassen? Haben Sie ihm beim Lesen irgendeinen Glauben beigemessen?“

Sie erklärte ihm, welche Wirkung er auf sie ausgeübt hatte, und wie nach und nach alle ihre früheren Vorurteile beseitigt worden seien.

„Ich wusste,“ sagte er, „was ich schrieb, musste Ihnen Schmerz verursachen, aber es war notwendig. Ich hoffe, Sie haben den Brief vernichtet. Es war besonders ein Teil, sein Anfang, weshalb ich fürchten müsste, dass Sie die Macht hätten, ihn wieder zu lesen. Ich kann mich einiger Ausdrücke erinnern, die mich mit Recht bei Ihnen verhasst machen könnten.

„Der Brief soll gewiss verbrannt werden, wenn Sie es für wesentlich zur Erhaltung meiner Achtung halten; aber obgleich wir beide Grund haben zu glauben, dass meine Meinungen nicht ganz unveränderlich sind, so sind sie doch, hoffe ich, nicht so leicht zu ändern, wie das voraussetzt.

„Als ich jenen Brief schrieb,“ erwiderte Darcy, „glaubte ich mich vollkommen ruhig und kalt; doch bin ich seitdem überzeugt, dass er in einer schrecklichen Bitterkeit des Geistes geschrieben wurde.

„Der Brief begann vielleicht in Bitterkeit, aber er endete nicht so. Der Abschied ist reine Güte. Aber denken Sie nicht weiter an den Brief. Die Empfindungen dessen, der ihn schrieb, und dessen, der ihn empfing, sind jetzt so weit verschieden von dem, was sie damals waren, dass jeder unangenehme Umstand, der ihn begleitet, vergessen werden sollte. Sie müssen etwas von meiner Philosophie lernen. Denken Sie an die Vergangenheit nur, soweit ihre Erinnerung Ihnen Vergnügen gewährt.“

„Ich kann Ihnen keine Philosophie dieser Art zuschreiben. Ihre Rückblicke müssen so völlig ohne Vorwurf sein, dass die Zufriedenheit, die aus ihnen erwächst, nicht von der Philosophie kommt, sondern, was weit besser ist, von der Unwissenheit. Bei mir jedoch ist es nicht so. Schmerzliche Erinnerungen drängen sich auf, welche nicht, welche nicht zurückgewiesen werden dürfen. Ich bin mein ganzes Leben lang ein selbstsüchtiges Wesen gewesen, in der Praxis, wenn auch nicht im Grundsatz. Als Kind wurde ich gelehrt, was recht war, aber ich wurde nicht gelehrt, meinen Charakter zu bessern. Man gab mir gute Grundsätze, doch überließ man mich ihnen in Stolz und Einbildung. Unglücklicherweise als einziger Sohn – viele Jahre hindurch einziges Kind – wurde ich von meinen Eltern verwöhnt, die, obwohl selbst gut – mein Vater insbesondere, alles, was gütig und liebenswürdig war –, mir erlaubten, mich ermutigten, mich fast dazu erzogen, selbstsüchtig und anmaßend zu sein, für niemanden außerhalb meines eigenen Familienkreises zu sorgen, gering von der ganzen übrigen Welt zu denken, zumindest gering von ihrem Verstand und Wert im Vergleich mit meinem eigenen zu denken. Solch ein Mensch war ich vom achten bis zum achtundzwanzigsten; und solch ein Mensch wäre ich vielleicht noch immer, wenn nicht Sie, teuerste, lieblichste Elizabeth, gewesen wären! Was schulde ich Ihnen nicht alles! Sie erteilten mir eine Lehre, die anfangs hart war, aber überaus heilsam. Durch Sie wurde ich gründlich gedemütigt. Ich kam zu Ihnen ohne Zweifel an meiner Aufnahme. Sie zeigten mir, wie unzulänglich all meine Anmaßungen waren, um einer Frau zu gefallen, die es wert war, gefällig zu sein."

„Hatten Sie sich denn eingeredet, ich sollte es sein?"

„Wahrhaftig, das hatte ich. Was werden Sie von meiner Eitelkeit denken? Ich glaubte, Sie wünschten meine Bewerbung, erwarteten sie sogar."

„Dann muss mein Benehmen fehlerhaft gewesen sein, doch nicht absichtlich, das versichere ich Ihnen. Ich habe nie vorgehabt, Sie zu täuschen, aber meine Laune mochte mich oft in die Irre führen. Wie müssen Sie mich nach jenem Abend gehasst haben!"

„Hassen! Ich war vielleicht anfangs erzürnt, doch bald nahm mein Zorn eine angemessene Richtung."

„Ich fürchte mich fast zu fragen, was Sie von mir dachten, als wir uns in Pemberley begegneten. Tadelten Sie mich dafür, dass ich kam?"

„Nein, gewiss nicht, ich empfand nichts als Überraschung."

„Ihre Überraschung konnte nicht größer sein als die meine, von Ihnen beachtet zu werden. Mein Gewissen sagte mir, dass ich keine außerordentliche Höflichkeit verdiente, und ich gestehe, dass ich nicht mehr als mein Recht erwartete."

„Mein Bestreben war es damals", erwiderte Darcy, „Ihnen durch jede Höflichkeit, die in meiner Macht stand, zu zeigen, dass ich nicht so niedrig war, die Vergangenheit nachzutragen; und ich hoffte, Ihre Verzeihung zu erlangen, Ihre ungünstige Meinung zu mildern, indem ich Sie sehen ließ, dass Ihre Vorhaltungen nicht unbeachtet geblieben waren. Wie bald sich andere Wünsche einstellten, kann ich kaum sagen, doch ich glaube, etwa eine halbe Stunde, nachdem ich Sie gesehen hatte."

Dann erzählte er ihr von Georgianas Freude über ihre Bekanntschaft und von deren Enttäuschung über deren plötzliche Unterbrechung; was naturgemäß zur Ursache dieser Unterbrechung führte, und so erfuhr sie bald, dass sein Entschluss, ihr von Derbyshire zu folgen, um ihre Schwester zu suchen, bereits gefasst war, bevor er das Gasthaus verließ, und dass sein Ernst und seine Nachdenklichkeit dort aus keinen anderen Kämpfen entsprangen als denen, die ein solcher Vorsatz notwendig einschließen musste.

Sie sprach erneut ihren Dank aus, doch es war ein zu schmerzliches Thema für beide, um weiter dabei zu verweilen.

Nachdem sie mehrere Meilen in gemächlichem Schritt gewandert waren und zu beschäftigt, um auf etwas anderes zu achten, fanden sie endlich beim Blick auf ihre Uhren, dass es Zeit sei, nach Hause zu gehen.

„Was mag aus Mr. Bingley und Jane geworden sein?" war eine Frage, die das Gespräch auf ihre Angelegenheiten brachte. Darcy war über die Verlobung entzückt; sein Freund hatte ihn als Ersten davon unterrichtet.

„Ich muss fragen, ob Sie überrascht waren", sagte Elizabeth.

„Keineswegs. Als ich fortging, spürte ich, dass es bald geschehen würde."

„Das heißt, Sie hatten Ihre Erlaubnis gegeben. So viel hatte ich erraten." Und obwohl er gegen das Wort einwandte, fand sie, dass es im Wesentlichen so gewesen war.

„Am Abend vor meiner Reise nach London", sagte er, „machte ich ihm ein Geständnis, das ich, wie ich glaube, längst hätte ablegen sollen. Ich erzählte ihm alles, was meine frühere Einmischung in seine Angelegenheiten als lächerlich und unverschämt erwiesen hatte. Sein Erstaunen war groß. Er hatte nie den geringsten Verdacht gehabt. Ich sagte ihm überdies, dass ich mich irrte, wenn ich, wie ich es getan hatte, annahm, Ihre Schwester sei ihm gleichgültig; und da ich leicht erkennen konnte, dass seine Neigung zu ihr unvermindert war, hegte ich keinen Zweifel an ihrem gemeinsamen Glück."

Elizabeth musste bei seiner ungezwungenen Art, seinen Freund zu lenken, unwillkürlich lächeln.

„Sprachen Sie aus eigener Beobachtung", sagte sie, „als Sie ihm sagten, meine Schwester liebe ihn, oder nur auf Grund meiner Mitteilung im vergangenen Frühjahr?"

„Aus eigener. Ich hatte sie bei meinen beiden letzten Besuchen hier scharf beobachtet; und ich war von ihrer Zuneigung überzeugt."

„Und Ihre Versicherung überzeugte ihn wohl sogleich."

„Gewiss. Bingley ist von einer unverstelltesten Bescheidenheit. Seine Schüchternheit hatte ihn davon abgehalten, sich in einem so bedeutsamen Fall auf sein eigenes Urteil zu verlassen, aber sein Vertrauen auf meines machte alles leicht. Ich musste jedoch eine Sache eingestehen, die ihn für einige Zeit, und nicht ohne Grund, verletzte. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, zu verschweigen, dass Ihre Schwester den vergangenen Winter drei Monate in London gewesen war, dass ich es gewusst und es absichtlich vor ihm verborgen hatte. Er war zornig. Doch sein Zorn dauerte, dessen bin ich gewiss, nicht länger, als er noch im Zweifel über die Empfindungen Ihrer Schwester war. Er hat mir nun von Herzen verziehen."

Elizabeth verspürte den Wunsch anzumerken, dass Mr. Bingley ein überaus reizender Freund gewesen sei; so leicht zu lenken, dass sein Wert unschätzbar sei; doch sie hielt sich zurück. Sie erinnerte sich, dass er noch lernen müsse, sich verspotten zu lassen, und es war ein wenig zu früh, damit zu beginnen. In der Vorfreude auf Bingleys Glück, das natürlich nur dem seinen nachstehen sollte, setzte er das Gespräch fort, bis sie das Haus erreichten. In der Halle trennten sie sich.

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FÜNFUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL.

„Meine liebe Lizzy, wo kannst du nur spazieren gewesen sein?" war die Frage, die Elizabeth von Jane empfing, sobald sie das Zimmer betrat, und von allen anderen, als sie sich zu Tisch setzten. Sie hatte nur zur Antwort, dass sie umhergewandert seien, bis sie selbst die Orientierung verloren habe. Sie errötete beim Sprechen; doch weder das noch irgendetwas sonst erweckte einen Verdacht hinsichtlich der Wahrheit.

Der Abend verlief ruhig, ohne bemerkenswerte Vorfälle. Die anerkannten Liebenden sprachen und lachten; die nicht anerkannten schwiegen. Darcy war nicht von einer Veranlagung, in der das Glück in Fröhlichkeit überströmt; und Elizabeth, aufgeregt und verwirrt, wusste eher, dass sie glücklich war, als dass sie es empfand; denn neben der unmittelbaren Verlegenheit standen ihr andere Übel bevor. Sie ahnte voraus, was in der Familie empfunden werden würde, sobald ihre Lage bekannt würde: sie war sich bewusst, dass ihn niemand außer Jane mochte; und fürchtete sogar, dass es bei den anderen eine Abneigung war, die nicht all sein Reichtum und seine Bedeutung auszulöschen vermöchten.

Nachts eröffnete sie Jane ihr Herz. Obwohl Argwohn Miss Bennets allgemeiner Wesensart völlig fernlag, war sie hier schlechthin ungläubig.

„Du machst Scherze, Lizzy. Das kann nicht sein! Mit Mr. Darcy verlobt! Nein, nein, du sollst mich nicht täuschen: ich weiß, dass es unmöglich ist."

„Das ist wahrlich ein elender Anfang! Mein einziger Halt war bei dir; und ich bin sicher, dass niemand sonst mir glauben wird, wenn du es nicht tust. Doch wahrhaftig, ich meine es ernst. Ich sage nichts als die Wahrheit. Er liebt mich noch immer, und wir sind verlobt."

Jane sah sie zweifelnd an. „Oh, Lizzy! es kann nicht sein. Ich weiß, wie sehr du ihn verabscheust."

„Du weißt nichts von der Sache. Das alles soll vergessen sein. Vielleicht habe ich ihn nicht immer so geliebt, wie ich es jetzt tue; doch in solchen Fällen wie diesen ist ein gutes Gedächtnis unverzeihlich. Dies ist das letzte Mal, dass ich selbst mir dessen erinnere."

Miss Bennet blickte noch immer völlig bestürzt. Elizabeth versicherte ihr erneut, und nun mit größerem Ernst, die Wahrheit.

„Gütiger Himmel! kann es wirklich so sein? Doch nun muss ich dir glauben", rief Jane. „Meine liebe, liebe Lizzy, ich würde, ich beglückwünsche dich ja; aber bist du sicher – vergib die Frage – bist du ganz sicher, dass du mit ihm glücklich sein kannst?"

„Daran kann kein Zweifel sein. Wir haben bereits untereinander beschlossen, dass wir das glücklichste Paar der Welt sein werden. Aber freust du dich, Jane? Wirst du gern einen solchen Bruder haben?"

„Sehr, sehr. Nichts könnte Bingley oder mir größere Freude bereiten. Doch wir hielten es für unmöglich, wir sprachen davon als unmöglich. Und liebst du ihn wirklich gut genug? Oh, Lizzy! tu alles, nur nicht ohne Zuneigung heiraten. Bist du ganz sicher, dass du empfindest, was du empfinden solltest?"

„Oh, ja! Du wirst nur glauben, ich empfinde mehr, als ich sollte, wenn ich dir alles erzähle."

„Was meinst du?"

„Nun, ich muss gestehen, dass ich ihn mehr liebe als Bingley. Ich fürchte, du wirst böse werden."

„Meine teuerste Schwester, sei nun, sei ernst. Ich möchte sehr ernst sprechen. Lass mich alles wissen, was ich wissen soll, ohne Aufschub. Willst du mir sagen, wie lange du ihn schon liebst?"

„Es ist so allmählich gekommen, dass ich kaum weiß, wann es begann; doch ich glaube, ich muss es von dem ersten Anblick seiner wunderschönen Anlagen in Pemberley an datieren."

Eine weitere Bitte, sie möge doch ernst sein, hatte jedoch die gewünschte Wirkung; und sie beruhigte Jane bald durch ihre feierlichen Versicherungen ihrer Zuneigung. Als Jane in diesem Punkt überzeugt war, hatte sie nichts weiter zu wünschen.

„Nun bin ich ganz glücklich", sagte sie, „denn du wirst ebenso glücklich sein wie ich. Ich habe ihn immer geschätzt. Wäre es auch nur um seiner Liebe zu dir willen, hätte ich ihn stets hochachten müssen; doch nun, als Bingleys Freund und dein Gatte, können mir nur Bingley und du selbst teurer sein. Aber, Lizzy, du bist sehr schlau gewesen, sehr verschlossen mir gegenüber. Wie wenig hast du mir von dem erzählt, was in Pemberley und Lambton geschah! Alles, was ich davon weiß, verdanke ich einem anderen, nicht dir."

Elizabeth erklärte ihr die Beweggründe ihres Schweigens. Sie hatte Bingleys Namen nicht erwähnen wollen; und der ungeklärte Zustand ihrer eigenen Gefühle hatte sie den Namen seines Freundes ebenso vermeiden lassen; doch nun wollte sie ihr dessen Anteil an Lydias Heirat nicht länger verbergen. Alles wurde eingestanden, und die halbe Nacht mit Gesprächen verbracht.

„Du meine Güte!" rief Mrs. Bennet, als sie am nächsten Morgen am Fenster stand, „wenn dieser unausstehliche Mr. Darcy nicht schon wieder mit unserem lieben Bingley hierherkommt! Was soll das bedeuten, dass er so lästig ist und immer wieder hier erscheint? Ich dachte, er würde auf die Jagd gehen oder dergleichen, und uns nicht mit seiner Gesellschaft belästigen. Was sollen wir nur mit ihm anfangen? Lizzy, du musst wieder mit ihm spazieren gehen, damit er Bingley nicht im Wege ist."

Elizabeth konnte sich bei einem so bequemen Vorschlag kaum des Lachens erwehren; doch war sie wirklich verärgert, dass ihre Mutter ihm stets ein solches Beiwort gab.

Sobald sie eintraten, sah Bingley sie so ausdrucksvoll an und drückte ihr die Hand mit solcher Wärme, dass kein Zweifel an seiner guten Kunde blieb; und kurz darauf sagte er laut: „Mrs. Bennet, haben Sie hier in der Nähe keine weiteren Wege, auf denen Lizzy sich auch heute wieder verlaufen könnte?"

„Ich rate Mr. Darcy und Lizzy und Kitty", sagte Mrs. Bennet, „heute Morgen nach Oakham Mount zu gehen. Es ist ein hübscher langer Spaziergang, und Mr. Darcy hat die Aussicht noch nie gesehen."

„Für die anderen mag das gehen", erwiderte Mr. Bingley; „aber für Kitty wird es sicher zu viel sein. Nicht wahr, Kitty?"

Kitty gab zu, dass sie lieber zu Hause bleiben wolle. Darcy bekundete große Neugier, die Aussicht vom Mount zu sehen, und Elizabeth willigte schweigend ein. Als sie nach oben ging, um sich fertig zu machen, folgte ihr Mrs. Bennet und sagte:

„Es tut mir sehr leid, Lizzy, dass du gezwungen sein sollst, diesen unausstehlichen Mann ganz für dich allein zu haben; doch ich hoffe, es macht dir nichts aus. Es geschieht ja alles für Jane, weißt du; und es besteht keine Notwendigkeit, mit ihm zu sprechen, außer hier und da einmal; tu dir also keine Ungelegenheit an."

Während ihres Spaziergangs wurde beschlossen, dass Mr. Bennets Einwilligung im Laufe des Abends eingeholt werden solle: Elizabeth behielt sich vor, bei der Mutter selbst vorzusprechen. Sie konnte sich nicht ausmalen, wie ihre Mutter es aufnehmen würde; manchmal zweifelte sie, ob all sein Reichtum und seine Größe ausreichten, um ihren Abscheu gegen den Mann zu überwinden; doch ob sie nun heftig gegen die Verbindung eingestellt oder heftig darüber entzückt sein würde, gewiss war, dass ihr Benehmen gleichermaßen wenig geeignet sein würde, ihrem Verstand Ehre zu machen; und sie konnte es ebensowenig ertragen, dass Mr. Darcy die ersten Ausbrüche ihrer Freude vernahm wie die erste Heftigkeit ihrer Missbilligung.

Am Abend, kurz nachdem Mr. Bennet sich in die Bibliothek zurückgezogen hatte, sah sie, wie Mr. Darcy ebenfalls aufstand und ihm folgte, und ihre Aufregung beim Anblick dessen war äußerst. Sie fürchtete nicht den Widerspruch ihres Vaters, doch er würde unglücklich gemacht werden, und das durch ihre Schuld; dass sie, sein Lieblingskind, ihn durch ihre Wahl betrüben, ihn mit Sorgen und Reue erfüllen sollte, wenn er sie verheiratete, war ein elender Gedanke, und sie saß in Qual, bis Mr. Darcy wieder erschien, worauf sie bei seinem Lächeln ein wenig Erleichterung empfand. In wenigen Minuten trat er an den Tisch, wo sie mit Kitty saß; und, während er so tat, als bewundere er ihre Arbeit, flüsterte er: „Geh zu deinem Vater; er wünscht dich in der Bibliothek." Sie ging sogleich.

Ihr Vater ging im Zimmer auf und ab und sah ernst und besorgt aus. „Lizzy", sagte er, „was tust du? Bist du von Sinnen, diesen Mann zu nehmen? Hast du ihn nicht immer gehasst?"

Wie sehnlich wünschte sie in diesem Augenblick, ihre früheren Meinungen wären vernünftiger gewesen, ihre Äußerungen maßvoller! Es hätte ihr Erklärungen und Beteuerungen erspart, die überaus peinlich abzugeben waren; doch sie waren nun notwendig, und sie versicherte ihm, mit einiger Verwirrung, ihre Zuneigung zu Mr. Darcy.

„Oder mit anderen Worten, du bist entschlossen, ihn zu nehmen. Er ist reich, freilich, und du magst mehr schöne Kleider und schöne Wagen haben als Jane. Aber werden sie dich glücklich machen?"

„Hast du einen anderen Einwand", sagte Elizabeth, „als deinen Glauben an meine Gleichgültigkeit?"

„Keinen einzigen. Wir alle wissen, dass er ein stolzer, unangenehmer Mensch ist; doch das wäre nichts, wenn du ihn wirklich möchtest."

„Ich mag ihn, ich mag ihn", erwiderte sie mit Tränen in den Augen; „ich liebe ihn. Wahrhaftig, er hat keinen ungebührlichen Stolz. Er ist überaus liebenswürdig. Du weißt nicht, wie er wirklich ist; also bitte quäle mich nicht, indem du in solchen Worten von ihm sprichst."

„Lizzy", sagte ihr Vater, „ich habe ihm meine Einwilligung gegeben. Er ist genau der Mensch, dem ich niemals etwas abzuschlagen wagen würde, das er herabzulassen geruhte, mich zu bitten. Ich erteile sie nun dir, wenn du fest entschlossen bist, ihn zu nehmen. Doch lass mich dir raten, es dir noch einmal zu überlegen. Ich kenne dein Wesen, Lizzy. Ich weiß, dass du weder glücklich noch geachtet sein könntest, wenn du deinen Gatten nicht wirklich achtest, wenn du nicht zu ihm aufsähest als zu einem Höheren. Deine lebhaften Anlagen würden dich bei einer ungleichen Ehe in die größte Gefahr bringen. Du würdest kaum Schande und Elend entgehen. Mein Kind, erspare mir den Kummer, dich außerstande zu sehen, deinen Lebensgefährten zu achten. Du weißt nicht, was du tust."

Elizabeth, noch mehr ergriffen, erwiderte eindringlich und feierlich; und schließlich, durch wiederholte Versicherungen, dass Mr. Darcy wirklich der Gegenstand ihrer Wahl sei, indem sie den allmählichen Wandel darlegte, den ihre Wertschätzung ihm gegenüber erfahren hatte, ihre unumstößliche Gewissheit äußerte, dass seine Neigung nicht das Werk eines Tages sei, sondern die Prüfung vieler Monate der Ungewissheit bestanden habe, und mit Nachdruck alle seine guten Eigenschaften aufzählte, besiegte sie den Unglauben ihres Vaters und versöhnte ihn mit der Verbindung.

„Nun, meine Liebe", sagte er, als sie geendet hatte, „ich habe nichts weiter zu sagen. Wenn es sich so verhält, hat er dich verdient. Ich hätte dich, meine Lizzy, an niemand Geringeren hingegeben."

Um den günstigen Eindruck zu vollenden, erzählte sie ihm sodann, was Mr. Darcy freiwillig für Lydia getan hatte. Er hörte ihr mit Erstaunen zu.

„Das ist wahrlich ein Abend der Wunder! Und so hat Darcy alles getan; die Heirat eingefädelt, das Geld gegeben, die Schulden des Burschen bezahlt und ihm die Offiziersstelle verschafft! Umso besser. Das erspart mir eine Welt voll Mühe und Sparsamkeit. Wäre es das Werk deines Onkels gewesen, hätte ich ihm zahlen müssen und würde es auch getan haben; aber diese heftigen jungen Liebhaber setzen alles auf ihre Weise durch. Ich werde ihm morgen anbieten, ihn zu bezahlen; er wird toben und schelten wegen seiner Liebe zu dir, und damit ist die Sache erledigt."

Dann erinnerte er sich ihrer Verlegenheit vor wenigen Tagen, als er Mr. Collins' Brief vorgelesen hatte; und nachdem er sie eine Weile verspottet hatte, ließ er sie endlich gehen und sagte, als sie das Zimmer verließ: „Wenn junge Männer wegen Mary oder Kitty kommen, schick sie herein, denn ich bin vollkommen unbeschäftigt."

Elizabeth war nun von einer sehr schweren Last befreit; und nach einer halben Stunde stiller Betrachtung in ihrem Zimmer vermochte sie sich mit leidlicher Fassung zu den anderen zu gesellen. Alles war noch zu neu für Fröhlichkeit, doch der Abend verlief ruhig; es gab nichts Wesentliches mehr zu fürchten, und der Trost der Leichtigkeit und Vertrautheit würde mit der Zeit einkehren.

Als ihre Mutter nachts in ihr Ankleidezimmer ging, folgte sie ihr und machte die wichtige Mitteilung. Deren Wirkung war höchst ungewöhnlich; denn beim ersten Hören saß Mrs. Bennet ganz still und brachte kein Wort hervor. Und es bedurfte vieler, vieler Minuten, bis sie erfassen konnte, was sie vernommen hatte, obwohl sie im Allgemeinen nicht säumig war, dem zu glauben, was dem Vorteil ihrer Familie diente oder in Gestalt eines Liebhabers einer von ihnen nahte. Allmählich begann sie sich zu fassen, in ihrem Stuhl hin und her zu rücken, aufzustehen, sich wieder zu setzen, zu staunen und sich zu segnen.

„Du meine Güte! Herr, hab Gnade! denkt nur! ach, du meine! Mr. Darcy! Wer hätte das gedacht? Und ist es wirklich wahr? Oh, meine süßeste Lizzy! wie reich und wie groß du sein wirst! Welches Nadelgeld, welche Juwelen, welche Wagen wirst du haben! Janes ist nichts dagegen – gar nichts. Ich bin so entzückt – so glücklich. Ein solch bezaubernder Mann! so stattlich! so groß! Oh, meine liebe Lizzy! bitte entschuldige, dass ich ihn vorher so sehr gemocht habe – ich meine, so sehr nicht gemocht habe. Ich hoffe, er wird es übersehen. Liebe, liebe Lizzy. Ein Haus in der Stadt! Alles, was bezaubernd ist! Drei Töchter verheiratet! Zehntausend im Jahr! Oh, Herr! was soll aus mir werden? Ich werde noch verrückt."

Dies genügte, um zu beweisen, dass an ihrer Zustimmung nicht zu zweifeln war; und Elizabeth, froh, dass dieser Erguss nur von ihr vernommen wurde, ging bald hinweg. Doch ehe sie drei Minuten in ihrem Zimmer gewesen war, folgte ihr ihre Mutter.

„Mein teuerstes Kind", rief sie, „ich kann an nichts anderes denken. Zehntausend im Jahr, und sehr wahrscheinlich mehr! Das ist so gut wie ein Lord! Und eine Spezialgenehmigung – du musst und sollst mit einer Spezialgenehmigung heiraten. Aber, meine teuerste Liebe, sag mir, welches Gericht Mr. Darcy besonders gern mag, damit ich es morgen habe."

Dies war ein trauriges Vorzeichen dessen, wie das Benehmen ihrer Mutter dem Herrn selbst gegenüber sein mochte; und Elizabeth fand, dass, obwohl sie im sicheren Besitz seiner wärmsten Zuneigung und der Zustimmung ihrer Verwandten gewiss war, noch etwas zu wünschen blieb. Doch der nächste Tag verlief weit besser, als sie erwartet hatte; denn Mrs. Bennet stand glücklicherweise in solcher Scheu vor ihrem künftigen Schwiegersohn, dass sie sich nicht erkühnte, ihn anzureden, es sei denn, sie hätte ihm irgendeine Aufmerksamkeit erweisen oder ihre Ehrerbietung vor seiner Meinung bekunden können.

Elizabeth hatte die Genugtuung zu sehen, wie ihr Vater sich Mühe gab, sich mit ihm bekannt zu machen; und Mr. Bennet versicherte ihr bald, dass er in seiner Wertschätzung von Stunde zu Stunde steige.

„Ich schätze meine drei Schwiegersöhne alle hoch“, sagte er, „Wickham ist vielleicht mein Liebling; doch ich glaube, Euren Mann werde ich ebenso gern mögen wie Janes."

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CHAPTER LX.

Elizabeths Laune hob sich bald wieder zu scherzhafter Munterkeit, und sie wollte von Mr. Darcy wissen, wie er sich nur in sie habe verlieben können. „Wie hat es nur angefangen?“ sagte sie. „Dass es prächtig weiterging, nachdem Ihr einmal begonnen hattet, kann ich begreifen; doch was hat Euch nur zuerst darauf gebracht?"

„Ich vermag die Stunde nicht zu bestimmen, noch den Ort, noch den Blick, noch die Worte, die den Grund gelegt haben. Es ist zu lange her. Ich war mitten darin, ehe ich wusste, dass ich angefangen hatte."

„Meiner Schönheit habt Ihr früh widerstanden, und was meine Manieren betrifft — mein Betragen Euch gegenüber war doch mindestens stets an der Grenze zur Unhöflichkeit, und nie sprach ich mit Euch, ohne Euch lieber ein wenig wehtun wollen, als nicht. Nun sagt mir aufrichtig: bewundertet Ihr mich wegen meiner Unverschämtheit?"

„Wegen der Lebhaftigkeit Eures Geistes tat ich es."

„So könnt Ihr es ebensogut gleich Unverschämtheit nennen. Es fehlte nicht viel daran. Die Sache ist die: Ihr wart die Höflichkeit, die Ehrerbietung, die aufdringliche Aufmerksamkeit leid. Ihr wart der Frauen überdrüssig, die immer nur sprachen und blickten und dachten, einzig um Eure Gunst zu erlangen. Ich reizte und fesselte Euch, weil ich so ganz anders war als sie. Wäret Ihr nicht wirklich liebenswürdig gewesen, hättet Ihr mich dafür gehasst; doch trotz aller Mühe, die Ihr aufwandtet, Euch zu verbergen, Eure Empfindungen waren stets edel und gerecht, und im Herzen verachtetet Ihr gründlich die Personen, die Euch so emsig umschwärmten. Da — ich habe Euch die Mühe erspart, es zu erklären; und wirklich, alles in allem, beginne ich zu glauben, es ist vollkommen vernünftig. Freilich kennt Ihr nichts wirklich Gutes von mir — doch daran denkt niemand, wenn er sich verliebt."

„War denn nichts Gutes in Eurem liebevollen Betragen gegen Jane, als sie in Netherfield krank lag?"

„Teuerste Jane! Wer hätte weniger für sie getan? Aber macht nur getrost eine Tugend daraus. Meine guten Eigenschaften stehen unter Eurem Schutz, und Ihr sollt sie nach Kräften übertreiben; und dafür ist es an mir, so oft wie möglich Anlässe zu finden, Euch zu necken und mit Euch zu streiten; und ich will sogleich damit anfangen, indem ich Euch frage, was Euch so widerwillig gemacht hat, endlich zur Sache zu kommen? Was machte Euch so schüchtern mir gegenüber, als Ihr das erste Mal kamet und später hier zu Mittag aßet? Warum, besonders als Ihr kamet, saht Ihr aus, als wäre ich Euch gleichgültig?"

„Weil Ihr ernst und schweigsam wart und mir keinerlei Ermutigung gabt."

„Aber ich war verlegen."

„Und ich ebenso."

„Ihr hättet mehr mit mir reden können, als Ihr zum Essen kamet."

„Ein Mann, der weniger empfunden hätte, hätte es gekonnt."

„Wie unglücklich, dass Ihr eine vernünftige Antwort parat habt und ich so vernünftig bin, sie einzusehen! Doch ich frage mich, wie lange Ihr noch fortgefahren wäret, wenn man Euch selbst überlassen hätte. Ich frage mich, wann Ihr gesprochen hättet, wenn ich Euch nicht gefragt hätte! Mein Entschluss, Euch für Eure Güte gegen Lydia zu danken, hat gewiss große Wirkung getan. _Zu_ große, fürchte ich; denn was wird aus der Moral, wenn unser Glück aus einem Versprechenbruch entspringt, denn ich hätte das Thema gar nicht anschlagen sollen? Das geht wahrhaftig nicht an."

„Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen. Die Moral wird völlig gewahrt bleiben. Lady Catherines unverzeihliche Bemühungen, uns zu trennen, waren das Mittel, das mir alle meine Zweifel nahm. Ich verdanke mein gegenwärtiges Glück nicht Eurem eifrigen Wunsch, Euren Dank zu bezeugen. Ich war nicht in der Stimmung, darauf zu warten, dass Ihr eine Anknüpfung fändet. Die Nachricht meiner Tante hatte mir Hoffnung gegeben, und ich war entschlossen, sogleich alles zu erfahren."

„Lady Catherine hat unschätzbare Dienste geleistet, und das sollte sie glücklich machen, denn sie liebt es, nützlich zu sein. Doch sagt mir, was kamet Ihr eigentlich nach Netherfield? War es nur, um nach Longbourn zu reiten und in Verlegenheit zu geraten? Oder hattet Ihr ernstere Folgen im Sinn?"

„Mein wirklicher Zweck war, Euch zu sehen und, wenn möglich, zu beurteilen, ob ich je hoffen dürfte, Euch zur Liebe zu bewegen. Mein offen erklärter Zweck, oder was ich mir selbst eingestand, war, zu sehen, ob Eure Schwester noch immer Bingley zugeneigt sei, und wenn ja, ihm das Geständnis zu machen, das ich ihm seither gemacht habe."

„Werdet Ihr je den Mut aufbringen, Lady Catherine anzukündigen, was ihr bevorsteht?"

„Eher wird mir die Zeit fehlen als der Mut, Elizabeth. Doch es muss getan werden; und wenn Ihr mir ein Blatt Papier gebt, soll es sogleich geschehen."

„Und wenn ich keinen Brief zu schreiben hätte, könnte ich neben Euch sitzen und die Gleichmäßigkeit Eurer Handschrift bewundern, wie es einst eine andere junge Dame tat. Doch ich habe auch eine Tante, die nicht länger vernachlässigt werden darf."

Aus einer gewissen Scheu, einzugestehen, wie sehr ihre Vertrautheit mit Mr. Darcy übertrieben worden war, hatte Elizabeth Mrs. Gardiners langen Brief bis jetzt noch nicht beantwortet; doch nun sie das mitzuteilen hatte, von dem sie wusste, dass es überaus willkommen sein würde, schämte sie sich fast, als sie fand, dass ihre Tante und ihr Onkel bereits drei Tage ihres Glückes eingebüßt hatten, und schrieb sogleich wie folgt:--

„Ich hätte Euch früher gedankt, liebste Tante, wie ich es hätte tun sollen, für Euren langen, gütigen, so befriedigenden Bericht über alle Einzelheiten; doch, offen gestanden, war ich zu verdrießlich zum Schreiben. Ihr habt mehr vorausgesetzt, als wirklich vorhanden war. Doch nun setzt so viel voraus, wie Ihr wollt; gebt Eurer Phantasie die Zügel, schwelgt in jedem nur erdenklichen Fluge, den der Gegenstand hergibt, und sofern Ihr nicht glaubt, ich sei tatsächlich schon verheiratet, könnt Ihr nicht sehr irren. Ihr müsst mir sehr bald wieder schreiben und ihn viel mehr loben, als Ihr es in Eurem letzten Briefe getan habt. Ich danke Euch nochmals und abermals, dass Ihr nicht an die Seen gereist seid. Wie töricht von mir, es zu wünschen! Euer Vorschlag mit den Ponys ist reizend. Wir werden jeden Tag um den Park reiten. Ich bin das glücklichste Geschöpf der Welt. Vielleicht haben andere es auch schon gesagt, doch niemand mit solchem Recht. Ich bin sogar glücklicher als Jane; sie lächelt nur, ich lache. Mr. Darcy sendet Euch alle Liebe in der Welt, die von der meinigen zu erübrigen ist. Ihr sollt alle zu Weihnachten nach Pemberley kommen. Eure," usw.

Mr. Darcys Brief an Lady Catherine war in einem anderen Stil, und noch wieder anders war, was Mr. Bennet an Mr. Collins sandte, als Erwiderung auf dessen letzten.

/* „Mein Herr,

„Ich muss Sie nochmals um Glückwünsche bitten. Elizabeth wird bald die Gattin von Mr. Darcy sein. Trösten Sie Lady Catherine, so gut Sie können. Doch an Ihrer Stelle würde ich mich auf die Seite des Neffen stellen. Er hat mehr zu bieten.

„Ihr ergebener," usw.

Miss Bingleys Glückwünsche an ihren Bruder zu dessen bevorstehender Heirat waren so liebevoll wie unaufrichtig. Sie schrieb bei dieser Gelegenheit sogar an Jane, um ihre Freude zu bekunden und alle ihre früheren Versicherungen von Zuneigung zu wiederholen. Jane ließ sich nicht täuschen, doch sie war gerührt; und obwohl sie keinerlei Vertrauen zu ihr fasste, konnte sie nicht umhin, ihr eine weit freundlichere Antwort zu schreiben, als ihr bewusst war, dass sie verdient hatte.

Die Freude, die Miss Darcy bei der gleichen Mitteilung äußerte, war so aufrichtig wie die ihres Bruders beim Senden derselben. Vier Bogen Papier reichten nicht hin, all ihr Entzücken und all ihr ernstliches Verlangen, von ihrer Schwester geliebt zu werden, zu fassen.

Bevor noch eine Antwort von Mr. Collins eintreffen konnte oder Glückwünsche für Elizabeth von seiner Frau, erfuhr die Familie Longbourn, dass die Collinsens selbst nach Lucas Lodge gekommen seien. Der Grund dieser plötzlichen Übersiedlung lag bald klar zutage. Lady Catherine war durch den Inhalt des Briefes ihres Neffen so über die Maßen erzürnt worden, dass Charlotte, die sich aufrichtig über die Verbindung freute, sich wünschte, sich zu entfernen, bis das Gewitter vorübergezogen wäre. Bei solcher Lage war die Ankunft ihrer Freundin für Elizabeth ein aufrichtiger Genuss, obwohl sie im Verlaufe ihrer Begegnungen bisweilen denken musste, das Vergnügen sei teuer erkauft, wenn sie sah, wie Mr. Darcy der prunkenden und unterwürfigen Höflichkeit ihres Gatten ausgesetzt war. Er ertrug es indessen mit bewundernswerter Ruhe. Er vermochte sogar Sir William Lucas anzuhören, wenn dieser ihn beglückwünschte, dass er den strahlendsten Juwel des Landes entführt habe, und seine Hoffnung aussprach, sie würden sich alle häufig in St. James begegnen, mit recht anständiger Gelassenheit. Wenn er die Achseln zuckte, geschah es erst, wenn Sir William außer Sichtweite war.

Mrs. Philips' Gewöhnlichkeit war eine andere, und vielleicht noch größere Belastung seiner Geduld; und obwohl Mrs. Philips ebenso wie ihre Schwester in zu großer Scheu vor ihm stand, um in der vertraulichen Weise zu reden, die Bingleys Gutmütigkeit ermutigte, so musste sie doch, wenn sie überhaupt sprach, gewöhnlich sein. Auch war ihre Ehrfurcht vor ihm, obwohl sie sie stiller machte, keineswegs geeignet, sie feiner zu machen. Elizabeth tat alles, was sie konnte, um ihn vor der häufigen Beachtung der einen wie der anderen zu schützen, und war stets eifrig bemüht, ihn für sich zu behalten und für diejenigen ihrer Familie, mit denen er ohne Kränkung verkehren konnte; und obwohl die unbehaglichen Gefühle, die all dies erregte, der Zeit der Werbung viel von ihrer Annehmlichkeit nahmen, so vermehrten sie doch die Hoffnung auf die Zukunft; und sie sah mit Freuden der Zeit entgegen, da sie aus einer ihnen beiden so wenig zusagenden Gesellschaft in allen Komfort und alle Eleganz ihres Familienkreises auf Pemberley würden versetzt sein.

CHAPTER LXI.

Glücklich für alle ihre mütterlichen Gefühle war der Tag, an dem Mrs. Bennet ihrer zwei würdigsten Töchter ledig wurde. Mit welch entzücktem Stolze sie hernach Mrs. Bingley besuchte und von Mrs. Darcy sprach, lässt sich denken. Ich wünschte, um ihrer Familie willen sagen zu können, dass die Erfüllung ihres innigen Wunsches in der Versorgung so vieler ihrer Kinder so glückliche Wirkung getan hätte, sie für den Rest ihres Lebens zu einer verständigen, liebenswürdigen, wohlunterrichteten Frau zu machen; obwohl es vielleicht für ihren Gatten ein Glück war, der das häusliche Glück in so ungewöhnlicher Gestalt vielleicht nicht hätte schätzen können, dass sie gelegentlich noch nervös und ausnahmslos albern blieb.

Mr. Bennet vermisste seine zweite Tochter über die Maßen; seine Zuneigung zu ihr zog ihn öfter von zu Hause fort, als irgendetwas anderes es vermocht hätte. Es machte ihm besondere Freude, nach Pemberley zu gehen, zumal wenn man ihn am wenigsten erwartete.

Mr. Bingley und Jane blieben nur ein Jahr in Netherfield. Eine so nahe Nachbarschaft zu ihrer Mutter und den Verwandten in Meryton war selbst für sein leichtes Naturell oder ihr liebevolles Herz nicht wünschenswert. Der Lieblingswunsch seiner Schwestern ging dann in Erfüllung: er kaufte ein Gut in einer Derbyshire benachbarten Grafschaft; und Jane und Elizabeth hatten, zu allen anderen Quellen des Glücks, dreißig Meilen voneinander entfernt ihre Wohnsitze.

Kitty, zu ihrem sehr wesentlichen Vorteil, verbrachte die meiste Zeit bei ihren beiden älteren Schwestern. In einer Gesellschaft, die so weit über dem stand, was sie gewöhnlich kennengelernt hatte, machte sie große Fortschritte. Sie besaß nicht Lydias so ungebärdiges Temperament; und, entfernt von Lydias Einfluss, wurde sie durch gehörige Aufmerksamkeit und Lenkung weniger reizbar, weniger unwissend und weniger geistlos. Von dem weiteren Nachteil von Lydias Umgang wurde sie natürlich sorgfältig ferngehalten; und obwohl Mrs. Wickham sie häufig einlud, sie zu besuchen und bei ihr zu wohnen, mit dem Versprechen von Bällen und jungen Männern, so wollte ihr Vater doch niemals einwilligen, dass sie ging.

Mary war die einzige Tochter, die zu Hause blieb; und sie wurde notwendig von der Pflege ihrer Talente abgezogen, da Mrs. Bennet durchaus unfähig war, allein zu sitzen. Mary musste sich mehr unter die Welt mischen, doch sie konnte noch immer über jeden Morgenbesuch moralisieren; und da sie nicht mehr durch Vergleiche zwischen der Schönheit ihrer Schwestern und der ihrigen gekränkt wurde, vermutete ihr Vater, dass sie sich ohne großen Widerwillen in die Veränderung fügte.

Was Wickham und Lydia betraf, so erfuhren ihre Charaktere durch die Heirat ihrer Schwestern keine Umwandlung. Er ertrug es mit Philosophie in der Überzeugung, dass Elizabeth nun auch alles erfahren müsse, was sie bisher nicht gewusst hatte von seiner Undankbarkeit und Falschheit; und trotzalledem war er nicht ganz ohne Hoffnung, dass Darcy sich doch noch werde bewegen lassen, sein Glück zu machen. Der Glückwunschbrief, den Elizabeth von Lydia zu ihrer Heirat erhielt, eröffnete ihr, dass, wenn nicht durch ihn selbst, so doch wenigstens durch seine Frau eine solche Hoffnung gehegt wurde. Der Brief lautete folgendermaßen:--

/* „Meine liebe Lizzy,

„Ich wünsche Dir Glück. Wenn Du Mr. Darcy halb so liebst wie ich meinen lieben Wickham, musst Du sehr glücklich sein. Es ist ein großer Trost, Dich so reich zu wissen; und wenn Du sonst nichts zu tun hast, hoffe ich, wirst Du an uns denken. Ich bin sicher, Wickham würde eine Stelle bei Hofe sehr gern haben; und ich glaube nicht, dass wir ganz genug Geld zum Leben haben werden ohne ein wenig Beihilfe. Eine Stelle von etwa drei- bis vierhundert im Jahr täte es; doch, bitte, sprich nicht mit Mr. Darcy darüber, wenn Du lieber nicht willst.

„Deine," usw.

Da es sich gerade so traf, dass Elizabeth es weit lieber nicht wollte, bemühte sie sich in ihrer Antwort, alles Bitten und Erwarten dieser Art ein für alle Mal zu beenden. Eine solche Erleichterung jedoch, wie sie in ihrer Macht stand, durch Sparsamkeit in ihren eigenen privaten Ausgaben zu gewähren, sandte sie ihnen häufig. Es war ihr stets klar gewesen, dass ein Einkommen wie das ihre, unter der Leitung von zwei so verschwenderischen und die Zukunft nicht bedenkenden Personen, für ihren Unterhalt durchaus unzureichend sein müsse; und sooft sie ihre Bleibe wechselten, war gewiss entweder Jane oder sie selbst wurden um ein wenig Beistand zur Begleichung ihrer Schulden angegangen. Ihre Lebensweise, selbst als die Wiederherstellung des Friedens sie nach Hause entließ, war im äußersten Grade unstet. Sie zogen beständig von Ort zu Ort auf der Suche nach einer billigen Unterkunft, und gaben stets mehr aus, als sie sollten. Seine Zuneigung zu ihr sank bald zur Gleichgültigkeit herab; die ihrige währte ein wenig länger; und trotz ihrer Jugend und ihrer Manieren bewahrte sie allen Anspruch auf Achtung, den ihr die Ehe gegeben hatte. Obwohl Darcy ihn nie in Pemberley empfangen konnte, so förderte er ihn doch um Elizabeths willen weiterhin in seinem Beruf. Lydia war dort gelegentlich zu Besuch, wenn ihr Mann sich in London oder Bath vergnügte; und bei den Bingleys pflegten sie beide so lange zu bleiben, dass selbst Bingleys Gutmütigkeit überwunden wurde und er so weit ging, davon zu sprechen, ihnen einen Wink zu geben, sich zu entfernen.

Miss Bingley war durch Darcys Heirat tief gekränkt; doch da sie es für ratsam hielt, sich das Recht zu wahren, in Pemberley zu verkehren, ließ sie allen Groll fallen; sie war nun noch mehr als zuvor erpicht auf Georgiana, fast so aufmerksam gegen Darcy wie ehedem und beglich jede rückständige Höflichkeit gegenüber Elizabeth.

Pemberley war nun Georgianas Heim; und die Zuneigung der Schwestern zueinander war ganz so, wie Darcy es zu sehen gehofft hatte. Sie vermochten einander zu lieben, ja sogar so gut, wie sie es beabsichtigten. Georgiana hatte die höchste Meinung von Elizabeth in der Welt; obwohl sie anfangs oft mit einem Erstaunen zuhörte, das an Bestürzung grenzte, wenn diese in so lebhafter, scherzhafter Weise mit ihrem Bruder sprach. Er, der in ihr selbst stets eine Verehrung erweckt hatte, die beinahe ihre Zuneigung überwog, den sah sie nun zum Gegenstand offener Scherze. Ihr Geist empfing Erkenntnisse, die ihr bisher nicht begegnet waren. Durch Elizabeths Unterweisung begann sie zu begreifen, dass eine Frau sich gegen ihren Mann Freiheiten herausnehmen darf, die ein Bruder einer um mehr als zehn Jahre jüngeren Schwester nicht immer zugesteht.

Lady Catherine war über die Heirat ihres Neffens aufs äußerste empört; und da sie in ihrer Antwort auf den Brief, der die Verlobung ankündigte, der ungekünstelten Offenheit ihres Charakters freien Lauf ließ, sandte sie ihm eine so sehr beleidigende Sprache, zumal gegen Elizabeth, dass für einige Zeit aller Verkehr abgebrochen war. Doch endlich, durch Elizabeths Zureden, ließ er sich bewegen, die Beleidigung zu übersehen und eine Aussöhnung anzustreben; und nach einem kurzen weiteren Widerstand vonseiten seiner Tante wich ihr Groll entweder ihrer Zuneigung zu ihm oder ihrer Neugier, zu sehen, wie sich seine Frau anstelle; und sie geruhte, sie in Pemberley zu besuchen, ungeachtet jener Befleckung, die ihre Wälder empfangen hatten, nicht allein durch die Gegenwart einer solchen Herrin, sondern auch durch die Besuche ihres Onkels und ihrer Tante aus der Stadt.

Mit den Gardiners standen sie stets auf dem vertrautesten Fuße. Darcy sowohl wie Elizabeth liebten sie wirklich; und sie waren sich beide stets der wärmsten Dankbarkeit bewusst gegen die Personen, die, indem sie sie nach Derbyshire brachten, das Mittel gewesen waren, sie zu vereinen.

CHISWICK PRESS:--CHARLES WHITTINGHAM AND CO. TOOKS COURT, CHANCERY LANE, LONDON.

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